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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Gernika. Der lange Weg von den Bomben zur Versöhnung

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Gernika

Der lange Weg von den Bomben zur Versöhnung

Ludger MEES

1.  Die Besonderheit eines europäischen Erinnerungsortes1

Gernika2 ist eine baskische Kleinstadt von gut 16 000 Einwohnern in der spanischen Provinz Bizkaia. Sie liegt etwa 30 km von der Provinzhauptstadt Bilbao entfernt. Heute gilt die Stadt als einer der bekanntesten europäischen Erinnerungsorte, die hier verstanden werden als „langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerungen und Identität, die in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten eingebunden sind und die sich in dem Masse verändern, in dem sich die Weise ihrer Wahrnehmung, Aneignung und Übertragung verändert“3. Als europäischer Erinnerungsort besitzt Gernika ← 295 | 296 → zwei Wesensmerkmale, die ihn von anderen Erinnerungsorten unterscheiden: es handelt sich erstens um einen Ort mit doppelter Symbolik, und zweitens ermöglicht v.a. die weltweite ikonographische Wirkungskraft von Picassos berühmten Gemälde eine ebenso globale Dekodifizierung der symbolischen Botschaft von Gernika als Anti-Kriegs- oder Friedensikone. Seit der öffentlichen Präsentation von Picassos Meisterwerk auf der Pariser Weltausstellung im Juni 1937 wurde Gernika zu einem Erinnerungsort des Friedens, der auch jenseits des konkreten geographischen und historischen Kontextes, in dem das Symbol entstand, weltweit als solcher wahrgenommen wurde.

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