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Verständigung und Versöhnung nach dem «Zivilisationsbruch»?

Deutschland in Europa nach 1945

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Edited By Corine Defrance and Ulrich Pfeil

Im Jahre 1945 stand Deutschland ohnmächtig und geächtet vor den Trümmern seiner Politik. Rassischer Weltanschauungskrieg und systematische Vernichtung der europäischen Juden waren ein zivilisatorischer Bruch und belegten die Deutschen mit einer moralischen Schuld. So ist die deutsche Nachkriegsgeschichte vor allem die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der eigenen verbrecherischen Vergangenheit. Für die Deutschen galt es, das Vertrauen ihrer Nachbarn neu zu gewinnen, um den Weg zurück in den Kreis der zivilisierten Völker zu finden. In Politik und Zivilgesellschaft wuchsen schnell erste Initiativen, die auf Verständigung und Versöhnung abzielten. Mentale Demobilisierung und Abbau von Feindbildern gehörten zu den Aufgaben, um nach dem Krieg ein friedvolles Miteinander in Gegenwart und Zukunft herzustellen. In einer breiten Gesamtschau beleuchtet dieser Band, wie über symbolische Gesten, an Erinnerungs- und Gedenkorten, durch Organisationen und Institutionen, über Aktionsfelder und Handlungsformen, bisweilen unter wissenschaftlicher Anleitung, Prozesse eingeleitet wurden, die in den meisten Fällen – aber nicht immer – zur Verständigung zwischen den Deutschen und ihren europäischen Nachbarn beitrugen. Dabei zeigen die Beiträge, dass Versöhnung nicht «besiegelt» werden kann, sondern eine nie endende politische, soziale und kulturelle Arbeit darstellt.
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Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Mühsame Annäherungen an das Thema der Versöhnung

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Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung1

Mühsame Annäherungen an das Thema der Versöhnung

Bernhard MOLTMANN

„Konflikte wird es in dieser Welt immer geben: soziale, politische und wirtschaftliche. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Konflikte mit Vernunft ausgetragen und Lösungen gefunden werden, die die Freiheit der Menschen nicht einschränken“.

Albert Osswald anlässlich der Gründung der HSFK, 30.10.1970

Große Hoffnungen hatten den Beginn der Friedensforschung im westlichen Deutschland anfangs der 1970er Jahre begleitet. So erwartete man von ihr, die Voraussetzungen für eine permanente Friedensgesellschaft zu untersuchen und Vorschläge zu erarbeiten, sie durchzusetzen2. Ein Gutachten des Wissenschaftsrats von 1970 bezeichnete sie als engagierte Wissenschaft, die auf die Veränderung der bestehenden Verhältnisse gerichtet sei, soweit diese durch Unfrieden und Austragung von Konflikten mit Gewalt ← 753 | 754 → gekennzeichnet seien3. Insofern ist in der Friedensforschung der gewiesene Ort für wissenschaftliche Untersuchungen zu dem komplexen Geschehen zu vermuten, das mit der Rede von Versöhnung einhergeht.

Das Thema der Versöhnung transportiert eine moralisch konnotierte Handlungsanweisung; es richtet sich an Individuen wie an Kollektive; es schließt unter Umständen ein, Geschichts- und Zukunftsbilder zu revidieren; es bewegt sich an der Schnittfläche von Recht und Gerechtigkeit. Die Fülle von Assoziationen ordnet das Themenfeld den Ansätzen einer „konstruktiven Konfliktbearbeitung“ im Kontext von Friedensprozessen zu. Es firmiert als eines der Kernelemente von Friedensstrategien durch Demokratisierung, gerade in Nachbürgerkriegsgesellschaften4....

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