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Wissenstransformationen in fiktionalen Erzähltexten

Literarische Begegnungen mit jüdischer Erinnerungskultur im Werk von Jorge Luis Borges, Mario Vargas Llosa und Moacyr Scliar

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Corinna Deppner

Wissenstransformationen in fiktionalen Erzähltexten am Beispiel von Jorge Luis Borges, Mario Vargas Llosa und Moacyr Scliar belegen ein für die Literatur maßgebliches Verständnis dynamischer Allelopoiese, in welchem historisches und kulturelles Wissen nicht als feststehendes Archiv, sondern als Prozess behandelt wird. Nicht abwechselnde, sondern nebeneinander stehende Aussagen und Aggregatzustände der Schrift leiten zu einem Mehrfachsinn der Textstruktur über. Eine daraus resultierende mehrdimensionale Rezeption stellt Transformationsforschung und jüdische Erinnerungskultur in einen gemeinsamen Deutungshorizont. Die jüdische Tradition kultiviert ausgehend von ihrem Verständnis einer mündlichen und einer schriftlichen Thora Paradigmen, die literarischen Transformationsprozessen zuträglich sind.

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I. Transformationen im Anschluss an Babel

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I.  Transformationen im Anschluss an Babel

I.

Wissen kann produziert, bewahrt und angewandt werden. Im Rahmen der Anwendung ergibt sich dann eine Modifizierbarkeit des Wissens, wenn Bekanntes an neue Kenntnisse und Bedingungen angepasst wird. Ein Resultat davon sind Neufigurationen und generative Prozesse mit transformativem Charakter.1 Wissenstransformationen erfolgen in der Regel an Wissensorten, an denen Erkenntnisse in Forschungsprozessen professionell objektiviert, überprüft und weiterentwickelt werden. Das betrifft beispielsweise Laborsituationen sowie Bibliotheken und andere Archive.2 Wissenstransformationen im Bereich literarischer und vergleichbarer kultureller Werke, die einer subjektiven Perspektive der Umwandlung von Fakten unterliegen, scheinen sich dagegen von einem Konzept zu lösen, das Wissen als beweisbaren Tatbestand versteht. Ein für die Literatur maßgebliches Verständnis von Wissenstransformation geht von der Aufnahme und Weitergabe historischen und kulturellen Wissens aus, einem Prozess, in welchem Material aus unterschiedlichen Wissenskomplexen „erst im Effekt ihrer Transformation gebildet, modelliert, verändert, angereichert, aber auch negiert, verfemt, vergessen oder zerstört“3 wird. Ausschlaggebend dafür ist eine konstruierende Rezeptionskultur. Dieses Verständnis, für das von Hartmut Böhme der Begriff „Allelopoiese“ vorgeschlagen wurde, versteht Transformation als dynamischen Vorgang, der die aufgenommenen Elemente wechselseitig anstößt und dadurch neue hervorbringt, sodass die rezeptive Leistung des literarischen Prozesses den inhärenten Wissensbestand nicht nur wandelt, sondern überhaupt erst erkennen lässt.4 Daraus folgt, dass die „Objektivität des Faktischen“ stets an der „systematischen Kraft der Deutung“5 orientiert ist. Seit der metawissenschaftlichen Herleitung epistemischer Wissensformationen durch Michel Foucault wird das...

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