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Wissenstransformationen in fiktionalen Erzähltexten

Literarische Begegnungen mit jüdischer Erinnerungskultur im Werk von Jorge Luis Borges, Mario Vargas Llosa und Moacyr Scliar

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Corinna Deppner

Wissenstransformationen in fiktionalen Erzähltexten am Beispiel von Jorge Luis Borges, Mario Vargas Llosa und Moacyr Scliar belegen ein für die Literatur maßgebliches Verständnis dynamischer Allelopoiese, in welchem historisches und kulturelles Wissen nicht als feststehendes Archiv, sondern als Prozess behandelt wird. Nicht abwechselnde, sondern nebeneinander stehende Aussagen und Aggregatzustände der Schrift leiten zu einem Mehrfachsinn der Textstruktur über. Eine daraus resultierende mehrdimensionale Rezeption stellt Transformationsforschung und jüdische Erinnerungskultur in einen gemeinsamen Deutungshorizont. Die jüdische Tradition kultiviert ausgehend von ihrem Verständnis einer mündlichen und einer schriftlichen Thora Paradigmen, die literarischen Transformationsprozessen zuträglich sind.

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VI. Dritte Fallstudie: A estranha nação de Rafael Mendes von Moacyr Scliar

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VI.  Dritte Fallstudie: A estranha nação de Rafael Mendes von Moacyr Scliar

In den bisherigen Analysen hat sich gezeigt, dass die von Borges und Vargas Llosa auf unterschiedliche Weise konstruierten Wissensarchive etwas Gemeinsames haben. Vergleichbar sind sie durch die Einleitung von Prozessen, in denen literarische Archive über sich selbst hinausweisen – mit dem Effekt, dass neues Wissen produziert wird. In den Erzähltexten erweisen sich insbesondere die darin beschriebenen Speichermedien als Auslöser von transformativen Prozessen. Beide Beschreibungen kulturell konnotierter Medien ermöglichen es, die Erzähllinien neu und anders zu ordnen, mit dem Ergebnis, dass das eingebaute Wissen als transformiert wahrgenommen wird.

In A estranha nação de Rafael Mendes ist eine dem hablador vergleichbare Konstellation von akustischem und visuellem Dokument gegeben: Innerhalb einer narrativen Palimpseststruktur kommt der Begegnung mit einem Wiegenlied sowie dem Betrachten der Fotografie der Kindheit eine die Erinnerung auslösende – sowie die narrativen Schichten überlagernde – Wirkung zu. Das Wiegenlied ist der Verweis auf einen akustischen Signifikanten, der eine Nähe evoziert, die der Suche nach einer existenziellen Grundlage entspricht. So kommt mit dem Lied die oral geprägte Tradition der Sepharden zum Ausdruck, die als Zeugnis der eigenen Zugehörigkeit fungiert. Das vom Vater vererbte judenspanische Wiegenlied klingt vertraut und doch fremd und ist als lautliche Komponente das Merkzeichen des Außenseiters. Auch die Fotografie soll der Identitätsfindung des Rafael Mendes dienen: sie zeigt den Vater der nach Spanien aufbrach und den Sohn verließ. In der...

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