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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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7. Der Prozess, in dem Forschungsergebnisse zu wissenschaftlich bedeutsamen Beiträgen avancieren

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In der Geschichte jeder Wissenschaft könne, so H.Stubbe in einer Studie zur Geschichte der Genetik, „belegt werden, dass wichtige Entdeckungen von den Zeitgenossen nicht in ihrer Bedeutung erkannt wurden“.415 Diese Behauptung lädt zu der Vorstellung ein, dass das, was die Entdeckungen wissenschaftlich bedeuteten, schon daran hafte, was entdeckt worden sei, wovon anfangs nur die Entdecker etwas wüssten. Im Weiteren ginge es lediglich darum, das Wissen um jene Bedeutungen in der Fachwelt auch zu verbreiten bzw. durchzusetzen. Die wissenschaftlichen Bedeutungen der entdeckten Prozesse und Erscheinungen gäbe es schon, bevor sich dazu ein wissenschaftlicher Diskurs entwickelt bzw. bevor sich eine Schar von Forschern als eine wissenschaftliche Gemeinschaft etabliert hätte, die das Entdeckte öffentlich zu würdigen und als Beitrag zur Entwicklung allgemeingültigen Wissens zu bewerten verstünde. Dass Forschungsbeiträge unberücksichtigt blieben, folge, so Laitko, einer „Bewertung durch die zur betreffenden Zeit aktiven Forscher […] Aus der Sicht jener Probleme, mit denen sie jeweils befasst sind, halten sie die nichtzitierten Arbeiten für irrelevant.“ Es wäre aber unberechtigt, aus der Beschaffenheit des aktuellen Aufmerksamkeits- und Wertungshorizonts auf eine etwaige kognitive Belanglosigkeit des Nichtzitierten zu schließen. Dies käme vielleicht dem jeweiligen wissenschaftlichen Zeitgeist entgegen, aber einer seriösen erkenntnistheoretischen und wissenschaftshistorischen Kritik hielte er nicht stand. „Ein indirekter Einwand gegen das selbstgerechte Vorurteil von der wissenschaftlichen Bedeutungslosigkeit der nichtbeachteten Arbeiten liegt auch in dem Nachweis, dass das kognitive Potential solcher Aufsätze, deren Bedeutung frühzeitig bemerkt wurde, mit ihrer Verwertung...

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