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Erinnerungskonkurrenz

Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Joachim Bahlcke

Deutungen historischer Ereignisse unterliegen vielfältigen Modifikationen, Anpassungen und Ausblendungen, die ihrerseits Ausdruck veränderter Machtverhältnisse, Wertvorstellungen oder Legitimationsbedürfnisse sind. Das östliche Mitteleuropa ist in besonderer Weise geeignet, das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Erinnerungsgemeinschaften in den Blick zu nehmen. Die hier vorgelegten Fallstudien zur böhmischen Ländergruppe stellen verschiedene Typen konkurrierender Geschichtsentwürfe vor, die sich religiös-konfessionell, räumlich-regional oder sprachlich-ethnisch motivierten Interessen verdankten. Dabei wird deutlich: Die erinnerungskulturellen Rivalitäten, die bereits in nachhussitischer Zeit einsetzten, prägten den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Nationsbildung nachhaltig.

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Geschichtsdeutungen in nationaler Konkurrenz. Das Wallensteinbild von Josef Pekar (1870–1937) und seine Rezeption in Böhmen und der Tschechoslowakei

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Geschichtsdeutungen in nationaler Konkurrenz.

Das Wallensteinbild von Josef Pekař (1870–1937) und seine Rezeption in Böhmen und der Tschechoslowakei

I. Einleitung

Josef Pekař war ohne Zweifel einer der profiliertesten Intellektuellen, den die tschechische Geschichtswissenschaft im Jahrhundert zwischen 1850 und 1950 hervorgebracht hat.1 Das Themenspektrum, das er als Historiker und Geschichtstheoretiker, aber auch als politischer Publizist in der Österreichischen Monarchie und seit 1918 in der Tschechoslowakischen Republik aufgriff, war denkbar breit. Ein einziges Thema beschäftigte Pekař allerdings von seinen akademischen Anfängen bis zu seinem Lebensende: die Persönlichkeit Albrecht von Wallensteins, dessen historische Bedeutung er seinen Landsleuten erstaunlicherweise als erster näherzubringen verstand.2 Trotz seiner böhmischen Herkunft ← 328 | 329 → war der 1634 in Eger ermordete Feldherr im tschechischen Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts, in dem die als nationale Katastrophe gedeutete, zum Mythos verdichtete Schlacht am Weißen Berg bei Prag 1620 gleichsam das Ende der eigenen Geschichte bildete,3 kaum präsent.4 Als sachlich-nüchterne Abhandlung hat das 1895 erschienene, in überarbeiteter Fassung 1933/34 erneut aufgelegte und kurz darauf auch ins Deutsche übersetzte Werk Pekařs über Wallenstein, das sich ganz auf die „Verschwörung“ und damit auf die letzten fünf Lebensjahre des Generalissimus konzentrierte, bis heute seinen Platz in der internationalen Wallensteinforschung bewahrt.5

Die besondere Karriere des Werks, das bei Lichte besehen erst vier Jahrzehnte nach seiner Erstpublikation Aufsehen erregte, ist freilich nicht allein ← 329 | 330 → durch dessen Solidität und Gedankenreichtum zu erklären, sondern verdankt sich...

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