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Goethes «Wahlverwandtschaften» im 21. Jahrhundert gelesen

Aagot Vinterbo-Hohr

Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» geht der Relation von Mensch und Gesellschaft in der Feudalzeit auf den Grund – und stößt nicht nur bei Zeitgenossen auf heftige Kritik. Die Autorin dieses Bandes bricht vom Lager der traditionellen Rezeption auf, indem sie das Leben am Ort der Handlung, einem Adelsgut, anhand reiner Textanalyse durchleuchtet, wobei das im Romangeschehen thematisierte Geflecht der sozialen, militärischen und religiösen Machtstrukturen der Feudalgesellschaft zu Tage tritt. Die durch Symbolik wie durch Form und Eigenart des Erzählstils dargestellten sozialen Verhältnisse und Konflikte werden dadurch freigelegt. Die Erkenntnisse der Untersuchung öffnen Perspektiven auf Struktur- und Alltagsprobleme der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart.

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Ein gutes Halbjahr nach der Publikation jenes zum sittengefährdenden Machwerk erklärten Romans, der Goethes Untergang als Dichter ankündige, überrascht Friedrich Schlegel am 21. Mai 1810 das Publikum: Goethes Roman ist ein Kunstwerk.

Wenn das Urteil der Welt daher den Geist und die innere Absicht der Wahlverwandtschaften durchaus schlecht und unsittlich findet, so hat die Welt auch dieses Mahl vollkommen recht; aber nur darum ist das Buch unsittlich und gemein, weil es nichts mehr als den gemeinen Gang und Lauf eben dieser streng urtheilenden, aber nach alter Gewohnheit leicht und leichtsinnig handelnder Welt mit so vieler Kraft als Kunst darstellt.1

Schlegels „nichts mehr“, leicht zu überlesen, hebt die „innere Absicht“ der freien Kunst hervor. Jener Gesellschaft, die Goethes Wahlverwandtschaften mit „so vieler Kraft als Kunst darstellt“, obliegt es, die ersehnte Katharsis im aristotelischen Sinne herbeizuführen.

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