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Goethes «Wahlverwandtschaften» im 21. Jahrhundert gelesen

Aagot Vinterbo-Hohr

Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» geht der Relation von Mensch und Gesellschaft in der Feudalzeit auf den Grund – und stößt nicht nur bei Zeitgenossen auf heftige Kritik. Die Autorin dieses Bandes bricht vom Lager der traditionellen Rezeption auf, indem sie das Leben am Ort der Handlung, einem Adelsgut, anhand reiner Textanalyse durchleuchtet, wobei das im Romangeschehen thematisierte Geflecht der sozialen, militärischen und religiösen Machtstrukturen der Feudalgesellschaft zu Tage tritt. Die durch Symbolik wie durch Form und Eigenart des Erzählstils dargestellten sozialen Verhältnisse und Konflikte werden dadurch freigelegt. Die Erkenntnisse der Untersuchung öffnen Perspektiven auf Struktur- und Alltagsprobleme der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart.

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III. Die Wahlverwandten

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III.  Die Wahlverwandten

1.  Eduard

Der Bericht des Erzählers muss politisch gesehen seinem Publikum als eine „tall story“ anmuten: Ein Baron, und sei er noch so reich, ist als Herrscher eines Kleinststaates kaum vorstellbar, dazu noch als ein princeps absolutus1. Ihren letzten von der Sorte haben die Briten ja schon anderthalb Jahrhunderte vorher geköpft. Was ihnen abenteuerlich erscheinen muss, entspricht aber völlig der Struktur Deutschlands im achtzehnten Jahrhundert mit den Hunderten von autonomen Kleinstaaten2 und der politischen Entwicklung in Deutschland seit der Französischen Revolution. Eduard allein hat auf seinem Gut die bestimmende Macht, er liefert die Prämissen, alle in seiner Umgebung müssen auf seine Entscheidungen warten und sich ihnen fügen:

Outside France, the effect of the Revolution was to give nobilities a new lease of life, as monarchical governments and their greater subjects closed ranks against the menace of revolutionary principles. Joseph II’s fiscal reforms were abandoned, Gustavus III’s openly anti-noble policies ended with his assassination, and in Prussia, where the nobles and the government had not clashed since before 1740, 1791 saw the promulgation of a long-awaited general code of laws. Its most distinctive feature was a comprehensive statement of noble rights and privileges. ‘The noble’, it declared, ‘has an especial right to places of honour in the state.’ It went on to catalogue a series of prerogatives at total variance with all that the French Revolution now stood for.3

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