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Goethes «Wahlverwandtschaften» im 21. Jahrhundert gelesen

Aagot Vinterbo-Hohr

Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» geht der Relation von Mensch und Gesellschaft in der Feudalzeit auf den Grund – und stößt nicht nur bei Zeitgenossen auf heftige Kritik. Die Autorin dieses Bandes bricht vom Lager der traditionellen Rezeption auf, indem sie das Leben am Ort der Handlung, einem Adelsgut, anhand reiner Textanalyse durchleuchtet, wobei das im Romangeschehen thematisierte Geflecht der sozialen, militärischen und religiösen Machtstrukturen der Feudalgesellschaft zu Tage tritt. Die durch Symbolik wie durch Form und Eigenart des Erzählstils dargestellten sozialen Verhältnisse und Konflikte werden dadurch freigelegt. Die Erkenntnisse der Untersuchung öffnen Perspektiven auf Struktur- und Alltagsprobleme der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart.

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3. Charlotte

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3.  Charlotte

Die Erzähltechnik, die Eduard als Ebenbild des „Sovr’an Planters“ darstellt und das Erzählte gleichzeitig destabilisiert, vermag in derselben Weise die Präsenz einer Abwesenden hervorzuheben. Auf Eduards Frage nach seiner Frau1 gibt die Antwort des alten Schlossgärtners nicht nur über ihren Aufenthaltsort Auskunft, sondern auch über ihre Persönlichkeit und wie diese sich von der ihres Gatten unterscheidet: Über die Qualität von Eduards Pfropfen hat der Fachmann kein Wort verloren, erzählt aber erfreut über seine Erfahrungen mit einer Auftraggeberin, die Fachwissen in Anspruch zu nehmen weiß und Sinn für die Schönheit der Landschaft hat: „Der Stieg die Felsen hinauf ist gar hübsch angelegt. Die gnädige Frau versteht es; man arbeitet unter ihr mit Vergnügen.“2 In seinem vorbehaltlosen Lob kommt uns Charlotte als Garten-Architektin entgegen, und dazu als Bauherrin eines – zugegeben bescheidenen – Bauwerks: die erste sichtbare Innovation auf dem Gutshof. Dabei ist Unerhörtes zu vernehmen, dass nämlich bei diesen Errichtungen die Adelsdame selbst Hand angelegt hat:

Die Mooshütte wird heute fertig, die sie an der Felswand, dem Schlosse gegenüber, gebaut hat. Alles ist recht schön geworden und muß Ew. Gnaden gefallen. Man hat einen vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein wenig rechter Hand die Kirche, über deren Thurmspitze man fast hinwegsieht; gegenüber das Schloß und die Gärten.3

Sowohl Frage wie Antwort geben Auskunft über die Beziehung der Ehegatten wie auch über...

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