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Goethes «Wahlverwandtschaften» im 21. Jahrhundert gelesen

Aagot Vinterbo-Hohr

Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» geht der Relation von Mensch und Gesellschaft in der Feudalzeit auf den Grund – und stößt nicht nur bei Zeitgenossen auf heftige Kritik. Die Autorin dieses Bandes bricht vom Lager der traditionellen Rezeption auf, indem sie das Leben am Ort der Handlung, einem Adelsgut, anhand reiner Textanalyse durchleuchtet, wobei das im Romangeschehen thematisierte Geflecht der sozialen, militärischen und religiösen Machtstrukturen der Feudalgesellschaft zu Tage tritt. Die durch Symbolik wie durch Form und Eigenart des Erzählstils dargestellten sozialen Verhältnisse und Konflikte werden dadurch freigelegt. Die Erkenntnisse der Untersuchung öffnen Perspektiven auf Struktur- und Alltagsprobleme der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart.

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4. Ottilie

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4.  Ottilie

Die zwei Jahrhunderte dauernde Kontroverse über Die Wahlverwandtschaften lässt Goethes Roman, wie ausgeführt, der Rezeption als ein noch ungelöstes Rätsel,1 dessen Protagonistin dafür umso weniger rätselhaft erscheinen. David Wellbery ist der Ansicht, dass in den Wahlverwandtschaften die Frau nur als Bild oder Vorstellung existiert.2 Dass er selbst eine dieser Vorstellungen – die Jungfrau-Mutter – als Schlüssel zur Ottilie-Figur betrachtet, wird ironisch bedeutsam in Bezug auf die Rezeption, deren eindrucksvolle Beschreibungen Ottilie – den Maßstäben der jeweiligen Epoche entsprechend – als einen Menschen mit großen moralischen, sozialen oder intellektuellen Mängeln darstellt.3

4.1  Ottilie – kann es sie überhaupt geben?

Wie für Julian Schmidt Mitte des neunzehnten, ist für Francois-Poncet am Beginn und Elisabeth Herrmann am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts Ottilies fehlende Intelligenz ein unwiderlegbares Faktum4 – Letztere vertritt sogar die Idee Schmidts, dass die Figur nur als Ausdruck für Goethes Ironie zu verstehen sei.5 Walter Benjamin scheint hin- und hergerissen zu sein: Ottilies schüchternes Schweigen am ersten Abend auf Eduards Schloss beweist ihr „[P]flanzenhaftes Stummsein“, weswegen ihrem Handeln moralischer Wert abzusprechen sei.6 Und wollte jemand wissen, wo sie denn „ihr sprachbegabtes Dasein“ führt und wie, zeigt er es: Dieses „… ist mehr und mehr in diesen stummen Niederschriften zu suchen.“7 Walter Benjamins eigenes Dasein ist wohl auch als sprachbegabt zu nennen, der professionelle Schriftsteller bezeichnet aber Niederschriften als stumm, was bestenfalls Ausdruck eines Doppelstandards ist. Soweit aber...

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