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Großstadtglaube

Katholische Präsenz in Berlin

Thomas Brose

Großstadt = Gottlosigkeit? Sind die spätmodernen Metropolen mit ihren Lebensrhythmen überhaupt dafür geeignet, Spiritualität und Glaube eine Chance zu geben? Braucht Religion den Exodus aufs Land?

Tatsächlich sind Religion und Urbanität, das Sakrale und das Säkulare, historisch auf das engste miteinander verknüpft. Am Beispiel Berlins zeigt die Publikation, was sich daraus für die Entwicklung einer zeitgenössischen (katholischen) Theologie ableiten lässt, wenn diese bereit ist, auf die Sprache der Großstadt zu hören und in ein fruchtbares Gespräch mit Philosophie und Literaturwissenschaft einzutreten («Berliner Ansatz»).

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5. BERLINER ANSATZ: Zwischen Babylon und Jerusalem

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5. BERLINER ANSATZ: Zwischen Babylon und Jerusalem

5.1 Carl Sonnenschein: Diakonie an den Tischen

Begeistert informierte Sonnenschein seiner Mitarbeiterin im Jahr 1920, in der Georgenstraße habe er endlich ein ausreichendes Büro, 5 Büroräume, 1 Küche und Gelaß, zum 1. September gefunden. „5 Minuten von Bahnhof Friedrichstraße, 5 Minuten von der Universität, 10 Minuten von der Hedwigskirche entfernt.“93 Um dem hauptstädtischen Elend nach dem Ersten Weltkrieg die Stirn zu bieten, setzte Sonnenschein ganz auf Diakonie und öffnete sein neues Büro für alle Hilfsbedürftigen, an manchen Tagen kamen 70–80 Personen. „Er hielt Sprechstunden manchmal von 9 Uhr morgens bis um Mitternacht, wenn er nicht abends andere Verpflichtungen hatte. Sein Raum: an der Wand ein Stadtplan von Berlin, an den anderen drei Wände Regale mit Karteikästen. Er selbst arbeitete – und aß auch oft – an einem Brett, das über Karteikästen gelegt war. Daneben Telefon und Klingeln. Das Palais des ‚Papstes von Berlin‘ nannten es die Kommunisten. Zentrum 8659 war bald eine der wichtigsten Nummern des katholischen Berlin, ebenso wie seine Postschecknummer.“94

In seinem Berliner Vaterunser versucht der Seelsorger, das Gebet des Herrn in das Idiom der Metropole zu übersetzen. „Gebet im Hinterhaus! Gebet im Kabelwerk! Gebet im Hospital! Gebet im Gefängnis! Gebet im Wochenende!“ Sonnenschein bittet für die ganze Großstadt: „Dein Reich←87 | 88→ muß vom Himmel bis zur Erde reichen! Bis nach Berlin!“95 Sonnenschein zeigt, welche...

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