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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung: Problemgeschichte des Tagebuchs

2.Tagebuch vor dem Tagebuch: von Sokrates bis Luca Pacioli

Antike Lebensregeln und ihre Schrift

Homo oeconomicus – Wirtschaftsbücher des 15. Jahrhunderts (Alberti, Cotrugli und Pacioli)

3.Im Geiste des Kapitalismus – der puritanische Weg zur Verwaltung von Ich und Öffentlichkeit (Beadle, Hartlib, Pepys, Franklin)

Die calvinistische Internationale

Empirische Aufmerksamkeit: Beobachtungstechniken in der Frühen Neuzeit (Bacon, Galilei)

Beichtbücher und Statistik (Beadle, Hartlib)

Vermischtes aus Politik und Schlafzimmer: Samuel Pepys

Benjamin Franklin: der säkulare Weg des Perfektibilisten

4.Die Geburt der Matrix: Berechnungen des Körpers und des Staates durch Leibniz

Medizinische Verzeichnungen des Menschen

Staatstragende Absichten

Ein verzifferter Staatsroman: Schnabels Insel Felsenburg

5.Arbeit mit Gott: die Schreibübungen des Pietismus

Unternehmertum des Glaubens: August Hermann Francke

Die produktive Krise: Albrecht von Haller

6.Schwimmfest im Datenmeer: Herders Journal als Wissensoptimierung

Exzentrik als Verfahren

Möglichkeitsgewinn: das Archiv der Anthropologie

7.Selbstschrift mit Beobachter: Karl Philipp Moritz und die ‚Menschenwissenschaften‘

Die Geburt der modernen Psychologie

Exkurs: Jeremy Benthams Panopticon

Literarische Selbstprojekte

8.Goethes Diaristik als (Selbst-)Wirtschaftsplan

Diverse Diaristik: von der flüchtigen Notiz zur Selbstbilanz

Bilanzieren/Archivieren: Erzählthema und Romanstruktur

9.Kardiogramm und Selbstexperiment: Friedrich Hebbels literarisches Tagebuch

Die skeptische Herzensschrift

Poetische Entwürfe

10.Staatlicher Aufzeichnungsterror 1900: Carl Schmitts Buribunken

1900: Mediologische Skizzen

Absurde Permanentschrift: Die Buribunken

11.„größer, besser, vollkommener“: Gustav Großmanns Efficiency-Ratgeber

Im Schatten der Arbeitswissenschaften

Selbstindustrie: Zeittaktungen des Erfolgs

12.Ideologien des Aufzeichnens: 1945 und die Folgen

Vannevar Bush und sein MEMEX-Projekt

Ernst Jünger: Tagesarchivalik und staatlicher Datenhunger

13.Bildschirmpoetik in der Blogosphäre 2000: Rainald Goetz’ ästhetische Steigerungen des Alltags

Medienbewusstheit wird populär

On Kawaras Date paintings

Ziffern- und Sprachmaterial als Verfahren: Goetz und der ausgestellte Signifikant

14.Selbsttexte in Millisekunden: eine kritische Soziologie des öffentlichen Geheimnisses

Individualität als Verblendungszusammenhang

Der Wille zum Sammeln – die gefährliche Prophylaxe

Bildnachweis

Literaturverzeichnis