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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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2. Tagebuch vor dem Tagebuch: von Sokrates bis Luca Pacioli

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2. Tagebuch vor dem Tagebuch: von Sokrates bis Luca Pacioli

Antike Lebensregeln und ihre Schrift

Das Thema der schriftlichen Selbstkultur hat eine weite Tradition, auch wenn es programmatisch oder mit genaueren Durchführungsbestimmungen erst in der Frühen Neuzeit aufgebaut wird. Das passende Medium hierfür waren die Hypomnemata, jene antiken Notizbücher, die seit der Zeit Platons das Gewerbe- oder Amtsleben mit Einnahmen, Ausgaben und Mahnungen dokumentierten und seit Alexander dem Großen (ca. 330 v.Chr.) auch für amtliche Journale, also Verfügungen, Protokolle, Urkunden und öffentliche Registerführung genutzt wurden. Doch konnten sie auch individuelle, knappe Aufzeichnungen enthalten – dies allerdings kaum mit Selbsterfahrungsnotizen, sondern in Form von ethischen Lehrsätzen oder Leitfäden zur Lebensführung, die zur Überlieferung gedacht waren. Ebenso werden darunter literarische Prosawerke fachwissenschaftlichen, philosophischen oder rhetorischen Inhalts sowie philologische Kommentare, Skizzen oder Entwürfe gefasst. Hypomnemata – die ganz wörtliche Bedeutung ist ‚Erinnerung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle‘ – sind als Notizsammlungen also Schriftspeicher, auf die die Erinnerung zurückgreifen kann, und zu ihnen können auch Selbstbetrachtungen gehören.

Mit Aufkommen des Schreibmediums wird über dieses auch nachgedacht: So hat Platon in seiner Figurenrede des Phaidros die kritische Position formuliert, dass die Schrift unscharf in der Vermittlung von Erkenntnis sei und auch nur totes Gedächtnis produziere, mehr noch das Erinnerungsvermögen außer Kraft setze.49 Prinzipiell sollte der sokratische Dialog die Gesprächsführung auf die gründliche Selbstprüfung des Gegenübers lenken mit dem Ziel, dass der Befragte „über sich selbst Rede stehen muß, wie er jetzt lebe, und wie er sein vorangegangenes Leben zugebracht habe“.50 Das klare Plädoyer für das mündliche bzw. persönliche Lehrverfahren hat Platon ←29 | 30→allerdings nicht daran gehindert, die Sokratische Apologie aufzuzeichnen (mit welchen Modifikationen auch immer), jene Rechtfertigungsrede, die Sokrates gegen den Vorwurf der Gotteslästerung und der Verführung der Jugend hielt und die auch im übertragenen Sinn vorbildlich geworden ist für die Selbstdarstellung unter Tribunalbedingungen. Sokrates will damit nicht nur seine kontinuierliche Lebensführung unter Beweis stellen, sondern auch seine gottgewollte Sendung, die ihn zum Durchhalten seiner Lebensweisen bringe.51 Dies führt ihn zu der Auffassung,

„daß ja eben dies das größte Gut für den Menschen ist, täglich über die Tugend sich zu unterhalten und über die anderen Gegenstände, über welche ihr mich reden und mich selbst und andere prüfen hört, ein Leben ohne Selbsterforschung aber gar nicht verdient, gelebt zu werden“.52

Damit ist das entscheidende Motiv der Selbstschrift vorgegeben: eine Gerichtssituation, die im erweiterten Rahmen Selbstprüfung ermöglichen soll, sodann die tägliche Übung darin und die Notwendigkeit der Selbstprüfung überhaupt. Dass dies die Todesstrafe gegen Sokrates nicht verhinderte, zeigt zwar die fehlende Aufnahmebereitschaft der Zeitgenossen für seine Argumente und wohl auch für sein System der Selbstbeherrschung, insofern vielleicht die Maßstäbe zu streng erschienen. Die Rezeption wurde jedoch von dort aus intensiv in Gang gesetzt. Xenophon, ein Schüler und Freund, hat es in seinen Erinnerungen an Sokrates nicht nur unternommen, eine Verteidigung gegen die Anklage der Gottlosigkeit oder Verbreitung entsprechender Lehren aus dessen Reden zu komponieren. Im zweiten Buch werden die allgemein erkennbaren Wohltaten Sokrates’ als ein Wertesystem geschildert, das erste Buch greift aber als Mitbedingung hierfür das Thema der Selbstbeherrschung auf. Maßhalten und sparsame Lebensweise, der gute Zustand von Körper und Seele,53 Selbstbeherrschung auch der Triebe,54 verdienstvolles Handeln bzw. Eupraxie sind es, die den einzelnen auch in verantwortungsvolle Positionen für die Gemeinschaft treten lassen können – von einem Staatsdiener wird dies unbedingt gefordert.55 Damit werden die ←30 | 31→platonischen Aufzeichnungen wirkungsvoll ergänzt, und auch wenn bei alldem nicht ganz sicher ist, welchen Authentizitätsgrad die eben nicht von Sokrates selbst aufgezeichneten, sondern überlieferten Äußerungen haben, verdichten sie sich dort zu Diskursknotenpunkten.

Dass Aristoteles dann in seinen Schriften die höhere Instanz in den Schreibenden selbst verlagert, zeigt sich auch darin, dass er nun selbst als Dialogpartner die Initiative ergreift.56 Zu Beginn seiner Nikomachischen Ethik fasst er den Menschen als Gemeinwesen, der letztlich durch Handeln (praxis) zur Gemeinschaft (polis) tauge; Glück ist „Gut-Leben“ (euzoia) und „Gut-Handeln“ (eupraxia).57 Selbstaufmerksamkeit ist dabei jedoch ebenso vorausgesetzt wie die prinzipielle Gesellschaftsfähigkeit des Menschen, insofern der einzelne darauf achten soll, Extreme zu meiden bzw. in den Leidenschaften eine Mitte zu suchen, um mit solchem Metriopathieiedal auch die Balance in der Handlung zu finden.58

Ist in der Nikomachischen Ethik die Selbstbetrachtung bereits auf Lebensglück, Freundschaft und Gemeinschaft bezogen; so sieht Aristoteles überhaupt ein vollkommenes Glück in der Betrachtungstätigkeit, die ihr Ziel in sich selber hat und eine „eigentümliche Lust besitzt“.59 Lässt sich dies im Zusammenhang mit der empirischen, nach außen gelenkten Grundausrichtung des Aristotelischen Denkens sehen,60 so knüpfen Seneca und Marc Aurel hieran an, um aber ihre notizhaften Selbsttexte in den konsequenten Selbstblick münden zu lassen. Ihre Reflexionen gewinnen einen Eigenwert und müssen nicht vor höheren Instanzen verantwortet werden.

Noch stehen damit die philosophischen Ataraxielehren im Vordergrund und nicht die Intensitätslehren des Erlebens – Gefühlszustände sind vielmehr auszugleichen oder jedenfalls auf einem unauffälligen Niveau zu halten, um nicht das Wohlbefinden zu stören. Allerdings ist damit eine gewisse Reflexionsanstrengung verbunden, die seit Sokrates ausdrücklich Disziplin im Tagesrhythmus benötigt. Daraus ergibt sich ein Spannungsverhältnis, das zugunsten des Energieausgleichs als Besserung, aber auch Steigerung und ←31 | 32→Forcierung ausfallen könnte.61 Noch aber begünstigen die soziokulturellen Bedingungen ohne schnelle Verbreitungsmedien und ohne rapide Umwälzungen in einer dem Diskurs geneigten Gesellschaft die Harmonielehre von soma und sema. Und so kann Seneca als bedeutender Vertreter des Stoizismus den Umgang mit den Affekten als eine Gleichgewichtskunst betrachten und eine schlechte, einseitige Lage des Gemüts als problematisch behandeln, um sie auszuponderieren. Dies fällt insbesondere bei extremen Affekten des Zorns ins Gewicht, der durch Selbstbeherrschung, erweitertes Verstehen des Gegenübers und zeitlichen Aufschub besänftigt und in seinen schlimmen Folgen abgemildert werden kann (De ira). Um eben die Festigkeit der Sinne nicht zu gefährden, nimmt sich der Autor in Zucht und verweist auf die Angewohnheit des Sextius, sich vor der Nachtruhe einer Selbstbefragung zu unterziehen, um Fehlern Widerstand zu bieten und sich zu bessern: „Welche deine Schwäche hast du heute geheilt? Welchem Fehler hast du Widerstand geleistet? In welchem Punkte bist du besser geworden?“62 Und derart angeleitet will auch Seneca allabendlich gleichsam vor einen Richter (ad iudicem) treten, um durch das Ritual der Selbstprüfung ausgeglichenen Schlaf und Seelenruhe zu erlangen:

„Was ist also schöner als diese Gewohnheit, durchzuprüfen den ganzen Tag? […] Ich gebrauche diese Fähigkeit, und täglich verantworte ich mich vor mir […], untersuche ich meinen ganzen Tag und ermesse meine Handlungen und Worte; nichts verberge ich vor mir selber, nichts übergehe ich.“63

Damit wird ein Vollständigkeitsgebot reklamiert, das folgenreich sein wird für die christlichen (Selbst-) Transparenzvorstellungen gegenüber einem höheren Richter. Es ist hier aber ganz in der eigenen Persönlichkeit als ←32 | 33→‚speculator sui‘ lokalisiert, die als Ausspäher oder Prüfer seiner selbst das Tribunal vollzieht. Von dort aus eröffnet sich wiederum eine Anwendungsebene für die Zukunft, die das Tribunal zeitlich entscheidend erweitern wird, um daraus Handlungsmaximen zu gewinnen.64 Das heute wieder in ganz anderen, nämlich arbeits- und bildungspolitischen Zusammenhängen zitierte Wort vom lebenslangen Lernen vollzieht sich in derartiger Form von permanenter gerichtsartiger Selbstprüfung mit immer wiederkehrenden Aufrufen zur Selbsterkenntnis, wie sie auch in Senecas Ad Lucilium epistolae oder in De constantia sapientis angesprochen werden – sie können mithin als antike und stoische Entdeckung bezeichnet werden.65 Bereits hier wäre schon die Basis dafür gelegt, was Max Weber erst für den Protestantismus als „Disposition des Menschen zu bestimmten Arten praktisch-rationaler Lebensführung“66 erfüllt sieht – und sich dann in der Frühen Neuzeit mit weiteren diskursiven, religiösen Imperativen verbindet, um zu einer verbreiteten Lebenshaltung zu werden.

Wenn Tugenden an sich selbst zu lernen oder zu lehren sind, bilden die antiken und stoischen Selbsttechniken einen Kontrast zum sich formierenden christlichen Humanitätsideal, das auf Unterwerfung unter ein Allgemeines beruht. Es soll nämlich in der Stoa eine radikale Selbstbesinnung ermöglicht werden, die erst im zweiten Schritt auf einen gesellschaftlichen oder moralischen Zusammenhang abzielt. Eine konsequente Fortsetzung der Nikomachischen Ethik zeigt sich in Marc Aurels Selbstbetrachtungen (hypomnemátia). Im Namen eines abgerundeten Selbstbezugs ergehen immer wieder Aufforderungen des Autors an den Leser/Schüler, sich durch permanente Reflexion und immer wieder von außen nach innen zurückkehrenden Selbstblick weiterzuentwickeln. Absicht der Schrift ist es, die „Regeln vollendeter Lebenskunst“ zu finden und das bereits bei Aristoteles angesprochene „seelische Gleichgewicht“ in den Blick zu nehmen.67 In ←33 | 34→dauerhaften, aber eben auch täglichen Reflexionen sowie Besserungsübungen68 soll der Blick auf das eigene Selbst gerichtet werden, was aber die Außenperspektive durchaus einbegreift: „Nach innen richte den Blick! Von keiner Sache entgehe dir die eigentümliche Beschaffenheit und der Wert.“69 Mit genügendem reflexiven Abstand zu sich, aber auch durch Distanzhalten zur Außenwelt qua überschauender und betrachtender Vernunft soll das Ich eine viable Perspektive auf die Welt erlangen, die zugleich von einem starken Harmoniebestreben, einem dringenden Bedürfnis nach Äquilibration von Innen und Außenwelt gekennzeichnet ist.70 Permanente Selbstverbesserung, Selbstbeherrschung, Charakterbildung und unbeirrtes Fortschreiten sind die probaten Wege, zunehmende Freiheit von Mängeln und damit Vollkommenheit zu erlangen.71 Der aufklärerische Gedanke der Perfektibilität ist hier diskursiv vorgebildet: Er basiert auf dem frühen Gedanken einer Identitätsbildung, wenn Maximen der Augenblicksnutzung begleitet werden von der Empfehlung, „in sein ganzes Leben wie in jede Einzelhandlung Ordnung [zu] bringen“, die „Urteilskraft“ zu üben und in selbstbestimmter Weise dem Verstand „durch seinen eigenen Willen“ eine Form zu geben.72

Mit solchem Achtsamkeitstraining wird also bereits die antike Intention der Seelenführung (psychagogia) auf das Selbst gelenkt. Es kann damit eine umfangreiche soziale Schreib- und Redepraxis installiert werden, insofern diese auch Gespräche und Briefwechsel, Selbstarbeit und Kommunikation mit anderen umfasst.73

Deutlich wird spätestens hier, dass der Imperativ des Selbstblickes längst vor Augustinus installiert ist und die Selbstbeschreibungen eines Seneca oder Marc Aurel, die sich an der Ichbetrachtung des Sokrates und seinem sittlichen Ideal messen, wegbereitend für die spätere Autobiographie werden können, deren lange Geschichte mit Augustinus’ Confessiones (um 400) beginnt. Darin findet sich nicht nur ein Lobpreis Gottes, sondern wird auch der Bußgang zum Glauben beschrieben und eine eigene Vita-Figur entworfen als Lebensrhythmus von Erleuchtung, Umkehr, Bußgang, Entwicklung aus den schwierigen Kindertagen mit unbotmäßigem Verhalten bis hin zur Nachfolge Jesu und zum Gottesglauben. Gewissen und Selbstkontrolle werden hier zu theologisch festen Instanzen aufgebaut.74 Auch harte Erziehungsmaßnahmen werden im Sinne einer gelungenen Bildung zu Gott hin mit Dank gesehen, um damit Exempelcharakter zu bieten – hierin zeigt sich die abgeschlossene Lebensfigur, die die Autobiographie im Unterschied zur konstitutiven Kleinform des Tagebuchs kennzeichnet. Sie stellt zugleich die Rechtfertigung des Menschen vor Gott dar und ermöglicht die Befreiung von der Erbsünde. Moralisch verworfen wird der autonome Selbstblick ebenso wie das Augenmerk auf weltliche Dinge, die lediglich einer voluptas oculorum entspringen würden – die Pastoralmacht steht hier über aller Selbstaufmerksamkeit, die sogar unter das Eitelkeitsverdikt fallen kann.

Homo oeconomicus – Wirtschaftsbücher des 15. Jahrhunderts (Alberti, Cotrugli und Pacioli)

Die Hypomnemata bilden das Fundament für die beiden Eckpfeiler der Selbstschrift, die Gewissenserforschung bzw. Innenschau ebenso wie die ökonomischen Aufzeichnungen, welche sich mit den spätmittelalterlichen Handlungs- bzw. Kaufmannsbüchern spezialisieren. Schriftmedien der Aufzeichnung von überwiegend äußeren Vorgängen finden sich in mannigfachen Formen. Sie können als tagebuchähnliche Urkundensammlungen zu Stadtgeschichten gefasst sein, die neben ökonomischen auch familiengeschichtliche Dinge bisweilen sehr exakt verzeichnen können. Dazu zählen ←35 | 36→etwa Reisetagebücher und auch persönlich gehaltene Memorialbücher wie die von Berthold und Endres Tucher zwischen 1385 und 1454, die öffentliche Neuigkeiten aus Nürnberg mit knappen eigenen Einmischungen in den Text abfassten. Diese Texte können mit Kalendarienbüchern in Chronikform Hybride bilden – so etwa das in Tagesabschnitte gegliederte Calendarium Historicum Mitte des 16. Jahrhunderts, wo „Tagbuch, Allerley Fürnhemer, Namhafftiger vnnd mercklicher Historien Aus vielen […] alt vnd new beschriebenen Chronicken“ vereint sind.75 Rein hat darauf hingewiesen, dass sich im Spätmittelalter Hausbücher und Handlungsbücher finden, die einen „eigentümlichen persönlichen Charakter“ zeigen, aber nicht aufgrund subjektiver Anmerkungen, sondern in einer regellosen Form der Notizstreuung über die Seiten hinweg, welche eben noch nichts mit moderner Buchführung zu tun hat.76 Doch befördert die Familienchronik die (Wieder-) Entstehung des individuellen Tagebuchs, was Rein am Beispiel Kaiser Friedrichs III. von 1437 gezeigt hat.77

Die Schreibkalender als Textträger, die in eigenhändiger Niederschrift gefüllt werden, auch die Auflistung von täglichen, wiederholten Ereignissen sind in den adligen Familien noch des 16. Jahrhunderts aber weitestgehend unpersönlich gehalten – insgesamt spricht hier noch kaum ein Individuum im modernen Sinn, sondern zeigt sich eher die Rückversicherung einer Person „in der Wiederholung, in der Gleichförmigkeit ihres Lebens“, also durch Kontinuität und nicht durch individuelle Exzeptionalität.78

Dies ändert sich mit einer Persönlichkeit, die antike Selbsttechniken mit modernem Hausverstand bzw. Rechnungswesen verknüpft. Leon Battista Albertis Buch Vom Hauswesen (Della Famiglia), das um 1440, also ein paar Jahre vor der Erfindung des Buchdrucks erschien und rasch große Anerkennung fand, beschäftigt sich mit Fragen der Familienethik und der individuellen Lebensführung, die immer auch mit Zeiteinteilung und einem ←36 | 37→gehörigen Maß an Nutzorientierung zu tun haben. Diese sollen wiederum das möglichst freie, mithin freizeitliche Leben absichern. Überlegungen aus Xenophons Erinnerungen an Sokrates (besonders das 1. Buch zu Fragen der Selbstkontrolle oder gelegentlich zum Hauswesen), aus Aristoteles’ Oikomikos und in manchen Punkten auch Platons Timaios liegen dem Buch zugrunde, wahrscheinlich auch die Galenische Medizin des Maßhaltens, zumindest in indirekter Überlieferung. Es finden sich dort nicht nur lange Dialoge über Tugenden, über familiäres Zusammenleben und Freundschaft, über Schönheiten und Erholungswert von Gärten, sondern auch über den guten Gebrauch von Dingen und über probate Techniken der Hauswirtschaft mit ökonomischen und ethischen Aspekten. Diese sind wiederum in manchen Punkten verknüpft – so äußert im dort waltenden Dialog Lionardo über das Prinzip des Wachstums und die Steigerungslogik der Zahl:

„Die Zahl der Köpfe der Familie soll nicht abnehmen, sondern sich vervielfachen; das Vermögen soll nicht schwinden, sondern zunehmen; jede Schädigung des Rufes soll man vermeiden, den guten Namen lieben und ihm nachtrachten; Haß, Neid und Feindschaft soll man fliehen, Bekanntschaften, Neigung und Freundschaft erwerben, steigern und bewahren.“79

Im dritten Buch, dem Oeconomicus, erhebt der Dialogpartner Gianozzo die Forderung nach guter Hauswirtschaft und – gegen die Verschwendung – nach Sparsamkeitstugend, womit gerade nicht an Kargheit und Geiz gedacht ist, sondern an den probaten Gebrauch der Dinge zur rechten Zeit.80 So wird – etwa am Beispiel eines undichten Daches – über gebotene Ausgaben und sinnvolle Investitionen gesprochen, die Schaden zur rechten Zeit abwehren können. Statt verkrampfter Geldzurückhaltung geht es um eine Ausgleichskunst zwischen Gebrauch und Aufbewahrung: „Bei jeder Ausgabe muß man vorher überschlagen, daß sie nicht größer sei, nicht mehr belaste, nicht größere Summen betreffe, als die Notwendigkeit erfordert, und nicht geringer sei, als der Anstand verlangt.“81 Diese Mittelkonzeption ist gedanklich nah an der 50 Jahre später durch Pacioli formulierten Technik der doppelten Buchführung und lässt ferner vermuten, dass Alberti von entsprechenden buchhalterischen Vorläuferkonzepten wenigstens entfernt Kenntnis hatte.

Della Famiglia ist auch eine Ethik, die sich wiederum an der antiken Maßhaltephilosophie bzw. Diätetik eines Galen orientiert. Sie stellt aber die seelisch-medizinischen Überlegungen bereits unter das Diktat der Zeit:

„Um den Körper zu heilen und gesund zu machen, setzt man alles, was kostbar ist, ein; um die Seele tugendhaft, ruhig und glücklich zu machen, opfert man alle Gelüste und Begierden des Körpers; wie sehr aber die Zeit zum Wohle des Körpers und zum Glück der Seele nötig ist, könnt ihr selbst ermessen, und so werdet ihr finden, daß die Zeit bei weitem das Kostbarste ist. Mit diesen Dingen muß man also um so sorgsamer haushalten, als sie mehr unser Eigen sind als irgend etwas sonst.“82

So wird auch von der seelischen Haushaltung gesprochen, die wiederum Hygiene und freundliches Verhalten umfasst, ferner werden moderate, nicht zu anstrengende Leibesübungen empfohlen.83 Damit ist eine Lebenshaltung ausformuliert, die Burckhardt als „das erste Programm einer vollendeten durchgebildeten Privatexistenz“84 bezeichnet hat und die das Abendland tief prägen wird. In das Mikromanagment der Haushaltsführung greift der Zeitfaktor ein, der von der Lebensführung nicht zu trennen ist:

„Was also die Zeit betrifft, so suche ich sie gut anzuwenden und bemühe mich, nichts davon zu verlieren. Ich verwende so viel Zeit als möglich zu löblichen Betätigungen, ich verwende sie nicht auf wertlose Dinge, und ich verwende nicht mehr Zeit auf die Dinge, als erforderlich ist, um sie gut auszuführen. Und um von einem so kostbaren Gute kein Quentchen zu verlieren, habe ich mir folgendes zur Regel gemacht: ich bleibe niemals müßig, ich meide den Schlaf und lege mich nicht nieder, wenn nicht Müdigkeit mich dazu nötigt, denn es dünkt mich schmählich, ohne Widerstand zu fallen und zu unterliegen“.85

Dass die Zeit hier ausdrücklich nach Nutzaspekten beachtet und strukturiert wird, wirkt sich auch auf die Ordnung der Geschäfte aus, über die Gianozzo ebenfalls nachdenkt:

„Am Morgen, zuerst, wenn ich aufstehe, denke ich so bei mir: Was habe ich heut zu tun? So und so viel. Ich überzähle die Dinge, erwäge sie und weise einem jeden seine Zeit zu: dies morgens, jenes untertags, jenes andere abends; und auf diese Weise bringe ich der Reihe nach fast jedes Geschäft ohne Mühe zustande.“86

Bei alldem ist Selbstaufmerksamkeit entscheidend, die sich auf den Tagesrhythmus bezieht. Vorbereitung, Sortierung und serielle Einteilung der Handlungen ist dabei ebenso wichtig wie die nachträgliche, abendliche Rechenschaft über das Geleistete:

„Ich schärfe euch nur ein, keine Zeit zu verlieren. Macht es so wie ich: des Morgens bereite ich mich auf den ganzen Tag vor; tagsüber komme ich allem nach, was von mir gefordert wird; und abends dann, ehe ich mich zur Ruhe begebe, überschaue ich noch einmal, was ich den Tag geleistet habe. Und wenn ich in irgendeiner Sache nachlässig gewesen bin, wo ich es im Augenblick gutmachen ←39 | 40→kann, so schaffe ich sogleich Abhilfe und verliere lieber den Schlaf als die Zeit, das heißt den rechten Augenblick für das, was zu tun ist.“87

Der kairos wird zur Nutzzeit, die günstige Gelegenheit wird in systematische Behandlung überführt – und wo es an Qualität der Arbeit fehlt, begegnet Gianozzo diesem Missstand mit permanenter Arbeits- und Besserungsbereitschaft. Etliche andere Lebenseinstellungen, Rollen- bzw. Geschlechterfragen werden ferner aufgebaut; hier ist interessant, wie die Selbstreflexion aus der Ich-Position in den sozialen Zusammenhang überführt wird, der nicht nur das Familienleben, sondern auch Arbeit umfasst. Diese ethischen Perspektiven des Zusammenlebens sind mit ökonomischen Empfehlungen verknüpft und entfalten maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Altökonomie, die ebenfalls in der antiken Tradition stehend sich auf Tugendentwicklung und – besonders in der Hausväterliteratur – auf Regeln der innerhäuslichen Zusammenarbeit kaprizierte. Sie wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts von makroökonomischen Theorien aufgenommen und dann von ökonomischen Marktzwecken dominiert.88

Ist Albertis Buch aber vor allem eine Verhaltens- und Bildungslehre mit ökonomischem Akzent, so lässt sich Benedetto Cotruglis Abhandlung Della mercatura et del mercante perfetto von 1458 komplementär dazu lesen als erste systematisch durchformulierte Wirtschaftslehre, die überdies lange Passagen zur Persönlichkeitsbildung des Kaufmanns enthält, welcher hier als Exponent einer neuen wichtigen Berufsgruppe im Mittelpunkt steht. Der Autor, ein aus Ragusa (Dubrovnik) stammender, in Neapel tätiger ←40 | 41→Wollhändler und umtriebiger Netzwerker,89 wechselte nach einem humanistischen Studium in Bologna in den Kaufmannsberuf, den er wiederum mit einem humanistischen Anspruch des Weitblickes und des klugen, maßvollen und ethisch vertretbaren Handelns verband und dem erkennbar das Persönlichkeitsideal eines uomo universale zugrunde liegt. Kunstvoll sollte nicht nur die Ökonomie betrieben werden, vielmehr beinhaltet die Schrift auch eine Reihe von Lebensmaximen, auf die der gebildete (und eben nicht vulgäre) Kaufmann sein Handeln stützen sollte, um zur ‚vita beata‘ zu gelangen.90

Das Buch existierte in mehreren Manuskripten, weswegen es eine merkwürdige Karriere entfaltete – zunächst zirkulierte es unter Gelehrten und Kaufleuten, bevor es reichliche hundert Jahre später, nämlich 1573 in Venedig, veröffentlicht wurde.91 Dort aber finden sich bereits klare Hinweise auf eine Nutzung der doppelten Buchführung, die zweispaltig verfährt und auf der einen Seite Soll, auf der anderen Haben verzeichnet und ihrerseits schon in Genua seit 1340 in frühen Formen und im Welthandelszentrum Venedig in mehreren Varianten existierte. Cotrugli macht sich nun ebenfalls Gedanken zur Tagesstrukturierung, aber jenseits von Albertis allgemeineren Einteilungen verbindet er dies mit klaren buchhalterischen Maximen einer Verzeichnistechnik, die zugleich eine Handlungspraxis ist und dem Kaufmann jederzeit anzeigen soll, wie seine Finanzen stehen. Cotrugli unterscheidet bereits ein Hauptbuch, das alle Zahlen systematisch zusammenbringt, sowie die Vorstufen des Journals und des Memorials. Im letzteren sollen sich die Handlungen in diarischer Verzeichnung mit religiöser Adressierung finden, um das Gedächtnis zu unterstützen, Irrtümer zu vermeiden und Pläne zu machen. So heißt es im 13. Kapitel seines ersten Buches:

„Dabei rufst Du immer, wie schon gesagt, auf der ersten Blattseite des Hauptbuchs den Namen Gottes an usw. Im Memorial mußt Du jeden Abend oder Morgen, bevor Du ausgehst, alles und jedes eintragen, worin Du am genannten Tage gehandelt, welche Abschlüsse Du für die Rechnung Deines Geschäftes gemacht hast, sowie auch alle anderen notwendigen und erforderlichen Fälle, als Verkäufe, Einkäufe, Zahlungen, Empfänge, Sendungen, Anweisungen, Wechsel, Spesen, Promessen und alle anderen Geschäftsfälle, bevor sie in das Journal eingetragen werden.“92

Cotrugli empfiehlt dazu noch ein Vormerkbuch, in welches täglich und stündlich auch die kleinsten Geschäftsvorgänge einzubringen sind, bevor sie ihren Weg ins Memorial oder Journal finden – was auf eine permanente Aufschreibtätigkeit hinausläuft, die den (wie Pacioli schreiben wird) hundert Augen des Kaufmannes womöglich noch weitere hinzufügt.93 Cotruglis Abhandlung ist einerseits generalistisch, insofern sie Betrachtungen zum Charakter und zu Verhaltensklugheiten des Kaufmanns94 sowie Kommentare zu Märkten und Marktvorgängen enthält, aber auch konkret gefasst ist in seinen Empfehlungen von Aufzeichnungstechniken, ohne deren Befolgen die Kaufleute Chaos veranstalten und in babylonisches Sprachgewirr verfallen würden.95 So lautet die Anleitung zur doppelten Buchführung, dass ←42 | 43→jede Wirtschaftsaktivität hinsichtlich Zeitpunkt, Wertumfang, Sache und Handelspartner und Ursache zu verzeichnen ist, und zwar auf der linken Seite mit Einnahmen und auf der rechten mit Ausgaben.96 Damit soll die wirre Auflistung von Daten, die bis dahin auf einer Seite und in einem Buch ganz unterschiedliche Dinge vermischten, in eine berechenbare Ordnung überführt werden.

Später geschrieben, doch erheblich publikumsträchtiger ist das erste Druckwerk über Fragen des Wirtschaftshandelns – die Abhandlungen über die Buchhaltung des Mönchs und Mathematikers Luca Pacioli von 1494, die auch das Tagebuchschreiben inspiriert haben, insofern dort die Notation von Vorsätzen, Taten oder Ereignissen deutlich entwickelt wird. In 36 kleinen Kapiteln erstellt Pacioli ein Aufschreibsystem der doppelten Buchführung für den praktischen Nutzen, das auch in der Volkssprache Italienisch abgefasst wird, um gehörige, nun vom Buchdruck gestützte Verbreitung zu sichern und dem Geschäftsmann ein Instrument zur tagweisen wie auch jährlichen Übersicht über seine Verhältnisse an die Hand zu geben. ‚Erfinder‘ ist Pacioli also nicht im vollen Sinn (und hat dies auch nicht prätendiert, vielmehr auf die venezianische Vorläuferform hingewiesen), auch weist sein Kapitel keine mit Cotruglis Schrift vergleichbaren Ausführungen über die Kaufmannspersönlichkeit auf. Mit gewissen Verfeinerungen und auch einer klugen Veröffentlichungspolitik hat Pacioli jedoch ein wirkungsmächtiges Instrument zur Wirtschaftsführung publiziert, das noch Goethe im Wilhelm Meister und Wirtschaftsratgeber wie Gustav Großmann im 20. Jahrhundert loben werden.

Pacioli übernimmt nun die Einteilung in Memorial, Journal und Hauptbuch und weist gleichfalls das Memorial als Niederlegungsort für tägliche und stündliche exakte Notizen der Handelsgeschäfte aus,97 in welches auch ←43 | 44→Gehilfen nach Anweisung des Prinzipals Eintragungen vornehmen dürfen. Auch er stellt die Geschäftsnotizen unter den Segen Gottes mit der Anweisung, jedes der Geschäftsbücher mit dem christlichen Kreuz, mit dem man schließlich schon in frühen Jahren begonnen habe, das Alphabet zu lernen,98 zu beschriften und Folgebücher in alphabetischer Reihe zu kennzeichnen. Die religiöse bzw. kirchliche Passung ist zweifellos eine Bedingung für das Gelingen dieses Systems – im Namen Gottes soll man anfangen, die Posten in das Journal einzutragen, um damit weiter zu arbeiten.99 Systematisch und programmatisch wirkungsvoll wird Paciolis Traktat dort, wo er das System der doppelten Buchführung ausformuliert und präzisiert – nicht im heutigen alltagssprachlichen Sinn des betrügerischen doppelten Buchs,100 sondern in der doppelten Spaltenführung von Schulden (Debit) und Gläubigersumme (Kredit) mit Ausgaben und Einnahmen, Warenein- und ausgängen, und zwar in Bezug auf ein- und dieselbe Sache. Ausgehend von den Handelsposten, die im Hournal vorverzeichnet sind, sollen im Hausbuch dann für jeden einzelnen Posten alle Aktiva und Passiva zusammengebracht werden, sodass jeder Einnahme (z.B. Kaufsumme) eine Ausgabe (Warenausgang) gegenübersteht und sich nach minutiöser Verzeichnung aller Posten Null ergeben muss.101 Am Ende des Tages wie auch Jahres sollte dann vermittels des binären Prinzips die Bilanz (bilancia: ‚Waage‘) exakt stimmen – was auch der memoria-Erfordernis genügen würde102 und dem Kaufmann Überblick verschafft. Einmal abgesehen davon, dass Pacioli zustimmend Sprüche zitiert, die das Wirtschaftstreiben als agonales und hochkompetitives Geschehen bezeichnen, stellt er dieses unter den Segen Gottes und erteilt damit gleichsam seinem eigenen System die Absolution.103

Dessen Erfolg erklärt sich leicht: In höchstem Maße bindungsfreudig und in den Sachen inklusorisch erweist es sich als äußerst praktikabel. Auch wenn es erst mit einiger Verspätung genutzt wird, ist mit seinem Programm vor allem eine Möglichkeit gegeben, Angelegenheiten des privaten Haushalts systematisch vom kaufmännischen Geschäftsbetrieb zu trennen, ja diesen auch für andere Funktionsträger, die ihn vertreten können, durchsichtig, handhabbar und gerichtsfest zu machen. Als praktisches „Betriebssystem“, wie Vogl es genannt hat, verspricht es gestalterische Zugriffe auf das Leben, vermag aber auch die Zufälle der (Handels-) Welt zu bändigen und wirkt auf die Geschäftswelt ebenso wie auf das Individuum, lässt sich also „nicht nur als Kolonisierung der Welt mit schriftlichen Mitteln“, sondern ebenso als „folgenreiche Selbsttechnik“ verstehen.104

Und praktisch wirksam ist die doppelte Buchführung mit ihrem binären Prinzip von Soll und Haben in höchstem Maße. Der Traktatteil Paciolis über die Buchführung enthält alles, was auch heute noch für jeden Kaufmann unerlässlich ist: Journal, Hauptbuch, Kontoauszug, Storno und Bilanz, Schriftverkehr und Registratur.105 Ohne die Bilanzierungstechnik ist auch der Wirtschaftserfolg der Fugger kaum denkbar, ebenso wenig das Streckennetz der Postkutschen, das sich dann rasch entwickelt. Noch in Lehrbüchern der Ökonomie des 20. Jahrhunderts wird Paciolis Technik gewürdigt, allerdings vereinfachend auf seinen Namen bezogen.106

Vereinfachte Formen dieses Rechnungswesens schlagen sich auch in volkstümlichen Handlungsbüchern bis in die Moderne nieder – Rechnungseinträge und Bilanzierungsspalten prägen die Buchseite in einer Form, welche auch Goethe nutzte mit Spalten für Geld, Posttage, Wetter- und Lokalnotizen, die auch in Kürzel- oder Symbolform eingetragen wurden, verbunden mit Chiffren für reale Personen am Weimarer Hof. Ein Seitenstück zu solchen schematisierten und abstrahierten Formen des Zählens ←45 | 46→bildet die Rechentechnik Adam Rieses, die in der Lutherzeit aufkam – sein berühmt gewordenes Lehrbuch Rechnung auf der linihen veröffentlichte Riese, der auch als Buchhalter im Bergbau tätig war, 1518. Dort wird eine bestimmte Rechenanwendung für ein größeres Publikum zugänglich gemacht: Mit einem Diagramm bzw. Längs- und Querstrichen können dort Zahlen bezeichnet werden durch Ablage von Rechenpfennigen oder Steinchen. Die erste Linie steht für die Einer, die zweite die Zehner, die dritte die Hunderter und die vierte die Tausender, und durch Positionierung einer entsprechenden Menge von Steinchen lässt sich die Zahl darstellen bzw. erkennen und eben auch mit anderen Zahlen bzw. Steinchenpositionen verrechnen. Nicht nur wurde dadurch das Dezimalsystem sehr fasslich abgebildet und das praktische Recheninteresse mit handwerklichen Mitteln verbunden. Riese publizierte (wie auch Pacioli) seine Abhandlung für eine breite Öffentlichkeit und wollte mit der Linientechnik, die bereits ihre Tradition hatte, auch Autodidakten zum Rechnen befähigen. Insofern lässt sich von einer nicht nur verbreiteten, sondern auch in Schulen angewandten Kulturtechnik sprechen, die die Anschaulichkeit mit der Kaufmannsliste teilt und in späteren Notationsformen von Daten noch durchscheinen wird.

Haus- und Handlungsbücher sind seit dem 16. Jahrhundert die dominierende Gattung der Selbstschrift, hinter denen die Introspektionstechniken der Antike zunächst zurückfallen – wie an Albertis Hauswesen zu zeigen war, widersprechen sie sich aber nicht. Es entstehen dadurch nicht nur Programme und Praktiken des wissenschaftlichen Tagebuchs, vielmehr verbindet sich das pekuniäre Aufschreibsystem mit dem Selbstblick und begründet im 17. Jahrhundert das protestantische, insbesondere das pietistische Tagebuch.

49 Platon: Phaidros 274b-275c, (2004, Bd. II, S. 474 f.).

50 Platon: Laches 187e/188a (2004, Bd. I, S. 185); dazu ein genauer Kommentar bei Flashar 2013, S. 71.

51 Platon/Sokrates: Apologie 37e (2004, Bd. I, S. 31).

52 Platon/Sokrates: Apologie 38a (2004, Bd. I, S. 31).

53 Vgl. Xenophon: Erinnerungen, I/2, S. 17; I/3, S. 49–51.

54 Vgl. Xenophon: Erinnerungen, I/5, S. 65 ff.

55 Vgl. Xenophon: Erinnerungen II/1, S. 77–99.

56 Vgl. Flashaar 2013, S. 26.

57 Vgl. Aristoteles zur eupraxia in der Nikomachischen Ethik, 1. Buch 8/3, S. 59.

58 Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, 2. Buch 6, S. 85.

59 Aristoteles: Nikomachische Ethik, 10. Buch 7/3, S. 330.

60 Vgl. Bernd Roeck 2017, S. 56.

61 Die neue diskursanalytische Studie Tristan Garcias (2017) zu den Intensitätslehren der Moderne baut diesen Gegensatz von Energetik und Ataraxie auf, bezieht sich aber bei den Weisheitslehren kaum auf philosophisch-antike, vielmehr auf religiöse Konzepte, die in der Gegenwart als komplementärer, gleichwohl offen konfrontativer Widerspruch zur technisch-energetischen Moderne auftreten.

62 Seneca: De ira (1995, 3. Buch Kap. 36, S. 297/299; „Quod hodie malum tuum sanasti? Cui uitio obstitisti? Qua parte melior es?“; ebd., S. 296/298).

63 Seneca 1995, 3. Buch Kap. 36, S. 299 („Quicquam ergo pulchrius hac consuetudineexcutiendi totum diem? […] Utor hac potaestate et cotidie apud me causam dico […], totum diem meum scrutor factaque ac dicta mea remetior; nihilmihi ipse abscondo, nihil transeo“; ebd., S. 298).

64 Vgl. Seneca 1995, 3. Buch Kap. 36, S. 299.

65 Vgl. bes. den 50. Brief an Lucilius, wo als Ziel gesetzt wird, „dich selbst täglich zu bessern, etwas von deinen Irrtümern abzulegen“ (Seneca 1995, S. 395; „Quid enim aliud agis quam ut meliorem te ipse cotidie facias, ut aliquid es erroribus ponas“; ebd., S. 394.

66 Max Weber: Protestantische Ethik, S. 248 (Vorbemerkung)

67 Marc Aurel: Selbstbetrachtungen, 4/2, S. 52 bzw. 5/2, S. 70.

68 Marc Aurel: Selbstbetrachtungen 5/2, S. 69; 4/35, S. 63; 5/11, S. 75; 7/29, S. 110.

69 Marc Aurel: Selbstbetrachtungen 6/3, S. 85.

70 In dieser Selbstgegenübersetzung liegt die Entwicklungsaufgabe, durch Selbstreflexion das zu werden, was man noch nicht ist. Günter Butzer hat darauf hingewiesen, dass dies nicht nur im reinen Selbstbezug geschieht, sondern in der Auseinandersetzung mit Fremdperspektiven: „Der Autor spricht mit einer fremden Stimme, die er sich während des Schreibens erst aneignen muss. Solange dieser Prozess nicht vollendet, solange die fremde Rede nicht zur eigenen geworden ist, wird das Selbstgespräch in Gang gehalten“ (Butzer 2008, S. 95).

71 Vgl. Marc Aurel: Selbstbetrachtungen 1/15, S. 25; 1/16, S. 27; 5/5, S. 71. Bernd Roeck (2017, S. 60) interpretiert die Tugend der Selbstbeherrschung hier nicht als aktive Gestaltung des Lebens, sondern als Ertragen von größeren Kräften.

72 Vgl. Marc Aurel: Selbstbetrachtungen 3/10, Zitate S. 478/32, S. 130; 3/9, S. 47; 7/23, S. 108.

73 Vgl. Foucault 1986, S. 71.

74 Vgl. Roeck 2017, S. 96 ff., der die Selbstschau als Bestandteil der vita contemplativa bei Augustinus gegenüber der vita activa als maßgeblichen Faktor für die Erlangung des Gnadenstands betont.

75 Zit. Christiane Holm: Versuch einer Phänomenologie des Diaristischen, 2008, S. 13.

76 Adolf Rein 1998, S. 324; hier deutet sich eine Verbindung vom Realismus der chronikalischen Bücher aus dem bürgerlich-kaufmännischen Geist zum säkularen Charakter der Renaissance-Autobiographie an.

77 Vgl. Rein 1998, S. 330 ff.

78 Helga Meise 1995, S. 29.

79 Leon Battista Alberti: Vom Hauswesen, S. 131 f („Nella famiglia la moltitudine degli uomini non manchi, anzi multiplichi; l’avere non scemi, anzi accresca; ogni infamia si schifi; la buona fama e nome s’ami e seguiti; gli odii, le nimistà, le ’nvidie si fuggano, le conscenze, le benivolenze e amicizie s’acquistino, accrescansi e conservinsi.“ (Della famiglia, S. 104).

80 Vgl. Alberti: Vom Hauswesen, S. 214.

81 So wiederum Gianozzo in Albertis Hauswesen, S. 211 („In ogni spese prevedere ch’ella non sia maggiore, non pesi più, non sia di più numero che dimandi la necessità, né sia meno quanto richiede la onestà.“ Della famiglia, S. 165).

82 Alberti: Vom Hauswesen (Gianozzo, S. 217 f.); „Per rimedire e sanare il corpo ogni cosa preziosa sis pone, e per rendere l’anima virtuosa, quieta e felice, s’abandona tutti gli appetiti e desiderii del corpo; ma il tempo quanto e a’ beni del corpo e alla felicità dell’anima sia necessario, voi stessi potete ripensarvi, e troverrete il tempo essere cosa molto preziosissima. Di queste adunque si vuole essere massaio tanto e più diligente quanto elle più sono nostre che altra cosa alcuna.“ (Della famiglia, S. 169 f.; kursiv RK).

83 Vgl. Alberti: Vom Hauswesen (Gianozzo, S. 217 f. bzw. S. 225).

84 So Jacob Burckhardt über das Hauswesen (S. 137), der die Schrift noch schwankend zuschreibt – er erwägt Pandolfini –, allerdings Alberti als Inbegriff des ‚uomo universale‘ darstellt (S. 139).

85 Alberti: Vom Hauswesen (Gianozzo, S. 226); „Adunque io quanto al tempo cerco adoperarlo bene, e studio die perderne mai nulla. Adopero tempo quanto più posso in essercizii lodati; non l’adopero in cose vili, non spendo più tempo alle cose che ivi si richiegga a farle bene. E per non perdere di cosa sì preziosa punto, io pongo in me questa regola: mai mi lascio stare in ozio, fuggo il sonno, né giacio se non vinto dalla stracchezza, ché sozza cosa mi pare senza repugnare cadere e giacere vinto“ (Della famiglia, S. 176).

86 Alberti: Vom Hauswesen (Gianozzo, S. 226); La mattina, prima, quando io mi levo, così fra me stessi io penso; oggi in che arò io da fare? Tante cose: annòverole, pensovi, e a ciascuna assegno il tempo suo: questo stamane, quello oggi, quell’altra stasera. E a quello modo mi viene fatto con ordine ogni faccenda quasi con niuna fatica.” (Della famiglia, S. 176).

87 Alberti: Vom Hauswesen (Gianozzo, S. 227); „Solo vi ricordo a non perdere tempo. Così facciate come fo io. La mattina ordino me al tuttu il dì, il giorno seguo quanto mi si richiede, e poi la sera inanzi ch’ io mi riposi ricolgo in me quanto feci il dì. Ivi, se fui in cosa alcuna negligente, alla quale testé possa rimediarvi, subito vi supplisco: e prima voglio perdere il sonno che il tempo, cioè la stagione delle faccende.“ (Della famiglia, S. 177)

88 Davon zeugen noch die Ausführungen Johann H. G. Justis über das Hauswesen in seinem Kurzen systematischen Grundriss aller ökonomischen und Kameralwissenschaften von 1761 – ‚Haushaltungskunst‘ (vgl. ebd., S. 253 ff.) wird zwar auf ehrbare Wege des Erwerbs verpflichtet und steht auch durchaus im Zusammenhang der Glücksbeförderung aller, im Vordergrund steht aber der „vernünftige Gebrauch des Vermögens“ (S. 258); vgl. Johannes Burckhardt/Birger P. Priddat: Kommentar zur Geschichte der Ökonomie, in: dies. (Hg.) 2009, S. 649 f.

89 Vgl. Niall Ferguson: Türme und Plätze (2018), S. 95–98.

90 „O vita beata, digna d’ogni comendatione, vita angelica, vita sancta, vita philosophica, la qualle non solamente ne la fede catolicha, ma in ogni stato et religione è stata culta et comendata universal virtù!“ (Libro de l’arte de la mercatura (2016), Buch IV, Kap. 10, S. 188.

91 Die umfassend recherchierte und textkritisch gesicherte Ausgabe, die Vera Ribaudo 2016 unter dem Titel Libro de l’arte de la mercatura vorgelegt hat, stützt sich auf drei Manuskripte aus dem 15. Jh. und die erste venezianische Druckfassung von 1573.

92 Cotrugli: Della mercatura, 1. Buch Kap. 13; zit./übers. Balduin Penndorf 1933/2009, S. 69; Orig.: „Invocando sempre, come di sopra, in sul primo foglio del Quaderno il nome di Dio ecc., Nel memoriale debbi dinotar ogni sera, ò mattina innanzi, chi eschi fuor di casa, tutto quelle che nel detto giorno haverai negotiato & contratto per conto della tua mercantia ò altri neceßarii & opportuni casi. Come le vendite, compre, pagamenti, ricevute, mandate, aßegnamenti, cambii, spese, promesse, 6 ogni altra facenda inanzi che vi nascano partite al Giornale.“ (Venedig 1573, S. 37)

93 Vgl. Cotrugli: Della mercatura, ebd., S. 69; und Pacioli: De computis et scripturis, 1494, S. 199; dt.: Kap. 4, S. 95 – diese Abhandlung ist Teil von Paciolis Summa de Arithmetica geometria proportioni et proportionalita, 9. Abschnitt, 11. Abhandlung.

94 Vgl. Cotrugli: Della mercatura, 1. Buch, 3. Kap. (Della qualità della persona della mercante), S. 10 ff.; über die Abstinenz des Kaufmanns gegenüber der Politik und seine Integrität vgl. Buch III, auch über seine charakterliche Ausgeglichenheit und Ruhe (Buch III, Kap. 15) oder Bescheidenheit (III, Kap. 16) und insgesamt Tugenhaftigkeit, all dies immer wieder abgesichert durch antike Autoritäten.

95 „faranno un Caos & una confusione Babbilonica“ (Cotrugli, Della mercatura, S. 38)

96Item ogni partita deve havere scriptura da intrambi dui li lati dal foglio, çoè da la banda dextra del libro lo ‘dè dare’ e da la senestra lo ‘dè havere’. Et in ogni partita dè’ dire quando, quanto, ad cui et perché: quando, cioè lo dì; quanto, cioè la quantità del denaro; ad cui per referire, si custui dè dare, chi dè havere; et perché, dire la cagione.“ (Cotrugli: Libro de l’arte de la mercatura (2016), S. 83.

97 Vgl. Luca Pacioli: De computis et scripturis Kap. 6, S. 97 („e un libro nel quale tutte le facende sue el mercadante piccoli e grandi che aman li vengano a giorno per giorno e ora per ora scrive. Nel quale diffusamente ogni cosa die vendere e comprare (e altri manegi) scrivendo se dechiara non lasando un iota“; 1494, S. 200).

98 Luca Pacioli: De computis et scripturis, Kap. 6, S. 98 bzw. 1494, S. 200.

99 „Adonca con le nome del dio comenzarai a ponere nel tuo giornale“. De computis et scripturis, 1494, S. 201.

100 Pacioli erwähnt diesen Fall nebenher (De computis et scripturis, Kap. 7, S. 100 bzw. 1494, S. 200).

101 Vgl. Kap. 14: „Per laqual cosa sappi che di tutte le partite che tu harai poste in lo giornale al quaderno grande te ne conven sempre fare doi cioe una in dare e laltra in havere. Perche li se chiama debitore per lo Per e lo creditore per lo A. […] Si deve da fare posse una partita: quella del debitore poner ala man sinistra. E quella del creditore ala man dextra.“ (De computis et scripturis 1494, S. 202).

102 Vgl. Pacioli: De computis et scripturis, Kap. 17. S. 115.

103 Vgl. Pacioli: De computis et scripturis, Kap. 4, S. 95 (1494, S. 203).

104 Joseph Vogl: Poetik des ökonomischen Menschen 2007, S. 550.

105 Es ermöglicht damit, so Vogl (2007, S. 550), nicht nur Totalerfassung in zeitlicher Kontinuität, sondern auch filternde Selektion und im nächsten Schritt die Vernetzung ansonsten nur isoliert gesehener Bereiche.

106 Der Zusammenhang wird unten bei Gustav Großmann entwickelt. Zum Geld- und Finanzwesen des ‚Silbernen Zeitalters‘ sowie zur Fugger-Karriere vgl. Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde, S. 95–119.