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Raumbegehren

Zum Flaneur bei W.G. Sebald und Walter Benjamin

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Eva Riedl

Trotz der Aufmerksamkeit, die den gehenden Protagonisten im Prosawerk W.G. Sebalds in der theoretischen Beschäftigung zugekommen ist, hat die Forschung diese bislang nur selten unter der Perspektive «Flaneur» untersucht. Die Autorin widmet sich Sebalds sorgsamen Inszenierungen dieser Fußreisen und verfolgt sie kritisch vor W.G. Sebalds Benjamin-Lektüre. Sie zeigt, dass die als widersprüchlich aufgefasste Aneignung der Figur durch Walter Benjamin eine Chance ist, das Zugleich von intensiven, im Übergang befindlichen und zerstörerischen Formen der Flanerie in Sebalds Texten aufzuzeigen. Der Flaneur ist ein auffälliger Körper: Wie dessen epiphanische, intensive und vernichtende Gesten in Sebalds theoretisches und literarisches Schreiben eingehen, verfolgt dieses Buch.

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VII. Katastrophen

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VII.  Katastrophen

VII. 1  Die Nicht-Orte der Gegenwart

Die Räume der Gegenwart, die dem Flaneur vor die Füße geraten, sind vor allem unter das gefasst worden, was der Ethnologe Marc Augé mit der Rede von den Nicht-Orten in die Diskussion um die Subjektgebundenheit räumlicher Konfigurationen gebracht hat. Augés Studie von den Nicht-Orten skizziert eine spezifische Relation zwischen anthropologischen Orten, die zu verstehen sind als Stätten des „Organisch-Sozialen“ und den Nicht-Orten, die auf „solitäre[r] Vertraglichkeit“ beruhen.1140 In der Gegenwart der „Übermoderne“ konstatiert Augé das Anwachsen solcher Räume, die als „Welt“ sich eintragen, „in der die Anzahl der Transiträume und provisorischen Beschäftigungen unter luxuriösen oder widerwärtigen Bedingungen unablässig wächst“1141. In der globalisierte Gegenwart der Hotelketten, Flüchtlingslager, Flughäfen, Autobahnen, Motels, Tankstellen und der Supermärkte sind vornehmlich Passagiere unterwegs, die zu den funktionalen Nicht-Orten keine gesondert angereicherte Verbindung aufbauen müssen. Die Orientierung erleichtert eine effektive, universale Topographie, die die Gefahr des Verirrens minimiert:

Der Raum des Nicht-Ortes befreit den, der ihn betritt, von seinen gewohnten Bestimmungen. Er ist nur noch, was er als Passagier, Kunde oder Autofahrer tut und lebt. […] Der Passagier der Nicht-Orte findet seine Identität nur an der Grenzkontrolle, der Zahlstelle oder der Kasse des Supermarkts. Als Wartender gehorcht er denselben Codes wie die anderen, nimmt dieselben Botschaften auf, reagiert auf dieselben Anforderungen. Der Raum des Nicht-Ortes schafft keine besondere Identität...

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