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Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

Series:

Edited By Birte Arendt, Andreas Bieberstedt and Klaas-Hinrich Ehlers

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

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Meihen, meiden, meigen ‚mähen‘ – Zur Hiattilgung im mecklenburgischen Niederdeutsch (Klaas-Hinrich Ehlers)

Klaas-Hinrich Ehlers

Meihen, meiden, meigen ‚mähen‘ – Zur Hiattilgung im mecklenburgischen Niederdeutsch

Abstract: The different forms of hiatus-elimination are considered to be one of the few phonetic features that distinguish Mecklenburg and Western Pomeranian Low German. However, recent surveys show that this characteristic feature, which is often used to discriminate different regional varieties of the Mecklenburg dialect, has nowadays lost much of its importance. The article presents results of a recent study that compares language data in form of dialect translations from the 19th century with new translations made by dialect speakers from two different generations (‘Wenkersätze’). It illuminates the diachronic development of this dialect feature and thus exemplifies both a structural approximation of the Mecklenburg Low German dialect to the High German standard language as well as an equalization of specific regional dialect features.

1 Forschungsstand und Problemstellung

In der Grammatik der „Mecklenburgisch-Vorpommerschen Mundart“ von Julius Wiggers hieß es 1857: „Wenn von zwei Silben die erste auf einen langen Vocal auslautet, die zweite mit kurzem oder stillen e beginnt, so tritt gewöhnlich zwischen beide ein die Stelle eines Hauchlautes (h, ch, w) vertretendes g.“1 Anstelle eines Frikativs in buhen oder buwen ‚bauen‘ tritt nach Wiggers also „das vocaltrennende g“ auf. Nur zwölf Jahre später wies die mecklenburgische Grammatik von Karl Nerger auf eine weitere Form des Konsonanteneinschubs im Vokal-Hiat (= Hiattilgung) hin, die ausdrücklich als eine neue Entwicklung betrachtet wurde: „In jüngster Zeit wird neben g ein schwaches d häufig als Vertreter der Fricativen gebraucht, z. B. teiden decem, neiden suere u. a. m.“2←99 | 100→

Die noch einmal zehn Jahre später erfolgende Fragebogenerhebung Georg Wenkers in Norddeutschland (1879–1880) ergab für die Region Mecklenburg-Vorpommern eine recht deutliche areale Begrenzung des Merkmals. Dies lässt sich beispielsweise an der Wortschatzkarte für nähen des „Sprachatlas des Deutschen Reiches“ von Georg Wenker ablesen.3 Im Westen Mecklenburgs wird als Entsprechung für nähen die niederdeutsche Leitform neid-en verzeichnet, bei welcher ein d im Vokalhiat auftritt. Für Südostmecklenburg und Vorpommern verzeichnet der Sprachatlas dagegen eine Leitform mit g (neig-en). Die eingezeichnete Isoglosse für die jeweilige Leitform ergibt also eine west-östliche Zweiteilung Mecklenburg-Vorpommerns entlang einer stark mäandernden Grenze vom Darß im Norden zum Gebiet östlich des Müritzsees im Süden. Diese setzt sich auch ins östlich benachbarte mittelpommersche Dialektgebiet fort (dort ohne Diphthongierung: näg-en), während im äußersten Südwesten Mecklenburgs und den angrenzenden Dialektregionen Holstein und Brandenburg keine Hiattilgung kartiert wird.

Schon Teuchert sieht in der unterschiedlichen Realisierung der Hiattilgung eines der wenigen lautlichen Merkmale, die die ansonsten sprachlich sehr homogene Großregion Mecklenburg-Vorpommern in einen mecklenburgischen und einen vorpommerschen Bereich teilen.4 Sein Mecklenburgisches Wörterbuch weist allerdings für eine Reihe von Lexemen mit Vokal-Hiat drei Realisierungsformen nach, z. B. „meihen, meiden, meigen“ ‚mähen’, „schrien (lautl. šrīən), schriden,←100 | 101→ schrigen“ ‚schreien’. Neben den beiden Varianten mit konsonantischer Hiattilgung verzeichnet das Mecklenburgische Wörterbuch also auch Formen, bei denen der Vokal-Hiat gar nicht getrennt ist. Dabei kennzeichnen die Wörterbuchartikel zu einzelnen Lemmata den Einschubkonsonanten g als östlich, eingeschobenes d dagegen als westlich. Die fehlende Hiattilgung wird offenbar nicht eindeutig areal begrenzt: „schneien; neben snien gilt snigen im Osten, sniden im Westen“.5

Auch die spätere Fachliteratur nutzt im Gefolge von Teuchert und Foerste6 die unterschiedlichen Realisierungsformen des Vokal-Hiats mit großer Übereinstimmung als ein Leitmerkmal für die interne areale Gliederung des ostniederdeutschen Dialekts. Nach Stellmacher „unterscheidet sich das Vp. [Vorpommersche] vom M. [Mecklenburgischen] durch die Bewahrung eines im Hiat entwickelten Klusils: m. mei(d)en wird von vp. meigen durch eine Linie getrennt, die vom Darß über Malchin Stavenhagen bis Penzlin verläuft“.7 Eine beigegebene Karte veranschaulicht diese Isoglosse zwischen mei(d)en und meigen mit dem ausdrücklichen Zeitbezug „Stand 1979“.8 Auch Gernentz, Schönfeld und Schröder führen die Hiattilgung auf g und auf d als regionale Kennzeichen an, anhand derer der vorpommersche vom mecklenburgischen Dialektraum abzugrenzen sei.9 Gundlach kommt unter Einbeziehung der Formen ohne Hiattilgung zu einer Dreigliederung der Region. Demnach

„steht mecklenburgisches sniden (‚schneien’) vorpommerschem schnigen gegenüber, wobei die vorpommersche Form auch noch im Osten und Südosten Mecklenburgs einschließlich Stavenhagen gilt. […] Der äußerste Südwesten des Landes hat keinen Hiateinschub. Es staffelt sich also von Südwesten nach Osten meien/meiden/meigen.“10

Die grundlegende West-Ost-Gliederung der Dialektlandschaft wäre aber auch nach Gundlach nur im „äußersten Südwesten“ feiner auszudifferenzieren.←101 | 102→

Diese scheinbar so klare räumliche Verteilung des phonetischen Leitmerkmals finde ich allerdings bei aktuellen Sprachaufnahmen in meinem zentralmecklenburgischen Untersuchungsgebiet südwestlich von Rostock kaum bestätigt. Statt der erwartbaren Dominanz der Hiattilgung auf d stehen hier Tilgungsvarianten auf d und auf g in Konkurrenz nebeneinander, es finden sich aber auch sehr zahlreiche Belege ohne getilgten Vokal-Hiat. Ein Vergleich von niederdeutschen Aufnahmen von Probanden verschiedener Altersgruppen deutet zudem auf eine starke Abbaudynamik des Merkmals hin. Ich möchte in meinem Beitrag deshalb die verbreitete Annahme einer klaren arealen Verteilung des Merkmals im Mecklenburgisch-Vorpommerschen einmal empirisch überprüfen und versuchen, aus der Zusammenführung verschiedener Sprachdaten aus meiner Erhebungsregion ein Bild von der Entwicklung und vom gegenwärtigen Stand der arealen Verbreitung der Hiattilgung zu gewinnen.

Empirische Grundlage meiner Beobachtungen sind vor allem Sprachtests, die ich zwischen 2010 und 2013 mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Erhebungsgebiet durchgeführt und aufgezeichnet habe.11 Im Fokus der Untersuchung stehen die Großstadt Rostock, die etwa 25 Kilometer südlich davon gelegene Kleinstadt Schwaan, die westlich dieser beiden Orte gelegenen Dörfer Satow, Jürgenshagen und Ostseebad Nienhagen sowie unmittelbar benachbarte kleine Ortschaften. Im Zentrum der Überlegungen zur Hiattilgung sollen vor allem die niederdeutschen Übersetzungen der 40 klassischen sogenannten ‚Wenkersätze‘ stehen, die Georg Wenker bei seiner großangelegten Fragebogenerhebung um 1880 als Übersetzungsvorlagen zur Übertragung in die jeweiligen Ortsdialekt verschickt hatte. Diese Wenkersätze werden in meiner Untersuchung um fünf weitere hochdeutsche Sätze zur Elizitierung speziell mecklenburgischer Merkmale ergänzt. Neben 25 historischen Wenkerbögen aus der Untersuchungsregion wurden insgesamt 53 Wenkerübersetzungen von Gewährsleuten mit guter und sehr guter Dialektkompetenz ausgewertet.12 Diese Probanden gruppieren sich in zwei Alterskohorten: in die vor 1940 geborenen Personen←102 | 103→ (‚Vorkriegsgeneration‘) und in Personen, die zwischen 1950 und 1969 geboren wurden (‚Nachkriegsgeneration‘). Hierbei geht es zum einen um ortsansässige Mecklenburger, die ich im Folgenden als ‚Alteingesessene‘ bezeichne, wenn beide Elternteile in der Untersuchungsregion geboren wurden. Da Niederdeutsch im Erhebungsgebiet aber durchaus nicht nur von autochthonen Mecklenburgern gesprochen wurde bzw. wird, berücksichtigt meine Untersuchung zum anderen auch niederdeutschkompetente Gewährspersonen, die nach 1945 aus mittel- und oberdeutschen Dialektregionen Schlesiens und der Tschechoslowakei vertrieben wurden und seitdem dauerhaft im Erhebungsgebiet leben, sowie deren in Mecklenburg geborenen Nachkommen, soweit sie über gute Niederdeutschkompetenz verfügen.13

Abbildung 1: Übersicht über das Untersuchungssample: Getestete Gewährspersonen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen bzw. Altersgruppen und historische Wenkerübersetzungen

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Das Korpus von akustisch aufgezeichnetem intendiertem Niederdeutsch der Wenkerübersetzungen wird einerseits durch einzelne freie niederdeutsche Dialekterzählungen der Gewährspersonen und andererseits durch historische Sprachdaten ergänzt: Hier sind vor allem die schon erwähnten 25 historische Wenkerbögen aus der Erhebungsregion zu nennen,14 berücksichtigt wurden←103 | 104→ aber auch einige historische Sprachaufnahmen, die in den 1960er und 1990er Jahren in der Region aufgezeichnet wurden.15 Ein kleines Vergleichskorpus von aufgezeichneten Wenkerübersetzungen aus der vorpommerschen Kleinstadt Gützkow (sechs Probanden) soll die areale Dimension des Merkmals deutlicher konturieren helfen.

Bevor auf der Basis dieser Sprachdaten nach Stand und Entwicklung der Hiattilgung im mecklenburgischen Niederdeutsch gefragt werden soll, sei darauf hingewiesen, dass sich auch in der Fachliteratur gelegentlich Hinweise finden, die Zweifel an einer (noch) fest abgegrenzten arealen Verteilung des ‚mecklenburgischen’ d und des ‚vorpommerschen’ g aufkommen lassen. Schon Herrmann-Winter konstatiert, die Lautgrenze „schnigen/schniden zwischen Vorpommern und Mecklenburg [sei] heute nicht mehr fest“.16 Auch nach Gernentz treten hier „an die Stelle ehemals fester Lautgrenzen […] heute breite Übergangszonen“.17 Expansionsbewegungen in beide Richtungen werden festgestellt. So setzten sich nach Gernentz als Folge der Verbreitung der Schriften Fritz Reuters „in neuerer Zeit auch im Westen des Mundartgebietes die g-Formen durch“.18 Gegenläufig dazu breite sich nach Gundlach „der d-Einschub neuerdings immer mehr nach Osten hin aus“.19 Gernentz beobachtet andererseits auch „das Fortlassen des erst im 19. Jahrhundert aufgekommenen ‚Gleitlauts’ -g- (oder -d-) zwischen Vokalen“. Diese Gebrauchsveränderung sei derart häufig, „dass man den Beginn eines allgemeinen Lautwandels erwägen muß“.20 Hermann-Winter bezieht dieses „Fortlassen“ offenbar vor allem auf den Plosiveinschub d: „Da in den konjugierten Formen dieser Lautunterschied [zwischen schniegen und schnieden] weitgehend aufgehoben ist, gilt heute weiträumig schnien und schniegen.“ Auch hier wird der Bestand der „ursprünglich“ durch den g/d-Gegensatz markierten sprachlichen „Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern“ fraglich.21 ←104 | 105→

Die Aussagen der Forschungsliteratur zur Hiattilgung in der mecklenburgischen Dialektlandschaft lassen sich demnach wie folgt zusammenfassen: Die verschiedenen Autoren sind sich sehr weitgehend einig, dass es zumindest ehemals eine recht klare areale Verteilung der unterschiedlichen Realisierungsformen des Vokal-Hiats im mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch gegeben habe. Für die jüngere Vergangenheit gehen die Aussagen zur bestehenden Stabilität dieser arealen Struktur bzw. die Befunde über eine einsetzende Entwicklungsdynamik und auch über die Richtung dieser Entwicklung aber zum Teil weit auseinander.

2 Die Hiattilgung im Niederdeutsch alteingesessener Mecklenburger

2.1 Die Hiatrealisierung in ihrer historischen Entwicklung im Untersuchungsgebiet

Lässt sich wenigstens für mein räumlich sehr begrenztes Untersuchungsgebiet südwestlich von Rostock ein klares Bild der Verhältnisse gewinnen? Ein Blick auf die 25 historischen Wenkerbögen aus meiner zentralmecklenburgischen Erhebungsregion legt nahe, dass die arealen Abgrenzungen schon im ausgehenden 19. Jahrhundert keineswegs so eindeutig waren, wie die Forschungsliteratur großenteils nahe legt. Die historischen Wenkersatzvorlagen enthalten jeweils neun Wörter, bei deren Übertragung ins Niederdeutsche ein Vokal-Hiat bzw. dessen Tilgung auftreten kann: schneien, nähen, rein, neue (2x vertreten), schreien, Kindereien, bauen, mähen.22 Statt der erwartbar deutlichen Dominanz einer ‚westmecklenburgischen’ Tilgungsvariante auf Plosiv d sind die Zahlenverhältnisse bei der niederdeutschen Übertragung dieser neun überprüften Belegwörter in der schriftlichen Erhebung Georg Wenkers nahezu ausgewogen: Nur 29,8 % der insgesamt gewerteten 178 Belege wurden mit intermittiertem d übersetzt, 27 % mit einer Hiattilgung auf g (vgl. Abb. 2). Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert finden sich also weit westlich der allgemein angenommenen schniden/schnigen-Isoglosse zahlreiche Belege für die mutmaßlich ‚vorpommersche’ Form der Hiattilgung. An keinem der überprüften Wenker-Orte wurde dabei auf dem←105 | 106→ historischen Bogen ausschließlich eine einzige Hiattilgungsform favorisiert, auf allen Bögen wurde vielmehr auf mindestens zwei der drei möglichen Hiatrealisierungen (g, d, ohne Tilgung) zurückgegriffen. Auf der Hälfte aller historischen Bögen der Schulorte finden sich sowohl Tilgungen auf d als auch solche auf g neben Testwörtern mit nichtgetilgtem Hiat. Die beiden konsonantischen Varianten sind also in der historischen Sprachlandschaft Zentralmecklenburgs nebeneinander nachweisbar. Und die Dominanz der von Wenker als areale Leitform gewählten Hiattilgung auf d war in meinem Untersuchungsgebiet um 1880 allenfalls schwach ausgeprägt.

Bemerkenswert ist auch, wie oft die Gewährsleute Wenkers die Belege mit Vokal-Hiat ohne Tilgung belassen. Ganze 43,3 % der historischen Wenker-Übersetzungen lassen den jeweiligen Vokal-Hiat ganz ohne Einschub (vgl. Abb. 2). Abgesehen von bauen, das ausschließlich als bugen, bug’n o. ä. übertragen wurde (100 %, N = 25), erreichen die Häufigkeiten für eine der beiden konsonantischen Tilgungsvarianten bei den einzelnen Testwörtern damit kaum jemals mehr als 50 % der Belege. Auch dieser Befund muss angesichts der Forschungsliteratur überraschen, die Formen ohne Hiattilgung ja ursprünglich vor allem im „äußersten Südwesten des Landes“ erwarten lässt.

Soweit der Stand der schriftlichen Erhebung Georg Wenkers. Wie stellen sich die Verhältnisse nun im rezenten Dialekt des Untersuchungsgebietes dar? Hier soll zunächst das intendierte Niederdeutsch meiner älteren Gewährspersonen betrachtet werden, die in den 1920er und 1930er Jahren, also spätestens 60 Jahre nach der Wenkererhebung in meinem Untersuchungsgebiet geboren wurden. Überraschenderweise ist die Frequenz der Hiattilgungen in den spontanen und mündlichen Übersetzungen der Wenker-Vorlage durch die 24 Angehörigen der Vorkriegsgeneration alteingesessener Mecklenburger viel höher als auf den schriftlichen Wenkerbögen von 1880. Freilich mögen die Zahlendifferenzen zu guten Teilen der schriftlichen und indirekten Erhebungsmethode des Sprachatlas des deutschen Reiches geschuldet sein. Die Lehrer, die Wenkers historische Fragebögen stellvertretend ausgefüllt haben, könnten einen intervokalischen Übergangslaut vielfach ‚überhört’ bzw. für irrelevant gehalten haben. Die starke Norm-Nähe der Schriftsprache wird die Tendenz zu einer standardnäheren, also tilgungslosen Schreibweise in ihren Wenker-Übersetzungen zusätzlich bestärkt haben.23 Jedenfalls wählen die älteren Probanden in den aktuellen akustischen←106 | 107→ Aufzeichnungen nicht nur insgesamt häufiger eine konsonantische Hiattilgung als die Gewährsleute Wenkers, sondern gerade auch die Hiattilgungen auf d treten in den aktuellen Aufnahmen deutlich häufiger auf. Von 164 Belegen für die oben angegebenen neun Testwörter werden von der Vorkriegsgeneration 48,8 % mit Hiattilgung auf d, 34,2 % mit einer Tilgung auf Plosiv g und nur noch 17,1 % ohne konsonantische Tilgung ins intendierte Niederdeutsch übertragen.24 Von einer ausschließlichen Dominanz eines ‚westmecklenburgischen’ d kann auch bei diesen viel höheren Frequenzen plosivischer Tilgung allerdings kaum gesprochen werden. Die Häufigkeiten der Tilgungen auf g bleiben auch in den Übersetzungstests der Vorkriegsgeneration mit mehr als einem Drittel aller Belege erheblich. Es ist für mein Untersuchungsgebiet also auch in der Gegenwart eher ein Nebeneinander beider Varianten zu konstatieren, wobei die alteingesessenen Probanden der Vorkriegsgeneration freilich mit recht deutlicher Präferenz Formen auf d wählen.25 ←107 | 108→

Abbildung 2: Formen der Hiatrealisierung bei Alteingesessenen

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Wie sind nun die Befunde in den Wenker-Übersetzungen der jüngeren Generation? Die neun niederdeutschkompetenten Alteingesessen, die in den Jahren zwischen 1950 bis 1969 geboren wurden,26 realisieren im Übersetzungstest der neun Testwörter die plosivischen Hiattilgungen viel seltener als die Angehörigen ihrer Elterngeneration. In nahezu der Hälfte der 56 niederdeutschen Belege mit Vokal-Hiat belässt es diese Gruppe bei Realisierungen ohne Hiattilgung (44,6 %). Die Frequenzen für intermittiertes d liegen dabei sogar unter denen für intermittiertes g: 21,4 % Varianten mit d stehen 33,9 % Varianten mit g gegenüber. Da die Übersetzungsdaten in den beiden Altersgruppen dialektkompetenter Alteingesessener identisch erhoben worden sind, deuten die Unterschiede im intendierten Niederdeutsch beider Probandengruppen auf Entwicklungen im regionalen Niederdeutsch hin. Demnach gibt es deutliche Anzeichen, dass sich auch im Kontext des Vokal-Hiats eine Tendenz zur Annäherung an das Standarddeutsche geltend macht und das typisch mecklenburgische Merkmal sich insgesamt im Abbau befindet. Bemerkenswert ist dabei, dass offenbar gerade die Hiattilgung auf d besonders stark in diesen Prozess gerät, während die Verwendung der Hiattilgung auf g recht stabil bleibt (vgl. Abb. 2).←108 | 109→

2.2 Die Hiatrealisierung im phonetischen Kontext

Diese Beobachtungen bleiben unscharf, solange alle neun Testwörter der historischen Wenkerbögen gemeinsam betrachtet werden. In der neueren Forschung ist es erst Köhncke, der darauf hinweist, dass die Hiatrealisierung nicht allein mit arealen Faktoren korreliert, sondern mitunter auch „lexemabhängig“27 bzw. kontextbezogen gebildet wird. Um die Belegzahlen zu erhöhen, wurden in die folgenden Untersuchungen zusätzliche Lexeme aus der erweiterten Wenkersatz-Vorlage einbezogen, die ich meinen Gewährspersonen zur mündlichen Übersetzung ins Niederdeutsche vorgelegt habe. Es handelt sich in der erweiterten Übersetzungsvorlage um die folgenden zehn bzw. zwölf Testwörter: schneien (2x vertreten), schreien, Kindereien, nähen, mähen, das Krähen, blühen, bauen, hauen, neue (2x vertreten).28 Anhand dieser Testwörter sollte geprüft werden, ob die Hiattilgung in bestimmten phonetischen Umgebungen oder bei einzelnen Lexemen besonders häufig auftritt. Die niederdeutschen Übersetzungen dieser Wörter lassen sich zu den folgenden Lautkontexten im Hiat gruppieren: [i:-ən] (schni-en, schri-en, Kinneri-en); [ae-ən] (nai-en, mai-en, dat Krai-en); [ɔø-ən] (bloi-en); [u:-ən] (bu-en); [ao-ən] (hau-en) und [i:-ə#] (ni-e).

Das folgende Diagramm (Abb. 3) veranschaulicht, dass von den niederdeutschkompetenten Angehörigen der Vorkriegsgeneration aus meiner Erhebungsregion je nach Lautkontext im Hiat unterschiedliche Tilgungskonsonaten präferiert werden.29 Für die auf -en bzw. bei Schwa-Ausfall auf bloßen Nasal auslautenden Testwörter (mai-n) scheint diese Präferenz mit der Qualität des Erstvokals im Hiat zusammenzuhängen. Nach Vordervokal, sei es monophthongisch als Langvokal [i:] oder sei es im upglide der vorangehenden Diphthonge [ae] und [ɔø], schließen die Probanden aus der Erhebungsregion in den weitaus meisten Fällen mit dem vorderen Plosiv d an. Vor demselben Folgekontext -(e)n wählen sie ausschließlich←109 | 110→ den hinteren Plosiv g als Tilgungselement, wenn schon der vorausgehende Vokal bzw. die zweite Diphthongphase hinten artikuliert wird ([u:], [ao]). Das oben beobachtete areale Nebeneinander des ‚vorpommerschen’ g-Einschubs und des ‚mecklenburgischen’ d-Einschubs im zentralmecklenburgischen Erhebungsgebiet ist also weitgehend an bestimmte Lexemgruppen gebunden und lässt sich wohl in vielen Fällen auf Koartikulationsphänomene zurückführen.

Abbildung 3: Formen der Hiatrealisierung in verschiedenen phonetischen Kontexten (bei Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration)

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Anders als in den Testwörtern mit Folgekontext -(e)n fällt die Hiatrealisierung im niederdeutschen Adjektiv ni-e (‚neue’) aus, das auf Schwa auslautet.30 Hier wählen die Probanden der Altersgruppe ausschließlich den hinteren Einschubkonsonanten, obwohl ein langer Vordervokal vorangeht. Köhncke kommt bei Aufnahmen in seinem weiter südlich gelegenen mecklenburgischen Untersuchungsgebiet (Dörfer südlich von Sternberg) zu ähnlichen Distributionsverhältnissen für die beiden plosivischen Hiattilgungen: ←110 | 111→

„Über die Distribution beider Konsonanten lässt sich nur soviel sagen, dass d im Untersuchungsgebiet häufiger ist. g hingegen kommt nur bei bestimmten Wörtern vor, zudem ist es auf u und i beschränkt. […] Dagegen ist mir kein Fall bekannt, bei dem das d dem u als Hiatustilger folgt. Bei i können […] beide Konsonanten auftreten. Es gibt also Tendenzen, wann welcher Laut favorisiert wird, dennoch ist die Verteilung nicht eindeutig und nicht immer vom vorangehenden Vokal abhängig.“31

Zu ergänzen wäre, dass das d offensichtlich auch insofern distributionsbeschränkt ist, als es weder in den 25 historischen Wenkerbögen meiner Erhebungsregion noch in den mündlichen Übersetzungsaufzeichnungen jemals im Kontext [i:-ə#] auftritt. „Neue“ wird hier ausschließlich mit Hiattilgung auf g (nige) übertragen. Die ‚vorpommersche’ Tilgung auf g ist also breiter distribuierbar als das ‚mecklenburgische’ d.

Die Bindung der Hiatrealisierung an bestimmte Lautkontexte bestätigt sich auch bei den niederdeutschen Übersetzungen der Belegwörter durch die Nachkriegsgeneration alteingesessener Mecklenburger. Auch bei diesen neun niederdeutschkompetenten Probanden ist das Nebeneinander der Formen auf verschiedene Lautkontexte bzw. Lexemgruppen verteilt (vgl. Abb. 4).

Abbildung 4: Formen der Hiatrealisierung in verschiedenen phonetischen Kontexten (bei Alteingesessenen der Nachkriegsgeneration)

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Im Vergleich zur Elterngeneration ist dabei zugleich ein deutlich häufigeres „Fortlassen des erst im 19. Jahrhundert aufgekommenen ‚Gleitlauts’ -g- (oder -d-) zwischen Vokalen“ zu bemerken, das schon Gernentz beobachtet hatte.32 Dieser zurückgehende Gebrauch im intendierten Niederdeutsch der jüngeren Generation betrifft, wie schon gesagt, in besonderem Maße die Hiattilgung auf d, die in ihren angestammten Lautkontexten auf Realisierungsfrequenzen von ca. 30 % der Belege zurückfällt. In den Übersetzungen derselben Testwörter durch die Elterngeneration hatten die Anteile noch zwischen 79,7 % und 65 % der Belege gelegen. Auch der Rückgang im Gebrauch des g-Einschubs ist für einen der Kontexte drastisch (hauen),33 die Realisierung der Hiattilgung bleibt aber im Falle von bugen und nige bemerkenswert stabil. Bugen ist sogar über alle untersuchten Zeitstufen seit der historischen Wenker-Befragung von 1880 hinweg überhaupt die einzige gewählte Übertragung für die standarddeutsche Übersetzungsvorlage bauen.

Wenn man die Unterschiede in den niederdeutschen Übersetzungen der Vorkriegsgeneration und der kleinen, zwischen 1950 und 1969 geborenen Probandengruppe als weiteres Indiz für „den Beginn eines allgemeinen Lautwandels“34 interpretieren möchte, so dürften die Formen der plosiven Hiattilgung in Zukunft wohl weiter zurückgehen und sich nur der g-Einschub mit zunehmend ausschließlicher Bindung an einzelne Lexeme dauerhafter erhalten.

2.3 Stadt–Land Unterschiede in der Hiatrealisierung

Mein zentralmecklenburgisches Untersuchungsgebiet, das nur einen Durchmesser von etwa 30 Kilometern umspannt, ist wohl zu klein, als dass sich dort deutliche areale Binnengliederungen abzeichnen dürften. In den Aufnahmen aus diesem Gebiet deuten sich aber doch Binnendifferenzierungen an, die allerdings eher sozial als areal zu nennen wären. Vergleicht man nämlich die Wenkerübersetzungen von ortsfesten Alteingesessenen der Vorkriegsgeneration aus Rostock mit denen von entsprechenden Gewährsleuten aus der Kleinstadt Schwaan und den Dörfern Satow und Jürgenhagen, deutet sich eine Korrelation der Hiatrealisierung und der Wohnortgröße an (vgl. Abb. 5). Die fünf Gewährspersonen, die ihr Leben ohne größere Unterbrechung in der Großstadt Rostock bzw. seiner damals noch nicht eingemeindeten unmittelbaren Umgebung (Dierkow, Biestow, Papendorf) verbracht haben, tendieren eher zu Hiattilgungen auf g als ortsfeste Kleinstädter aus Schwaan. Und die Schwaaner Gewährs←112 | 113→personen dieser Altersgruppe realisieren die Hiattilgung auf g ihrerseits insgesamt häufiger als ortsfeste Bewohner der Dörfer Satow, Jürgenshagen und unmittelbarer Nachbarorte (Püschow). Die Frequenz der Hiattilgungen auf g nimmt (wie die Zahl der tilgungslosen Realisierungen) mit steigender Wohnortgröße im intendierten Niederdeutsch der Alteingesessenen zu, umgekehrt proportional werden Hiatrealisierungen auf d mit steigender Wohnortgröße seltener gewählt.35 Vor dem Hintergrund dieser Befunde könnte die Hiattilgung auf d in meinem Erhebungsgebiet als ländliche Reliktform angesehen werden, die im Untersuchungszeitraum einem besonders starken Abbau unterliegt. Erweitert man den historischen Fokus der Betrachtung auf das frühere 19. Jahrhundert, in dem der Tilgungskonsonant d erst als jüngere Form neben das ältere g trat und sich offenbar vor allem im ländlichen Raum gegen die konservativeren Städte durchsetzte,36 dann erscheinen die feststellbaren Stadt-Land-Differenzen bei der Vorkriegsgeneration als Nachwirkungen einer ursprünglich ländlichen Innovation, die in der jüngeren Generation dann an ihr Ende kommen wird.

Abbildung 5: Hiattilgung in Wohnorten unterschiedlicher Größe (ortsfeste Alteingesessene, geb. vor 1940)

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3 Die Hiattilgung im Lerner-Niederdeutsch der immigrierten Vertriebenen

Bislang bin ich nur auf das intendierte Niederdeutsch von Probanden aus alteingesessenen mecklenburgischen Familien eingegangen. Untersuchungen zum Sprachwandel in Mecklenburg-Vorpommern sollten aber grundsätzlich die außerordentlich hohe Zahl von immigrierten Flüchtlingen und Vertriebenen in Rechnung stellen, die sich hier in der Nachkriegszeit angesiedelt haben. Meine Untersuchungen zeigen, dass ein beträchtlicher Teil der heute noch befragbaren Immigranten der Vorkriegsgeneration hohe produktive Kompetenzen im Niederdeutschen erworben hat und auch die Nachkommen dieser Immigranten zum Teil bemerkenswert hohe Niederdeutschkompetenzen aufweisen.37 Das von vielen dieser Immigranten ungesteuert erworbene Niederdeutsch38 könnte einerseits den Sprachstand des autochthonen Niederdeutsch der Nachkriegsjahre abbilden und andererseits in der wechselseitigen Kommunikation mit den alteingesessenen Mecklenburgern sogar Einfluss auf dessen weitere Entwicklung genommen haben. Es zeigt sich, dass die Hiattilgung in den Wenker-Übersetzungen der niederdeutschkompetenten Zuwanderer über die Generationsfolge eine ganz ähnliche Entwicklungsdynamik aufweist wie bei den alteingesessenen Niederdeutschsprechern. Auch hier bleibt der Anteil der Übersetzungsvarianten mit einer Hiattilgung auf g in den beiden Generationen von Vertriebenen auffallend stabil: 25,2 % (N = 131) im intendierten Niederdeutsch der dreizehn befragten Zuwanderer aus der Vorkriegsgeneration und 27,8 % (N = 72) bei den sieben Angehörigen der Nachkriegsgeneration (vgl. Abb. 6). Dagegen findet auch hier ein Rückgang der Hiattilgung auf d statt. Dieser Abbau, der sich bereits im Übersetzungstest der alteingesessenen Mecklenburger abgezeichnet hat, wird vom Lerner-Niederdeutsch der Vertriebenen und ihrer Nachkommen gewissermaßen vorweggenommen und verstärkt. Die im Sprachgebrauch der alteingesessenen Ortsansässigen immerhin noch erkennbare Dominanz der d-Formen unter den nebeneinander gebräuchlichen Hiatrealisierungen wird von den immigrierten Vertriebenen beim sekundären Dialekterwerb nicht reproduziert. Hiattilgungen auf d treten im intendierten Niederdeutsch der älteren Vertriebenengeneration←114 | 115→ (geb. vor 1940, seit 1945/1946 im Untersuchungsgebiet ansässig) nur in 24,4 % der Belege auf (N = 131). Die Nachkriegsgeneration der Vertriebenenfamilien kennt diese Variante dann offensichtlich kaum noch, hier fällt die Verwendungsfrequenz auf nur noch 14,8 % (N = 72) ab. Entsprechend steigt der Anteil von Hiatrealisierungen ohne intermittierten Konsonanten bei den Immigranten früher und stärker an als bei den jeweiligen Mecklenburger Altersgenossen an. Die Tendenz zum Abbau der ‚mecklenburgischen’ Hiatattilgung ist bei den Zuwanderern und ihren Familien deutlicher ausgebildet als bei den Alteingesessenen, die stärker an einzelne Lautkontexte bzw. Lexeme gebundene Hiattilgung auf g wird jedoch von den Alteingesessenen übernommen. Falls das L2-Niederdeutsche der Immigranten also Rückwirkungen auf das Niederdeutsch der alteingesessenen Gesprächspartner gehabt haben sollte, dann hätte es den Abbau der Hiattilgung auf d tendenziell beschleunigt.

Abbildung 6: Hiattilgung bei Alteingesessenen und Vertriebenen im diachronischen Vergleich (A: Alteingesessene zweier Generationen, V: Vertriebene und ihre Nachkommen)

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4 Ein Seitenblick nach Vorpommern

Die hier bislang getroffenen Aussagen zur Entwicklungsdynamik der Hiattilgung und zu ihrer Distribution in lautlichen Kontexten müssen in ihrer Gültigkeit auf mein zentralmecklenburgisches Untersuchungsgebiet beschränkt werden. Dies zeigt ein Blick auf eine kleine Vergleichsstichprobe aus Vorpommern. In der etwa 30 Kilometer südlich von Greifswald gelegenen Kleinstadt Gützkow habe ich im←115 | 116→ Jahr 2008 ebenfalls Wenkerübersetzungen aufgenommen.39 Es handelt sich um drei Aufnahmen von Alteingesessenen aus der Vorkriegsgeneration und drei Aufnahmen von alteingesessenen Gützkowern, die zwischen 1948 und 1956 geboren wurden. Die Realisierung der Hiattilgung in diesem kleinen vorpommerschen Vergleichskorpus weist bemerkenswerte Differenzen zu den zentralmecklenburgischen Wenkerübersetzungen auf. Überprüft wurden die Dialektübertragungen der auch für Mecklenburg zugrunde gelegten Testwörter für den Vokal-Hiat bei sechs Gewährspersonen aus Gützkow. Von insgesamt 63 Belegen weisen 92 % eine Hiattilgung mit dem Plosiv g auf. Nur 6,4 % der Belegübersetzungen wurden ganz ohne Hiattilgung realisiert. In allen vier Einzelfällen handelt es sich um Übertragungen der beiden Wörter rein und Kindereien, die auch von den zentralmecklenburgischen Gewährsleuten besonders häufig ohne Hiattilgung übersetzt wurden. Der einzige Beleg für ein intermittiertes d (Kraid’n) stammt von einem Angehörigen der jüngeren Generation. Dies ist auch der einzige Unterschied zwischen den Aufnahmen der jüngeren und der älteren Generation, von welcher Hiattilgungen auf d gar nicht verwendet wurden. Das intendierte Niederdeutsch beider Altersgruppen aus Gützkow stimmt also bis auf diesen minimalen Unterschied im Hinblick auf die Hiatrealisierung vollständig überein. Für eine diachronische Entwicklungsdynamik, wie sie sich im zentralmecklenburgischen Korpus abzeichnet, gibt es in Gützkow keine Hinweise. Anders als in Zentralmecklenburg lassen sich für die Hiattilgung auf g auch keine Präferenzen für spezifische phonetische Kontexte ausmachen. Die Variante auf g ist vielmehr über sämtliche Testwörter mit Ausnahme des Lexems Kindereien40 gleichmäßig distribuiert. Die These einer Ausbreitung des ‚mecklenburgischen’ d-Einschubs nach Osten findet jedenfalls in Gützkow keine Bestätigung.41 Hier dominiert mit hohen Frequenzzahlen und großer intergenerationeller Stabilität in allen getesteten phonetischen Kontexten die Hiattilgung auf g im intendierten Niederdeutsch. So gesehen kann hier weiterhin von einem ‚vorpommerschen’ Dialektmerkmal gesprochen werden. Der areale Faktor ist hier nicht wie in Westmecklenburg mit zusätzlichen kontaktphonetischen Bedingungen verschränkt.←116 | 117→

5 Die „Adoption“ der Hiattilgung in flektierte Wortformen

Abschließend möchte ich noch auf eine eigentümliche Transformation der Hiattilgung hinweisen, die in den niederdeutschen Aufnahmen der Erhebungsregion immer wieder zu hören ist, und die schon Schirmunski für mitteldeutsche Dialekte als „Adoption“42 der Tilgungskonsonanten in Flexionsformen der betreffenden Lexeme beschrieben hat. Gemeint sind Fälle wie Fruch ‚Frau’ oder umbuucht ‚umgebaut’, bei denen der Tilgungsplosiv aus Formen mit Vokal-Hiat (Frugen, bugen) auch auf Flexionsformen übertragen wird, in denen auf den langen Stammvokal des Lexems kein zweiter Vokal (Schwa) folgt, also gar kein Vokal-Hiat vorliegt. Im Falle von Fruch wird das Tilgungs-g aus dem Plural Frugen in den Singular übertragen, wo es im absoluten Auslaut stellungsbedingt spirantisiert wird (Frug- > Fruch). Fruch ist in aktuellen und historischen Tonaufnahmen der Wenker-Übersetzungen nur selten zu verzeichnen.43 In den 25 historischen Wenkerbögen der Untersuchungsregion treffen wir die Übernahme des Tilgungsplosivs in die Übersetzung von Singular Frau, als Frug verschriftlicht, aber noch recht häufig an (32 %, N = 25).

Der entsprechende Mechanismus findet sich bei flektierten Verbformen, in die der Tilgungsplosiv aus der Grundform übertragen und dort vor -t stellungsbedingt ebenfalls spirantisiert wird (umbuug-t > umbuucht). In aktuellen und historischen Aufnahmen niederdeutscher Interviews und freier Dialekterzählungen findet sich das Phänomen besonders häufig bei Partizipien von Derivationsformen des Verbs bugen ‚bauen’: etwa als umbuucht oder utbuucht, inbuucht.44 Oder als upbuucht, ümbuucht im niederdeutschen Interview einer Alteingesessenen aus Heiligenhagen45 oder als upbuucht (2x), anbuucht in der niederdeutschen Dialekterzählung eines Vertriebenen aus Schwaan.46 Wir finden aber auch Belege←117 | 118→ wie affhaucht ‚abgehauen’47 oder in der 3. Pers. Präsens „dei verstait alls œwer […] druucht sich nich“ ‚die versteht alles, aber traut sich nicht‘.48 In all den genannten Fällen handelt es sich um phonetische Kontexte nach hinterem Stammvokal [u: oder ao], also um Kontexte, in denen bei der Hiattilgung auch in Zentralmecklenburg der Plosiv g präferiert wird. Für Kontexte nach Vordervokal im Stammmorphem habe ich bislang nur in einer historischen Tonaufnahme aus Letschow einen Beleg für den Transfer des Tilgungs-g gefunden: vörglöicht ‚vorgeglüht, beim Dieselmotor‘.49

Das phonetische Kontaktphänomen der Hiattilgung wird von den Sprecherinnen und Sprechern offenbar häufig als plosiver Auslaut des Stammmorphems interpretiert und entsprechend in die Bildung von Flexionsformen der entsprechenden Lexeme ‚adoptiert‘. Man könnte hier von einer Morphologisierung bzw. Lexematisierung der Hiattilgung sprechen.

Dieser Mechanismus scheint allerdings ausschließlich auf Hiattilgungen mit dem Plosiv g beschränkt zu sein. Ein Transfer des Tilgungsplosivs d in flektierte Verbformen, in der dann zwei dentale Plosive aufeinanderträfen, wäre wohl artikularisch kaum realisierbar (*vörglöid-t). Entsprechend realisiert eine Gewährsperson aus Schwaan den verbalen Präsens Plural des Verbs freuen im niederdeutschen Interview an einer Belegstelle mit Tilgungs-d („dei froiden sich“, ‚die freuen sich’), bildet das Partizip des Verbs im selben Interview aber ohne hörbar intermittiertes d: „hai het sich froit“ ‚er hat sich gefreut’.50 Die Möglichkeit, die Hiattilgung auf g in spirantisierter Form in die besonders frequente dritte Person Singular des Präsens oder in das Präteritum der entsprechenden Verben zu übertragen und auf diese Weise als Morphemauslaut zu interpretieren (schriecht, schriechte(n/st)), dürfte die g-Tilgungen im Sprachgebrauch stabilisieren, während bei der Hiattilgung auf d ein vergleichbarer Mechanismus aus artikulatorischen Gründen weitgehend ausgeschlossen ist (?schried-t, schried-te(n/st)). Hier liegt vermutlich eine zusätzliche Erklärung, wieso bei einer generellen Tendenz zum Abbau standardferner Varianten des Niederdeutschen die Hiattilgung auf g stärkere Resistenz zeigt als der Tilgungsplosiv d.51←118 | 119→

6 Zusammenfassung

Die strikte Gegenüberstellung einer westlichen, mecklenburgischen und einer ostmecklenburgisch bzw. vorpommerschen Realisierung der Hiattilgung, von der die Literatur zum mecklenburgischen Niederdeutsch bis heute meist ausgeht, lässt sich in meinem zentralmecklenburgischen Untersuchungsgebiet nicht bestätigen. Vielmehr stehen die Hiattilgung auf d und die auf g im Untersuchungsgebiet in starker Konkurrenz – und standen es auch schon zur Zeit von Georg Wenkers Fragebogenerhebung. Neben der arealen Verteilung ist die Wahl des Tilgungskonsonanten in Zentrum Mecklenburgs recht deutlich auch von phonotaktischen Faktoren bestimmt bzw. bestimmt gewesen. Unter heutigen Niederdeutschsprechern der Region sind konsonantische Hiattilgungen insgesamt stark rückläufig, hier zeichnet sich eine Strukturadvergenz an das Standarddeutsche ab, das keine Hiattilgungen kennt. Dominierte die Hiattilgung auf d im intendierten Niederdeutsch der Vorkriegsgeneration insbesondere bei Dorfbewohnern noch deutlich, so wird gerade der Tilgungskonsonant d im Zuge eines allgemeinen Übergangs zu ungetilgten Hiatrealisierungen besonders stark abgebaut. Das Lernerniederdeutsch der in das Untersuchungsgebiet immigrierten Heimatvertriebenen dürfte die Abbaudynamik des Merkmals noch verstärkt haben. Der Tilgungskonsonant g erweist sich im Untersuchungsgebiet bei einigen Lexemen und Lautkontexten als recht resistent. Er bleibt, wie ein stichprobenartiger Vergleich mit Sprachaufnahmen aus Gützkow nahelegt, auch in Vorpommern stabil, wo er keine nennenswerte Konkurrenz durch den Tilgungskonsonant d bekommt. ←119 | 120→

Literatur

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Wiggers, Julius: Grammatik der plattdeutschen Sprache. In Grundlage der Mecklenburgisch-Vorpommerschen Mundart. Leipzig 1857.←121 | 122→ ←122 | 123→


1 Wiggers 1857, S. 5.

2 Nerger 1869, S. 151. Teuchert (1959, S. 226) bestätigt „das verschiedene Alter dieser beiden Übergangslaute“ und führt sie auf Lautentwicklungen im Wortkontext zurück: „Es dürfte sich -g- als ein hiattilgender Laut zwischen Vokalen erklären, das gälte auch vor der Endung -en, dagegen wäre -d- erst nötig geworden, nachdem der Vokal der Endung -en geschwunden war. Der Erstbeleg bett Teiden ‚bis zehn Uhr’ stammt […] aus dem Jahr 1790 […] aber teigen ist schon 1734 […] belegt.“ Über den (historischen) Ursprung der Hiattilgung sind sich Nerger und Wiggers uneins; während Wiggers den Ursprung des „vocaltrennenden g“ eher in kontaktphonetische Bedingungen legt, führt Nerger die Hiattilgung bis auf wenige Ausnahmefälle „auf älterer [sic] Fricativa“ zurück (Nerger 1869, S. 151 und 138–139). Auf die frühe Sprachgeschichte der Hiattilgung und ihren allgemein angenommenen Import über Siedler aus Westfalen in das ostniederdeutsche Kolonialgebiet soll hier nicht eingegangen werden, vgl. dazu Ehlers im Druck. Ich beschränke die Betrachtung hier nur auf die mecklenburgischen Verhältnisse seit 1880.

3 Vgl. Digitaler Wenker-Atlas: www.regionalsprache.de/SprachGiS/Map/aspx, Lautkarte/Wortschatzkarte WA 260 (Stand: 11.12.2016). Der Rostocker Studienrat Paul Beckmann (1954/55, S. 131–132) datiert die Ausbreitung der Hiattilgung auf d in meinem Untersuchungsgebiet aus eigener Anschauung deutlich später. Demnach habe sich „vom nördlichen Westen her […] etwa seit 1890 der Gleitlaut d durchzusetzen“ begonnen, aber bis 1920 Rostock kaum erreicht und erst nach dem Zweiten Weltkrieg dort „vor allem in der jungen Generation“ das „Übergewicht“ über den g-Klusil gewonnen. Bemerkenswert bleibt an diesen subjektiven Einschätzungen, dass ältere Sprachteilnehmer aus der Großstadt Rostock die Hiattilgung auf d offenbar noch in den 1920er Jahren als ‚neue‘ und ‚von außen kommende‘ Entwicklung empfunden haben.

4 Teuchert 1942, S. IX.

5 Mecklenburgisches Wörterbuch 6 (1976), S. 466, vgl. etwa zu Krähen (Plur.): „die westl. Form Kreiden reicht bis in die Rostocker Heide“ (Mecklenburgisches Wörterbuch 4 (1965), S. 648).

6 Foerste 1954, Sp. 2042.

7 Stellmacher 1980, S. 466.

8 Stellmacher 1980, S. 465. Die ausdrücklich für den „Stand: 1979“ gezeichnete Isoglosse der Hiatrealisierung bei Stellmacher unterscheidet sich in ihrem Verlauf allerdings kaum von der maigen/maiden-Isoglosse, die schon Foerste auf der Basis des Sprachatlas kartiert (vgl. Foerste 1954, Sp. 2039–2040). Teepe bringt später eine Karte zur Realisierung des Hiats in den niederdeutschen Entsprechungen für neue, auf welcher bei ganz ähnlichem Isoglossenverlauf die getilgte Form nīg- in Vorpommern einer mecklenburgischen Form nī- gegenübersteht (Teepe 1983, Kartenanhang S. VIII).

9 Gernentz 1980, S. 89; Schönfeld 1990, S. 98; Schröder 2004, S. 50.

10 Gundlach 1988, S. 427.

11 Im Rahmen meines DFG-Projekts „Kontaktlinguistische Untersuchungen zur sprachliche Akkulturation Heimatvertriebener in Mecklenburg“ habe ich im genannten Zeitraum mit 86 Zeitzeugen (sprach)biografische Interviews und verschiedene Sprachtests durchgeführt, die später um weitere vier Interviews ergänzt wurden.

12 Um die schwierige Beurteilung der Niederdeutschkompetenz nicht allein auf Selbsteinschätzungen der Probanden zu stützen, wurden die Wenkerübersetzungen einer Referenzgruppe von zehn alteingesessenen MecklenburgerInnen der Vorkriegsgeneration, die primär niederdeutsch sozialisiert wurden, als relative Bezugsgröße gewählt. Nur Probanden, die in ihren Übersetzungen dreier Testsätze mindestens 80 % der 44 niederdeutschen Merkmale realisierten, in denen die Übertragungen der zehn Referenzpersonen völlig übereinstimmten, wurden in diese Untersuchung als gute bzw. sehr gute Niederdeutschsprecher aufgenommen.

13 Vgl. Ehlers 2013.

14 Die 25 ausgewählten historischen Wenkerbögen stammen aus den genannten fünf Fokusorten bzw. aus deren näherer Umgebung: Berendshagen (Bogennummer 48752), Bernitt 48927, Biestow 48592, Börgerende 48528, Damm 48601, Heiligenhagen 48580, Letschow 48762, Neu-Bernitt 48926, Niendorf 48764, Nienhagen 48537, Rederank 48578, Reinshagen 48579, Rethwisch 48530, Retschow 48576, (Rostock) Barnsdorf 48547, (Rostock) Gehlsdorf 48549, (Rostock) Lichtenhagen 48540, (Rostock) Riekdahl 48553, Satow 48755, Schwaan 1 48763, Schwaan 2 53091, Schwaan 3 53092, Vorbeck 48936, Warnemünde 48518, Wiendorf 48765.

15 Zwei Aufnahmen der Wenkerübersetzungen von 1990 aus Jürgenshagen (Korpus: Phonetischer Atlas von Deutschland (MR PAD), Siglen WEG 55AW1, WEG 56AW1, Aufnahmejahr 1990, www.regionalsprache.de, Audiokatalog) und sechs Aufnahmen aus Retschow und Letschow von 1962 (je drei Übersetzungen und freie Erzählungen) aus dem IDS-Korpus „Archiv für Gesprochenes Deutsch AGD / Deutsche Mundarten – DDR“.

16 Herrmann-Winter 1974, S. 174.

17 Gernentz 1974, S. 223.

18 Gernentz 1980, S. 89.

19 Gundlach 1988, S. 427.

20 Gernentz 1974, S. 226.

21 Hermann-Winter 2003, S. 198.

22 Kontexte in den historischen Wenkersätzen, WS 2: „… hört auf zu schneien…“; WS 17 „… Kleider … fertig nähen …“; WS 17: „… mit der Bürste rein machen.“; WS 21: „… die neue Geschichte erzählt …“; WS 22: „Man muss laut schreien …“; WS 28: „… solche Kindereien treiben …“; WS 33: „… schöne neue Häuser …“; WS 33: „… Häuser in euren Garten bauen …“; WS 38: „Die Leute sind draußen … und mähen …“.

23 Dies zeigt sich etwa bei der Übertragung des Testwortes Kindereien, das eine Reihe von Gewährsleuten des mündlichen Übersetzungstests nicht als direkt ins Niederdeutsche umlautbar empfunden hat und durch Ersatzlexeme (Kinnerkråm o. ä.) ersetzt hat. Wo die schriftlichen Wenkerübersetzungen dennoch eine wörtliche Übertragung ins Niederdeutsche vornehmen, orientieren sie sich meist strikt an der hochdeutschen Vorlage und übertragen sie dann zu 95 % (N = 20) standardnah ohne Hiattilgung als Kinneri-en, Kinnerin o. ä.

24 Für den diachronischen Vergleich werden dieselben neun Testwörter zugrunde gelegt, die auch in der historischen Wenkervorlage verwendet wurden. In den schriftlichen Übersetzungen der historischen Bögen kann natürlich nicht mit Sicherheit entschieden werden, ob der geschriebene Tilgungskonsonant g plosivisch oder spirantisch gesprochen wurde. In den aktuellen Aufnahmen meines Erhebungsgebiets wird die Hiattilgung auf g fast ausschließlich plosivisch realisiert. Die äußerst seltenen spirantischen Tilgungen sind aus der Auswertung ausgeschlossen worden.

25 Ein Nebeneinander beider Tilgungsvarianten findet sich auch in den 1990 aufgezeichneten Wenkerübersetzungen von zwei Angehörigen derselben Altersgruppe aus Jürgenshagen. Dort war bei insgesamt geringer Belegzahl die Präferenz für den Tilgungskonsonanten d etwas ausgeprägter: Von den nur 13 Belegen wurden 61,5 % Tilgungen auf d, 30,8 % Tilgungen auf g gewählt, 7,7 % der Belege blieben ohne plosivische Hiattilgung, vgl. Korpus: Phonetischer Atlas von Deutschland (PAD), Signaturen WEG55AW1, WEG56AW1. Aufnahmejahr 1990, www.regionalsprache.de, Audiokatalog. Die sechs historischen Übersetzungs-Aufnahmen aus dem IDS-Korpus „Deutsche Mundarten – DDR“ aus Letschow und Retschow enthalten leider keine geeigneten Belegwörter.

26 Die niedrige Zahl der Gewährspersonen aus der Nachkriegsgeneration spiegelt die Schwierigkeiten, in dieser Altersgruppe im Untersuchungsgebiet noch Probanden zu finden, die die vorausgesetzte Niederdeutschkompetenz haben.

27 Köhncke 2006, S. 171. Im Zusammenhang seiner Überlegungen zur Entstehung der beiden plosivischen Formen erörtert allerdings schon Teuchert (1959, S. 223–226) die Abhängigkeit des Merkmals von verschiedenen Lautkontexten.

28 Das mögliche Testwort rein (rai-en) wurde aus der Betrachtung ausgeschlossen, weil es im Kontext der Vorlage (mit der Bürste rein machen) offenbar als nicht wörtlich ins Niederdeutsche umsetzbar empfunden wurde, vielfach durch Ersatzbildungen (sauwer måken, affbösten) übertragen und im Übrigen in den mündlichen Übersetzungen fast nie mit plosivischer Hiattilgung gebildet wurde und so die im Übrigen sehr kohärenten Ergebnisse für den Lautkontext [ae-ən] stark verzerrt hätte.

29 In den folgenden Diagrammen wird der Gegensatz der beiden Lautkontexte durch eine vereinfachte Verschriftlichung der Diphthonge hervorgehoben: Vordervokal vor Hiat (i:, ai, oi) versus Hintervokal vor Hiat (u:, au).

30 Obwohl das Testwort neue zweimal in der Übersetzungsvorlage vorkam (WS 21: „neue Häuser“; WS 33: „die neue Geschichte“), bleibt die Gesamtbelegzahl vergleichsweise gering, weil die Probanden hier vor Anlaut g im Folgewort Geschichte meist suffixlos übersetzten (de ni Geschicht versus nige Hüser) und dieses daher nicht als Beleg für den Hiat gewertet werden konnte. Auch die mehrfach elizitierte Übersetzungsvariante de niich Geschicht wurde hier nicht als Hiattilgung gewertet, zu derartigen Formenbildungen siehe unten.

31 Köhncke 2006, S. 170.

32 Gernentz 1974, S. 226.

33 Für den besonders raschen Abbau der Hiattilgung in haugen könnte eine Rolle spielen, dass das Lexem anders als bugen ohne die Hiattilgung völlig standardidentisch klingt.

34 Herrmann-Winter 2003, S. 198.

35 Dabei sind die Variationsbreiten in der großstädtischen und in der dörflichen Vergleichsgruppe interpersonell bemerkenswert gering: Die Frequenzen der Hiattilgungen auf g variieren bei den fünf Rostocker Probanden nur zwischen 36,7 % und 45,5 %, bei den fünf Probanden aus Satow, Jürgenshagen und Püschow nur zwischen 22,2 % und 27,3 %. Die Übersetzungen der sechs Probanden aus Schwaan fallen hinsichtlich des Merkmals erheblich heterogener aus, hier reichen die Frequenzen der Hiattilgungen auf g von 0 % bis 69,2 %, der Mittelwert für die gesamte kleinstädtische Gruppe ist also deutlich weniger aussagekräftig.

36 Für sein lauenburgisches Untersuchungsgebiet konstatiert Heigener (1937, S. 31, 53, 63) in seiner Landschaftsgrammatik, dass die „ganz jung[e]“ Entwicklung des „Gleitlauts“ d von den konservativen Städten (Ratzeburg, Mölln, Lauenburg) nicht übernommen wurde. Vgl. den Rostocker Beckmann (1954/55), der den Gebrauch der Hiattilgung auf d als eine aus dem Westen kommende Entwicklung bestimmt, die erst spät in den großstädtischen Sprachusus überging.

37 Ehlers 2013.

38 Es wurden nur Vertriebene in die Untersuchung einbezogen, die vor ihrer Vertreibung keinen Kontakt mit dem Niederdeutschen gehabt haben konnten, weil sie aus mittel- oder oberdeutschen Dialektregionen zugewandert sind. Diese Personen haben ihre Niederdeutschkompetenz gegebenenfalls erst in ihrem neuen mecklenburgischen Lebensumfeld erworben.

39 Die Aufnahmen entstanden im Zusammenhang mit Recherchen für das DFG-Projekt „Sprachvariation in Norddeutschland (SiN)“, sind aber nur zu einem Teil in das SiN-Korpus eingegangen, das sich auf Frauen der jüngeren Altersgruppe beschränkte.

40 Kindereien wurde meist mit anderer lexikalischer Grundlage (z. B. Görenstraik) oder ohne plosivische Tilgung ins Niederdeutsche übersetzt.

41 Gundlach 1988, S. 427.

42 Schirmunski 2010 [1961], S. 430–431.

43 „Bi de Fruch“ (in zwei Aufnahmen von 1962, IDS-Korpus „AGD/Deutsche Mundarten – DDR“: Mann, geb. 1890 in Retschow (DR933) und Mann, geb. 1930 in Letschow (DR928) und in einer Aufnahme von 1990 aus dem Korpus des Digitalen Wenkeratlas (Korpus: MR PAD, www.regionalsprache.de, Audiokatalog, Mann, geb. 1924 in Jürgenshagen, WEG56AW2) sowie bei einer Vertriebenen aus meinem Korpus, Frau 19, geb. 1923 in Böhmen).

44 Zwei Interviewaufnahmen von 1962 aus dem IDS-Korpus „AGD/Deutsche Mundarten – DDR“: Mann, geb. 1929 in Retschow (DR934) und Mann, geb. 1930 in Letschow (DR928).

45 Frau 85, geb. 1954 in Mecklenburg.

46 Herr 1, geb. 1932 in Schlesien.

47 IDS-Korpus „AGD/Deutsche Mundarten – DDR“: Mann, geb. 1929 in Retschow (DR934).

48 Herr 58, geb. 1950 in Mecklenburg.

49 IDS-Korpus „AGD/Deutsche Mundarten – DDR“: Mann, geb. 1930 in Letschow (DR928).

50 Herr 58, geb. 1950 in Mecklenburg.

51 Einen Zusammenhang zwischen der Bildung der Flexionsformen und der diachronischen Entwicklung der Hiattilgung deutet auch Herrmann-Winter (2003, S. 198) in einer Zusatzbemerkung zum Lemma schneien in ihrem Wörterbuch an: „Ursprünglich markierten die unterschiedlichen Formen schniegen (östlich) und schnieden (westlich) die Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern. Da in konjugierten Formen dieser Lautunterschied aufgehoben ist, gilt heute weiträumig schnien und schniegen.“ Dieser Darstellung ist mit der Einschränkung zuzustimmen, dass in den konjugierten Formen der Lautunterschied der Tilgungskonsonanten g-d keineswegs aufgehoben wird, sondern sich auf einen Kontrast von [ç] und Nullmorphem verschiebt: schniecht versus schniet. Die Hiattilgung auf d hat keine morphologisierende Stütze in den konjugierten Formen.