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Niederdeutsch und regionale Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern

Strukturelle, soziolinguistische und didaktische Aspekte

Series:

Edited By Birte Arendt, Andreas Bieberstedt and Klaas-Hinrich Ehlers

Im Mittelpunkt des Bandes steht der Wandel des Niederdeutschen und der regionalen Umgangssprache in Mecklenburg-Vorpommern. Er vereint linguistische Beiträge, die Aspekte der Entwicklung und Struktur sowie des Gebrauchs regionaler Sprachformen in diesem Bundesland in den Blick nehmen. Der Fokus der Darstellungen liegt auf jüngeren und aktuellen Entwicklungen. Zugleich beziehen die Beiträge die Vorgeschichte der gegenwärtigen Sprachverhältnisse seit dem 19. Jahrhundert ein. Ein eigener Themenblock ist der institutionellen Vermittlung und Förderung des Niederdeutschen gewidmet. Damit trägt der Band der Tatsache Rechnung, dass sich die Vermittlung des Niederdeutschen heute zunehmend auf Bildungsinstitutionen verlagert und zum Gegenstand amtlicher Sprachpolitik geworden ist.

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Zum Wandel des Niederdeutschen auf der Insel Rügen zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert – Ein diachronischer Vergleich anhand ausgewählter Sprachmerkmale (Martin Hansen)

Martin Hansen

Zum Wandel des Niederdeutschen auf der Insel Rügen zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert – Ein diachronischer Vergleich anhand ausgewählter Sprachmerkmale

Abstract: Since the 2nd half of the 19th century a reinforced and nowadays still continuing decline in the use of Low German – in favor of Standard German language – is detectable in the everyday communication in northern Germany. This also applies to the isle of Rügen, located in the northeast of the German federal state of Mecklenburg-Western Pomerania.

The article illustrates – based on selected speech features – the development of the Mecklenburg-Western Pomeranian dialect in the language area of Rügen. The empirical basis are local dialect translations of the 40 Wenker sentences that were surveyed by Georg Wenker in 1880. For this study I compared the transliterated 40 Wenker sentences with audio material surveyed by Renate Herrmann-Winter in 1962/63 and 2006/07 in similar locations. Based on this comparison and the analysis of certain language variables, significant evidences can be found that characterize the diachronic development of this Low German dialect over two centuries.

The aim of this study is to show in six examples how the linguistic approximation of Low German to Standard German occurs and how these changes can be described appropriately. In order to make the process of approximation understandable I will identify so-called standard-close dialect variants and standard-identical variants in phonetics-phonology, morphosyntax and lexicon.

The interpretation of the results is orientated on the concepts of “language dynamics” and “synchronization”, developed by Schmidt/Herrgen. Based on these concepts language variation can be understood as a necessary consequence of the communicative interaction between Low German and Standard German speakers. Besides an approximation of the Low German language system towards the Standard German language system (hypothesis I), these contact-induced variations lead to a decrease of the speaker`s dialect competence (hypothesis II). In connection with that an increase of variants and non-dialect elements is to be noticed (hypothesis III). In the analysis these crucial effects can be linked with the socio-communicative factor of language acquisition that changed during the observed time: from a primary Low German to a primary Standard German acquisition.

1 Einleitung

Die niederdeutsche Sprache befindet sich seit rund 500 Jahren in einer mehr oder weniger dauerhaften Konkurrenzsituation zur hochdeutschen Standardsprache. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in der alltäglichen Kommunikation←123 | 124→ im Norden Deutschlands ein verstärkter und bis heute kontinuierlicher Rückgang im Gebrauch des Niederdeutschen zugunsten des hochsprachlichen Sprechens feststellbar. In dem jahrhundertelangen Nebeneinander von standarddeutscher Prestigesprache und niederdeutscher Volkssprache kam es zu zahlreichen wechselseitigen Beeinflussungen auf sprachlicher Ebene.

Der folgende Beitrag beschäftigt sich explizit mit der diachronischen Entwicklung der niederdeutschen Sprache auf dem relativ abgeschlossenen und kleinräumigen Gebiet der Insel Rügen im Zeitraum zwischen dem Ende des 19. und dem Anfang des 21. Jahrhunderts. Vorwiegendes Interesse der Studie ist es, anhand einzelner dialektaler Sprachmerkmale die sprachliche Annäherung des Niederdeutschen an das Hochdeutsche exemplarisch zu beschreiben, und darzulegen, wie sich eine sprachsystemische Angleichung auf den Sprachebenen der Lexik, Morphosyntax und Phonetik-Phonologie vollzogen hat.

Zunächst erfolgt eine kurze Charakterisierung des mecklenburgisch-vorpommerschen Niederdeutsch unter Einbezug relevanter Forschungsresultate zu Sprachwandeltendenzen. Eine kurze Einführung zum Niederdeutschen auf Rügen nebst Vorstellung der Untersuchungshypothesen schließt sich an. Danach werden die zugrundeliegenden Sprachdaten und die Analysemethode erläutert. Im empirischen Teil werden die Resultate der Sprachvariablenanalyse vorgestellt und diskutiert sowie in einem Resümee abschließend zusammengefasst.

2 Niederdeutsch in Mecklenburg-Vorpommern

Sprachlich gehört das Plattdeutsche auf Rügen zur mecklenburgisch-vorpommerschen Mundart, die dem Ostniederdeutschen zuzuordnen ist. Als typische Besonderheiten des mecklenburgisch-vorpommerschen Sprachgebietes gelten die Vokalerhöhung o > u und e > i vor r (Uhr ,Ohr‘, mihr ,mehr‘), die Diminutivendung -ing, sowie die Monophthongierung des Diphthongs /͡ai/ (steet ,steht‘, deet ,tut‘).1 Das Mecklenburgisch-Vorpommersche kennzeichnet ein relativ einheitliches Laut- und Formensystem. Als lange Zeit grenzbildendes Unterscheidungsmerkmal galt für Vorpommern, d. h. auch für Rügen, der g-Einschub im Hiat bei niederdeutschen Verben wie schniegen ,schneien‘ und dreigen ,drehen‘. Auf mecklenburgischer Seite wurde dagegen d gesprochen: schnieden, dreiden. Diese sprachgeographische Differenzierung kann heutzutage allerdings nicht mehr als feste Lautgrenze zwischen beiden Regionen bezeichnet werden.2 Die wohl mar←124 | 125→kanteste Sprachgrenze innerhalb des pommerschen Sprachraums bildet die Linie Landgraben-Zarow, die den nördlichen vorpommerschen vom südlichen mittelpommerschen Sprachraum trennt. Noch bis heute auffällige Sprachmerkmale im gesprochenen Nieder- und Hochdeutschen des mittelpommerschen Gebietes sind beispielsweise die Auslautveränderung -er > -a (Mutter > Mutta) und die Spirantisierung g > j (ganz > janz). Sprachliche Differenzen zwischen dem vorpommerschen Niederdeutsch und dem gesprochenem Dialekt auf Rügen werden in Kapitel 3 thematisiert.

Neuere Sprachwandelphänomene im mecklenburgisch-vorpommerschen Dialekt wurden seinerzeit von Dahl (1974), Herrmann-Winter (1974) und Gernentz (1975) beschrieben. Danach lassen sich unter dem Oberbegriff „Regionalisierung“ drei maßgebliche Sprachwandeltendenzen subsumieren, die im 130-jährigen Untersuchungszeitraum auch für das Niederdeutsche auf Rügen gelten können:

1. Der schrittweise Abbau kleinräumiger lexikalischer, morphologischer und phonetisch-phonologischer Dialektmerkmale zugunsten einheitlicher großregionaler Dialektformen.

2. Die Integration hochdeutscher Sprachelemente in das niederdeutsche Sprachsystem.

3. Die Übernahme niederdeutscher Sprachmerkmale in die Umgangssprache/den Regiolekt.3

Der unter 2. angesprochene und hier vorrangig im Fokus stehende Sprachkontakt zwischen den beiden Varietäten wird von den genannten Autoren anhand synchron beobachteter Sprachphänomene beschrieben.4 Die komplexen Vorgänge, die beim Aufeinandertreffen beider Sprachsysteme mit Hinzunahme einer diachronischen Perspektive eine Rolle spielen, werden deutlicher verständlich mit dem von Schmidt/Herrgen entwickelten sprachdynamischen Grundprinzip der „Synchronisierung“.5 Ausgangspunkt dieses theoretischen Ansatzes ist der per se heterogene Charakter von gesprochener Sprache, der aus der Tatsache resultiert, dass lebenslang verschiedenste Situationen von Sprechern sprachlich bewältigt werden und Differenzen im individuellen Sprachwissen der Einzelsprecher verursachen. Im kommunikativen Austausch finden←125 | 126→ ständig stabilisierende bzw. modifizierende Synchronisierungsprozesse mit den Sprachkompetenzen anderer Sprecher statt, die längerfristig zu Umstrukturierungen im Sprachwissen einer Sprachgemeinschaft führen können und damit Sprachwandel ermöglichen.6

Der im Untersuchungszeitraum auf Rügen stattgefundene Sprachkontakt wird als Resultat solcher Abgleichungsprozesse verstanden, die durch sprachkognitiv-individuelle sowie kommunikativ-soziale Faktoren in Gang gesetzt wurden, um gegenseitiges Sprachverständnis zu gewährleisten. Mit Bezug auf diese Faktoren soll in der Sprachvariablenanalyse deutlich werden, inwieweit sich das niederdeutsche Sprachsystem als flexibel genug erweist, hochdeutsche Sprachmerkmale zu integrieren bzw. vollständig zu übernehmen oder inwieweit hochdeutsche Merkmale gar nicht integriert werden. In einer neueren empirischen Arbeit zur diachronischen Entwicklung des Niederdeutschen in Schleswig kann Viola Wilcken am Beispiel einiger Sprachvariablen ebenfalls einen zunehmenden hochdeutschen Spracheinfluss nachweisen.7 Weil im Untersuchungszeitraum im Sprachgebiet der Insel Rügen ebenfalls die Synchronisierungsprozesse mit der hochdeutschen Standardsprache dominieren, spielen die sogenannten „standardnahen niederdeutschen Dialektvarianten“ und die „standardidentischen Varianten“ eine entscheidende Rolle. Sie sollen dabei helfen zu verdeutlichen, wie sich Sprachwandel vollzieht.

3 Niederdeutsch auf Rügen

Zur regionalen Spezifik des Niederdeutschen auf der Insel Rügen, aber auch zu allgemeinen Sprachwandeltendenzen im Dialekt Norddeutschlands, gibt der 2013 erschienene Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste auf 50 Sprachkarten anschaulich und detailliert Auskunft.8 In der diachronen Dokumentation von 180 Jahren Niederdeutsch auf Deutschlands größter Insel wird in Einzelkarten, aber ebenso in der Gesamtschau deutlich, dass der Sprachraum auch durch die geografische Vielgliedrigkeit der Insel selbst und der zugehöri←126 | 127→gen Halbinseln und Inseln geprägt ist, und das zum Teil bis heute. Auffälligstes regionalspezifisches Sprachmerkmal ist wahrscheinlich die Entwicklung der mittelniederdeutschen Langvokale e2 und o1. Im rügenschen Kernland wird bis heute der Monophthong in Schnee/Koken gegenüber dem vorpommerschen Festland mit Schnei/Kauken gesprochen. Die diphthongische Artikulation ist, möglicherweise geprägt durch die frühe deutsche Besiedlung und durch kirchliche Einflussnahme, bis heute auf der Insel Hiddensee, Ummanz und Mönchgut stabil.9 Der Sprachatlas veranschaulicht eine Reihe weiterer lexikalischer, aber auch morphologischer Sprachspezifika Rügens, die teils im deutlichen Kontrast zur Merkmalsverbreitung auf dem vorpommerschen Festland stehen.10 Bei den hier untersuchten Sprachvariablen sind rügenspezifische Sprachmerkmale und ein, wie auch immer gearteter Inselcharakter, allerdings kein explizites Thema. Daher bleibt auch unberücksichtigt, ob die niederdeutsche Sprache im groben Einzugsgebiet Rügens als beständiger oder intakter gegenüber anderen Regionen bezeichnet werden kann.

Als Ergebnis der oben erwähnten Forschungsbeiträge von Dahl, Herrmann-Winter und Gernentz können unter Zuhilfenahme des sprachdynamischen Ansatzes folgende Leithypothesen formuliert werden, die in der folgenden Untersuchung ausgewählter Sprachvariablen überprüft werden:

Hypothese I: Stetige Abnahme der niederdeutschen Sprachkompetenz.

Im Untersuchungszeitraum vom 19. bis 21. Jahrhundert nimmt die Bedeutung des niederdeutschen Dialekts als gesprochene Alltagssprache kontinuierlich ab. Unmittelbare Folge ist ein beständiger Abbau der dialektalen Sprachkompetenz, die an einer über die Sprechergenerationen hinweg abnehmenden Verwendung niederdeutscher Sprachmerkmale deutlich wird. Die Reduktion des individuellen niederdeutschen Sprachwissens der Dialektsprecher ist auf allen Sprachebenen nachweisbar. ←127 | 128→

Hypothese II: Sprachliche Annäherung an das Hochdeutsche.

Der bestimmende Faktor für die meisten sprachlichen Veränderungen im gesprochenen Niederdeutsch auf Rügen ist der Einfluss der hochdeutschen Sprache. Auf lexikalischer, morphologisch-syntaktischer und auf phonetisch-phonologischer Ebene vollziehen sich im Untersuchungszeitraum sprachliche Angleichungsprozesse („Synchronisierungen“) zwischen Mundart und Standardsprache. Die sprachstrukturelle Annäherung ist im Niederdeutschen am zunehmenden Gebrauch „standardnaher niederdeutscher Dialektvarianten“ bzw. „standardidentischer Varianten“ zu erkennen.

Hypothese III: Zunahme des Variantenspektrums und der nicht-niederdeutschen Sprachelemente.

Die geringer werdende dialektale Sprachkompetenz verursacht vor allem bei den sekundär im Dialekt sozialisierten Mundartsprechern eine zunehmende Unsicherheit in der Realisierung basisdialektaler Sprachelemente. In der jüngeren Sprechergeneration ist deshalb eine rückläufige Tendenz in der Verwendung herkömmlicher niederdeutscher Lexeme, Flexionsformen und Lautmerkmale festzustellen. Bei den primär in der Standardsprache sozialisierten Sprechern ist allgemein eine Zunahme von Umsetzungsvarianten nachweisbar, ihr Niederdeutsch weist eine größere Vielzahl von Varianten auf, die meist am Standarddeutschen orientiert sind.

4 Sprachkorpus und Methodik

Die hier vorgestellte Untersuchung ist entstanden innerhalb des Projekts „Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste“, das von 2006 bis 2013 vom Pommerschen Wörterbuch der Universität Greifswald von Renate Herrmann-Winter geleitet wurde. Als eigenständige Studie wurde sie im Rahmen meiner Masterarbeit 2009 durchgeführt und legt für das Untersuchungsgebiet Rügen dieselben Sprachkorpora zugrunde wie das Gesamtprojekt. Im Fokus standen aber andere Sprachvariablen, die gezielt in Hinsicht auf eine diachrone Sprachvariablenanalyse ausgewählt wurden. Untersuchungsgrundlage sind die 40 standarddeutschen Abfragesätze von Georg Wenker, die 1879/1880 an alle Schulen des damaligen Deutschen Reichs mit der Aufforderung verschickt wurden, sie in den Ortsdialekt zu übertragen. Hinzu kommt Tonbandmaterial aus dem Pommerschen Wörterbuch Greifswald, das 1962/63 von Herrmann-Winter, mit leicht veränderten Ab←128 | 129→fragesätzen, erhoben wurde.11 Die vollständigen Wenkersätze wurden 2006/07 von Herrmann-Winter und mir erneut auf Rügen abgefragt. Qualitative und quantitative Vergleichsbasis meiner Untersuchung sind also die dialektalen Übertragungen der Abfragesätze aus zumeist gleichen Rügen-Erhebungsorten aus drei Zeitstufen im Zeitraum von 130 Jahren:

1880 („WB“ – Wenkerbögen): 20 verschriftete Wenkerbögen von 20 Orten auf Rügen.

1962/63 („MA“ – Mittlere Aufnahmen): 10 Orte mit jeweils 15 Personen, die vor 1910 („alte Generation“), und 15 Personen, die zwischen 1910 und 1940 („mittlere Generation“) geboren wurden.

2006/07 („NA“ – Neue Aufnahmen): 15 Orte mit jeweils 15 Personen, die vor 1942 („alte Generation“), und 15 Personen, die zwischen 1942 und 1972 („mittlere Generation“) geboren wurden.

Im Folgenden werden sechs von insgesamt zwölf untersuchten Sprachvariablen präsentiert. Die zur jeweiligen Variable gehörenden Ausgangsvarianten werden im betreffenden Abschnitt eingangs vorgestellt. In einem Diagramm ist die relative Häufigkeit der Varianten in den Abfragesätzen gestaffelt nach den Erhebungszeiträumen veranschaulicht. Bei den lexikalischen Variablen 1, 2 und 3 und der morphosyntaktischen Sprachvariable 4 ist an der linken Achse des zugehörigen Diagramms die Anzahl der durchgesehenen WB bzw. der untersuchten Sprecher verzeichnet (NA 30 = Neue Aufnahmen mit 30 Sprechern). Rechts unterhalb des Diagramms ist die Häufigkeit des Auftretens der Sprachvariable in den Einzelerhebungen angegeben (WB (1) = ein Beleg im Wenkerbogen des jeweiligen Ortes).

Bei den phonetisch-phonologischen Sprachvariablen 5 und 6 ist die relative Häufigkeit der Varianten nach zugrundeliegender Erhebung zusätzlich nach den in den Aufnahmen vertretenden Sprechergenerationen (alte Generation, mittlere Generation) differenziert (MA-aG = alte Generation der Mittleren Aufnahmen, NA-mG = mittlere Generation der Neuen Aufnahmen). Zudem sind die Kennwörter der hochdeutschen Standardsätze, durch welche die dialektalen Phoneme in vergleichbarer Lautumgebung untersucht werden konnten, unterhalb des Diagramms verzeichnet. Ebenfalls ist angegeben, wie oft die Wörter in den jeweiligen Übersetzungsvorlagen auftraten. Anschließend wird auf die auffälligsten Veränderungen in den Verteilungsverhältnissen der Varianten hingewiesen und Erklärungsansätze diskutiert.←129 | 130→

5 Sprachvariablenanalyse

5.1 Lexikalische Sprachvariablen

Variable 1: Adverb all versus schon

In der diachronen Untersuchung werden die Gebrauchsanteile für die dialektale Umsetzung des standarddeutschen Adverbs ‚schon/bereits‘ dargestellt. In den niederdeutschen Übersetzungen der Gewährspersonen stehen sich die Lexeme all und schon gegenüber.

Abbildung 1: all versus schon

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Belege pro Person bzw. Wenkerbogen: WB (1), MA (4), NA (5)

In den Wenkerbögen (WB) wird ausnahmslos die Variante all verwendet. Dementsprechend kann davon ausgegangen werden, dass all in der Funktion als temporales Adverb am Ende des 19. Jahrhunderts das gebräuchliche dialektale Lexem ist. In den Mittleren Aufnahmen (MA) sinkt der Anteil für all auf etwa 25 %, während schon zu 75 % nachweisbar ist. In den Neuen Aufnahmen (NA) nimmt der Wert für schon nochmals zu, wohingegen sich der all-Anteil weiter verringert. Ein tendenzieller Unterschied zwischen den Sprechergenerationen innerhalb der MA und NA ist nicht feststellbar. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass bei den Informanten aus den Untersuchungsregionen Hiddensee, Ummanz und Mönchgut zumeist all nachgewiesen wird.

Aus dem diachronen Vergleich geht hervor, dass die Anteile für all in den MA und NA deutlich abnehmen. Die Dominanz des Lexems in den WB bestätigt den basisdialektalen Status des niederdeutschen Adverbs. Die signifikante Reduktion des Lexems hängt sehr wahrscheinlich mit dem hochdeutschen Einfluss zusammen. Die rasche Zunahme der Anteile für die standardidentische Variante schon, d. h. die vollständige Übernahme des hochdeutschen Lexems in das Niederdeutsche, ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass eine schrittweise Umphonologisierung des hochdeutschen Lexems in eine standardnahe Dialektvariante nicht angemessen möglich ist (vgl. Sprachvariable 2). Obwohl das sprachstrukturelle Angleichungspotenzial an das dialektale Lautsystem bei schon nicht vorhanden ist, wird das Lexem problemlos in die niederdeutsche Kommunikation←130 | 131→ integriert. Der Grund ist in der im Untersuchungszeitraum zunehmenden Synchronisierung mit der Standardsprache zu vermuten. So wird bei einer Vielzahl von Sprechern aus Hiddensee, Mönchgut und Ummanz noch all nachgewiesen.12

Zusammenfassend kann in der diachronen Untersuchung eine deutliche Reduktion im Gebrauch des basisdialektalen Adverbs all nachgewiesen werden. Entsprechend ist für den Gebrauch des Lexems eine Abnahme im dialektalen Sprachwissen zu konstatieren (Hypothese I). Die direkte Übernahme und der hohe Gebrauchsanteil für die standardsprachliche Alternative schon belegen die lexikalische Annäherung der niederdeutschen Varietät an die hochdeutsche Standardvarietät (Hypothese II).

Variable 2: Interrogativadverb wu(r)väl versus wieviel

Für die Realisierung des Interrogativadverbs wu(r)väl/woväl ,wieviel, wieviele‘ wird dagegen in der Gegenüberstellung von Sprachdaten aus den Jahren 1880 und 2006 deutlich, dass sich die Annäherung des niederdeutschen Frageadverbs an die standardsprachliche Entsprechung, in einer schrittweisen Umphonologisierung an das hochdeutsche Lexem vollzieht.13

Abbildung 2: Interrogativadverb wu(r)väl versus wieviel

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Belege pro Person bzw. Wenkerbogen: WB (1), NA (1)

In den WB ist ausschließlich die Variante wu(r)väl verzeichnet. Dadurch wird der basisdialektale Status des Adverbs bzw. der Konjunktion wur ,wie‘ gegenüber der hochdeutschen Lautform wo ,wie‘ bestätigt.14 In den NA beträgt der Anteil von wu(r)väl/woväl nur noch weniger als 50 %. Die zweithäufigste Umsetzung erfolgt mit der hochdeutschen Entsprechung wieviel. Weiterhin werden die Lautvarianten wieväl und wuviel nachgewiesen.←131 | 132→

Maßgebliche Ursache für die Abnahme der Anteile des niederdeutschen Interrogativadverbs wu(r)väl/woväl in den NA ist der hochdeutsche Einfluss. Auf die ausschließliche Realisierung des niederdeutschen Lexems in den WB folgen in den NA Lautvarianten, die eine sich schrittweise vollziehende Lautassimilation an das hochdeutsche Äquivalent erkennen lassen (Hypothese II). Die progressive Lautangleichung vollzieht sich in der ersten Silbe von wur- > wu- > wo- > wie- und in der zweiten Silbe von -väl > -viel. In dieser Abfolge wird die lexikalische Annäherung des dialektalen Lexems an die hochdeutsche Entsprechung deutlich. Die nachgewiesenen Lautvarianten wieväl und wuviel können als standardnahe lexikalischen Dialektvarianten bezeichnet werden, wohingegen wieviel das standardidentische Frageadverb darstellt. Die Zunahme von lexikalischen Lautvarianten ist ein Beleg für die stärkere Verunsicherung der Informanten beim Gebrauch bestimmter niederdeutscher Lexeme (Hypothese III). Aufgrund der Veränderungstendenzen in der Artikulation des Interrogativadverbs kann von einer Abnahme in der lexikalischen Sprachkompetenz ausgegangen werden (Hypothese I).

Variable 3: Pronomen dat versus es

In der diachronen Gegenüberstellung der niederdeutschen Übersetzungen aus den drei Zeitstufen werden die Anteile für die niederdeutschen Umsetzungen des standarddeutschen Pronomens ,es‘ miteinander verglichen. Das Pronomen tritt in der 3. Person Singular im Nominativ bzw. Objektkasus auf, d. h. ,es‘ übernimmt in den hochdeutschen Abfragesätzen die Rolle des Subjekts oder des Dativ-/Akkusativobjekts. Für gewöhnlich erfolgt die Übertragung ins Niederdeutsche mithilfe von dat. Vor dem Ausgang des 18. Jahrhunderts sind auch die Varianten it/et belegt.15 Das Pronomen befindet sich bei fünf der untersuchten acht Erhebungssätze der NA am Satzanfang.

Abbildung 3: dat versus ,es‘

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Belege pro Person bzw. Wenkerbogen: WB (3), MA (5), NA (8)←132 | 133→

In den WB ist die ausnahmslose Realisation mit dat belegt. Die Flexionsvarianten es und et werden in den MA mit einem Anteil von annähernd 11 % nachgewiesen. Entsprechend verringert sich der dat-Anteil. Von einem Sprecher wird det realisiert. In den NA reduziert sich der Anteil für dat weiter. Er beträgt nunmehr 63 %. Während der Gebrauchsanteil für es in den NA konstant bleibt, nimmt der Wert für et zu. Er beträgt in den NA nahezu 25 %. Die Variante det wird dabei von zwei Sprechern realisiert.

In der Variablenuntersuchung wird der tendenzielle Rückgang im Gebrauch des Lexems dat, in der pronominalen Verwendung von ,es‘ deutlich. Die Ergebnisse der WB belegen den ausschließlichen Gebrauch für das ausgehende 19. Jahrhundert im rügenschen Sprachgebiet. In der Funktion als Pronomen ,es‘ kann dat daher als basisdialektale Variante in diesem Zeitraum gelten. Zentrale Ursache für den Anteilsrückgang von dat ist der hochdeutsche Spracheinfluss. Die belegten Varianten det und et sind standardnahe Dialektvarianten.16 Ihr sprachstrukturelles Angleichungspotenzial wird deutlich in der lautlichen Annäherung an das hochdeutsche Äquivalent ,es‘. Die Realisierung von det könnte zudem gestützt sein durch den Einfluss des berlin-brandenburgischen Regiolekts. Die lexikalische Annäherung des Niederdeutschen an das Hochdeutsche wird daran deutlich, dass sich die Anteile für beide Flexionsvarianten in den MA und NA vergrößern (Hypothese II). Durch den abnehmenden pronominalen Gebrauch von dat wird ein Abbau in der dialektalen Sprachkompetenz nachgewiesen (Hypothese I). Der Verlust an Sprachwissen zeigt sich besonders in der dialektalen Umsetzung des Pronomens am Satzanfang. Bei den Sprechern der MA und noch mehr bei denen der NA bezeugt zusätzlich das zögerliche Übersetzen und die allgemeine Variantenzunahme die Unsicherheit der Informanten (Hypothese III). Anstatt der Übertragung mit dat ist öfter et bzw. es nachweisbar. In beiden neueren Erhebungen bleibt der Anteil für die standardidentische Variante es konstant. Zuständig für den gleichen Beleganteil von es in den NA sind der hochdeutsche Einfluss und die geringere Dialektkompetenz dieser Informanten. Das Hochdeutsche ist vermutlich auch Ursache für die Verdoppelung der Anteile der standardnahen Dialektvariante et. Die Variante entstand wahrscheinlich durch Angleichung des←133 | 134→ hochdeutschen es an den niederdeutschen Lautstand. Ausschlaggebend für die Umphonologisierung ist womöglich das latente Sprachwissen um die markante Lautkorrespondenz zwischen niederdeutsch t und hochdeutsch s, das vor allem bei den bivarietären Sprechern der MA und NA, die nach 1945 geboren wurden, zu vermuten ist. Außerdem sind sprachökonomische Motive für den Anstieg der et-Anteile anzuführen. Durch den Wegfall des anlautenden Dentals d kann die Zungenbewegung zum oberen Zahndamm entfallen, wobei die morphologische Distinktionsleistung nicht verringert wird. Zudem wird durch die Variante et eine einfachere Koartikulation mit vorangehenden Lauteinheiten anderer Lexeme möglich. So erfolgt beispielsweise in Wenkersatz 10 „Ik will’et …“ in den MA und NA recht häufig die Umsetzung mit et, weil dadurch eine effektive lautliche Zusammenziehung mit vorausgehenden will realisiert werden kann. Die geringanteilig belegte standardnahe Dialektvariante det kann ebenfalls als Lautangleichung an das hochdeutsche Pronomen gelten.

5.2 Morphologisch-Syntaktische Sprachvariablen

Variable 4: 3. Person Singular Präteritum von daun/doon ,tun‘

Untersucht werden die Flexionsvarianten für die Konjugation des starken Verbs daun/doon in der 3. Person Singular Präteritum. Im Niederdeutschen besitzt daun/doon aufgrund seiner vielfältigen Funktion als Hilfs-, Modal- oder Vollverb einen besonderen Status.

Abbildung 4: 3. Pers. Sg. Prät. daun/doon

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Belege pro Person bzw. Wenkerbogen: WB (1), MA (1), NA (2)

Die Präteritumsform deer ist in den WB am häufigsten belegt und demnach fester Bestandteil der morphosyntaktischen Sprachwissensstruktur der Informanten des 19. Jahrhunderts. Als entsprechende niederdeutsche Präteritalbildung für das unregelmäßige Verb ,tun‘ wird von Wiggers 1858 noch deed angeführt.17 Die Flexionsvariante entwickelte sich durch Abfall des auslautenden e in mnd. dede. Weil auslautendes -d beim Sprechen starken Veränderungen unterliegt (Rhotazismus←134 | 135→ d > r) kann in den Wenkerbögen von 1880 großanteilig deer nachgewiesen werden. Zu geringen Anteilen wird in den WB die Umsetzungen dee realisiert. Diese Präteritumsvariante ist die weiterentwickelte Flexionsform mit weggefallenem r im Auslaut.18 In den MA ist dee bereits zu einem Anteil von 50 % nachweisbar. Die restliche Realisierung erfolgt durch deed. Beide Präteritumsvarianten sind auch in den NA belegt. Während sich der dee-Anteil geringfügig steigert, sinken die Belege für deed in geringem Maße. Zusätzlich wird bei einem Sprecher die Variante do nachgewiesen.

Die Untersuchung macht deutlich, dass sich in der 3. Person Singular Präteritum von daun/doon mehrere sprachliche Veränderungen vollzogen haben. Hervorzuheben ist, dass die in den WB vorherrschende Flexionsvariante deer in den MA und NA nicht mehr realisiert wird. Ursachen hierfür sind vorrangig in der abnehmenden Dialektkompetenz der Informanten und in sprachökonomischen Entwicklungen zu suchen. Durch sprachartikulatorische Vereinfachung fällt der Endkonsonant r in deer weg. Die Auslautreduktion führt zur suffixlosen Flexionsform dee, die geringanteilig bereits in den WB belegt ist und in den MA die Hälfte der Resultate ausmacht. Für die anderen Anteile in den MA ist die Vollform deed belegt. Ein bewusster Rückbezug der Sprecher auf die alte niederdeutsche Vergangenheitsform, die bei Wiggers dokumentiert wird, kann wohl ausgeschlossen werden. Vielmehr ist die Präteritalvariante mit auslautendem -d als eine lautliche Weiterentwicklung der unmarkierten Flexionsform dee zu interpretieren, die sich wahrscheinlich durch Synchronisierung mit dem standardsprachlichen Äquivalent ,tat‘ entwickelte. Der Schlusskonsonant -d stellt demnach eine lenisierte Lautsynchronisierung zum auslautenden -t in der hochdeutschen Flexionsvariante dar. Die phonetische Ähnlichkeit der beiden Abschlussdentale hat vermutlich bei den Informanten der MA und NA dazu geführt, deed so häufig zu realisieren. Vermutlich durch eine solche Lautangleichung mit der hochdeutschen Entsprechung entstanden, kann diese niederdeutsche Präteritumsform demnach auch als standardnahe Dialektvariante gelten, und ist dann ein Indiz für die sprachstrukturelle Annäherung an das Hochdeutsche (Hypothese II).

Die Anteile für die Präteritalform dee nehmen im gesamten Untersuchungszeitraum konstant zu. Dies könnte auf die sprachökonomische Attraktivität der Flexionsform ohne spezifischen Abschlusslaut zurückgeführt werden. Ungeklärt bleibt die von einem Sprecher in den NA artikulierte ungewöhnliche Umsetzung do. Im Mittelniederdeutschen ist die 1. Person Singular Präsens Indikativ.19 Die←135 | 136→ Resultate der MA und NA für die 3. Person Singular Präteritum von daun/doon, und vor allem der Verlust der basisdialektalen deer-Realisation, sind Zeichen der geringeren dialektalen Sprachkompetenz der jüngeren Sprechergeneration (Hypothese I). Die Variantenzunahme für das Präteritum des im Gebrauch sehr frequenten niederdeutschen Verbs ist ein Anzeichen für die größere Unsicherheit der Sprecher bei der Bildung basisdialektaler Flexionsformen (Hypothese III).

5.3 Phonetisch-phonologische Sprachvariablen

Variable 5: Rundung von kurzem /I/

Die Rundung von kurzem /I/ ist ein typisches Kennzeichen im Vokalismus der niederdeutschen Mundart. Wahrscheinlich war dieses Sprachmerkmal tendenziell bereits in mittelniederdeutscher Zeit vorzufinden. Die Rundung ist gebunden an die lautliche Umgebung labialer Konsonanten. Schirmunski benennt als konkreten Lautkontext die „Umgebung von Lippenlauten und l, bisweilen vor n.“20 Die Rundung des Vokals wird hier anhand des Verbs bün ,bin‘ untersucht. In der Laienverschriftung der WB konnte eine ausnahmslose Umsetzung der Übersetzungsvorlage bin mit <ü> nachgewiesen werden, was auf eine gerundete Aussprache hindeutet. In den mündlichen niederdeutschen Umsetzungen von bin in den MA und NA stehen gerundete Realisierungen ([bYn]) neben ungerundeten ([bIn]).

Abbildung 5: Rundung kurzes /I /

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Kennwort ,bin‘: Belege pro Person bzw. Wenkerbogen: WB (2), MA (1), NA (3)←136 | 137→

Im diachronen Vergleich der gerundeten niederdeutschen Lautvarianten für hochdeutsch ,bin‘ wird die stetige Abnahme im Gebrauch dieses dialektalen Sprachmerkmals nachgewiesen. Anhand der WB wird deutlich, dass die Rundung von /I/ in labialer Umgebung um 1880 ein verbindliches Merkmal im Niederdeutschen der Insel Rügen war. In beiden Sprechergenerationen der MA bis zur alten Generation der NA sinkt der Anteil der gerundeten Formen stetig von 86 % zu 80 % auf 71 %. Eine Zäsur in der gleichmäßig verlaufenden Reduktion der [Y]-Artikulation erfolgt in der mittleren Generation der NA. Der Rundungsanteil verringert sich bei diesen jüngsten Informanten um nahezu die Hälfte, d. h. die im Erhebungszeitraum unter 55-jährigen Niederdeutschsprecher realisieren zu etwa 75 % das ungerundete [I].

Die Gründe für den Abbau dieses Lautmerkmals sind in der Hauptsache auf den Einfluss des Hochdeutschen zurückzuführen. Das sprachstrukturelle Angleichungspotenzial ist dadurch gegeben, dass die ungerundete Lautvariante [bIn] mit der hochdeutschen Verbform übereinstimmt und so problemlos in die niederdeutsche Kommunikation integriert werden kann. Die vermehrte Häufigkeit der ungerundeten Lautvariante kann also mit der im Untersuchungszeitraum zunehmenden hochdeutschen Primärsprachsozialisation und dem geringeren Dialektgebrauch in Zusammenhang gebracht werden. Bei den Sprechern der MA ist zu vermuten, dass durch „passiv“ gehörtes und aktiv gesprochenes Hochdeutsch bewusste und unbewusste Synchronisierungsprozesse mit der ungerundeten Variante [bIn] stattgefunden haben. Beim zumeist sekundären Dialekterwerb der Folgegeneration konnte dann die einfache Übernahme der bereits aus der hochdeutschen Primärstruktur bekannten ungerundeten Lautvariante erfolgen. Weil durch diesen Verlust an dialektaler Kompetenz bei der mittleren Generation der NA die gerundete Variante [bYn] vermutlich gar nicht mehr als eigentliche niederdeutsche Variante wahrgenommen wird und im Sprachgebrauch von [bIn] verdrängt wird, sinkt der Anteil des gerundeten /I/ bei der Sprechergeneration entschieden.

Es ist davon auszugehen, dass die Abnahme des niederdeutschen Sprachmerkmals zusätzlich begünstigt wird durch einen sprachökonomischen Vorteil der ungerundeten, offeneren Lautvariante. Im Gegensatz zu [bYn] kann bei [bIn] nach der Artikulation des bilabialen Plosivs die Zungenposition konstant gehalten werden. Weil die Zungenposition bei [I] etwas höher als bei [Y] liegt, kann im sofortigen Anschluss der Laut [n] gebildet werden. Der geringer werdende Anteil der gesprochenen niederdeutschen Phonem/Lexem-Zuordnung von [Y] in bün wird durch die einfachere Artikulation der standardidentischen Lautvariante bin gestützt.←137 | 138→

Im Untersuchungszeitraum wandelt sich das Untersuchungsmerkmal der /I/-Rundung in labialer Umgebung von einem festen, obligatorischen zu einem fakultativen niederdeutschen Sprachmerkmal im Sprachgebiet Rügens. In der diachronen Untersuchung konnte eine Annäherung an das hochdeutsche Lautsystem festgestellt werden (Hypothese II). Die zunehmende Tendenz zur Entrundung von [Y] lässt auf eine Abnahme der dialektalen Sprachkompetenz im Fundamentalbereich des niederdeutschen Lautsystems schließen (Hypothese I).

Variable 6: phonetische Realisierungen von /r/ in prävokalischer Stellung

Ein typisches Lautmerkmal des niederdeutschen Konsonantismus ist das gerollte Zungenspitzen-r (phonetisch: [r]). Der im prävokalischen Lautkontext artikulierte Konsonant ist in der standarddeutschen Aussprache nicht obligatorisch. Es wird an den Lexemen Broder, Fru, torüch/retour, räd und öwrigens untersucht, ob und inwieweit sich [r] als typisches Merkmal des niederdeutschen Lautsystems gegenüber dem, vor allem im Standard, aber auch im Dialekt gesprochenen Reibe-r (phonetisch: [Â]), behaupten konnte. Da die schriftlichen Umsetzungen der WB für die Artikulation von /r/ keine Rückschlüsse erlauben, können sie nicht in den diachronen Vergleich einbezogen werden.

Abbildung 6: Lautrealisierungen prävokalisches /r/

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Kennwörter ,Bruder, Frau, übrigens, reden, zurückkamen‘: MA (5), NA (6)

In den ersten drei aufgenommenen Sprechergenerationen liegt der Anteil für die Artikulation des Zungenspitzen-r konstant bei nahezu 90 %. Trotz der nicht vorhandenen Sprachdaten in den WB kann die Aussprache von prävokalischem r als [r] auch in diesem Erhebungszeitraum als sicheres Kennzeichen des nieder←138 | 139→deutschen Lautsystems gelten. Das diachron konstante Sprachmerkmal wird in den ersten drei Altersgruppen von annähernd allen Informanten realisiert. Die geringen Anteile der [Â]-Artikulation sind vornehmlich bei räd und Fru belegt. Die bemerkenswerteste Entwicklung des Sprachmerkmals wird in den Resultaten der mittleren Generation der NA deutlich: Die Reduzierung der typisch niederdeutschen /r/-Artikulation um fast 60 %. Die zumeist sekundär niederdeutsch sozialisierten Informanten sprechen das gerollte Zungenspitzen-r nur noch mit einem Anteil von 30 %.

Bei den älteren Sprechergenerationen fällt auf den ersten Blick die gleichbleibend hochfrequente und verlässliche [r]-Aussprache auf. Die Artikulation des alveolaren Vibranten scheint bei den primär im Dialekt sozialisierten Sprechern fest in der lautsystemischen Dialektkompetenz verankert. Die Konstanz in der Phonem/Lexem-Zuordnung mit [r] ist in den drei Sprechergenerationen noch weitestgehend vorhanden. Nur unwesentlich unterbrochen wird die gemeinhin lexemunabhängige Stabilität des Lautmerkmals durch die erwähnte, geringanteilige Umsetzung [fÂuÚ] und [ÂE…t] bei der alten Generation der NA. Beide Lautvarianten sind vermutlich das Resultat von Synchronisierungen mit den hochdeutschen Lexemen.

Augenscheinlich wird der hochdeutsche Einfluss bei der Folgegeneration, der mittleren Generation der NA. Die überwiegend uvulare Artikulation von /r/ ist zurückzuführen auf die Standardsprache. Das sprachstrukturelle Angleichungspotenzial von [Â] ist unmittelbar gegeben, weil das Reibe-r in den Lautsystemen beider Varietäten vorhanden ist. Die standardidentische dialektale Lautvariante wird von dieser Sprechergeneration nicht nur aufgrund des allgemein geringen Dialektgebrauchs bevorzugt. Zusätzlich ist die Aussprache des stimmhaften Frikativs einfacher für die primär in der Standardsprache sozialisierten Sprecher, weil der physiologische Lautbildungsvorgang aus dem Hochdeutschen bereits bekannt ist. Schwieriger zu klären ist die Frage, warum die Erhebungsanteile für das niederdeutsche Lautmerkmal innerhalb von nur einer Sprechergeneration so deutlich gesunken sind. Wahrscheinlich wurde die Weitergabe von [r] zwischen den beiden Sprechergenerationen nicht nur durch die zwangsläufigen Synchronisierungen mit dem allgegenwärtigen Hochdeutsch gestört, sondern möglicherweise, weil ein Korrigieren der mittleren Generation durch die alte Generation nicht explizit stattgefunden hat. Denkbar ist, dass die alte Generation eine lautliche Berichtigung der mittleren Generation schlichtweg nicht für notwendig ansah, denn die mundartliche und standardsprachliche Verständigung ist durch die unterschiedliche Realisierung der /r/-Artikulation nicht beeinträchtigt. Im Umkehrschluss ist es demnach auch für die mittlere Generation nicht notwendig, in das primär erworbene hochsprach←139 | 140→liche Lautsystem ein niederdeutsches Lautmerkmal zu integrieren, das zudem nur in einem speziellen Lautkontext realisiert wird.

Zusammenfassend kann in der diachronen Sprachmerkmalsanalyse eine deutliche Veränderung im Lautsystem des Niederdeutschen festgestellt werden. Bei den bivarietären Dialektsprechern ist in der prävokalischen /r/-Artikulation ein ausgeprägter Lautwandel von [r] zu [Â] nachweisbar. Wilcken kann für die jüngeren Sprecher, die nach 1977 in Schleswig geboren wurden, dieselben Resultate feststellen.21 In Bezug auf das Lautmerkmal ist in dieser Sprechergeneration ein Verlust an Sprachkompetenz im Fundamentalbereich des niederdeutschen Lautsystems dokumentierbar (Hypothese I). Die Lautentwicklung geht einher mit einer sprachsystemischen Annäherung des dialektalen an das standardsprachliche Lautsystem (Hypothese II). Als maßgeblicher Beweggrund für den sehr raschen und deutlichen Abbau des niederdeutschen Sprachmerkmals in der mittleren Generation werden der in dieser Sprechergeneration nicht mehr stattfindende orale niederdeutsche Primärspracherwerb und die stattdessen vorherrschenden Synchronisierungsakte mit der Hochsprache angeführt. Das Zungenspitzen-r vor einem Vokal gilt nicht mehr unbedingt als ein offensichtliches und markantes Lautmerkmal des niederdeutschen Lautsystems. Der Vergleich der Tonaufnahmen unterschiedlicher Zeitstufen verdeutlicht, dass prävokalisch [r] bzw. [Â] zumindest auf der Insel Rügen als recht sicheres distinktives Merkmal in der Unterscheidung zwischen primär und sekundär sozialisierten Mundartsprechern gelten kann.22

6 Zusammenfassung

In der Untersuchung konnte gezeigt werden, dass innerhalb des fast 130-jährigen Untersuchungszeitraums auf allen Sprachebenen des niederdeutschen Dialekts der Insel Rügen sprachliche Veränderungen stattgefunden haben. Die eingangs formulierten Hypothesen wurden dabei grundsätzlich bestätigt.

Die sprachliche Annäherung an das Hochdeutsche wird im diachronen Vergleich ausgewählter niederdeutscher Sprachvariablen als vorherrschende Sprachentwicklungstendenz deutlich (Hypothese II). Als unmittelbare Folge wird ein zunehmendes Variantenspektrum in den untersuchten Sprachvariablen beobacht←140 | 141→bar, das die größer werdende sprachliche Unsicherheit der Informanten in der Bildung lautlicher, morphologischer und lexikalischer niederdeutscher Sprachelemente offenbart (Hypothese III). Neben den höheren Anteilen standardnaher Dialektvarianten werden zunehmend standardidentische Varianten, wie zum Beispiel schon statt all, wieviel statt wu(r)väl, bin statt bün, es statt dat nachgewiesen. Ein sprachstrukturelles Angleichungspotenzial in Richtung Standardsprache wird in den belegten Varianten wieväl und wuviel (Sprachvariable 2), det und et (Sprachvariable 3) sowie deed (Sprachvariable 4) offenbar. Die Möglichkeit einer schrittweisen Annäherung an die Standardsprache ist bei Sprachvariable 1 nicht gegeben, und folglich verdrängt schon die basisdialektale Variante rapide.

Eine vollständige Reduktion von basisdialektal deer als Präteritalvariante von daun/doon, wird in den Aufnahmen von 2006 nachgewiesen. Der rasche Verlust basisdialektaler Sprachvarianten in den neueren Aufnahmen wird mit dem vorwiegend sekundärsprachlichen Dialekterwerb der untersuchten mittleren Generationen der NA in Zusammenhang gebracht, und kann anhand zweier Lautmerkmale bestätigt werden. Sowohl bei der Rundung des kurzen /I/ (Sprachvariable 5) als auch bei der Artikulation von /r/ in prävokalischer Stellung (Sprachvariable 6) kann eine lautliche Annäherung an die phonetisch-phonologische Struktur des Hochdeutschen aufgezeigt werden. Die Resultate auf lautlicher Ebene verdeutlichen, dass eine generationelle Weitergabe der beiden niederdeutschen Lautmerkmale nur unzureichend stattgefunden hat. Als unmittelbarer sozio-kommunikativer Faktor spielt dabei wahrscheinlich der Verlust des erstsprachlichen Niederdeutscherwerbs der Generation, die nach 1945 geboren wurde, eine entscheidende Rolle.

Insgesamt verdeutlichen die Untersuchungsresultate eine kontinuierliche Abnahme in der dialektalen Sprachkompetenz der rügenschen Dialektsprecher (Hypothese I). Im Untersuchungszeitraum wurde demnach die Kommunikation im niederdeutschen Dialekt, also der ständige Abgleich von dialektalem Sprachwissensbeständen zwischen den Plattsprechern auf Rügen, längerfristig durch die dominierende Hochsprache „gestört“. Der niederdeutsche Dialekt ist als zuverlässiges und probates Mittel zur sprachlichen Bewältigung der täglichen Lebenswelt der Rüganer merklich von der Hochsprache zurückgedrängt worden.

Es wird zu zeigen sein, ob sich ähnliche Resultate zur Sprachkompetenz auch in anderen Untersuchungsgebieten Norddeutschlands sowie in Studien zum frei gesprochen Niederdeutsch finden lassen. Dabei scheint es, neben den hier dargestellten Beispielen zur sprachsystemischen Annäherung an das Hochdeutsche, ebenfalls von Interesse aufzuzeigen, in welcher Weise sich welche Sprachmerkmalen des Niederdeutschen als besonders resistent gegenüber hochsprachlichen Einflüssen verhalten. ←141 | 142→

7 Literatur

Dahl, Eva Sophie: Interferenz und Alternanz – zwei Typen der Sprachschichtenmischung im Norden der Deutschen Demokratischen Republik. In: Ising, Gerhard (Hrsg.): Aktuelle Probleme der sprachlichen Kommunikation. Soziolinguistische Studien zur sprachlichen Situation in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1974, S. 339–387.

Ehlers, Klaas-Hinrich: Meihen, meiden, meigen ‚mähen‘ – Zur Hiattilgung im mecklenburgischen Niederdeutsch. In diesem Band.

Elmentaler, Michael: Dialektaler Wandel in Schleswig-Holstein. Die wechselvolle Geschichte von et und dat. In: Langhanke, Robert (Hrsg.): Sprache, Literatur, Raum. Festgabe für Willy Diercks. Bielefeld 2015, S. 301–351.

Gernentz, Hans Joachim: Die kommunikative Funktion der niederdeutschen Mundart und hochdeutschen Umgangssprache im Norden der Deutschen Demokratischen Republik, unter besonderer Berücksichtigung der Interferenz und der Alternanz zwischen diesen beiden sprachlichen Existenzformen. In: Studia Germanica Gandensia 15 (1974), S. 209–244.

Herrmann-Winter, Renate: Auswirkungen der sozialistischen Produktionsweise in der Landwirtschaft auf die sprachliche Kommunikation in den Nordbezirken der DDR. Unter Mitarbeit v. Christa Baufeld, Irmgard Rosenthal, Max Groth und Jürgen Gundlach. In: Ising, Gerhard (Hrsg.): Aktuelle Probleme der sprachlichen Kommunikation. Soziologische Studien zur sprachlichen Situation in der DDR (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft der Akademie der Wissenschaften der DDR, Reihe Sprache und Gesellschaft; 2). Berlin 1974, S. 135–190.

Hermann-Winter, Renate: Plattdeutsch-hochdeutsches Wörterbuch für den mecklenburgisch-vorpommerschen Sprachraum. 5. Aufl. Rostock 2003.

Herrmann-Winter, Renate: Sprachatlas für Rügen und die vorpommersche Küste. Kartographie Martin Hansen. Rostock 2013.

Lasch, Agathe: Mittelniederdeutsche Grammatik (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte; 9). Halle 1914.

MWB = Mecklenburgisches Wörterbuch. Hrsg. von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Aus den Sammlungen Richard Wossidlos und aus den Ergänzungen und nach der Anlage Hermann Teucherts. 7 Bde. Berlin 1942–1992. Unveränd., verkleinerter Nachdruck der Erstauflage von 1937–1992. Neumünster 1996. Rothe, Christian: Nachtrag und Index. Neumünster 1998. ←142 | 143→

Schirmunski, Viktor M.: Deutsche Mundartkunde. Vergleichende Laut- und Formenlehre der deutschen Mundarten (Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Veröffentlichungen des Instituts für deutsche Sprache und Literatur; 25). Aus dem Russischen übersetzt von Wolfgang Fleischer. Berlin 1962.

Schmidt, Jürgen Erich/Herrgen, Joachim: Sprachdynamik. Eine Einführung in die moderne Regionalsprachenforschung (Grundlagen der Germanistik; 49). Berlin 2011.

Schröder, Ingrid (2004): Niederdeutsch in der Gegenwart. Sprachgebiet – Grammatisches – Binnendifferenzierung. In: Stellmacher, Dieter (Hrsg.): Niederdeutsche Sprache und Literatur der Gegenwart. Hildesheim 2004, S. 35–97.

Vorberger, Lars: Hochdeutsch auf Rügen. Eine Untersuchung zum Regiolekt in Bergen auf Rügen. In diesem Band.

Wiggers, Julius (1858): Grammatik der plattdeutschen Sprache. In Grundlage der Mecklenburgisch-Vorpommerschen Mundart, 2. Aufl. Hamburg 1858.

Wilcken, Viola (2013): Wandeltendenzen im Nordniederdeutschen. Dialektproben im diachronen Vergleich. In: Hettler, Yvonne/Jürgens, Carolin/Langhanke, Robert/Purschke, Christoph (Hrsg.): Variation, Wandel, Wissen. Studien zum Hochdeutschen und Niederdeutschen. Frankfurt a. M. [u. a.], S. 15–36.←143 | 144→ ←144 | 145→


1 Vgl. Schröder 2004, S. 50.

2 Vgl. den Artikel zur Hiattilgung im Mecklenburgischen von Klaas-Hinrich Ehlers in diesem Band.

3 Vgl. zum Regiolekt auf Rügen den Artikel von Lars Vorberger in diesem Band.

4 Je nach der im Zentrum stehenden Fragestellung wird der niederdeutsch-hochdeutsche Sprachkontakt von Dahl 1974, Herrmann-Winter 1974 und Gernentz 1974 in ihren Beiträgen mit den Begriffen „Integration“, „Transferenz“, „Interferenz“ und „Alternanz“ beschrieben.

5 Schmidt/Herrgen 2011.

6 Vgl. dazu besonders Schmidt/Herrgen 2011, S. 28–33.

7 Wilcken kann bei der Übertragung der Wenkersätze ins regionale Niederdeutsch bei ihren Probanden mehrfach eine Zunahme im Gebrauch standarddeutscher Sprachelemente feststellen. Beispielsweise wird besonders bei den jüngeren Sprechern, die vor 1977 geboren wurden, eine sprachliche Angleichung an standarddeutsche Konjunktionen deutlich sowie auf Lautebene eine Annäherung an den hochdeutschen Vokalismus erkennbar. Vgl. Wilcken 2013, S. 24 und S. 32.

8 Herrmann-Winter 2013.

9 Vgl. Herrmann-Winter 2013, Karte 32, 35. 1252 wurde der größte Teil der Halbinsel Mönchgut dem Kloster Eldena bei Greifswald übergeben. Ab 1296 gehörte die Insel Hiddensee zum Kloster Neuenkamp bei Stralsund. Die Insel Ummanz zählt ab 1341 zum Besitz des Heiliggeisthospitals zu Stralsund. Es kann vermutet werden, dass das charakteristische diphthongische Sprechen in diesen Sprachgebieten durch die vom vorpommerschen Festland ausgehende Besiedlung begründet wurde. Möglicherweise begünstigte die geographische Randposition und Isoliertheit der Inseln und Halbinseln zusätzlich die jahrhundertelange Tradierung dieser Sprechweise, die im starken Gegensatz zur monophthongischen Artikulation im Kerngebiet Rügens steht.

10 Vgl. Herrmann-Winter 2013, Karte 1, 2, 3, 4, 6, 8, 9, 10, 11, 12.

11 Genaue Informationen zum Hintergrund der Einzelerhebungen sowie den Erhebungsorten finden sich im Sprachatlas, vgl. Herrmann-Winter 2013, S. 15–16.

12 Möglicherweise erweist sich die niederdeutsche Sprachkompetenz dieser Informanten durch intaktere dialektale Sprachkollektive resistenter gegenüber vollständigen Übernahmen aus dem Hochdeutschen.

13 In der Übersetzungsvorlage der MA kam das Adverb wieviel nicht vor, deshalb werden hier nur die WB und NA miteinander verglichen.

14 Vgl. MWB, Bd. 7, S. 1580 und Herrmann-Winter 2003, S. 391.

15 Lasch verweist auf die Doppelformen it (et) des Personalpronomens im Nominativ und Akkusativ Singular Neutrum, Lasch 1914, S. 217. Im MWB ist verzeichnet, dass „et, it, ‘t nur in älterer Sprache noch voll gebräuchlich [ist]“, denn die pronominalen Flexionsvarianten wurden „seit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts, allmählich durch dat verdrängt.“ MWB, Bd. 2, S. 764.

16 In diesem Zusammenhang sei auf die aufschlussreiche Darstellung von Michael Elmentaler zum Übergang von et zu dat im Schleswig-Holsteinischen Raum verwiesen. Hier wird in vergleichbarer Weise und anhand schriftlicher und mündlicher Sprachbelege fundiert deutlich, dass et als veraltete Dialektform in Schleswig-Holstein im Laufe des 19. Jahrhunderts zugunsten von dat verdrängt wird, und ab Mitte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute als Analogiebildung zu standarddeutschem es von Niederdeutschsprechern vereinzelt realisiert wird. Vgl. Elmentaler 2015, S. 304 und S. 321.

17 Wiggers 1858, S. 79.

18 Vgl. dazu Lasch 1914, S. 246 und Wiggers 1858, S. 79.

19 Vgl. Lasch 1914, S. 246.

20 Schirmunski 1962, S. 265.

21 Vgl. Wilcken 2013, S. 32–33.

22 Diese Annahme wird gestützt durch Vorbergers Untersuchung zum „Hochdeutsch auf Rügen“ in diesem Band. Dort realisiert ein 1971 geborener, primär im Dialekt sprachsozialisierter Proband (RUEGALT2) aus Bergen in allen Erhebungssituationen des REDE-Projekts durchweg apikale /r/-Varianten.