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Über Rede in Vers und Prosa

Die Funktion der Formensprache im Roman Doktor Shiwago

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Ulrich Steltner

«Doktor Shiwago», der Roman des Lyrikers Boris Leonidowitsch Pasternak, geriet 1958 in ein Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, das seine Rezeption bis heute prägt. Diese Studie geht, mit dem Ziel der Objektivierung, von einem Form-Funktions-Gefüge aus. Sie analysiert die Formensprache sowohl des Prosateils als auch der Verse des Schlusskapitels, um die Funktion beider Redeformen für das Romanganze zu bestimmen. Ebenso berücksichtigt der Autor den Unterschied zwischen Textschema und kontextuellen Konkretisationen, seien es Urteile der Zeit oder historisch wandelbare Gattungsmerkmale, die das Textverständnis lenken. «Doktor Shiwago» ist ein Experimentalroman, in dem «Chaos» und «Ordnung», «Leben» und «Kunst» sowie «Prosa» und «Vers» einander metafiktional gegenübergestellt beziehungsweise miteinander verbunden werden.

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Anhang: Die Gedichte des Jurij Živago in deutscher Übersetzung

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Meine Argumentation in Bezug auf Lyrik und Prosa in Pasternaks Roman erfordert eine möglichst genaue Berücksichtigung insbesondere des Wortlauts der Gedichte. Sie sind mehrfach insgesamt übersetzt worden, ‚interlinear‘ von Heddy Pross-Werth und Hella Gaumnitz, ‚nachschaffend‘ von Rolf-Dietrich Keil, Richard Pietraß und Christine Fischer.231 Nur die letztgenannten drei künstlerischen Übersetzungen vermitteln eine Ahnung von der Sprachkraft des russischen Originals zwischen lyrischer Konvention und deren kreativer Modifizierung durch Pasternak.

Im Wortlaut werden die Übersetzungen allerdings wegen der Zwänge von Versmaß, Reim etc. notwendigerweise ungenau. Deshalb habe ich eine eigene ‚Interlinear‘-Übersetzung erarbeitet, die selbstverständlich die Lösungen der genannten Übersetzer beachtet, soweit sie mir vorgelegen haben. Die beiden Versionen von Pross-Werth und Gaumnitz unterscheiden sich beträchtlich voneinander, weil „Wörtlichkeit“ gerade angesichts von Pasternaks Sprachverwendung per se häufig bereits zu einer Frage der Interpretation wird. Zudem sollte selbst bei einer Übersetzung ‚Zeile für Zeile‘ die Gesamtheit des Textes ebenso berücksichtigt werden wie seine Sprechbarkeit. Auf der Sprechbarkeit beruht letztlich doch die Lesbarkeit des Textes und damit sein Verständnis, oder anders: seine Auffassung durch einen Rezipienten.

Besonders heikel für eine Interlinear-Übersetzung sind die konzeptuellen Doppeldeutigkeiten des russischen Lexikons, die lexikalischen Solidaritäten sowie die idiomatischen Wendungen, aus deren innerer Form sich jeweils unterschiedliche Verknüpfungen innerhalb des Russischen bzw. des Deutschen ergeben. Auf entsprechende Probleme werde ich im Folgenden dennoch nur vereinzelt – per ← 155 | 156 → Anmerkung am Ende des Gedichtzyklus – verweisen, weil mein Erkenntnisinteresse...

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