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Über Rede in Vers und Prosa

Die Funktion der Formensprache im Roman Doktor Shiwago

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Ulrich Steltner

«Doktor Shiwago», der Roman des Lyrikers Boris Leonidowitsch Pasternak, geriet 1958 in ein Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, das seine Rezeption bis heute prägt. Diese Studie geht, mit dem Ziel der Objektivierung, von einem Form-Funktions-Gefüge aus. Sie analysiert die Formensprache sowohl des Prosateils als auch der Verse des Schlusskapitels, um die Funktion beider Redeformen für das Romanganze zu bestimmen. Ebenso berücksichtigt der Autor den Unterschied zwischen Textschema und kontextuellen Konkretisationen, seien es Urteile der Zeit oder historisch wandelbare Gattungsmerkmale, die das Textverständnis lenken. «Doktor Shiwago» ist ein Experimentalroman, in dem «Chaos» und «Ordnung», «Leben» und «Kunst» sowie «Prosa» und «Vers» einander metafiktional gegenübergestellt beziehungsweise miteinander verbunden werden.

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2. Pasternaks Bemühen um die narrative Prosa

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2.   Pasternaks Bemühen um die narrative Prosa

Den Weg Pasternaks zur Literatur und dann weiter innerhalb der Literatur kennzeichnen deutliche Wendepunkte, Wegmarken sozusagen, jenseits derer er zu etwas Anderem findet. Pasternak selbst spricht von „Metamorphosen“.6 Er beginnt mit der Musik. In die futuristischen Kreise wird er als Komponist eingeführt. Er studiert Jura und dann Philosophie, wendet sich alsbald der Literatur zu, erregt mit seiner wortmagischen Lyrik Aufsehen und findet schließlich die entsprechende Anerkennung. Er gibt sich damit sichtbar nicht zufrieden. Von 1914 bis 1923 erscheinen vier Gedichtbände.7 Erst 1925 werden vier Erzählungen aus den Jahren 1915–1924 in einem schmalen Sammelband8 herausgegeben, und zwar Shenja Lüvers’ Kindheit (Detstvo Ljuvers), Die Apelleslinie (Il tratto di Apelle, später unter dem Titel Apellesova čerta), Briefe aus Tula (Pis’ma iz Tuly) und Luftwege (Vozdušnye puti).9 Vom Ende – vom Roman – her betrachtet, sind es Vorübungen, die sich als Spuren auch in Doktor Shiwago wiederfinden. Dennoch ist es auf den ersten Blick eine ganz andere Prosa, die Pasternak später in Bausch und Bogen verdammt, ebenso wie seine im ‚expressionistisch-futuristischen‘ Stil der Zeit geschriebene und 1931 erschienene Autobiografie Der Schutzbrief (Ochrannaja gramota). Zu Pasternaks Lebzeiten erscheinen aus seiner belletristischen Prosa seit 1933 lediglich einige Fragmente in Zeitschriften, wie beispielsweise Teile aus Der Anfang des Romans über Patrick (Zapiski Patrika)10 unter anderem in der Literaturnaja gazeta (1938).11 Seine ‚zweite‘ Autobiografie, ← 15 | 16 → eigentlich das Vorwort zu einer 1956...

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