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Über Rede in Vers und Prosa

Die Funktion der Formensprache im Roman Doktor Shiwago

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Ulrich Steltner

«Doktor Shiwago», der Roman des Lyrikers Boris Leonidowitsch Pasternak, geriet 1958 in ein Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, das seine Rezeption bis heute prägt. Diese Studie geht, mit dem Ziel der Objektivierung, von einem Form-Funktions-Gefüge aus. Sie analysiert die Formensprache sowohl des Prosateils als auch der Verse des Schlusskapitels, um die Funktion beider Redeformen für das Romanganze zu bestimmen. Ebenso berücksichtigt der Autor den Unterschied zwischen Textschema und kontextuellen Konkretisationen, seien es Urteile der Zeit oder historisch wandelbare Gattungsmerkmale, die das Textverständnis lenken. «Doktor Shiwago» ist ein Experimentalroman, in dem «Chaos» und «Ordnung», «Leben» und «Kunst» sowie «Prosa» und «Vers» einander metafiktional gegenübergestellt beziehungsweise miteinander verbunden werden.

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3. Die Prosa des Doktor Shiwago

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3.   Die Prosa des Doktor Shiwago

Die Teilung des Gesamttextes zwischen Kapitel 16 und 17 verleitet dazu, die Kapitel jeweils für sich zu nehmen bzw. zu lesen und im Zweifelsfall auf das 17. Kapitel, den Gedichtteil, zu verzichten. Zudem sind die Gedichte separat veröffentlicht und sogar von Pasternak vorgetragen und eben auch privat verteilt worden. Ich sehe darin eine Art auktoriale Beglaubigung einer möglichen rezeptionellen Trennung beider Kapitel, die sich aus der augenfälligsten Eigenart des Romans ergibt. Aber selbstverständlich sind die beiden Teile je für sich etwas anderes als der Gesamttext, in dem beide integriert werden.

Um auf eine weitere Eigenart zuzugreifen, möchte ich kurz auf die Verfilmungen eingehen, weil die Umsetzung in ein anderes Medium genauso wie die Möglichkeit, Teile zu trennen bzw. in der Wahrnehmung ‚abzuschatten‘, die Machart des Werkes und damit letztlich die Grundlage seiner ästhetischen Wirkung zu klären hilft. Nur der Prosateil wurde nämlich in die Verfilmungen transponiert, genauer gesagt, das Visualisierbare des Prosateils. Trotz der unterschiedlichen Visualisierungs-Strategien zwischen den einzelnen Filmen offenbart sich hier die Eigenart des Romans, die dargestellte Welt und die darin handelnden Figuren abstrakt zu entwerfen. Zwar werden die Grenzen des Geschichtszeitraums benennbar. Der Roman beginnt vor dem Ersten Weltkrieg und endet mit Kapitel 15 in den Zwanziger Jahren. Kapitel 16 beinhaltet einen mit „Epilog“ überschriebenen Vorgang mit zwei Zeitsprüngen, und zwar in das Jahr 1943 sowie „fünf oder zehn Jahre“ sp...

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