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Über Rede in Vers und Prosa

Die Funktion der Formensprache im Roman Doktor Shiwago

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Ulrich Steltner

«Doktor Shiwago», der Roman des Lyrikers Boris Leonidowitsch Pasternak, geriet 1958 in ein Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik, das seine Rezeption bis heute prägt. Diese Studie geht, mit dem Ziel der Objektivierung, von einem Form-Funktions-Gefüge aus. Sie analysiert die Formensprache sowohl des Prosateils als auch der Verse des Schlusskapitels, um die Funktion beider Redeformen für das Romanganze zu bestimmen. Ebenso berücksichtigt der Autor den Unterschied zwischen Textschema und kontextuellen Konkretisationen, seien es Urteile der Zeit oder historisch wandelbare Gattungsmerkmale, die das Textverständnis lenken. «Doktor Shiwago» ist ein Experimentalroman, in dem «Chaos» und «Ordnung», «Leben» und «Kunst» sowie «Prosa» und «Vers» einander metafiktional gegenübergestellt beziehungsweise miteinander verbunden werden.

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5. Doktor Shiwago und die Romankunst des 20ten Jahrhunderts

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5.   Doktor Shiwago und die Romankunst des 20ten Jahrhunderts

Die Gattung „Roman“ trat im 19. Jahrhundert ihren eigentlichen Siegeszug an. Sie entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich zur Leitgattung der realistischen Epoche, d.h. zur Gattung mit dem höchsten Prestige innerhalb des Literaturbetriebes. Der Roman hat eine bevorzugte Stellung innerhalb der Belletristik bis dato gehalten, und zwar offensichtlich dank der bemerkenswerten Variabilität seiner Ausdrucksmittel und seiner Verfahren. Er hat sogar die Bühne erobert, wie sich der steigenden Zahl von Adaptionen entnehmen lässt. Der Roman verfügt einerseits über ein hohes Prestige und eröffnet andererseits per se weite Ausdrucksmöglichkeiten. Beides hat letztlich, wie oben beschrieben, auch den Lyriker Pasternak bestimmt, sein Œuvre mit einem Roman zu krönen.

Bei aller „Weite“ muss es Grenzen geben, weil anders ja die Rede von der „Gattung“ als einer Ordnungsfunktion sinnlos werden würde. Common sense in Bezug auf die Grenzen des „Romans“ scheinen drei Parameter zu sein: Die Sprachform und der Umfang des Werkes in Abgrenzung zu kleineren narrativen Gattungen in Prosa sowie etwas Undeutliches und schwer zu Generalisierendes, das man in Anlehnung an Hegel85 die potenziell unbeschränkte „Welthaltigkeit“ des Dargestellten nennen könnte. Allein die Sprachform lässt sich einigermaßen exakt bestimmen. Sie ist eben Prosa und hat als Ausschlusskriterium zu gelten, so dass das Problem gerade des Doktor Shiwago mit seinem Gedichtanhang wiederum offen zutage tritt. Der Umfang, in der zugrunde...

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