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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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2.2 Historiographie

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2.2 Historiographie

Wenn Sprache nach der „linguistischen Wende“ nur Realität konstruiert und moderne Gesellschaften an der Sinngebung großer Narrationen leiden, ergeben sich Konsequenzen für die Geschichtswissenschaft. Das aus diesen Überlegungen resultierende Problem ist für die Historiographie neben dem Verlust ihres Gegenstandes primär, „daß sich Geschichtswissenschaft durch gesellschaftlichen Bedarf legitimiert und als Bestandteil der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit in erster Linie zur Orientierung und Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnungen da←27 | 28→ ist“ (Reinhard 2002: 28).1 Dem wird ein grundsätzlich angenommenes Vertrauen in die Durchsetzungskraft rationaler Argumente nicht mehr in vollem Umfang gerecht: Die etwa von Reese-Schäfer vertretene These, Wissenschaft sei ein Antimodell des stabilen Systems, weil prinzipiell jede von der Norm abweichende Aussage mit Argumenten beweisfähig oder diskutierbar wäre (Reese-Schäfer 1995: 34), erscheint in ihrer Totalität schwerlich haltbar; sie lässt neben der speziellen Disposition historischen Wissens außer Acht, dass der systemimmanente Diskurs durch die Regeln der großen Narration festgelegt wird und auf die Konstruktion von Wirklichkeit ebenso wie auf die Konstruierenden Einfluss nimmt.2 Das engt den Raum wissenschaftlicher Pluralität potentiell ein, weil gesellschaftlich festgelegt wird, was wahr sein kann oder was als wahr wahrgenommen wird. Wissenschaft kann unter diesen Bedingungen – zumindest im sozialen Rahmen einer gesamten Gesellschaft – vornehmlich dann erfolgreich argumentieren, wenn sie die Regeln dieses Diskurses befolgt oder aber zu einem Umdenken hinsichtlich der Diskursregeln zwingt. Auch deshalb bedarf die Geschichtswissenschaft aus postmoderner Perspektive der Revision, war ihr Auftrag nach der Abkehr der...

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