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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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3.1 Postmoderne Konzeption

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3.1 Postmoderne Konzeption

Der Blick auf Geschichtsschreibung beginnt in Halbschatten bereits bei der Konzeption des Textes, der auf formaler Ebene den Prozess der Geschichtsschreibung transparent abbildet und den Rezipienten an diesem Vorgang stellenweise beteiligt. Hier ist der Roman weniger postmodern als vielmehr metahistorisch ausgerichtet, entzieht sich jedoch eindeutigen Zuschreibungen durch eine heterogene, dynamische Konzeption. Dabei fällt zunächst die Oralität imitierende Struktur auf, die das narrative und kommunikative Element von historischer Erzählung betont. Angelegt ist der Roman zudem mehrschichtig. Auf extradiegetischer Ebene wird ein Erzähler von der Figur des Grauen über den Berliner Invalidenfriedhof geführt, der in Imitation historiographischer Methoden vom Selbstmord Marga von Etzdorfs erzählt. Obwohl der Graue der eigentliche Erzähler der titelgebenden Geschichte ist und wichtige Funktionen einer typischen Erzählfigur übernimmt, wird der Roman von einem ungleichen Dialog zwischen Erzählfigur, dem Grauen und den Toten bestimmt. Der eigentliche Erzähler bleibt hierbei fast ausnahmelos auf eine Rolle als Wiedergabeinstanz beschränkt, die nur das bereits Erzählte dokumentiert, während die Stimmen der Vergangenheit ausschließlich auf Fragen antworten können und damit keine gleichwertigen Gesprächspartner sind. Der extradiegetische Part der Erzählung ist prinzipiell rahmend gefasst und←74 | 75→ wird immer wieder in die Binnenhandlung, den Schilderungen der Toten, eingeflochten, um das Gehörte durch reflexive oder raffende Passagen zu bewerten und zeitlich voranzubringen, aber auch um in Imitation historiographischen Erkenntnisinteresses unmittelbar Fragen an die Vergangenheit zu richten, die von den Stimmen der Toten, die...

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