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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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3.5 Selbstmord

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3.5 Selbstmord

Der Selbstmord Marga von Etzdorfs wird bereits zu Beginn der Erzählung als Grund für das Interesse an der Vergangenheit benannt. Das macht das Ereignis zum zentralen Pfeiler der Darstellung, es generiert die historische Frage als Ausgangspunkt der Betrachtung des Historischen, die einen Grund für den Suizid zu Tage fördern soll. Eine eindeutige Ursache kann der Blick in die Vergangenheit aber nicht ausmachen. Die vor dem Abflug endgültig zerschlagene Hoffnung auf ein Zusammenkommen mit Dahlem,1 eine Laune, Protest, die Bewahrung von Stolz und Würde, der erneute Absturz, der das potentielle Ende der Fliegerkarriere bedeutet hätte, die zu erwartenden diplomatischen Konsequenzen oder eine Kombination dieser Gründe werden als prinzipiell gleichberechtigte Möglichkeiten präsentiert. Ebenso wird der Gedanke eingeworfen, Etzdorf habe die Kontrolle über ihre Person, die Selbstbestimmung behalten wollen (H2008: 221, 238 ff., 242 f., 244 f., 260 f., 264 ff.), womit sie sich vom Bösen nach der Struktur von Macbeth sowie dem Schicksal der Dramenfigur lösen würde. Macht ist, wie der Roman sagen lässt, die Freiheit über Leben und Tod (s. o.: 110 f). In diesem Rahmen spiegelt sich im Selbstmord die gesamtgesellschaftliche Schuldfrage, er nimmt den kollektiven Untergang mit dem Ende des Dritten Reichs vorweg. Ob es sich tatsächlich um einen Protest gegen die hinter ihrem Auftrag stehende Ideologie handelt, dem ein Bewusstwerden des sorglos Akzeptierten vorausgeht, wird jedoch nicht eindeutig festgestellt. Eine Bewertung im Rahmen des aufgespannten intradiegetischen Universums h...

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