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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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3.6 Metahistoriographie

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3.6 Metahistoriographie

Weniger die ersten Sätze als vielmehr die ersten Absätze legen das Fundament für die ausprägte metahistoriographische Ebene in Halbschatten. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Material einerseits und dem Vorgang des Erzählens von Geschichte andererseits, indem Problematiken der Historiographie nicht nur dargestellt, sondern durch das Erzählerpaar und die Erzählsituation auch nachvollziehbar gemacht werden. Halbschatten veranschaulicht diesen Komplex über eine Betrachtung auf der Metaebene sowie den Einbezug des Lesers. Der Unmittelbarkeit von Geschichte im historischen Roman wird die Unmittelbarkeit der Geschichtsschreibung an die Seite gestellt. „Historisches“ wird gegenwärtig erfahrbar, was für Historiographie ebenso gilt. Dementsprechend eröffnet der Roman seine Geschichte mit einer Landschaftsbeschreibung, die analog zu einem Kameraschwenk vom Allgemeinen ins Detail führt: Berge, Wege, eine Person und schließlich die Umgebung werden gleich einem umherschweifenden Blick eingefangen. Am Ende des Absatzes wird die Beschreibung der Szenerie schließlich als Beschreibung eines Gemälde entlarvt: „Es ist ein Bild der Ruhe,←137 | 138→ ein wenig bewegt von einem Licht, das von außen hereindringt“ (H2008: 7). Bezeichnend ist, dass diese Enthüllung erst am Ende des Absatzes durch die letzten beiden Wörter erfolgt und den anhand literarischer Erfahrungen in Ansätzen entwickelten Deutungshorizont des Lesers maximal aufrechterhält. Die Struktur des gesamten Romans, der gerade keine geschlossene, mimetisch-unmittelbare Geschichtserzählung ist, und diejenige des Absatzes entsprechen insofern nicht den Erwartungen. Perspektive und Vermittlung werden in einen neuen Kontext gestellt, dessen Bedeutung sowohl zu Beginn des...

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