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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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4.4 Umgang mit Geschichte

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4.4 Umgang mit Geschichte

Der Umgang mit Quellen wird in der Vermessung der Welt durch das Misstrauen gegenüber Wahrheit und dem überlieferten Vergangenen sowie dem postmodernen Bestreben zum Aufbrechen herrschender Diskursrahmen geprägt. Diesem Ziel wird Faktentreue untergeordnet, was sich sinngemäß mit Aussagen des Autors deckt: „Ein Erzähler operiert mit Wirklichkeiten“ (Kehlmann 2008a: 11).1 Gemäß den Zielsetzungen der Postmoderne versucht die Vermessung der Welt, Verborgenes zum Vorschein zu bringen. Dies wirkt sich im Medium des historischen Romans auf die Arbeit mit der Quelle selbst sowie durch das Füllen von historischen Leerstellen aus. Alexander von Humboldt unterscheidet sich von August Engelhardt und Marga von Etzdorf allerdings durch seine bereits für Zeitgenossen hohe Bedeutsamkeit sowie durch seinen Status in kollektiver Erinnerung. Wie bei anderen Personen des öffentlichen Interesses existiert eine←294 | 295→ hohe Anzahl überlieferter Dokumente, darunter Monographien, Aufsätze, Korrespondenz, Zeichnungen und Skizzen. Auf welche Auswahl dieses Materials sich der Roman stützt, kann daher im Einzelfall nicht eruiert werden. Die wichtigsten Zeugnisse der im Roman beschriebenen Expeditionen stammen jedoch von Humboldt selbst, der seine Tätigkeit in der Reise nach Südamerika2 und den Ansichten der Natur dokumentiert hat (Humboldt 2001, Humboldt 2008).3 Dass beide Werke als Grundlage für die Darstellung der Reise im Roman gedient haben, kann aufgrund zahlreicher, vereinzelt wörtlicher Übernahmestellen, weitgehend inhaltsgleicher Episoden und Aussagen Kehlmanns als gesichert angenommen werden.4 Beide Werke sind deshalb Kern der Quellanalyse.5 Ergänzend erfolgt ein Blick in Quellsammlungen, die sich auf...

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