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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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6.4 Tendenzen des historischen Romans

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6.4 Tendenzen des historischen Romans

Die drei untersuchten historischen Romane der Gegenwart haben sich vom Modell nach Walter Scott sichtlich entfernt und neigen dem extremen Spektrum der Gattung zu, die den Raum der Fiktion zur kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart und dem Geschichtsbild der Gegenwart nutzt. Im Schema von Nünning (vgl. Kap. 2.3, u. a. Nünning 1999b) handelt es sich durchweg um historiographische Metafiktion, die sich explizit und implizit mit Problemen und Theorien der Historiographie auseinandersetzt. Berührt werden drei Kernbereiche wissenschaftstheoretischer Debatten: Die Zuverlässigkeit und Reichweite von Quellen, die Narrativität von Geschichte und der damit einhergehende Prozess der Sinnstiftung unter anderem im Hinblick auf Aussageabsicht und Perspektivität, wobei die subjektive Komponente dieses Erkenntnisprozesses hervorgehoben wird, sowie der Problemkomplex von Erinnerung und Wahrnehmung. Anhand der drei untersuchten Romane deutet sich zumindest in der Tendenz an, dass die Gattung damit historiographischen Erkenntnissen folgt.

6.4.1 Historiographische Metafiktion

Wie in der Forschung ist der Themenkomplex von Wahrnehmung, Wissen sowie die metahistoriographische Reflexion auch im Roman als Einheit zu denken. Thematisiert werden diese Aspekte auf unterschiedliche Art. Timm reflektiert stärker auf Erzählebene und demonstriert die Limitierungen historiographischer Erkenntnis, Kehlmann lässt seine Figuren unter anderem ihre eigene Historisierung erfahren, was die Prozesse geschichtlicher Sinnbildung schon in der Vergangenheit demonstriert und als permanenten, unzureichenden Vorgang aufzeigt, und Kracht unterminiert Vorstellungen von Wissen sowie „Realität“ im Allgemeinen, die als permanente Konstruktion offenbart werden. Der pluralen Narration bei Timm, die wie bei anderen...

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