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Der Umgang mit Geschichte im historischen Roman der Gegenwart

Am Beispiel von Uwe Timms «Halbschatten», Daniel Kehlmanns «Vermessung der Welt» und Christian Krachts «Imperium»

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Max Doll

Ausgehend vom anhaltenden Vorwurf, der historische Roman betreibe Geschichtsklitterei, kann dieses Buch zeigen, dass das Genre in der Gegenwart sogar in seinen postmodernen Ausprägungen produktiv mit Geschichte verfährt. Zu diesem Zweck interpretiert der Autor nicht nur drei ausgewählte Werke, sondern erschließt sie im genauen Abgleich mit ihren Quellen und erörtert, dass historische Romane Geschichte nicht nur zu Unterhaltungszwecken nutzen. Vielmehr erfolgt eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Material; in Veränderungen und Verfremdungen lässt sich eine klare, nicht minder korrekte Aussageabsicht erkennen, die lediglich auf eine unmittelbare Reproduktion von Quellen verzichtet.

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1. Einleitung: Ziel und Methode

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1. Einleitung: Ziel und Methode

„Abgrundtief schlecht recherchiert“ sei die Vermessung der Welt (de Vareschi 2009: 262), urteilt unter anderem de Vareschi unter Verweis auf zahlreiche Ungenauigkeiten und Fehler bei der Abbildung historischer Wirklichkeit über Daniel Kehlmanns Roman. Analog zu anderen Werken der gleichen Textgattung ist auch die Rezeption dieses Buches in Teilen geleitet von einer Bewertung, die die Qualität eines historischen Romans anhand von binären, lediglich auf die oberflächliche Ebene unmittelbarer Abbildung angewendeten Ordnungskategorien ermittelt. „Richtig“ und „falsch“ erscheinen als absolute Bewertungsmaßstäbe für die fiktionalisierte Darstellung des Vergangenen jedoch aus verschiedenen Gründen unzureichend. Obgleich der Roman vor allem an der Darstellung fiktionalisierter Geschichte in deskriptivem Gestus, also an der Korrektheit seines Inhalts gemessen wird, ist eine derartige „Objektivität“ als absoluter Maßstab in der Postmoderne längst fragwürdig geworden. Ausgehend von der Arbitrarität sprachlicher Zeichen werden Wahrnehmung und die Vermittlung von Realität, was Wahrheit einschließt, kontextgebundenen; sie sind nicht absolut erfassbar und können nur unzuverlässig bestimmen werden. Die Postmoderne verinnerlicht deshalb den Aspekt der Pluralität von Wahrheiten und Deutungsmustern, die unauflösbar nebeneinander gestellt werden sollen und gleitet nicht, wie oftmals postuliert, in die Beliebigkeit ab. Stattdessen wird in Anbetracht einer drohenden Uniformierung von Perspektiven im Rahmen gesellschaftlicher Metaerzählungen Pluralität und ein Nebeneinander von Perspektiven als Handlungsmuster ausgegeben, welches das Hinterfragen des gegenwärtig Korrekten zur Maxime erhebt.

Das pluralistische Verständnis von Wahrheit und Realität nach...

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