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Albert Camus und das Kreuz

Raphael Maercker

Das Kreuz ist und bleibt ein Skandal. Nicht nur in öffentlichen Gebäuden und gesellschaftlichen Debatten, sondern auch bei Theologen erregt der Anblick des Gekreuzigten immer wieder Ärgernis.

Der Schriftsteller und Philosoph Albert Camus, der zeitlebens nach dem Sinn menschlicher Existenz angesichts des Todes fragte, bringt die Zweifel am christlichen Erlösungsglauben in seinen Werken exemplarisch zum Ausdruck. Er sieht in Jesus Christus sowohl den absurden Menschen, der in seiner Not von Gott verlassen ist, als auch den Revoltierenden, der sich gegen das Böse auflehnt und sein Leben für die anderen opfert.

In Auseinandersetzung mit Camus sucht die Studie nach einer zeit- und evangeliumsgemäßen Kreuzestheologie, die weder den Skandal leugnet noch die christliche Hoffnung verschweigt.

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1. Einführung: Der Skandal des Kreuzes

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1.  Einführung: Der Skandal des Kreuzes

Im März 2009 veröffentlichte der Schriftsteller Navid Kermani in der Neuen Zürcher Zeitung eine Bildbetrachtung zu der von dem Barockmaler Guido Reni (1575–1642) in der römischen Basilika San Lorenzo in Lucina dargestellten Kreuzigungsszene.1 Dieses Gemälde brachte den gläubigen Muslim scheinbar an den Rand der Konversion zum Christentum: „Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.“2

Dennoch kam es aufgrund dieser Bildbetrachtung noch im selben Jahr infolge der Verleihung des Hessischen Kulturpreises, mit dem im Zeichen des interreligiösen Dialogs sowohl ein Muslim, ein Jude als auch je ein evangelischer und katholischer Christ ausgezeichnet werden sollten, zu einem Skandal. Kardinal Karl Lehmann und Kirchenpräsident Peter Steinacker lehnten es „wegen der so fundamentalen und unversöhnlichen Angriffe auf das Kreuz als zentralem Symbol des christlichen Glaubens“3 ab, gemeinsam mit Navid Kermani den Preis entgegenzunehmen. Ihr Protest führte sogar dazu, dass Kermani der Preis zeitweilig aberkannt wurde. Was war geschehen?

In seiner Bildbetrachtung hatte Kermani deutlich gemacht, dass er jede verklärende Darstellung menschlichen Leidens ablehne. Die Lust an der bildhaften Verherrlichung des Leidens am Kreuz, die er mit Ausnahme Guido Renis auch den katholischen Künstlern seit der Renaissance unterstellt, erfülle ihn mit Abscheu. Angesichts des Gekreuzigten von Gott zu sprechen, ihn gar am Kreuz anzubeten, sei „Gotteslästerung und Idolatrie“.4 Für den Orientalisten Kermani, der über die...

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