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Theologie und Antisemitismus

Das Beispiel Martin Luthers

Andreas Pangritz

Martin Luthers Judenfeindschaft ist berüchtigt. Ihr Zusammenhang mit zentralen Themen seiner Theologie ist jedoch umstritten. Die Antisemitismusforschung wiederum hat sich bisher nur wenig für theologische Wurzeln der Judenfeindschaft interessiert. Die Untersuchung führt beide Perspektiven zusammen:

Luthers Schrift «Von den Juden und ihren Lügen» (1543) wird nicht nur im Blick auf die darin zum Ausdruck kommende Judenfeindschaft analysiert, sondern auch auf ihren theologischen Gehalt hin befragt. Dadurch verschärft sich das Problem: Der Antisemitismus ist im Zentrum der Theologie des Reformators verankert, in der Christologie und in der Rechtfertigungslehre. Diese Erkenntnis führt zu einer Sicht auf Luthers Theologie, in der diese selbst zum Problem wird.

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IV) Antisemitismus bei Martin Luther?

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IV)  Antisemitismus bei Martin Luther?

Wenn im Titel dieser Untersuchung Martin Luther als Beispiel für den Zusammenhang von Theologie und Antisemitismus genannt wird, dann könnte dies als anachronistischer Sprachgebrauch zurückgewiesen werden. Daher ist hier eine Klarstellung zur Begriffsverwendung nötig.

1.  Zum Begriff ‚Antisemitismus‘

Der Begriff ‚Antisemitismus‘ wurde bekanntlich erst im späten 19. Jahrhundert geprägt. Während das Adjektiv ‚antisemitisch‘ wohl gelegentlich schon früher Verwendung fand, wird das Substantiv ‚Antisemitismus‘ im Allgemeinen auf den deutschen Journalisten Wilhelm Marr zurückgeführt, der damit seit 1879 seine ‚wissenschaftlich‘, d. h. rassenbiologisch, begründete Judenfeindschaft von der älteren, religiös begründeten Judenfeindschaft abgrenzen wollte.1 So erläutern Reinhard Rürup und Thomas Nipperdey: „Das Wort ‚Antisemitismus‘ ist eine Neubildung aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Seit der Antike und zumal seit der frühchristlichen Zeit hat es in Europa eine Judenfeindschaft gegeben, die wesentlich vom Religionsgegensatz bestimmt war. Im Mittelalter bildete sich infolgedessen eine ständische Absonderung der Juden heraus, die Glaubensgemeinschaft wurde zur isolierten Lebensgemeinschaft, die religiöse Judenfeindschaft verband sich mit der Feindschaft gegen eine außerhalb der Gesellschaft stehende Gruppe. Das Wort ‚Antisemitismus‘ meint demgegenüber eine grundsätzlich neue judenfeindliche Bewegung […].“2

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