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Muße – Faulheit – Nichtstun

Fehlende und fehlschlagende Handlungen in der russischen und europäischen Literatur seit der Aufklärung

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Edited By Sonja Koroliov and Andrea Zink

Ob Muße oder Faulheit, ob Kontemplation oder provokatives Nichtstun – diese und weitere Formen fehlenden und fehlschlagenden Handelns sind Themen der europäischen und besonders der russischen Literatur seit der Aufklärung. Die Beitragenden behandeln verschiedene Aspekte des Nicht-Tuns und Nichtstuns: von den glücklichen Müßiggängern des 18. Jahrhunderts über Gončarovs Helden Oblomov, der es kaum aus dem Bett und in die Pantoffeln schafft, bis hin zu den Müdigkeitsdiskursen einer desillusionierten Moderne. Dieser Band zeichnet eine Geschichte der Skepsis gegenüber dem Tun, die jenseits der alten wie neuen Arbeitsideologien einen Raum authentischer Humanität und menschlicher Freiheit eröffnet.

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Wunschtraum und Ärgernis: Eine kurze Geschichte der Muße (Sonja Koroliov / Andrea Zink)

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Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband 91 (2017), 5-17

Sonja Koroliov / Andrea Zink

WUNSCHTRAUM UND ÄRGERNIS: EINE KURZE GESCHICHTE DER MUSSE

Oftmals wird beklagt, die Muße sei aus unserem Leben verschwunden – ebenso verschwunden wie die Nonchalance des adligen Nichtstuers, die Unabhängigkeit des Künstlers, die Eleganz des Dandys und Leichtigkeit des Flaneurs, die locker-angeregte oder sanft verlangsamte Atmosphäre der feinen Salons und nunmehr verblichenen Kurorte, kurzum, der ganze Glamour vergangener Zeiten. Muße, so sind sich die meisten Kommentatoren einig, werde nur noch gedacht als Gegenstück zur Arbeit, sie sei verkommen zu ,Entspannung‘ und ,Freizeit‘. Freizeit aber bedeute in der Regel gar nicht das, was der Begriff suggeriere, nämlich eine tatsächlich freie Zeit, sondern im Gegenteil: allein das Prüfen vorhandener Freizeitangebote, sowie deren Auswahl und Nutzung sei schon eine recht zeitraubende und arbeitsähnliche Tätigkeit. Auch hier werde Leistung erwartet und erbracht. „Der Freizeitmensch bleibt im System des Erfolgsdenkens und der Arbeit“,1 aus dem es offenbar kein Entrinnen gibt.

Nun ist es zwar richtig, dass, wie uns Hartmut Rosa und andere Beschleunigungstheoretiker einleuchtend vor Augen führen, der Kult der Effizienz bisher ungeahnte Verbreitung und Intensität erfahren hat.2 Wir müssen erkennen, dass selbst gegenläufige Bemühungen, die in Begriffen wie ,Work-Life-Balance‘ hervorscheinen, letztlich nichts weiter bezwecken als die Erhaltung und Optimierung der Arbeitskraft. Ebenso wahr scheint es zu sein, dass wir unsere Freizeit in den seltensten Fällen der Muße...

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