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Zur Strafbarkeit der Trennung siamesischer Zwillinge

Kerstin Gräbner

Die (straf-)rechtliche Beurteilung der Trennung siamesischer Zwillinge wurde in Deutschland bislang trotz stark steigender Zwillingsgeburten in der Literatur nur sehr wenig und noch nie von einem deutschen Gericht erörtert.

Die Autorin setzt sich mit den grundlegenden medizinischen, strafrechtsdogmatischen, familienrechtlichen, rechtsethischen und rechtspolitischen Problemstellungen auseinander und zeigt praxistaugliche Lösungsmöglichkeiten auf. Indem man ihnen einen möglichst rechtssicheren Weg aufzeigt, hilft die Untersuchung Ärzten und Erziehungsberechtigten aus dieser schwierigen Situation heraus.

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4. Auswahlverfahren

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4. Auswahlverfahren

Ethisch noch schwieriger wird die Entscheidung zur Trennungsoperation, wenn damit zugleich über die Zuteilung nur singulär vorhandener Organe entschieden werden muss, die zwar für ein Überleben nicht unbedingt notwendig sind, deren←204 | 205→ Fehlen jedoch mit einer gravierenden zusätzlichen Belastung der künftigen Lebensqualität und Behinderungen verbunden ist.1106

Insbesondere bei Ischiopagen bestehen oft noch gravierendere Probleme:1107 Bei männlichen Zwillingen mit nur einem Sexualorgan ist zunächst fraglich, ob eine wenigstens phänotypische Geschlechtsumwandlung bei dem Zwilling, der das Sexualorgan nicht erhält, gelingen kann; hieran schließt sich die weitaus schwierigere Frage an, ob man einen Menschen geschlechtslos machen und so ins Leben schicken darf. Bei Trennungen männlicher Ischiopagen-Paare tritt diese Frage relativ häufig auf.1108

Aufschlussreich ist die Beobachtung, dass die Ärzte psychologisch zu Strategien der Selbstentlastung greifen, nämlich dazu, die Schärfe des ethischen Problems herunterzuspielen; so sagte der amerikanische Kinderchirurg Filler: „We had to make one a boy and one a girl, and this raised several questions among many people.“1109 In einem solchem Fall wurde jedoch kein „Mädchen gemacht“, vielmehr ein geschlechtsloser Mensch.1110 Andererseits darf ebenso nicht vergessen werden, was ein Unterlassen der Trennung für das Leben des Kindes in diesem Punkt bedeuten würde. Auch dann wäre ja eine annähernd normale Sexualentwicklung unvorstellbar, während die sonstige Lebensqualität der ungetrennten Zwillinge vermutlich bei weitem schlechter wäre.1111

Allerdings ist in diesem Zusammenhang...

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