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Timur Kibirovs dichterisches Werk in seiner Entwicklung (1979–2009)

Ringen um Werte in einer Zeit der Umbrüche

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Marion Rutz

Ein Paradigmenwechsel Mitte der 1990er Jahre hat in der Slavistik die Gegenwartsliteratur als Thema etabliert, allerdings betraf er vor allem die postmoderne Prosa. Die Dichtung (Lyrik) erfuhr lange Zeit wenig Aufmerksamkeit. Diese Arbeit stellt einen der wichtigsten russischen Dichter der letzten Jahrzehnte vor: Timur Kibirov (*1955). Kibirovs Verstexte sind ein Seismograph der gesellschaftlichen Prozesse im spät- und postsowjetischen Russland. Immer wieder fragen sie nach moralischen, ästhetischen und religiösen Werten. Sie suchen nach einem Mittelweg zwischen den Extremen der ideologischen Verfestigung und des postmodernen Relativismus, ob sie in konzeptualistischer Manier sowjetische Ideologie dekonstruieren oder postmodern für Moral und Glauben agitieren.

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8. Die Englische Literatur: Inspiration und Legitimation

8. DIE ENGLISCHE LITERATUR: INSPIRATION UND LEGITIMATION1039

                            Despite individual differences, so-called new sincere authors and critics share the wish to substitute the postmodern with an alternative cultural attitude. This refuted postmodernism does not necessarily coincide with postmodernism as defined by contemporary theory. Rather do the propagators of a new sincerity object against what one could call an imagined postmodernism, one that is non-ethical, radically cynical and that destroys all of humanism’s achievements through relativism.1040

                            Невольною тоской стеснилась грудь. Прощай же!

                                  Любовь моя, прощай, Британия, прощай!

                            И помнить обещай.

Timur Kibirov: Русская песня. Пролог

In Kibirovs Texten der 1990 wird die vielgestaltige Postmoderne als Problemstellung und künstlerische Herausforderung konzipiert, auf die es gelungene, aber auch misslungene Antworten gebe. Wenn in Kibirovs Sonetten an die Tochter de Sade und Sorokin abgelehnt werden oder in Улица Островитянова und Нотации gegen Baudelaire und Nietzsche polemisiert wird, richten sich diese Stellungnahmen gegen solche „falsche“, „destruktive“ Ausprägungen der Postmoderne (auch wenn der Begriff selbst in den entsprechenden Gedichten nicht verwendet wird). Kibirovs Kritik steht nicht allein. In den 1990ern Jahren wurde die neue, postmoderne Literatur nicht nur begrüßt, sondern auch angefeindet, so dass der Terminus im russischen Diskurs inzwischen negativ konnotiert ist: ← 319 | 320 →

        Постмодернизм – слово в России бранное. Словно бы из одного смыслового гнезда с имморализмом и цинизмом, с демонстративной аутичностью и самоцельной игрою в бисер, с равно оскорбительным наплевательством по отношению как к высокой литературной традиции, так и к массовому читательскому спросу.1041

Vor diesem Hintergrund stehen die im neuen Jahrtausend entstandenen Bücher Kibirovs, die immer wieder auf die Frage nach (von der Postmoderne hinterfragten) moralischen Grundlagen zurückkommen und nach Möglichkeiten suchen, „positiv“ auf die Gesellschaft einzuwirken.1042 Diese Ausrichtung des Schreibens bricht mit der Zielsetzung postmoderner Autoren wie Erofeev, Sorokin, Prigov etc., die nicht mehr wie in sowjetischer Zeit einen gesellschaftlichen Auftrag und erzieherische Aufgaben erfüllen wollten. Kibirovs moralische Linie stößt dementsprechend durchaus auf Ablehnung, so weist Dichterkollege Vladimir Gubajlovskij (*1960) in einer Rezension zu Kibirovs Gedichtband Три поэмы 2008 kritisch auf die Nähe zum neo-konservativen Mainstream der Ära Putin hin:

        Вот о морали-то речь и идет в книге.

        […] Позиция вполне достойная, но приходится признать, что ее (мораль, вышедшую из моды1043) отчетливо поддерживают все официальные лица – от министра культуры до президента РФ. […] Так что точка зрения Кибирова вполне совпадает с мнением властей. Это для любого настоящего поэта довольно неловкое положение. И тем не менее Кибиров с гневом отрицает точку зрения тех, кто находит «упоение в говне».1044

Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass Kibirovs poetische Projekte einen kleinen Kreis von Kollegen, Kolleginnen, Lesern und Leserinnen im Blick haben und kein zu indoktrinierendes Massenpublikum. In diesem Umfeld, in dem die Autonomiepostulate der (Post-)Moderne als Norm gelten, wird das Interesse an Moral und Wertvermittlung vermisst. ← 320 | 321 →

Der erzieherische Grundimpetus, der sich durch die verschiedenen Werkphasen Kibirovs zieht, realisiert sich in den nach 2000 entstandenen Büchern konzeptuell über zwei intertextuelle Komplexe: zum einen über Kinder-, zum anderen über ausländische (westeuropäische) Literatur, wobei sich in ШалтайБолтай und Кара-барас beide Linien kreuzen. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit einem dieser Bereiche, und zwar den Verweisen auf ausländische Literatur.1045 Neben kritischen Dialogen – etwa der Polemik gegen Baudelaire und der Ablehnung poststrukturalistischer Trends – gibt es zahllose positive Bezugnahmen, insbesondere auf die englische Literatur. Trotz der Verweisdichte wurden diese Referenzen auf nicht-russische Literatur in der Forschung bisher so gut wie nicht berücksichtigt. Die wenigen Ansätze beschränken sich auf Texte Kibirovs aus den 1990er Jahren: Fedorova geht bei ihrer Analyse des Zyklus Двадцать сонетов к Саше Запоевой (Парафразис) auch auf Dante und die Tradition des italienischen Sonetts ein; Šapir erwähnt bei dem Vergleich von Puškins komischem Poem Домик в Коломне und Kibirovs Сортиры Byrons Versepen.1046 Bagrecov erwähnt den Baudelaire-Dialog und in Bezug auf das Buch Amour, exil… ist beiläufig von einer Ausweitung auf ausländische Bezugstexte und Einbettung in einen „weltliterarischen“ Referenzhorizont die Rede.1047

Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen die Kontaktzonen mit der für Kibirovs Werk wichtigsten ausländischen Nationalliteratur: der englischen. Dabei interessiert weniger ein akkurates Gesamtbild, das alle Zitate und Anspielungen zuordnet,1048 als die konzeptuellen intertextuellen Dialoge mit einzelnen Autorinnen bzw. Autoren und Texten, über die die eigene Poetik herausgearbeitet und die Beziehung Russlands zu England bzw. dem Westen verhandelt wird. Klassiker wie Shakespeare oder Byron, die bei einer Aufsummierung der breit gestreuten Verweise die ersten Plätze belegen, treten dabei nicht selten gegenüber (aus Sicht des traditionellen Kanons) ungewöhnlichen Namen und wenig ← 321 | 322 → bekannten Texten zurück, die intensive Auseinandersetzungen anstoßen. Produktiv sind in Kibirovs Werk etwa englische Kindergedichte, Lewis Carrolls Alice-Romane, Gedichte von A. E. Housman, Walter Scotts Historienroman Ivanhoe, Dorothy L. Sayers christliche Juvenilia, C. S. Lewis’ Narnia Chronicles sowie Dickens’ Roman The Posthumous Papers of the Pickwick Club.

Im Unterschied zu den vorhergehenden Kapiteln, in denen die Unterkapitel entsprechend dem Publikationsdatum der Texte aufeinander folgten, wurde gegenüber dem chronologischen Prinzip eine stärker thematische Anordnung bevorzugt: Die in Kapitel 8.4 behandelten Gedichte aus Кара-барас (2002–2005) datieren vor На полях «A Shropshire Lad» (publ. 2006/2007) in Kapitel 8.3. Dieser Tausch stellt die intertextuellen Auseinandersetzungen mit antididaktischen Klassikern der englischen Kinderliteratur sowie A. E. Housman nebeneinander, die beide markante Aspekte von Kibirovs Poetik profilieren. In den Unterkapiteln 8.4 und 8.5 werden die inhaltlich verwandten poetischen Reflexionen über Werte (Кара-барас, abgeschl. 2005) und Glauben (Греко- и римскокафолические песенки и потешки, abgeschl. 2009) zusammengefasst. Schließlich wird das aus dem Buch Три поэмы (2006–2007) stammende Лироэпическая поэма an das Kapitelende gerückt, da es – ähnlich wie das in Kapitel 8.1 thematisierte Gedicht – allgemein auf das Verhältnis zu England Bezug nimmt. Beide Teilkapitel legen sich als Rahmen um das Kapitelganze, führen als Exposition in das Thema – die besondere Bedeutung der englischen Kultur im Werk Kibirovs – ein und bringen es mit der Inszenierung russophiler Ressentiments zu einem kontroversen Abschluss, der dem wieder zunehmend angespannten Verhältnis der russischen Gesellschaft zum „Westen“ Rechnung trägt. ← 322 | 323 →

8.1.     ANGLOPHILIE UND HEIMATDISKURS: РУССКАЯ ПЕСНЯ. ПРОЛОГ (САНТИМЕНТЫ)

Dass der englischen Literatur in Kibirovs Werk ein derartiges Gewicht zukommt, mag zum Teil pragmatische Gründe haben. Englisch scheint die einzige Fremdsprache zu sein, die Kibirov und sein literarisches alter ego beherrschen. Sprecher wie auch Autor werden mehrmals bei der Lektüre englischsprachiger Literatur gezeigt, sowohl von Prosa (Письмо Саше с острова Готланд [Нотации], Str. 9: „я со словарем читаю / старый английский роман“1049) als auch von Gedichten (Autorvorwort zu На полях «A Shropshire Lad»: „Как раз в это время с упоением гоголевского Петрушки начинал читать английские стихи.“1050). Die schwache Präsenz der anderen anglophonen Literaturen verweist auf den konzeptuellen Charakter der Präferenz Großbritanniens.1051

Obwohl der intensive Dialog nach 2000 einsetzt, gibt es auch davor Gedichte mit Englandbezug, insbesondere Русская песня. Пролог (Сантименты), das eine Art Liebeserklärung enthält.1052 Der Untertitel bezeichnet das Gedicht als Vorbereitung auf das im Buch nachfolgende Gedicht Русская песня. Ende der 1980er Jahre verfasst, leitet der Prolog die intertextuelle Reflexion über das Wesen der neu zu definierenden russischen (und nicht mehr sowjetischen) Identität durch die Kontrastierung mit dem englischen Westen ein. Eine Verbindung besteht auch zu dem dritten längeren Gedicht aus Сантименты, К вопросу о романтизме (vgl. Kap. 5.3). Dort wird in dem abschließenden Appell für das Spießertum der Name Dickens erwähnt, wodurch ein Element der englischen – also eigentlich fremden – Kultur mit dem eigenen Spießer-Ideal verschmilzt.1053

Das Gedicht Русская песня. Пролог inszeniert eine reale Begegnung mit Großbritannien. Schauplatz ist ein englischer Flughafen, wo der diegetische Sprecher in der Situation des Übergangs über Fremde und Heimat reflektiert. Bei der Gestaltung des Textes spielen intertextuelle Referenzen eine wichtige Rolle, er beginnt mit dem Vers „Я берег покидал туманный Альбиона“ aus Batjuškovs Gedicht Тень друга (1814), das ebenfalls anlässlich der Rückreise aus England entstand.1054 Symptomatisch wird bei Kibirov schon zu Anfang das Pathos der Zitate durch die Kontrastierung mit lebensweltlichen Realien relativiert: Auf Albion folgt die Zollkontrolle, auf Byrons Poem Childe Harolde der Flughafen, Str. 2 reimt „терроризмом“ – „Отчизны“. ← 323 | 324 →

Im Gedicht treffen sich intertextuelle Bezüge auf die englische und die russische Literatur, wobei der leitmotivische Ausruf „Прощай!“ beide Linien verbindet. Diese Formel findet sich sowohl in dem patriotischen Lied Прощание славянки (M.: V. I. Agapkin, ca. 1912; T. u. a. V. Lazarev), dessen Titel in Str. 6 genannt wird,1055 als auch in Byrons Epos Childe Harold’s Pilgrimage (explizit in Str. 1).1056 Kibirovs erste vier Strophen beinhalten weitere Referenzen auf Byron: Neben dem Poem Childe Harold (publ. 1812–1818), das das Leitmotiv des Abschieds liefert, wird aus den Gedichten Fragment Written Shortly after the Marriage of Miss Chaworth (1805)1057 und My Soul Is Dark (Hebrew Melodies, publ. 1815)1058 zitiert. Die teilweise im Original wiedergegebenen Zitate fangen die Verfassung des Scheidenden ein und verleihen dem Sprecher in ironischer Übertreibung Züge des Byron’schen Helden, der unstet von Land zu Land zieht, an Trennungsschmerz leidet und die Maske des wahnsinnigen Königs Saul aufsetzt. Am Übergang von Str. 4 zu Str. 5 wird die Identifikation mit England von patriotischen Referenzen übertönt. Der Vers „Мне не нужна // страна газонов стриженных и банков […]“ spielt auf den bekannten Refrain des Liedes „Летят перелетные птицы“ an (1948; T.: M. Isakovskij; M.: M. Blanter), das beteuert, dass man den Verlockungen des Auslands widerstehe.1059 Die bei Kibirov aufgezählten Elemente des Englischen (Rasen, Banken, Kamine und Sanitärtechnik) zeugen allerdings von Wohlstand, Ordnung und Komfort und sind durch Adjektivattribute ausschließlich positiv konnotiert, was die patriotische Deklaration ironisiert. Der Sinnabschnitt endet mit einem emotionalen „Прощай, моя любовь“ (Str. 6, V. 1). Dazu passt, dass die in den folgenden Versen genannten Topoi des Eigenen – der Kreml’-Stern, Gor’kijs Erzählung ← 324 | 325 → Старуха Изергиль und Solženicyns Архипелаг Гулаг – die Heimat als sowjetisch beschreiben und somit problematisieren.

In Str. 7–9 folgen weitere intertextuelle Englandtopoi: „Dingley-Dell“ ist der idyllische Landsitz aus Charles Dickens’ Roman The Posthumous Papers of the Pickwick Club; King Arthur und Sir Sagramur repräsentieren den Artus-Sagenzyklus; dazu kommen Scotts Ivanhoe (vgl. Kap. 8.4) und Robert Louis Stevensons heroische Ballade Heather Ale (übers. von Samuil Maršak: Вересковый мед). Das hier kompilierte England besteht aus vor-modernen Texten und ist positiv konnotiert.

Die über die Quartett-Form hinauswuchernde Str. 10 gestaltet das Heimatliche in Anlehnung an die Beschreibung der Ulica Tverskaja im 7. Kapitel (Str. XXXVIII) von Евгений Онегин aus, in dem Tat’jana nach Moskau wechselt. Die bei Kibirov anfangs freie Aufzählung von Gesehenem geht in ein umfangreiches wörtliches Zitat über.1060 Auf die neutral bis positiv besetzten Topoi folgen in der wieder der formalen Norm konformen Str. 11 negative Eindrücke: schmutziger Schnee, Tauwetter und der nackte Wald. Das Gedicht schließt mit einem Zitat aus Tat’janas Liebesbrief an Onegin, das sich bei Kibirov an Russland richtet:

        Вновь пред твоей судьбой, пред встречей роковой

        я трепещу и обмираю.

        Но мне порукой Пушкин твой,

        и смело я себя вверяю!..1061

Im Wissen um die auf Tat’janas Liebeserklärung folgende Enttäuschung werden hier gegenüber der Heimat bange Erwartungen geäußert, wobei der offensichtliche Zitatcharakter jedoch das Spiel mit Topoi und Beurteilungen signalisiert. Wo Tat’jana sich bei dem riskanten Brief auf Onegins Ehre verlässt, beruht die Hoffnung von Kibirovs Sprecher auf eine positive Begegnung mit der Heimat dabei auf Puškin.

Im Gedicht Русская песня. Пролог findet insgesamt eine Aufweichung der stereotypen Konzeption von Heimat (positiv) und Fremde (negativ) statt. Neben der beschriebenen partiellen Umkehrung der üblichen Wertungen fällt auf, dass Zitate aus englischen Gedichten die Russlandabsätze einleiten bzw. die engli ← 325 | 326 → schen Zuschreibungen mit russischen Referenzen beginnen. In Str. 10 wird diese Durchmischung sogar durch den Sprachwechsel betont, denn die russische Heimat wird am Strophenanfang auf Englisch begrüßt („My native land, welcome“, aus Byrons Childe Harold) – in Str. 11 folgt die Übersetzung („Привет, земля моя“). Zuvor wurde in Str. 10 England auf Russisch verabschiedet („Прощай, Британия“). Auch an anderen Stellen werden Abschiede von England mit russischen Zitaten kommentiert: Str. 1 beginnt mit dem erwähnten Batjuškov-Vers „Я берег покидал туманный Альбиона“, in Str. 8 klingt der Trennungsmoment aus Del’vigs Gedicht Прощальная песнь воспитанников Царскосельского лицея (1817) an.1062 Dass die Rollen zwischen Heimat und Fremde nicht eindeutig verteilt sind und zur fremden Kultur eine starke affektive Beziehung besteht, zeigt sich auch daran, dass England-Topoi mit dem Possessivpronomen der 1. Person Singular versehen sind und somit als zugehörig bezeichnet werden. Während Britannien schon am Anfang als „meine Liebe“ tituliert wird (z. B. in Str. 3 „Любовь моя, прощай, Британия, прощай!“), gelten die russischen Topoi im Text lange nicht als „eigen“ – „mein Land“, „meine Ehefrau“ heißt es erst in Str. 11.

Eine vergleichbare Affinität findet sich bei Kibirov weder gegenüber Schweden (das Buch Нотации entstand auf Gotland, datiert auf 1999), noch Italien (Юбилей лирического героя, 2000). Eine Parallele zu England als dem Anderen, das auch Eigenes ist, gibt es jedoch im lyrischen Intermedium aus Сквозь прощальные слезы (1987).1063 Hier lagert sich an die Figur Mozart die westeuropäische Kultur des 18./19. Jhs. an (vgl. Kap. 4.2.5), die dort ebenfalls als Alternative zur sowjetischen Lebenswelt fungiert. ← 326 | 327 →

8.2.     POSTMODERNES SPIEL AUS DEM GEISTE DER NICHTDIDAKTISCHEN KINDERLITERATUR

Angesichts dieser affektiven Beziehung zu England, das als zweite (literarische) Heimat auftritt, verwundert es nicht, dass in einer Reihe von Kibirovs Texten elaborierte Dialoge mit einzelnen Werken, Autoren und Autorinnen fassbar sind, die als Projektionsflächen für Aspekte des eigenen Schaffens dienen. V.a. im Buch Шалтай-Болтай zeigen sich Kibirovs eigenwillige literarische Präferenzen. Der Titel rückt die englische Kinderliteratur ins Zentrum und kündigt eine Auseinandersetzung mit diesem – aus der Sicht der traditionellen Literaturwissenschaft – marginalem Bereich an.1064 Obwohl Kindertexte bei Kibirov später häufig Fragen der Moral und Religion illustrieren (am deutlichsten Andersens Märchen in Внеклассное чтение [Кара-барас]1065), nimmt Шалтай-Болтай auf Schlüsselwerke einer nicht-didaktischen (Kullmann: „entpädagogisierten“) Kinderliteratur1066 Bezug: die folkloristischen sog. nursery rhymes und Lewis Carrolls Alice-Romane. Es wird offenbar nach literarischen Möglichkeiten gesucht, zu gesellschaftlichen Problemen Stellung zu beziehen, ohne in die Didaktik der sowjetischen Erwachsenenliteratur zurückzufallen. Vgl. die Stellungnahmen zur Kinderliteratur in Kibirovs Gedicht „Только детские книжки читать…“ (Нотации). Statt Nabokov und Joyce solle man lieber Tove Janssons Mumin-Erzählungen lesen bzw. ähnliche (Kinder-)Texte schreiben:

        Только детские книжки читать!1067

        Нет, буквально – не «Аду» с «Улиссом»,

        а, к примеру, «Волшебную зиму

        в Муми-долле»...

        А если б еще и писать!..1068 ← 327 | 328 →

8.2.1.  Humpty Dumpty & Šaltaj-Boltaj: Intertextuelle Überlagerungen

Der Buchtitel Шалтай-Болтай, mit dem auch eines der Gedichte überschrieben ist, verweist auf eine literarische Figur, die v. a. aus Lewis Carrolls zweitem Alice-Roman bekannt ist. Dass mit Šaltaj-Boltaj eben Humpty Dumpty – im Englischen ohne Bindestrich – gemeint ist, wird in Kibirovs Gedicht Ab ovo explizit kommentiert: „Humpty-Dumpty / (в русском классическом переводе – Шалтай-Болтай“ (Abschn. 1).1069 Carroll wiederum hatte die Figur aus den sog. nursery rhymes1070 übernommen. Bei den ursprünglichen Humpty Dumpty-Versen handelt es sich um ein Rätsel. Im 18. Jahrhundert wurde so eine kleine, rundliche Person bezeichnet, und es gilt zu erraten, dass ein Ei gemeint ist:

        Humpty Dumpty sat on a wall,

        Humpty Dumpty had a great fall.

          All the king’s horses,

          And all the king’s men

        Couldn’t put Humpty together again.1071

In Carrolls systematisch mit dem Lektürevorwissen seiner kindlichen Leserschaft arbeitenden Alice-Büchern1072 dient der nursery rhyme als Grundlage für das 6. Kapitel des zweiten Romans Through the Looking-Glass and What Alice Found There (1871). Alice trifft hier auf den eiförmigen Humpty Dumpty, dessen Schicksal ihr aus dem Rätselgedicht bekannt ist: Er wird von der Mauer fallen und zerbrechen. Humpty Dumpty ignoriert ihre Warnungen, und man wartet auf das Eintreten der Katastrophe.

Während diese Determinismusproblematik die Philosophinnen und Philosophen anspricht, interessiert sich die Literaturwissenschaft für Carroll als Vorläufer der Moderne und sieht in den von Humpty Dumpty entschlüsselten „Koffer-Wörtern“ des Jabberwocky-Gedichts („Twas brilling, and the slithy toves / Did gyre and gimble in the wabe“)1073 die Sprachexperimente der Avantgarde heran ← 328 | 329 → reifen.1074 Man würde erwarten, dass ein Dichter eben diesen Aspekt auswertet, jedoch stellt Kibirov ganz andere Verknüpfungen her und greift auch auf den ursprünglichen nursery rhyme zurück.

Dieser ist in der Übersetzung von Samuil Maršak in den Kanon der sowjetisch-russischen Kinderliteratur eingegangen.1075 Das von Maršak gewählte russische Äquivalent für den sprechenden Name führt dabei zu einer semantischen Verschiebung. Das Lexem шалтай-болтай ist als umgangssprachliches Substantiv mit der Bedeutung ‘Quatsch, leeres Gerede’ sowie als Adverb belegt,1076 eine Person mit diesem Namen wäre also ein Schwätzer, wohl auch ein Müßiggänger und Nichtsnutz. Passend dazu lässt die Nachdichtung den Protagonisten, anders als im Original, im Schlaf bzw. Traum von der Mauer fallen („свалился во сне“). Die von Maršak geprägte Namensvariante, die auch in Nina Demurovas klassische Alice-Übersetzung einging,1077 beinhaltet also eine moralische Botschaft. Die Warnung vor dem müßigen Träumen lässt sich vielleicht auch auf den Poeten verallgemeinern, gerade da Carrolls Humpty Dumpty selbst dichtet (obgleich schlecht). Dies plausibilisiert die Selbstidendifikation von Kibirovs Sprecher mit der Figur Šaltaj-Boltaj, von der noch die Rede sein wird.

Die im Titel gebündelten intertextuellen Bezüge werden im Buch an drei Stellen weitergeführt, nämlich im Motto und in zwei Gedichten. Die dem Buch vorangehenden Strophen aus einem Gedicht von Lewis Carroll sowie Kibirovs Gedicht Шалтай-Болтай stellen eine Verbindung zwischen Carroll und dem autobiographisch konstruierten Sprecher her. Stärker auf die Gesellschaft bezogen ist der im zweiten Gedicht Ab ovo prophezeite Untergang der Zivilisation.

8.2.2.  Autobiographische Projektionen

Das Buchmotto stammt aus Carrolls Alice in Wonderland (1865), aus Kap. 5: Advice from a Caterpillar.1078 Zitiert wird nicht die Übersetzung (es gäbe erneut eine von Samuil Maršak1079), sondern das englische Original. Es handelt sich um ← 329 | 330 → zwei Strophen eines Gedichts, das Alice auf den Befehl der Raupe hin aufsagt. Sie soll ein (der damaligen kindlichen Leserschaft vertrautes) poem vortragen, jedoch gelingt ihr die wortgetreue Repetition nicht, und es entsteht ein neues Werk. Die originale Struktur bleibt erhalten, es wiederholen sich insbesondere die Strophenanfänge, jedoch ist der Text dazwischen ein anderer. Es ergibt sich eine Parodie auf das Original, Robert Southeys The Old Man’s Comforts and How He Gained Them,1080 in dem besagter Alter erzählt, dass er in der Jugend ein tugendhaftes Leben geführt habe, was ihm nun zugute komme. Alice’ Version kehrt die Didaktik in ihr Gegenteil um, denn die Fähigkeiten, derer sich ihr Senior rühmt, sind komischer Natur. In dieser Schlüsselszene zeigt sich erneut ein zentrales Charakteristikum der Alice-Romane: Sie spielen mit dem literarischen Vorwissen der Leserschaft.1081

Hierin besteht eine deutliche Parallele zu Kibirovs Schreiben. Insofern kennzeichnet das Motto Carroll als Vorbild für das eigene Schaffen, in dem Intertextualität und Parodie eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus lässt sich Kibirovs Sprecher mit dem alten Mann gleichsetzen: Dieser konstatiert im als Motto ausgewählten Ausschnitt, dass er nicht befürchten müsse, seinem Verstand durch das auf-dem-Kopf-Stehen zu schaden, da er keinen besitze. Ähnlich scheint Kibirovs alter ego keine Angst zu haben, sich lächerlich zu machen – die Kombination ernsthafter Intentionen mit Ironie, Sprach- und Zitatspiel bricht in der Tat mit der Erwartung, dass ernste Inhalte einer ernsthaften Behandlung bedürfen. In der mit dem Motto angezeigten Identifikation mit Carrolls Figur liegt somit eine Selbststilisierung vor, die ironisiert und legitimiert.

Weitere Humpty Dumpty-Bezüge finden sich in dem Gedicht ШалтайБолтай, das den russischen Figurennamen im Titel trägt.1082 Hier ist der Sprecher auf der Suche nach einer neuen Identifikationsfigur, da die intertextuellen Hypostasen als Kämpfer für die Ordnung, als Geliebter oder Liebender an Aktualität verloren hätten: ← 330 | 331 →

        Нет – увы – никакой я не зайка уже

(ни в смысле Чуковского,1083 ни, тем более Киркорова1084),

и не вещая птица над Ледой.1085

Inwiefern erweist sich aber in der aktuellen Situation die Identifikation mit Humpty Dumpty passend? Sowohl die Kinderbuch-Figur als auch das Ei an sich verkörpern Zerbrechlichkeit und die drohende Zerstörung. Dabei verbindet sich der nursery rhyme in Kibirovs Text (Absch. 3–4) über das tertium comparationis des Eis zusätzlich mit dem russischen Märchen Курочка ряба,1086 wobei die in Klammern gesetzten Kommentare eine allegorische Interpretation vorgeben:

        Его били-били — не разбили

        дед и баба

        (т.е. всякие объективные

социально-политические

и социокультурные

тяготы и лишения),

        а мышка бежала

        (ах, ты, мышка моя!),

хвостиком махнула —

оно и упало.

И разбилось.

Einen Hinweis zur Entschlüsselung der erwähnten Maus aus dem Märchen liefert der ebenfalls eingeklammerte Seufzer „ах, ты, мышка моя“ – vor dem Hintergrund der vorangegangenen Gedichtbände und dem Nataša-Plot lässt sich eine gescheiterte Liebe herauslesen, die die eigene Existenz bedroht. Die intertextuellen Bezüge auf verschiedene Prätexte (nursery rhymes, Lewis Carroll, Samuil Maršak) werden auf die eigene Dichter-Figur projiziert – Шалтайболтай versieht sie mit autobiographischen Interpretationen. ← 331 | 332 →

8.2.3.  Spielerisches Untergangsszenario

In Kibirovs zweitem Humpty Dumpty-Gedicht1087 wird das Ei zum facettenreichen Symbol für Literatur und Kultur, die wie der auf der Mauer sitzende Humpty Dumpty zum Untergang verdammt scheinen – das entsprechende Kapitel in Through the Looking-Glass endet mit einem Krachen, das zum Kampf zwischen Löwen und Einhorn im Folgekapitel überleitet und zugleich impliziert, dass der eiförmige Protagonist tatsächlich von der Mauer gestürzt ist. Die Prophezeiung des Untergangs von Literatur, Kultur und sogar der Zivilisation (so die Aufzählung) ist jedoch in einem Gedicht zu finden, das diesen Zerfall durch die Auflösung der klassischen Gedichtform paradoxerweise selbst abbildet. Ähnlich wie im Gedicht Шалтай-Болтай gibt es keine homogenen Strophen, sondern zwölf unregelmäßige Abschnitte mit einer Amplitude von 1–9 Versen.1088 Auch Metrum und Reime fehlen, es handelt sich um vers libre, was zum Untertitel des Buches passt: „свободные стихи“.

Die reduzierte Poetizität trägt dazu bei, dass Ab ovo nicht als lyrische Klage wirkt, sondern ähnlich einem Traktat primär den Verstand anspricht. Zu Anfang wird die Grundthese geäußert, dass der eiförmige Humpty Dumpty für Literatur / Kultur / Zivilisation stehe, anschließend werden Argumente aufgezählt, die diese Analogie bekräftigen. Die an den Anfängen der Abschnitte stehenden Strukturmarker („Ну, во-первых“, „Да и“, „И вообще“, „А во-вторых“, „И то“, „К этому можно добавить“, „И“) betonen die logisch-rationale Anlage der Argumentation. Durch den geringen Anteil an verbalen Komponenten wirkt der Text statisch. Die wenigen Verben, die als Prädikate (meist von Relativsätzen) fungieren, sind nicht oder minimal dynamisch, und die Ausnahmen „не любил“, „убивал“ erweisen sich als Zitate.

Von seiner Struktur her ein sachlich-trockener, argumentativer Text weist Ab ovo eine Reihe von parodistischen Verfahren auf, die diesen Eindruck zerstören. Eine Bloßlegung des Verfahrens sind z. B. die überlangen Ketten aus semantisch und morphologisch ähnlichen Abstrakta (in Abschn. 3: завершенность – совершенность – идеальность – формальность – рациональность). Weiterhin kollidiert die pseudo-sachliche Sprachschicht v. a. in den in Klammern gesetzten Einschüben mit umgangssprachlichen Floskeln (z. B. Abschn. 1: „или, скажем“, „ну, в общем“). In diesen kommentierenden Parenthesen, die den unpersönlichen „Sachtext“ immer wieder unterbrechen, nimmt auch der Sprecher mit Erinnerungen, Absichten und Emotionen (siehe die Frage- und Ausrufezeichen in Abschn. 4 und 11) Gestalt an. Diese stilistischen Anomalien verleihen Ab ovo eine amüsant-ironische Qualität, wodurch das deterministische Szenario ← 332 | 333 → seine Bedrohlichkeit verliert. Es bleibt in der Schwebe, inwieweit die artikulierte Sorge um die Zivilisation ernst gemeint ist. Dass die ernste Botschaft subvertiert wird, schlägt eine Brücke zu Lewis Carrolls Werk, das an die Stelle von didaktischen Direktiven das anarchische Sprach- und Intertextspiel stellte.

Die Wahl des Eis als Symbol für die (bedrohte) Literatur / Kultur / Zivilisation ist ebenfalls spielerisch und eröffnet überraschend schlüssige Assoziationen, die sich verästeln und vernetzten. So verbindet der lakonische Einschub „(от Леды до Пасхи)“ in Abschn. 6 das Ei neben dem Christentum auch mit der Antike: Leda wurde von dem als Schwan auftretenden Zeus schwanger und brachte ein Ei zur Welt, woraus Helena schlüpfte. Helenas Ehebruch löste den Trojanischen Krieg aus, von dem Homers Epos Ilias erzählt, das den Beginn der europäischen Literaturtradition markiert (die laut Gedicht bedroht ist). Dieser Helena-Mythos steht ebenfalls hinter dem Gedichttitel Ab ovo (‘vom Ei an’), der eigentlich ein rhetorischer Fachterminus ist.1089 Bei Kibirov besteht die semantische Funktion des Latinismus jedoch v. a. darin, das Ei ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und durch die Verwendung des Lateinischen auf die abendländische Kulturtradition zu rekurrieren.

In Abschn. 3 wird die ovale Form mit Nietzsches apollinischem Prinzip verbunden, das positiv konnotiert ist (аполлонический идеал), sich in Kibirovs spießbürgerlich-antiromantisches Paradigma einordnet und im Gedicht explizit für Rationalität und Ordnung steht. In Abschn. 4 gibt es zwei sich überlagernde Zitate, die die dionysische Gegenposition repräsentieren und die Ei-Metapher aufgreifen: Im Gedicht Гроза (1936) des sowjetischen Dichters Pavel Kogan steht das Oval für die Alltagsnormalität, gegen die in romantischer Pose aufbegehrt wird. Auf ein belebendes Unwetter folgt bei Kogan die bedrückende Ruhe („Как равнодушье, как овал.“), das Gedicht endet mit dem pathetischen Ausruf:

        Я с детства не любил овал!

        Я с детства угол рисовал! 1090

In Kibirovs Ab ovo wird allerdings nach dem ersten Vers von Kogan die Weiterschreibung durch D. A. Prigov zitiert, was explizit gesagt wird. Prigovs Variante radikalisiert die Ablehnung von Normalität und Ordnung und parodiert sie gleichzeitig: ← 333 | 334 →

        Я с детства не любил овал

        Я с детства просто убивал.1091

In Abschn. 7 wird schließlich die Verbindung zu Humpty Dumpty ausgearbeitet. Wie bei Carroll scheint das Ei zum Untergang bestimmt, wobei die Interpretation des alltäglichen Ei-Aufschlagens als tragische Fatalität („обреченность быть кокнутым / так или иначе / в конце концов.“) erneut ins Komische weist.

Es entwickelt sich also eine komplexe Allegorie, die über die bekannten Illustrationen der Alice-Romane von Tenniel oder die Bebilderungen sowjetischer Künstler1092 sogar als Emblem-Bild vor Augen steht. Ein erster Vergleichspunkt ist die Mauer, auf der Humpty Dumpty sitzt. Wie die Synonymkette разграничение – структурность – членораздельность überdeutlich macht, steht sie für Struktur und repräsentiert wohl die potenzierte Ordnung und Verbundenheit der einzelnen Elemente im Gedicht. Als weiteres Element werden in Abschn. 9 König und Heer erwähnt, auf welche sich Carrolls Protagonist trotz Alice’ Warnungen verlässt. Bei Kibirov ist damit das Vertrauen auf „transzendente“ (göttliche) Kräfte gemeint, was das Gedicht explizit aufschlüsselt: „упование […] на некие трансцендентные силы“. Der einen Vers umfassende Abschnitt 11 nennt ein drittes allegorisches Vergleichsmoment: „пребывание во снах роковых“, das aus Maršaks Nachdichtung stammt. Der bei Kibirov gesetzte Plural verschiebt die Bedeutung von ‘Schlaf’ hin zu ‘Traum, Träume’. Gemeint sind vielleicht das Imaginieren von literarischen Welten und die Flucht aus der Realität, die zum Sturz (des Dichters) führen. Diese Deutung lässt das Gedicht eine Aufforderung zur praktisch-wirksamen Tätigkeit und Kritik an der (intentionslosen) Gegenwartsliteratur werden.

Die Aussichten der Literatur / Kultur / Zivilisation sind, folgt man der Humpty Dumtpy-Allegorie, schlecht. Während Carrolls Figur die Warnungen ignoriert und (aller Wahrscheinlichkeit nach) von der Mauer stürzte, wird in Kibirovs Gedicht die drohende Gefahr allerdings wahrgenommen, was die Möglichkeit eröffnet, die Zukunft zu ändern. Die letzten beiden Abschnitte lassen das Gedicht dennoch bedeutungsoffen ausklingen: Einerseits wird die „imma ← 334 | 335 → nente Fähigkeit des Eis zu Entwicklung und Verwandlung“ (also die Entstehung eines Kükens) erwähnt, d. h. die Möglichkeit eines Neuanfangs und Weiterbestehens. Andererseits wird dieser optimistische Blick dann doch verneint. Der eindrückliche Abschlussvers „Горечь, и жалость, и гнев“ beschreibt nicht nur die pessimistische Stimmung des Sprechers, sondern trifft auch die Tonalität von Kibirovs Büchern der letzten Jahre, die das alter ego immer wieder als Kämpfer gegen den unaufhaltsam scheinenden Niedergang der westlichen Zivilisation (wozu auch die russische gezählt wird) sowie gegen den Verlust der Literatur als gesellschaftlich relevanter Kraft auftreten lassen. Жалость ist übrigens ein Signalwort aus Kibirovs in Kap. 4.1.4 behandelten Weihnachtsallegorien, die die Umbruchsituation Ende der 1980er reflektieren. Wo dort „жалость и стыд“ (‘Mitleid und Scham’; vgl. S. 176) verbunden werden, hat sich die Haltung in den 2000er Jahren zu ‘Bitterkeit und Mitleid und Zorn’ verändert, ist also aggressiver geworden.

8.2.4.  Die antididaktische Literatur als Traditionslinie

Im Buch Шалтай-Болтай werden persönliche und gesellschaftliche Probleme in ironisch-komischen Texten behandelt. In Weiterführung der Tradition der englischen nicht-didaktischen Kinderliteratur, die intertextuell präsent ist, verbinden sich Krise und Spiel, Problem und Ironie. Ernste Inhalte werden in amüsanter Form präsentiert. In den Gedichten Шалтай-Болтай und Ab ovo liegt der Schwerpunkt dabei auf dem spielerischen Element, insbesondere der Verästelung der intertextuellen Bezüge.

Das ambivalente Miteinander von intentionaler Didaktik und ironischer Subversion wird auch in Kibirovs Buch späterem Buch Три поэмы (2006–2007) mit Bezug auf Carroll verhandelt. Der letzte ‚Gesang‘ der Prosaminiaturen Покойные старухи schließt mit einem Originalzitat aus Alice in Wonderland, Kapitel 9. Kibirovs autodiegetischer Erzähler beschreibt die von ihm gewünschte Lektüre seiner Texte (spricht also in der Funktion des Autors) und stellt sich auf die Seite von Carrolls Herzogin, die behauptet, dass alles eine Moral habe:

        Я согласен хотя бы на совсем уж простодушное, средневековоаллегорическое прочтение. Поскольку, перефразируя Некрасова, «мерещится мне всюду притча», и Герцогиня из Страны чудес, по-моему, безусловно права, а сиринская Аня и набоковская Ада напрасно упорствуют в своей «подростковой наоборотности»[.]

        I can’t tell you just now what the moral of that is, but I shall remember it in a bit.”

        “Perhaps it hasn’t one,” Alice ventured to remark.

        “Tut, tut, child!” said the Duchess. “Everything’s got a moral, if only you can find it”.1093 ← 335 | 336 →

Von Kibirovs Erzähler wird diese Aussage auf das eigene Literaturmodell übertragen und explizit gegen Nabokov gerichtet. Dieser übersetzte unter dem Pseudonym Sirin bekanntlich den ersten Aliceroman ins Russische (Аня в стране чудес, 19231094), was sein Interesse an sowie den künstlerischen Einfluss von Carrolls Antididaktik anzeigt. Nabokov sprach sich in der Tat (etwa in dem Nachwort zur amerikanischen Ausgabe von Lolita, siehe Kap. 5.1.2, Seite 185) gegen eine Literatur aus, die primär auf gesellschaftliche Wirkung und große Ideen ziele.

Die von Kibirovs Erzähler favorisierte Gegenposition verliert allerdings durch den Originalkontext des Zitats an Überzeugungskraft. Die Herzogin weist nämlich jeder Äußerung eine Moral zu, wobei ihre sprichwörtlichen Weisheiten keinen Zusammenhang mit dem ursprünglich Gesagten erkennen lassen. Die Herzoginnen-Szene beinhaltet bei Carroll gerade die Absage an die Forderung nach allgemeiner Moral-Haltigkeit und an Didaktik als einzigen Daseinzweck von Kinderliteratur. Insofern finden sich in Kibirovs Prosaminiatur sowohl These (pro Didaktik) als auch Gegenthese (contra), die sich gegenseitig die Waage halten. Das Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven, die Verbindung von Aussageintention und ihrer ironischen Relativierung, verleihen dem Plädoyer postmoderne Züge: An die Stelle absoluter treten partikular gültige, sogar fragliche Wahrheiten, die sich in Kibirovs Text allerdings nicht auf Lyotard oder andere philosophische Autoritäten berufen, sondern intertextuell aus der englischen Kinderliteratur heraus entwickelt werden. Diese ungewöhnliche genealogische Linie bewirkt, dass die vertretene Argumentation sowohl für postmoderne-affine als auch postmoderne-feindliche Rezipienten und Rezipientinnen akzeptabel ist. ← 336 | 337 →

8.3.     DIE AUSEINANDERSETZUNG MIT A. E. HOUSMAN (НА ПОЛЯХ «A SHROPSHIRE LAD»)

Die englische Literatur hat bei Kibirov viele verschiedene Gesichter. Das breit gestreute Interesse erreicht seinen Höhepunkt im Werk mit На полях «A Shropshire Lad» (2006/2007).1095 Das Buch umfasst 63 Gedichte aus Alfred Edward Housmans Gedichtband A Shropshire Lad (1896) im englischen Original sowie 63 ihnen gegenübergestellte Repliken Kibirovs in russischer Sprache. Eingeleitet wird der Band durch das fünfseitige Vorwort От автора. Необходимое, но, возможно, недостаточное объяснение, das dieses ungewöhnliche Bilingua-Projekt erläutert.1096 Anhand von diesem Auto-Kommentar – sowie natürlich den Gedichten selbst – wird im Folgenden Kibirovs Beziehung zu Housman und dessen Funktion für das eigene Werk herausgearbeitet. Neben offenkundigen Oppositionen finden sich dabei überraschende Gemeinsamkeiten.

8.3.1.  Leserlenkende Selbstauslegung: das auktoriale Vorwort

Das Vorwort enthält neben biographischen Eckpunkten des Dichters und Altphilologen A. E. Housman eine begeisterte Laudatio. Während die Literaturwissenschaft ihn als weniger bedeutenden Autor am Ausgang der viktorianischen Epoche klassifiziert,1097 wird er in Kibirovs Vorwort als wichtiger Dichter vorgestellt (S. 5: великий английский поэт), wenngleich er in Russland noch wenig bekannt sei.1098 Abgesichert wird diese Bewertung von Housman als relevantem Autor durch die Erwähnung von zwei russischen Autoritäten, die auf ihn Bezug genommen haben, zum einen durch den populären Philologen Mi ← 337 | 338 → chail Gasparov (1935–2005)1099 und zum anderen durch das für Kibirov wichtige schriftstellerische Vorbild Vladimir Nabokov.1100 Nabokov erwähnt Housman, wie im Vorwort vermerkt, in Pale Fire (1962), einer artifiziellen Komposition eines fiktiven Poems-mit-Kommentar,1101 in dem ein (wahnsinniger) Kommentator dem Text eine eigene Interpretation überstülpt und sich selbst zum Akteur macht. Auch На полях «A Shropshire Lad» interpretiert und usurpiert das Original, allerdings ohne betrügerische Verfälschungen.

In Kibirovs Vorwort ist weiterhin die Rede von vorhandenen Übersetzungen,1102 was zum spezifischen Charakter des eigenen Vorhabens überleitet. Bei den russischen Gedichten handelt es sich, trotz der parallelen Anordnung mit dem Original jeweils auf der linken und der „Übersetzung“ auf der rechten Seite, um keine Nachdichtungen, was schon die Nennung von Kibirov als Autor und der neue Titel implizieren. На полях «A Shropshire Lad» ist zu übersetzen mit ‘auf den Seitenrändern’, es handelt sich also um kommentierende Glossen zu Housmans Gedichtband.1103 A. E. Housmans Gedichte dienen als Vorlage, die zu eigenen Gedicht-Repliken inspiriert. Als Begründung eben dieser Art der Auseinandersetzung mit Housmans Texten wird neben dem Fehlen übersetzerischen Talents und den Zweifeln an der Übersetzbarkeit der Texte das Bedürfnis genannt, dem Vorgänger auf der inhaltlichen Ebene (Kibirovs Vorwort spricht von „Ideologie“) zu widersprechen.1104 Kibirovs Band zielt in der Tat nicht darauf, Housmans Texte sprachlich zugänglich zu machen, sondern sie samt Kommentierungen, Adaptionen und Entgegnungen zu vermitteln und mit dem eigenen Schreiben zu verknüpfen. Das Vorwort spricht von einer ganzen Palette von Transformationen und verweist auf ähnliche literarische Projekte: ← 338 | 339 →

        Иногда это традиционные для русской литературы очень вольные переводы и пересказы, иногда – столь же традиционное склонение на русские или современные нравы, иногда дерзновенный спор, как у Ломоносова с Анакреонтом, иногда аналог филаретовского «Не напрасно, не случайно», а в некоторых случаях я позволил себе подражание моим любимым допискам А. К. Толстого к стихотворениям Пушкина. Впрочем, в ряде случаев связь моих текстов с хаусмановскими столь прихотлива, что не до конца поддается даже моему собственному пониманию.1105

Die hier genannten Werke, die das Housman-Projekt mit einer Genealogie versehen, verkörpern zugleich zentrale Aspekte von На полях «A Shropshire Lad»: Lomonosovs Разговор с Анакреонтом1106 steht für die kontrastive Herausarbeitung der eigenen schriftstellerischen Position. Die Umkehrung des Pessimismus in Puškins Gedicht Дар напрасный, дар случайный durch ein Antwortgedicht des Metropoliten Filaret1107 verweist auf Kibirovs moralischreligiöse Tendenz. Aleksej K. Tolstojs Надписи на стихотворениях Пушкина (nach 1861), kritisch-spöttische Randnotizen zu Puškins Gedichten,1108 verkörpern den komisch-parodistischen Modus der Auseinandersetzung.

8.3.2.  Aktualisierung und Personalisierung

Wie angesichts der Ausführungen im Vorwort zu erwarten, handelt es sich bei den wenigsten von Kibirovs Bearbeitungen um textgetreue Übertragungen: Housmans letztes Ged. LXIII,1109 das die Hoffnung beinhaltet, das Buch A Shropshire Lad möge auch nach dem Tod des Verfassers weiterleben, wird als Interlinearübersetzung (bei Kibirov betitelt als Подстрочник) wiedergegeben; vier weitere Gedichte halten sich weitgehend an das Original (Ged. 15, 20, 21, 27). In vielen anderen lässt sich die im Vorwort erwähnte „Anpassung an die russischen oder gegenwärtigen Sitten“ beobachten. Die Transposition von Ort und Zeit ist die Regel, so wird in Ged. 42: Веселый гид Shropshire zum russischen Šil’kovo. Wo Housman ein zeitloses ländliches Arkadien ohne Verweis auf Fabriken, Eisenbahn, etc. ausmalt,1110 gibt es bei Kibirov U-Bahn (Ged. 8, ← 339 | 340 → 12), Fernseher, Radio (Ged. 1, 7), Handy (Ged. 4), Anrufbeantworter (Ged. 57), E-Mail (Ged. 34), Blog (Ged. 37), etc.

Ein weiterer Unterschied besteht in der Konzeption des diegetischen Sprechers, der bei Kibirov eng mit der Person des Autors verbunden ist, was die englischen Originalgedichte bewusst vermeiden. Housmans Buch sollte ursprünglich den Titel Terence oder The Poems of Terence Hearsay tragen,1111 d. h. einer separaten Erzählerfigur zugewiesen werden. Terence bleibt in der publizierten Fassung allerdings blass und wird nur in Ged. VIII und LXII (jeweils Str. 1) namentlich erwähnt. Die Gedichte scheinen somit von einem unkonkret bleibenden jungen Mann vom Lande zu stammen. Kibirov führt seinen Dialog allerdings weder mit diesem „Shropshire lad“ noch mit „Terence“, sondern mit dem Autor Housman (Ged. 22, 31, 62), auf dessen Person die Gedichte bezogen werden. Während beispielsweise im 62. Gedicht bei Housman Terence angesprochen wird (Abschn. 1, V.1), richtet sich Kibirovs Sprecher an den Gelehrten Housman: „Профессор, сердитесь Вы зря“ (Abschn. 1, V. 141112).

Im Gegensatz zu Housmans Strategie der Distanzierung schreibt Kibirov die eigene Person konsequent in den Text hinein. In Ged. 5 nennt die junge Frau den Sprecher Timur, in Ged. 46 soll auf dem Grabstein stehen „Пишите так: «Кибиров Т.»“.1113 Autor und Sprecher sind gleichaltrig (Ged. 2, 13, 17), mehrere biographische Stationen decken sich mit dem, was man aus früheren Gedichten oder aus Interviews kennt: die auf Militärstützpunkten verbrachte Jugend (Ged. 41, 50), der Wohnort Moskau (Ged. 8, 12), das Studium am Pädagogischen Institut (Ged. 9), Spaziergänge in Šil’kovo (Ged. 42), die eigene Schriftstellerexistenz (Ged. 11, 17, 19). Erwähnt werden verschiedene den Leserinnen und Lesern bekannte Figuren: Vater (Ged. 41), Tochter (Ged. 23), Schäferhund (Ged. 42, Ged. 59: Эпитафия Томику), Großmutter (Ged. 19, 25), die Dichterkollegen Gandlevskij (Ged. 25) und Dina [Gatina] (Ged. 46). Es wird auf eigene Publikationen verwiesen (Ged. 17: Парафразис; Amour, exil…) sowie auf literarische Vorlieben – Blok (Ged. 41, 58), Puškin, Deržavin, Chesterton, Scott (Ged. 1, 28, 22).

Auf konzeptueller Ebene kommt die Frage nach dem Verhältnis von Sprecher und biographischem Autor in Ged. 31, Str. 3, zum Tragen, das ausmalt, wie der Philologe Housman an einem Herbstabend gedichtet haben mag: ← 340 | 341 →

        И так легко филолог-стоик

        Соединяет move и love,

        Что плакать все-таки не стоит,

        Об этом парне прочитав.1114

Durch den Unterschied zwischen dem schreibenden Professor und seiner jungen Erzählerfigur („парень“) sowie die zeitliche Distanz zwischen dem Dichtungsprozess und den früheren Empfindungen verschwindet die emotionale Unmittelbarkeit. Der hier imaginierte Housman ist kein Leidender, sondern ein Wortkünstler, der Reimpaare kombiniert, um eine Stimmung zu erzeugen. Daher auch Kibirovs Resümee, dass man nicht zu weinen brauche. In Str. 4–5 wird anschließend Housmans Versuch kritisiert, die (ihn) quälenden „sexuellen Fragen“ (d. h. dessen homosexuelle Neigungen) über das Schreiben zu lösen. In den Gedichten gehe es nämlich, heißt es bei Kibirov, nicht nur um solche biographischen Probleme:

        И те вопросы на поверку         
        Совсем не половые, друг…         
        Но день прошел. Но вечер меркнет.         
        И ночь берет нас на испуг.        [Str. 4]

Im Werkkontext lassen sich diese Verse so interpretieren, dass von Housmans Texten (die von bestimmten persönlichen Problemen motiviert wurden) eine bestimmte (negative, wie das Bild der herannahenden Nacht suggeriert) Wirkung auf die Leser und Leserinnen ausgeht. Darin besteht der zentrale Kritikpunkt Kibirovs an Housman: Dessen aus einer persönlichen Krise heraus entstandene Gedichte würden „schädliche“ Inhalte transportieren, ohne die Konsequenzen (d. h. die Wirkung auf die Leserschaft) zu bedenken. Kibirovs Gedicht interpretiert Housman auch hier ganz aus der Perspektive des eigenen Schreibens: Kibirovs Versuche der zweiten Schaffensphase, durch autobiographisch unterfütterte Entwürfe (mit den Themen Liebe, Ehe, Vaterschaft) „positive“ Werte zu vermitteln, sind keine poetischen Tagebücher oder Versuche zur Selbsttherapie, sondern durchdachte literarische Projekte.

8.3.3.  Konträre Weltanschauungen

Trotz der großen Wertschätzung für Housman übt Kibirovs Vorwort inhaltliche Kritik, spricht bald von „Pessimismus“ („прозрачный пессимизм“1115), bald mit humorvoller Übertreibung von „nekrophiler Propaganda“.1116 Genau wie bei der Auseinandersetzung mit Baudelaire im Buch Улица Островитянова wird die in einer großen Zahl von Gedichten über Tod und Suizid fassbare Faszina ← 341 | 342 → tion als problematisch bezeichnet. Im Vorwort wird Housman spöttisch mit Gor’kijs komischer Figur Smertjaškin verglichen: Gor’kijs Annoncen für ein Beerdigungsbüro schreibender Evstignej Zakivakin dichtet verkatert Verse über die Sinnlosigkeit des Lebens, die – unter besagtem Pseudonym Smertjaškin gedruckt – zu einem großen Erfolg werden. Ehefrau und Hauskritiker übernehmen die Vermarktung, am Ende hat das „Genie“ die deprimierenden Themen allerdings satt.1117

Kibirovs Repliken postulieren eine alternative, „optimistische“ Weltanschauung, die in dem üblichen komisch-ironischen Register präsentiert wird. Ermöglicht wird dieser Modus durch die konzeptuelle Veränderung des Schreibanlasses, des Liebessujets. Bei Housman herrscht eine traurig-tragische Stimmung, die in Ged. XXV, XXVI, XXVII zum Zynismus wird – hier ist von der Untreue der Frauen die Rede. Bei Kibirov werden trotz aktuellem Liebeskummer (z. B. Ged. 8, 24) und früheren Misserfolgen (Ged. 5, 39) auch glückliche Momente erinnert (Ged. 40). Auf Housmans Warnung in Ged. XIII, sich angesichts der zu erwartenden Enttäuschungen grundsätzlich nicht zu verlieben, entgegnet Kibirovs alter ego mit einer knappen Replik (auf Englisch), wobei die eigene Lebenserfahrung die Gegenthese legitimieren soll. Sein Sprecher bricht in mehreren Gedichten die Tragik auf, der Liebeskummer wird humorvoll und selbstironisch thematisiert (Ged. 29, 33, 34, 78), insbesondere in Ged. 53: Sex in the Sity (sic!), einer Parodie auf die romantische Schauerballade.

Kibirovs alter ego befindet sich insgesamt in einer vorteilhafteren Position als der reale Housman, der offenbar sein Leben lang im Konflikt mit seinen homosexuellen Neigungen stand. Die Forschung vermutet, dass ein wichtiger Auslöser für den Band A Shropshire Lad in der unerfüllten Liebe zu dem Studienfreund Moses Jackson bestand.1118 Diese These findet sich in Kibirovs Vorwort und spiegelt sich in Ged. 38, das das Original einer „heterosexuellen Appropriation“ (so der Titel: Гетеросексуальная апроприация) unterwirft: Der Text wird kopiert, es wird jedoch my friends in my girl abgeändert, entsprechend auch Pronomina, Prädikate etc. Auch Housmans Schlüsseltext To an Athlete Dying Young (Ged. XIX) wird umgearbeitet und Kibirovs verstorbener Großmutter gewidmet. Insgesamt wird die (vermutete) biographische Grundlage des Prätextes in den Repliken entfernt und ersetzt. Wie Kibirovs Vorwort, Nabokov ← 342 | 343 → zitierend, formuliert: Während Housman ein Buch über junge Männer und den Tod geschrieben habe, gehe es nun um einen älteren Mann und das Leben.1119

Auch die als zentrales Thema Housmans bezeichnete Faszination für den Tod und die Neigung zum Selbstmord werden in На полях «A Shropshire Lad» an vielen Stellen parodistisch überschrieben. Ged. 9 erzählt etwa von einem missglückten Suizidversuch, der von dem pubertierenden Ich aus abstraktem Lebensüberdruss unternommen wurde1120 (dies knüpft an Kibirovs К вопросу о романтизме sowie die Kritik an Baudelaire an, siehe Kap. 5.3 und 7.2). Ged. 14 fasst diese Geisteshaltung mit der Allegorie eines Fisches, der sich für einen zu etwas Höherem berufenen Vogel halte und dem Teufel ins Netz gehe.1121 In Ged. 44 sorgt u. a. Michail Gasparovs Idee einer „zusammengefassten Übersetzung“ (конспективный перевод)1122 mit mehreren Varianten für Komik, etc.

Ergänzt wird die Polemik gegen die Todesfaszination durch Gedichte mit christlichen Motiven, die in die Vorlage ein ihr fremdes Thema einführen – bei Housman weist allein Ged. XLII: The Merry Guide gewisse religiöse Dimensionen auf, die jedoch zur antiken Mythologie tendieren. Biblische Sujets verwenden Kibirovs Monolog des zur Rechten Christi gekreuzigten Verbrechers (Ged. 47) und die Betrachtung von Rembrandts Gemälde Die Heimkehr des verlorenen Sohns (Ged. 51). In die im weiteren Sinne christliche Rubrik gehören ebenfalls die Ged. 3 und 56 mit dem aus Кара-барас bekannten Gedanken des Kampfes gegen das Böse sowie die Gegenüberstellung von Puškin und dem „Atheisten“ Voltaire in Ged. 28.

Auf Puškin beruft sich На полях «A Shropshire Lad» übrigens auch mit dem am Ende des Vorworts zu findenden Motto, das aus einer verworfenen Version der Reisebeschreibungen Путешествие в Арзрум stammt.1123 Mit den Worten Puškins wird die Erwartung einer spöttischen Reaktion von Seiten der Leserschaft artikuliert („Предвижу улыбку на многих устах“), was zu den übrigen ← 343 | 344 → Strategien der Vorwegnahme von Kritik passt.1124 Signifikant ist der der zitierten Stelle vorausgehende Kontext: Puškin spricht von Möglichkeiten, die wilden Tscherkessen durch die Predigt des Evangeliums zu befrieden, jedoch gebe es niemanden, der diese Aufgabe erfülle wolle und könne. Genau diese (von Puškin quasi eingeforderte) Prediger-Rolle scheint Kibirov in den 2000er Jahren für die russische Gesellschaft übernehmen zu wollen, wobei der Housman-Dialog einen literarischen Ansatzpunkt liefert.

8.3.4.  (Überraschende) Gemeinsamkeiten

Bei Kibirov ist die Haltung des Sprechers und der im Vorwort sprechenden Autorinstanz gegenüber Housman trotz der genannten „ideologischen“ Unterschiede nicht ablehnend, sondern Kritik und Faszination gehen Hand in Hand. Im Vorwort ist die Rede von „begeistertem Erstaunen“ und „ohnmächtigem Neid“ (восхищенное изумление; бессильная зависть), von Verliebtheit („влюбленность в безукоризненное изящество и гипнотическое обаяние этих стихов“) und – zweideutig – von Begeisterung („читательский восторг“), die in Juckreiz übergehe („неизбежный и неодолимый писательский зуд“).1125 In den Gedichten findet sich diese paradoxale Wertung in Ged. 22: Wo Housmans (in Kibirovs biographischer Lektüre: homosexueller) Sprecher fasziniert einem vorbeimarschierenden Soldaten nachschaut, fühlt sich Kibirovs Ich irrational zu Housman hingezogen, und nicht zu weltanschaulich näherstehenden Autoren:

        Ну почему не Честертон,         
             Не Донн, не Вальтер Скотт?!         
        С какого перепугу он         
             К себе меня влечет?         
                  
        На кой мне этот пессимизм,         
             И плоский стоицизм,         
        И извращенный эротизм,         
             И жалкий атеизм?1126        [Str. 1–2]

Programmatisch wird der Unterschied des Gesamtkonzepts in Ged. LXII bzw. 62.1127 Bei Housman erläutert die Erzählerfigur Terence in einem Pub Sinn und ← 344 | 345 → Zweck seines Schreibens: Sein Gegenüber findet die Gedichte unverdaulich („the verse you make, / It gives a chap the belly-ache“) und niederdrückend („Pretty friendship ’tis to rhyme / your friends to death before their time“, beides Str. 1), worauf Terence darlegt, dass sie dauerhaft an die bittere Realität gewöhnen würden. Zur Illustration verweist er (hier verrät sich die Autorschaft des Altphilologen Housman) auf die Legende von Mithridates, der täglich Gift zu sich genommen habe, um sich gegen Anschläge zu desensibilisieren. Bei Kibirov wird diese pessimistische Strategie hinterfragt und als Antidot Weingenuss empfohlen, um auch fröhliche Momente zu erleben (Str. 3). Gegen die Desensibilisierungsstrategie wird am Gedichtende eine Bibelstelle (Mk 16,17–18) gesetzt: Dem an Gott Glaubenden könnten weder Schlangen noch Gifte schaden. Housman will pessimistisch eine Gewöhnung an kommende Schicksalsschläge (wie den Tod des Geliebten) befördern, während Kibirovs Texte die Aufgabe favorisieren, Hoffnung und Zuversicht aufrechtzuerhalten.

Was genau fasziniert nun aber an Housman? In Kibirovs Vorwort wird mehrfach Lob für dessen formale Meisterschaft geäußert.1128 Allerdings hat diese Bewunderung in Kibirovs Repliken kaum Spuren hinterlassen, es findet keine Aneignung der formalen Besonderheiten Housmans oder der englischen Dichtung statt.1129 Gemeinsamkeiten ergeben sich in ganz anderer Hinsicht: Zum einen hinsichtlich ihrer Position zu dem jeweiligen zeitgenössischen literarischen Kontext, denn beide Dichter stemmen sich gegen die literarisch-philologischen Trends ihrer Zeit. Der entscheidende Moment in Housmans Vita war sein Festvortrag The Name and Nature of Poetry (1933), in dem der erfolgreiche Literat und Gelehrte erstmals seine Gedanken über Dichtung erörterte.1130 Neben Versifikation und „reiner Sprache“ mache die Übermittlung emotionaler Zustände die Dichtung zur Dichtung (bzw. Lyrik zur Lyrik, je nach Übersetzung des englischen poetry):

        And I think that to transfuse emotion – not to transmit thought but to set up in the reader’s sense a vibration corresponding to what was felt by the writer – is the peculiar function of poetry.1131 ← 345 | 346 →

Auch auf Seiten der Rezeption weist Housman dem Intellekt eine geringe Rolle zu: Man spüre intuitiv, was gute Dichtung sei.1132 Das Dichten sei weniger ein handwerklicher Prozess als durch Inspiration bedingt – etwas ungeschickt (oder mit missglücktem Humor) fährt er fort, dass er die besten Ideen bei einem Nachmittagsspaziergang nach einem Bier habe.1133 Housmans Vorstellungen standen im Gegensatz zur anbrechenden Literatur der Moderne,1134 was die literaturwissenschaftliche Rezeption seines Werkes negativ beeinflusste. Vor dem Hintergrund der Paradigmen des 20. Jahrhunderts (Formalismus, Strukturalismus) diskreditierten ihn seine „naiven“ Sichtweisen im universitären Bereich langfristig.1135 Auch für Kibirov ist die emotionale Wirkung, von der sich Postmoderne / Konzeptualismus distanzieren, ein wichtiges Ziel. Zwar macht er Zugeständnisse an den Intellekt (Intertextualität, Ironie, Metaliterarizität), bindet die Texte jedoch stark an das Mit-Fühlen mit dem autobiographisch konzipierten Sprecher. (Im Interview weist der Dichter allerdings auch darauf hin, dass diese scheinbare Authentizität und somit auch die emotiale Wirkung bewusst konstruiert sei.1136) Auch durch ihre (zumindest auf den ersten Blick) didaktischideologische Ausrichtung und konservativen Plädoyers entsprechen Kibirovs Gedichte kaum den Präferenzen der Literaturwissenschaft des neuen Jahrtausends.

Ungünstig für Housman erwies sich offenbar auch die Popularität von A Shropshire Lad, die mit der Vorstellung kollidierte, dass echte Poesie nur bei wenigen Connaisseurs Anklang finden könne.1137 Kibirovs Vorwort wertet den großen Erfolg sowohl bei den Intellektuellen als auch dem breiten Publikum wiederum sehr positiv und will daran anknüpfen.1138 In Housmans Einfachheit und Zugänglichkeit bestehe eine Alternative zu dem schon automatisierten Streben der eigenen Zeitgenossen nach Verkomplizierung: ← 346 | 347 →

        Особенно упоительными эти тексты казались на фоне мутной и унылой невнятицы, производимой большинством современных русских стихотворцев.1139

Insofern erweist sich Housman im Kontext von Kibirovs Schaffen trotz Unterschieden und weltanschaulichen Differenzen als positiver Bezugspunkt. Er, ein Zeitgenosse und Vorläufer der literarischen Moderne, der jedoch noch in der viktorianischen Tradition verwurzelt ist, repräsentiert eine Alternative zu Baudelaire, Blok und anderen, die bei Kibirov keine vergleichbaren Sympathiebekundungen (mehr) hervorrufen. Dass ausgerechnet der marginale Housman zum interessantesten Engländer gekürt wird, ist natürlich auch ein Bruch mit den Präferenzen der Dichterkolleginnen und -kollegen im 21. Jahrhundert.

8.4.     WELTANSCHAUUNGEN IM NATIONALEN WETTSTREIT: БАЛЛАДЫ ПОЭТИЧЕСКОГО СОСТЯЗАНИЯ

Während in На полях «A Shropshire Lad» die Begeisterung für Housman aufgrund der weltanschaulichen Unterschiede als paradox charakterisiert wird, handelt es sich bei Sir Walter Scott (1771–1832), dem Vater des historischen Romans, um einen Autor, der bei Kibirov uneingeschränkt als positives Vorbild gilt. Ungeachtet der aktuell international wohl eher rückläufigen Lesergunst, findet sich in einem Interview von 2007 folgendes Lob Kibirovs:

        У меня был Вальтер Скотт любимый и до сих пор, кстати, остался, «Айвенго» считаю самым большим, великим романом в истории человечества.1140

Die biographischen Wurzeln dieser Begeisterung für Scott und Ivanhoe (1819) werden auch im Werk inszeniert. Die zweite der Prosaminiaturen Покойные старухи (Три поэмы, 2006–2007) erzählt, dass in der Büchertruhe der Großeltern neben Bänden, die die spätere Symbolismus-Begeisterung hervorrufen werden, auch vertraute Kindheitslektüre lagert: Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde und Walter Scotts Ivanhoe.1141 Derartige ausländische Abenteuerroma ← 347 | 348 → ne tauchen in Kibirovs Texten insgesamt recht häufig auf.1142 Ins Umfeld von Scott gehört auch Puškins Roman Капитанская дочка, der bei Kibirov als didaktischer Historienroman (miss)verstanden wird (vgl. Kap. 6.1.2).

Bezüge speziell auf Walter Scott und Ivanhoe finden sich an verschiedenen Stellen des Werks: In Усадьба (Послание Ленке и другие сочинения1143) als Komponente des stilisierten „spießbürgerlichen“ Idylls des 19. Jahrhunderts; in dem in Kap. 8.1 behandelten Русская песня. Пролог (Сантименты) als Bestandteil des literarischen Englandbildes.1144 Im Из Вальтера Скотта (Нотации) überschriebenen Gedicht sind es entfernte Ähnlichkeiten: Der Sprecher blickt besorgt auf sich ballende Rauchwolken (wohl ein Symbol für die historische Umbruchzeit) und imaginiert sich als Ritter.1145 Kibirovs Walter Scott-Bild sowie die Funktion des englischen Themas im Werk wird konzeptuell aber vor allem durch die beiden im Folgenden analysierten Texte geprägt. In ihnen wird Scott als Vertreter der englischen (eigentlich: britischen, er war Schotte) Literatur in Kibirovs Kampf für Moral und Glauben eingebunden.

8.4.1.  Walter Scott und der englisch-französische Gegensatz

Scott ist schon im Gedicht „Сэр Уилфред Айвенго, а не Д’Артаньян …“ (ebenfalls Нотации) in einen englisch-französischen Vergleich eingebettet.1146 Str. 1 stellt seinen Helden Ivanhoe dem Protagonisten D’Artagnan aus Les trois mousquetaires von Alexandre Dumas gegenüber. Ivanhoe wird als „Lehrmeister“ bezeichnet, auf den die eigenen Moralvorstellungen zurückgeführt werden; D’Artagnan kommt eine negative Wertung zu („Сэр Уилфред Айвенго, а не д’Атраньян, / был мне в детстве в наставники дан“). Tatsächlich bestehen zwischen beiden literarischen Figuren charakterliche Unterschiede. Während D’Artagnan eine moralisch ambivalente Figur ist – man denke nur an seine Liebschaften –, bleibt Ivanhoe seinem ritterlichen Moralkodex kompromisslos treu. Kibirovs Gedicht erweitert die Opposition in Str. 2–3 um weitere Namen – ← 348 | 349 → Dumas, Voltaire und Derrida verbinden sich zu einer Reihe von negativ bewerteten Franzosen („не нравились“, „невзлюбил“, „ваш Деррида“), die dem positiv gesehenen Vertreter der britischen Kultur Scott gegenüberstehen. Auch über Voltaire, dem in anderen Gedichten die Rolle des fanatischen Atheisten zugeschrieben wird,1147 und Derrida hinaus sind bei Kibirov auffällig viele französische Schriftsteller und Philosophen (etwa de Sade und Charles Baudelaire, vgl. Kap. 6.1.1 bzw. 7.2) negativ konnotiert. Abgesehen von den Autoren des ancien régime, die Kibirovs in der ersten Hälfte der 1990er Jahre entworfene idyllische Landschaften bevölkern (signifikant: André Chénier, vgl. Kap. 6.1.1),1148 verbindet sich Frankreich bei Kibirov mit negativ charakterisierten Phänomenen: Revolution, Dekadenz und Moderne, Postmoderne und Poststrukturalismus. Diesem französischen Komplex steht die englische (britische) Kultur als positives Paradigma gegenüber.

8.4.2.  Intertextueller Anlass und Wahl der Gattungen

Dieser nationale Antagonismus wird in den beiden unter dem Titel Баллады поэтического состязания в Вингфилде zusammengefassten Gedichten weiter ausgearbeitet, die die Mittelachse des Buches Кара-барас (2002–2005) bilden.1149 Der Gesamttitel nennt als fiktionalen Anlass einen Dichterstreit und spielt damit auf François Villons Ballade du Concours de Blois von 1457 an,1150 die von Il’ja Ėrenburg als Баллада поэтического состязания в Блуа übersetzt wurde.1151 Villons Gedicht entstand anlässlich eines Wettbewerbs am Hof von Herzog Charles d’Orléans, bei dem verschiedene Dichter Balladen auf ein vorgegebenes Thema verfassten.1152 Ähnlich liegen bei Kibirov zwei unterschiedliche Realisierungen eines Grundthemas vor, die um den Vorrang streiten. Die genaue Aufgabe ist nicht explizit genannt, in beiden Texten geht es jedoch um ← 349 | 350 → den Gegensatz zwischen Adel und Pöbel als soziale und moralische Kategorien. Das Toponym Wingfield als Austragungsort verweist allgemein auf Britannien.1153 Der Titel von Kibirovs zweiter Ballade, Баллада о трусливом рыцаре, stellt eine Verbindung zu Ivanhoe her: Eine sowjetische Verfilmung von Scotts Roman von 1982, die durch Lieder von Vladimir Vysockij eine „lyrische“ Qualität gewinnt, hieß Баллада о доблестном рыцаре Айвенго. Allerdings wird das Adjektivattribut in sein Gegenteil verkehrt, aus „tapfer, heldenmütig“ wird bei Kibirov „feige“.

Die für Kibirovs Dichterwettstreit gewählte Gattung ‚Ballade‘ ermöglicht durch ihre französische und englische Subgattung1154 eine formale Realisierung des konstruierten nationalen Gegensatzes. Die französische Unterart, die in Kibirovs erstem Gedicht (sowie bei Villon) realisiert ist, besteht aus drei Strophen à acht Verse und einer vierten à vier Verse (dem an einen Adressaten gerichtete envoi); in allen Strophen wiederholt sich ein Refrainvers. Die Reime folgen ababbcbc (in Str. 4 bcbc), wobei alle Strophen die gleichen Reimgruppen realisierten (d. h. kein d, e, f.). Konstitutiv für die englische Ballade ist nach Kvjatkovskij nicht die Form – Kibirovs zweite Ballade weist tatsächlich weder homogene Strophen, noch Metrum oder Reimfolge auf –, sondern das erzählerische Element und ein markantes Abenteuersujet.

Die nationalen Zuordnungen sind auch über die Titel fassbar. Das erste Gedicht, Баллада виконта Фогельфрая, wird durch den Adelstitel sowie die Anrede der implizierten Adressatin als Madame als französisch markiert. Im zweiten Gedicht, Ответ сэра Уилфреда, finden sich das englische Sir sowie der Eigenname Wilfred, der sich mit dem Vornamen von Scotts Figur Ivanhoe deckt. Was die Sphäre des Französischen betrifft, weitet die erste Ballade die nationale Zugehörigkeit allerdings aus, insofern der Titel auch auf Friedrich Nietzsches Zyklus Lieder des Prinzen Vogelfrei anspielt, der dessen Buch Die fröhliche Wissenschaft als Anhang beschließt.1155 Kibirovs vicômte ist dabei keine Übersetzung von Prinz (der russische Titel von Nietzsches Zyklus lautet Песни принца Фогельфрай),1156 sondern dient dazu, den deutschen (Ur-)Vater ← 350 | 351 → von Moderne und Postmoderne1157 in das französische Milieu einzuordnen. Die durch die Titel hergestellte Opposition zwischen Scotts Ivanhoe und Nietzsches Figur bzw. zwischen beiden Autoren findet sich übrigens auch im Buch Нотации, in dem – wie beschrieben – zwei Gedichte auf Walter Scott Bezug nehmen und fünf weitere gegen Nietzsche polemisieren.1158

Kibirovs Balladen sind Beiträge zu einem Wettkampf, bei dem es weniger um die formale Meisterschaft in der Bearbeitung eines vorgegebenen Themas geht als um die Überlegenheit weltanschaulicher Positionen. Dem fiktiven Anlass entsprechend sind beide Beiträge als Rollengedichte gestaltet, in denen der Sprecher einmal als Nietzscheaner auftritt und einmal als Sir Wilfred [Ivanhoe]. An sich ist keines der beiden Gedichte als richtig oder besser gekennzeichnet, allerdings kann man aufgrund der Reihenfolge (die favorisierte Position steht üblicherweise am Ende) bzw. aus dem Werkkontext schlussfolgern, dass dem zweiten Gedicht der Vorzug gebührt.

8.4.3.  Für und wider Nietzsche

Im ersten Gedicht wird die Ideen Nietzsches aufgreifende These formuliert, der das als Antwort (Ответ сэра Уилфреда) bezeichnete zweite Gedicht widerspricht. Anders als der Titel erwarten lässt, bestehen zwischen den Liedern des Prinzen Vogelfrei und der ersten Ballade keine deutlichen Ähnlichkeiten. Jedoch finden sich inhaltliche Parellelen zu Nietzsches Buch Fröhliche Wissenschaft, dem der Gedichtzyklus angegliedert ist: die Infragestellung moralischer Konventionen und die Absage an die Religion („Бог умер“).1159 Mit diesen Relativierungen verbunden ist bei Nietzsche die Unterscheidung zwischen einer aristokratisch modellierten Elite und den Anderen. Letztere werden von Nietz ← 351 | 352 → sche als „Herde“ bezeichnet, ihre moralische Prinzipien als „Herdeninstinkt“ und der gewöhnliche Mensch als „Herdentier“.1160

In Kibirovs französischer Ballade findet sich dieser Gegensatz zwischen Elite und Herde am Anfang von Str. 1 in der Gegenüberstellung des Strebens nach Gottgleichheit einerseits und der Existenz im Stall andererseits. Der Hof, in dem sich die Herde aufhält („скотный двор для твари травоядной“), wird dabei mit dem Garten Eden gleichgesetzt. Der Ausruf des Sprechers, dass die Sehnsucht nach diesem Ort der Unfreiheit Übelkeit hervorrufe („Пусть раб трусливый просится обратно, / Меня тошнит от этого, Мадам!“), wobei sich der letzte Vers als Refrain in allen Strophen wiederholt, fügt sich ebenfalls in Nietzsches Gedankenwelt ein. In Zur Genealogie der Moral wird argumentiert, dass an die Stelle von „repressiven“ Konventionen der Herde, die sich für Nietzsche im Antonympaar gut – böse ausdrücken, wieder die ursprünglichen, aus Standesunterschieden hervorgegangenen Werte treten sollten (gut – schlecht, verstanden als Antithese edel – gemein).1161 Letztendlich basiert diese neue Moral auf der Ästhetik.1162

Nietzsches scharfe Kritik am Christentum spiegelt sich im biblischen Motivbestand wider, der die Argumentation von Kibirovs erster Ballade prägt. In jedem der drei Oktette von Баллада виконта Фогельфрая negiert der Sprecher moralische Konventionen, indem er die Lehre einer biblischen Episode in ihr Gegenteil verkehrt. Str. 1 verherrlicht den Sündenfall als emanzipatorischen Aufstand gegen Gott. Str. 2 erklärt Ham (Cham), der seinen Vater Noah in betrunkenem Zustand entblößt daliegen lässt (Gen 9,24), zum Helden. Dabei wird Hams Untätigkeit allerdings als aktive Handlung und positiv als Offenlegung der Lüge gedeutet („Ужель не стыдно и не тошно Вам / Внимать заветам лжи невероятной?!“; „Пусть лжец отводит взоры деликатно“).1163 In Str. 3. ← 352 | 353 → wird als dritte klassische Sünderfigur Salome gegenüber Johannes dem Täufer bevorzugt. Den kakophonischen Stimmen der Propheten bzw. Prediger (ein Wortspiel mit der russischen Bezeichnung von Johannes als „глас вопиющего в пустыне1164) wird die „segensreiche“ Musik gegenübergestellt, die anscheinend Salomes Tanz begleitet:

        В пустыне вопиющим голосам

        Не заглушить музыки благодатной!

Nachdem die drei Oktette den Gehorsam, die Ehrfurcht und die Askese verspottet haben, zieht die kurze Envoi-Strophe ein Fazit. Der Sprecher richtet sich direkt an die als „Madame“ apostrophierte (adlige) Adressatin und erinnert, Nietzsches Ressentiments gegen die Herde konkretisierend, an ihre Erfahrungen mit dem Pöbel: Ihr werde es übel, wenn sie durch die stinkende Menge hindurchgehe, um die Kirche zu betreten. Schlimmer sei jedoch der Gestank der Gläubigen, was das Wortspiel нищие (Bettler) – нищие духом (‘Arme im Geiste’, hier: ‘Gläubige’) unterstreicht. Diese Abwertung soll die Adressatin zur Abkehr von der „unästhetischen“ Religion bewegen.

Dem nietzscheanischen Appell der französischen Ballade, sich über den Pöbel, seine Herdenmoral und den Glauben zu erheben, wobei zu Helden umgewertete Sünder und Sünderinnen als Vorbilder dienen, wird in Kibirovs englischen Ballade Ответ сэра Уилфреда. Баллада о трусливом рыцаре eine alternative Position gegenübergestellt. Die Erwähnung von Richard Löwenherz verortet den Text in der Zeit der Kreuzzüge, in der auch Scotts Roman spielt. Die beschriebenen Ereignisse tragen sich allerdings während des 3. Kreuzzugs zu, der in Ivanhoe in der Vergangenheit liegt. Eine konkrete Verbindung zum Roman ist dadurch gegeben, dass die Ballade einem Erzähler namens Wilfred in den Mund gelegt wird. Es handelt sich also um ein Prequel, das die Vorgeschichte ergänzt, wobei Sir Wilfred [Ivanhoe] als diegetischer Erzähler Miterlebtes berichtet (Absch. 2: „И вместе с нами“; Abschn. 4: „И когда осадили мы Аль-Вааль-Рив“; Kursive von mir; M. R.). Ähnlich wie die französische Ballade richtet sich Ответ сэра Уилфреда an eine Frau, die mehrmals als „моя Госпожа“ angesprochen wird. Dieser „Herrin“ wird ebenfalls eine Begegnung mit dem gemeinen Volk beschrieben, in deren Kontext sich ein bestimmtes Wertsystem entfaltet. Die Sympathien sind jedoch konträr zu denen der ersten Ballade, ebenso wie die Präsentationsweise (Appell vs. Narration) und der gewählte Kanal (Intellekt vs. Emotion). ← 353 | 354 →

Die sieben heterogenen Abschnitte1165 der zweiten Ballade erzählen die Geschichte des „feigen Ritters“, wobei schon der Titel einen Widerspruch gegen Nietzsches Konzept von ‚adlig = edel / gut‘ beinhaltet. Abschn. 1 stellt den Protagonisten in der Tat als Feigling und Dummkopf vor, ab Abschn. 2 tritt das Attribut „lächerlich“ (смешон) hinzu. Der feige Ritter vermag es nicht, den eingeforderten Verhaltensnormen zu entsprechen, verliert nach dem Desertieren in der ersten Schlacht den Ritterstatus und muss fortan Schanzarbeit leisten. Durch die auf den Außenseiter gerichteten abwertenden Reaktionen des Kollektivs treten die Normen der Ritterschaft hervor. Der Gegensatz zwischen Rittern und Feigling wird dabei durch den diegetischen Erzähler Wilfred vermittelt, dessen Bewertungen sich im Verlauf des Textes verändern: Anfangs (Abschn. 3) spricht er über die Panik des feigen Ritters in der Schlacht mit Ironie und Schadenfreude („Отличился трусливый балбес!“). Er teilt den allgemeinen Stolz auf den Sieg, die Freude am Töten („Был тот бой жесток!“) sowie die Abwertung der muslimischen Gegner („Тщетно Лжепророк / На Христа из бездны восстал!“). Ähnlich offenbart sich in Abschn. 4 im Bericht des Erzählers die Grausamkeit der Zuschauer, die sich darüber amüsieren, dass der feige Ritter hinkt und „winselt“, nachdem ihn ein Pfeil getroffen hat. Der sich in diesen Wertungen des Erzählers abzeichnende allgemeine Wertekodex, der die Verrohung der Ritterschaft zeigt, bereitet die folgende Eskalation der Gewalt vor, als Richard Löwenherz aus Rache ein Massaker unter der Zivilbevölkerung der eroberten Stadt anrichten will.1166

In diesem Moment wandelt sich der feige Ritter zum Helden, er fällt dem König in den Arm, erhält einen Schlag an die Schläfe und stirbt. Sein Eingreifen hat jedoch das Blutbad abgewendet. In Abschn. 6 folgt ein Gesinnungswechsel des Erzählers, der jetzt für den Feigling Partei ergreift („да будет пухом ему земля!“, „И глядит с небес Иисус!“). Auch König Richard würdigt ihn und flüstert in wörtlicher Rede „«Ну Бог с тобой…»“. Abschn. 7 präsentiert erwartungsgemäß das Fazit, dass der Feigling alle gerettet habe – damit erfüllt er die Heldenrolle, die eigentlich den „tapferen“ Rittern zukäme.

Die als Gegenthese zur nietzscheanischen These konzipierte Antwortballade trennt also zwischen adlig / edel und gut und kehrt Nietzsches Werteskala um. Der Niedrige und Gemeine handelt gut und erweist sich als Held, während die ← 354 | 355 → auf den Pöbel herabschauenden Edlen Unmenschlichkeit zeigen und nach der abgewendeten Katastrophe ihren Irrtum erkennen. In Kibirovs englischer Ballade werden Nietzsches Ideen „in der Praxis“ entfaltet, dabei werden ihnen negative Konsequenzen zugeschrieben und sie werden – zumindest in der Fiktion – als Irrtum entlarvt.

8.4.4.  Kibirov als Ivanhoe und weitere Ritter-Motive

Die mit den Balladen verbundenen nationalen Zuschreibungen konstruieren ‚Frankreich‘ als Tradition, Moral und Glauben feindlich gegenüberstehende Kultur, während ‚England‘ das Festhalten an Werten verkörpern soll. Dieser Kibirov’sche Antagonismus zwischen französisch und englisch variiert die in früheren Texten prägende Opposition zwischen dem romantischen und dem spießbürgerlichen Paradigma. Dass gerade der Ivanhoe-Kontext zur Konfrontation dient, lässt sich aus dem Plot des Romans heraus erklären, in dem Angelsachsen (= Engländer) und normannische Eroberer (= Franzosen) aufeinandertreffen. Ivanhoe selbst fungiert im Roman als Vermittler: Er ist Angelsachse, hat sich aber den normannischen Kreuzfahrern angeschlossen und ist zu einem Vertrauten König Richards geworden. Scotts Held vereint die Vorzüge und Tugenden beider Kulturen und eröffnet die Möglichkeit eines Ausgleichs. Man könnte weiterführend dem Autor Kibirov eine ähnliche Zwischen- und Mittler-Position zuweisen, insofern er Elemente postmoderner Literatur mit dem Plädoyer für Tradition und Werte verbindet.

Auch über die beiden Balladen hinaus spielt die Ritter-Thematik im Buch Кара-барас (und dem Werk seit den späten 1990ern insgesamt) eine überaus wichtige Rolle: Kibirovs Sprecher schlüpft in einer Reihe weiterer Gedichte in die Rolle des Kämpfers für Moral und Glauben: In Внеклассное чтение 1 bezeichnet er sich als Ritter des nackten Königs (ein intertextueller Bezug auf Andersens Märchen, russ. Новое платье короля, bzw. auf Evgenij Švarc’ Adaption als Theaterstück, Голый король).1167 Im Gedicht „Если уж выбрал малобюджетную роль / рыцаря бедного…“ sucht das „Ich“ (in Anschluss an Puškins Gedicht Бедный рыцарь) nach einer Devise für seinen hoffnungslosen Kampf.1168 Das den Balladen vorangehende Gedicht В конце концов greift das Kreuzzugssetting auf: Die Krise der westlichen Zivilisation konstatierend, wird skeptisch danach gefragt, ob es heute noch Helden gebe, die einen Konflikt mit der islamischen Welt ausfechten könnten. Intertextuell getragen wird dieses ← 355 | 356 → Szenario – ganz im Geschmack der Postmoderne – durch Videospiel-Referenzen.1169

8.5.     LITERATUR UND RELIGION (ГРЕКО- И РИМСКОКАФОЛИЧЕСКИЕ ПЕСЕНКИ И ПОТЕШКИ)

Untergangsszenarien und Appelle, den Niedergang der Zivilisation aufzuhalten, finden sich in vielen Gedichten Kibirovs aus den 2000er Jahren. Der Verfall wird dabei allerdings nicht auf schädliche ausländische Einflüsse zurückgeführt. In einem Interview von 2006 heißt es, Russland sei weitaus stärker von der Wertekrise bedroht als der Westen, da die kulturellen Traditionen, die den globalen Erosionsprozess dort bremsen würden, in Russland in sowjetischer Zeit vernichtet worden seien.1170 Kibirovs moralische Appelle sind in der Tat nicht antiwestlich geprägt, sondern beziehen sich oft auf ausländische und – was dieses Kapitel zeigt – insbesondere auf die englische Literatur als Vorbild und Inspirationsquelle. Bemerkenswert sei, heißt es etwa in einem Interview aus dem Jahr 2010, die Präsenz christlicher Themen in der englischen weltlichen Dichtung des 19. Jahrhunderts, was es (nach Meinung des Dichters) so in Russland nicht gegeben habe.1171 In der Tat stellt Kibirovs Buch Греко- и римскокафолические песенки и потешки (abgeschlossen 2009) das christliche Thema in die Tradition der englischen Literatur.1172 Im Zentrum des intertextuellen Netzes steht ein Gedichtband von Dorothy L. Sayers (1893–1957), konzeptuell wichtig sind auch die Bezüge auf C. S. Lewis (1898–1963). Dass erneut zwei in ← 356 | 357 → den klassischen Literaturgeschichten als sekundäre Figuren geführten Autoren1173 eine prominente Rolle zukommt, lässt sich in diesem Fall konkret auf die Vermittlung der Literaturübersetzerin und engagierten Christin Natal’ja Trauberg zurückführen, der das Buch Греко- и римско-кафолические песенки и потешки gewidmet ist.

8.5.1.  Das christliche Gesamtkonzept

Von den bisher behandelten Büchern unterscheidet sich Греко- и римскокафолические песенки и потешки (als Entstehungszeitraum ist im Buch 1986–2009 angegeben) dadurch, dass es neue und alte Texte beinhaltet. Zwar sind diverse Kompilationen mit „ausgewählten Werken“ Kibirovs auf dem Markt, die jedoch nicht vom Autor selbst zusammengestellt wurden. Daher ist auch nur Греко- и римско-кафолические песенки и потешки als eigenständiges Buch in die jüngste Sammelausgabe Стихи о любви eingegangen. Die Auswahl von 24 neuen und 19 wiederabgedruckten Texte ist durch die Themen Glaube, Gott, Christentum bestimmt. Dadurch nehmen frühe Gedichte wie „В блаженном столбняке, в сиянье золотом“ (Общие места) oder Из Джона Шейда (Сантименты) Bedeutungen an, die im ursprünglichem Kontext kaum zum Tragen kamen.1174 Die Zusammenstellung liefert damit eine Neuinterpretation durch den Autor, die im Werk die christliche Linie hervorhebt: Das Image des Moralisten und Predigers wird auf die frühen Schaffensphasen rückübertragen.

Das Konzept des Buches ist in nuce im Titel vorhanden: Anstelle des standardsprachlichen Adjektivs католический steht die archaische Form кафолический, wobei das ф den 1918 eliminierten Buchstaben θ ersetzt. Dieses aus dem griechischen Theta generierte Fita fand sich in griechischstämmigen Wörtern, darunter insbesondere Lexeme aus dem kirchlich-religiösen Bereich. Die orthographische Abweichung akzentuiert also den Bezug auf die vorsowjetische Tradition und das Thema Religion. Die Attributreihe греко- и римскокафолический verweist auf die römisch-katholische und die griechischkatholischen („unierten“) Kirchen1175 und damit explizit nicht auf die russisch ← 357 | 358 → orthodoxe Mehrheitskonfession. Dadurch wird die ökumenisch-allgemeine Dimension betont. Der Verweis auf – aus russischer Sicht – religiöse Minderheiten markiert die Texte aber auch als potentiell häretisch und subversiv.1176

        Schließlich bezieht sich der Titel auf ein Werk von Dorothy L. Sayers. Греко- и римско-кафолические песенки и потешки ist eine freie Übersetzung des Titels von Sayers’ 1918 publiziertem Gedichtband Catholic Tales and Christian Songs.1177 Das zweite Buch der später so erfolgreichen Krimiautorin zog wenig Aufmerksamkeit auf sich,1178 auch die Literaturwissenschaft hat sich nicht mit diesen Jugendwerken beschäftigt. Allenfalls die Biographien erwähnen den Band,1179 da er auf die späteren Dramen, Hörspiele und Schriften mit christlicher Thematik1180 vorausweist. Dass ein russischer Dichter dieses marginale Buch kennt, ist eigentlich unwahrscheinlich, jedoch gibt es eindeutige Hinweise: Kibirovs auf Englisch zitiertes Eröffnungsmotto stammt aus Catholic Tales and Christian Songs und ist Sayers namentlich zugeordnet, Kibirovs Из Дороти Сэйерс ist eine freie Übersetzung ihres Gedichts Carol, darüber hinaus gibt es entsprechende Interviewaussagen.1181 ← 358 | 359 →

8.5.2.  Christliche Poetiken im Vergleich: Kibirov und Dorothy L. Sayers (Texte, Cover)

Trotz der gemeinsamen christlichen Thematik und der expliziten Bezugnahmen unterscheiden sich Kibirovs Themen, Sprache und Poetik stark von Sayers. Ihre Gedichte wirken durch die vielen fremdsprachigen Titel (Desdichado, Πάντας Έλκύσω, Justus Judex, …) und die poetisch-altertümliche Sprache schwierig und gelehrt (siehe z. B. im Gedicht Πάντας Έλκύσω die obsoleten Formen der 2. Person Singular: „if Thou wilt“, „Thy bloody cross“, „Thine own bleak Calvary!“, etc.1182). Auch bei Kibirov finden sich punktuell Archaismen, jedoch in Verbindung mit zeitgenössischen Realien, Umgangssprache und sogar Jargonismen, was bei Sayers fehlt. Die meisten ihrer Gedichte sind allegorisierte Paraphrasen biblischer Episoden1183 oder christlich auszudeutende Gleichnisse;1184 auffällig sind die Bezüge auf nordische und antike Mythologie, die mit christlichen Motiven verschmelzen.1185 Einige Mottos stammen von mittelalterlichen Theologen wie Innozenz III. oder Augustinus,1186 in vielen Fällen wird auf Quellenangaben verzichtet. Für (heutige) Leserinnen und Leser ohne fundierte theologische Bildung sind die Texte daher nicht einfach zu entschlüsseln. Kibirov hingegen verarbeitet bekannte biblische Sujets, die manchmal über vorangestellte Bibelzitate zusätzlich erläutert werden.1187 Referenzen auf Dostoevskij oder Nietzsche1188 sind ebenfalls einem breiten (post-sowjetischen, postatheistischen) Leserkreis verständlich.

Typisch für Sayers ist die nicht-diegetische Erzählung und die Narration durch einen Sprecher, der in der 1. Ps. Sing. spricht, jedoch keine autobiographischen Züge trägt. Brabazon vermisst in den Texten insgesamt das eigene Emp ← 359 | 360 → finden,1189 und tatsächlich ist Christ the Companion das einzige Gedicht, das eine persönliche Lesart nahelegt: Der Sprecher wünscht sich die Gesellschaft Jesu („big Brother Christ“) im konkret skizzierten Alltag.1190 Bei Kibirov finden sich hingegen viele biographische Bezüge und Inszenierungen von Gefühlserlebnissen: in „В блаженном столбняке, в сиянье золотом…“ und Рождественская песнь квартиранта die Liebe zwischen Mann und Frau, in „Щекою прижавшись к шинели отца…“ die Geborgenheit des Kindes beim Vater.1191 Wie sich schon beim Dialog mit Housman gezeigt hat, sind Personalisierung und autobiographische Suggestion ein zentrales Moment von Kibirovs Poetik.

Auch die unterschiedlichen Präferenzen in der Themenwahl sind auffällig. Bei Sayers dominiert die Kreuzigung: Im Einleitungsgedicht wird der Judaskuss erwähnt, in Πάντας Έλκύσω geht es um Passion und Auferstehung, The Carpenter’s Son prophezeit den Kreuzestod, in Christus Dionysus zieht ein synkretistischer Gott mit Dornen-und-Weinlaubkrone, blutenden Händen und Füßen ein, Dead Pan erwähnt die über das Land fallende Dunkelheit, in Sion Wall wird um die Habseligkeiten Jesu gewürfelt, in Byzantine erinnert sich Christus an sein Martyrium. Das Buch schließt mit dem Mini-Drama The Mocking of Christ.1192

Auch bei Kibirov wird die Passion behandelt, jedoch als ein Thema unter vielen anderen. Es ist kein Zufall, dass für eine freie Übersetzung ins Russische mit Sayers’ Gedicht Carol ihr einziger Text ausgewählt wurde, in dem es um Christi Geburt geht.1193 Im Zentrum von Kibirovs christlicher Lyrik stehen insgesamt fröhliche Ereignisse und positive Empfindungen – für die Vermittlung des Glaubens in einer ungläubigen Zeit erscheinen sie offenbar geeigneter.

Diese unterschiedlichen Schwerpunkte manifestieren sich in den Titelbildern der beiden Gedichtbände. Auf Sayers’ Schutzumschlag findet sich die Kreuzigung, allegorisch-theologisch zur Gralsszene ausgeweitet. Die Darstellung erinnert an mittelalterliche Kunst: Das Geschehen ist nicht naturalistisch gezeichnet und setzt nicht auf eine emotionale Reaktion; der (vollständig bekleidete) Gekreuzigte ist nicht als leidender Mensch dargestellt, sondern als abstrakte allegorische Figur, deren Krone auf seinen Status als Weltenherrscher hinweist.

Auf Kibirovs Cover ist der fröhliche Einzug in Jerusalem am Palmsonntag dargestellt, was zu der Erwähnung von Jesus auf dem Esel im Eröffnungsgedicht ← 360 | 361 → von Греко- и римско-кафолические песенки и потешки passt.1194 Zu den charakteristischen Topoi, die sich so auch auf Ikonen finden – das Reiten auf dem Esel, Palmzweige, ein ausgebreitetes Kleidungsstück, ein Gotteshaus – gehört auch die menschliche Figur, die in einem stilisierten Baum sitzt. Es handelt sich um den Zöllner Zachäus, der unerkannt einen Blick auf Christus werfen will und von ihm angesprochen wird.1195 In Zachäus kann man eine Verkörperung des Autors sehen, was zu dem persönlichen Charakter vieler Gedichte passt. Diese Identifikation wird auch durch die Thematisierung der eigenen Sündhaftigkeit im Buchmotto suggeriert.1196

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Abb. 21:  Cover der Erstausgabe von Sayers Catholic Tales and Christian Songs

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Abb. 22:  Cover der Erstausgabe von Kibirovs Греко- и римско-кафолические песенки и потешки

Das auffallende Cover stammt von Aleksandr Florenskij, der schon die Ausgaben Когда был Ленин маленьким und Памяти Державина gestaltete (vgl. Kap. 2.1.5, 6.2.2). Während die Illustration von Sayers’ Schutzumschlag wie ein ← 361 | 362 → fachmännischer Holzschnitt oder eine moderne Lithographie wirkt,1197 ist Florenskijs Zeichnung in seinem üblichen naiv-kindlichen Stil gehalten: mit schwarzer Tinte gemalte Konturen. Dieses gewollt unprofessionelle Aussehen,1198 das sich auch in den handschriftlichen Angaben von Autor und Buchtitel findet, passt zu den im Titel Греко- и римско-кафолические песенки и потешки verwendeten Diminutiven (‘Liedchen und Späßchen’), die Sayers’ „tales and songs“ nur ungenau wiedergeben und sich stattdessen – so die Interpretation des Dichters – an typische russische Kinderbuchtitel anlehnen.1199

Diese in Florenskijs Cover realisierte Verbindung von erhaben (Thema) und niedrig (Form) lässt sich auch in Kibirovs Gedichten nachweisen. Im Gedicht Разбойник (ursprünglich aus dem Buch На полях «A Shropshire Lad», Ged. 47) findet sich ein Dialog der mit Jesus gekreuzigten Verbrecher, der von Kolloquialismen und Argotismen geprägt ist („Что ж он, сука, так орет?!“, „Попацански подыхай! / Западло весь этот хай.“, „Этот странный фраерок / Нас покруче, видит бог!“).1200 Das Gedicht „Как неразумное дитя…“ vergleicht die Seele mit einem Kind, dass in die Hosen gemacht hat („обкакалось“), in Вертеп saugt das Jesuskind an Marias „Titte“ (der Refrainvers lautet: „А ребеночек титьку сосал…“).1201 Obwohl im Gedicht Конспект (ursprünglich aus dem Gedichtband Интимная лирика, vgl. Kap. 7.1.2) eine explizite Distanzierung von Bachtins Prinzip des Karnevalistischen und der davon geprägten (postmodernen) Literatur vorgenommen wird, ist es in der poetischen Praxis präsent.1202 Und während in Конспект der Karneval u. a. als Schändung religiöser Objekte präsentiert wird, werden karnevalistische Verfahren in Греко- и римско-кафолические песенки и потешки auf Glaubensinhalte angewandt. Sie sollen hier nicht der Negation des Glaubens – was Конспект den Bachtinianern unterstellt –, sondern als positiv gewertete literarische Innovation dienen. Die Verbindung von Sakralem und Profanem schafft einen ← 362 | 363 → kreativen Freiraum, der Autor und Leser bzw. Leserin einen neuen Umgang mit dem „altmodischen“ Thema eröffnet.

Zahlreiche Selbstaussagen Kibirovs postulieren ein positives Verhältnis zur christlichen Religion,1203 und tatsächlich wurde das Buch auf orthodoxer Seite recht wohlwollend rezipiert.1204 Für den Schriftsteller und Priester Michail Ardov z. B. hat Kibirov seinen Status als Lieblingsdichter erneut bestätigt.1205 Sein Lob ist allerdings insofern ambivalent, dass ihn die karnevalesken Stellen – die „unangemessene“ Erwähnung von Marias „Titte“ in Вертеп – stören.1206 Kibirovs literarische Verfahren werden bei Strenggläubigen nicht unbedingt auf Anklang stoßen und zielen auf eine Leserschaft mit postmodernem Geschmack.

8.5.3.  C. S. Lewis: Christliche Botschaft in literarischer Form

In Греко- и римско-кафолические песенки и потешки finden sich auch das Thema ‚Religion‘ betreffende Bezüge auf den Briten Clive Staples Lewis (1898–1963). Lewis und Sayers, die das Interesse am Christentum und an populären Gattungen wie Krimi oder Fantasy teilten, gehörten zu einer bestimmten Richtung in der englischen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (für diese Gruppe um C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien hat sich der Name „Inklings“ eingebürgert), die sich als Gegenbewegung zur (atheistischen) Moderne konstituierte.

Lewis adaptierte in seinen Narnia Chronicles bekanntlich zahlreiche Motive aus den Evangelien,1207 z. B. wird in The Lion, the Witch and the Wardrobe (1950) der Löwe Aslan wie Jesus verraten, getötet und erwacht zu neuem Leben. ← 363 | 364 → In Kibirovs Gedicht Сказка1208 befindet sich eine Nebenfigur aus den Narnia-Romanen, der Maus-Ritter Reepicheep, ähnlich wie in Lewis’ The Voyage of the “Dawn Treader” (1952)1209 auf einer Art Gralsreise und sucht das Reich Aslans. Bei Kibirov hat sich das Ziel allerdings auf die Mission verlagert (Str. 3: „Он должен объехать волшебные страны, / Чтоб всем рассказать о победе Аслана!“). Während Reepicheep in der Welt der klassischen Märchen wohlwollend aufgenommen wird, ist er in der sowjetischen Märchenwelt, die von Neznajka und weiteren „Knirpsen“ (коротышки) aus den sowjetischen Kinderbüchern von Nikolaj Nosov bewohnt wird, wenig erfolgreich: Doktor Piljul’kin hält den Glauben für eine Krankheit, Wissenschaftler Znajka sieht in der Heilsbotschaft nur Metaphern, Maler und Dichter fürchten um die künstlerische Freiheit, etc. In dieser treffenden und amüsanten intertextuellen Allegorie gibt es auch den Opportunisten Toropyška, der sich zum fundamentalistischen Frömmler wandelt und den Missionar Reepicheep aus der Stadt jagt. Hoffnung auf Erfolg bietet allein der in der 2. Person Singular angesprochene Neznajka, der dem Leser wie bei Nosov als Identifikationsangebot präsentiert wird.1210 Die Schwierigkeiten im Land der korotyški sovietici spiegeln Kibirovs in Interviews (siehe Fn.1170, Seite 356) geäußerte Auffassung, dass die sowjetische Zeit einen Kulturbruch darstellte. Die Vermittlung christlicher Inhalte ist – wie im Gedicht – aufgrund des Fehlens kultureller Grundlagen schwierig, was erklärt, warum der Belebung der literarischen Klassiker und insbesondere der Kinderliteratur in Kibirovs Werk eine derartige Relevanz zukommt. Sie sollen den Boden bereiten, auf dem das Christentum wachsen kann – in der Tat wird in der am Anfang des Gedichts besuchten Welt der klassischen Märchen Reepicheep wohlwollend aufgenommen. Der Gefahr des Fundamentalismus à la Toropyška wirken dabei in Kibirovs Texten postmoderne Strategien entgegen.

Den Engländern C. S. Lewis, Dorothy L. Sayers und dem von Kibirov ebenfalls häufig erwähnten G. K. Chesterton ist gemeinsam, dass sie christliche Inhalte in unterhaltsame literarische Formen fassten. Lewis schrieb sogar explizit, dass Märchenwelten besser geeignet seien, das Christentum zu vermitteln, als die direkte religiöse Unterweisung:

        I thought I saw how stories of this kind could steal past a certain inhibition which had paralysed much of my own religion in childhood. Why did one find it so hard ← 364 | 365 → to feel as one was told one ought to feel about God or about the sufferings of Christ? I thought the chief reason was that one was told one ought to. An obligation to feel can freeze feelings. And reverence itself did harm. The whole subject was associated with lowered voices; almost as if it were something medical. But supposing that by casting all these things into an imaginary world, stripping them of their stained-glass and Sunday school associations, one could make them for the first time appear in their real potency? Could one not thus steal past those watchful dragons? I thought one could.1211

Einen von Ehrfurcht, Zwängen und Konventionen geprägten Predigtton findet man auch in Kibirovs christlichen Gedichten nicht, für die überraschende intertextuelle Mischungen, karnevalistische Tabubrüche, Ironie und Humor charakteristisch sind – hierin sind sie Sayers’ Gedichten allerdings unähnlich.

8.5.4.  Natal’ja Trauberg und die christliche Intelligenzija

Kibirovs Interesse an den englischen christlichen Autorinnen und Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts steht in einer spezifischen russischen Rezeptionstradition, die durch die Widmung von Греко- и римско-кафолические песенки и потешки an Natal’ja Trauberg fassbar wird. Zu Trauberg, die zweieinhalb Monate nach der Online-Publikation von Kibirovs Buch verstarb,1212 bestand auch eine persönliche Bekanntschaft. Mit einem anlässlich ihres Geburtstags entstandenen Gedicht soll der Gedichtband sogar seinen Anfang genommen haben.1213

Bei Natal’ja Leonidovna Trauberg (1928–2009) handelt es sich um eine bekannte Intellektuelle und Übersetzerin.1214 Ihre englischen Lieblingsautoren, die ← 365 | 366 → sie zu Sowjetzeiten für die Schublade ins Russische übertrug,1215 sind Kibirovs Favoriten Chesterton und Lewis.1216 Von Dorothy L. Sayers übersetzte sie das Hörspiel Born to Be King sowie Artikel,1217 insofern liegt es nahe, dass Kibirov über sie von Catholic Tales and Christian Songs erfahren hat. Trauberg war seit den Zeiten des sowjetischen underground im intellektuellen Leben auch als gläubige Christin präsent. Seit den 1960er Jahren war sie eine Vertraute des Priesters, Gelehrten und Schriftstellers Aleksandr Men’ (1935–1990), der großen Einfluss auf die sowjetkritische Intelligenzija ausübte. Men’ habe, so Trauberg, ihre Bemühungen, die Übersetzungen im Untergrund zu verbreiten, bestärkt und unterstützt.1218 Ihm und Sergej Želudkov verdanke sie auch die Bekanntschaft mit Lewis.1219 Glauben und Übersetzen gingen also Hand in Hand, und Traubergs literarische Predigt war dabei offenbar recht einflussreich.1220

Die Widmung von Греко- и римско-кафолические песенки и потешки an Natal’ja Trauberg macht ihren Einfluss auf Kibirov manifest, jedoch war der Austausch wechselseitig, was eine Fotografie nahelegt, auf der Trauberg Kibirovs Buch На полях «A Shropshire Lad» in Händen hält.1221 In ihrem Essayband Сама жизнь wird Kibirov namentlich erwähnt.1222 Im Beitrag Карабарас konstatiert sie Parallelen zwischen Kibirov und Chesterton und schreibt über die Bezeichnung von Kibirov als Postmodernisten:

        Теперь – постмодернист. Что в этом плохого? Не легкость же, не игра, не честертоновская буффонада. Честертона не опасно любить, потому что он неслиянно и нераздельно (простите) соединяет эти свойства с таким стрем ← 366 | 367 → лением к добру и правде, каких не найдешь в нормальных, строгих, серьезных сочинениях. Совершенно то же самое у Кибирова. Важно ли, сколько там центонов или просто аллюзий, когда он бежит от энтропии к розам из «Снежной королевы»?1223

Im Buch Греко- и римско-кафолические песенки и потешки finden sich also Hinweise auf eine positive zeitgenössische Bezugsgruppe. Der Dichter ordnet sich der christlich und liberal gesinnten Intelligenz zu, die die christliche Botschaft in nicht-dogmatischer, literarischer Form akzeptiert und verbreitet.

Kibirovs Antworten auf Fragen nach dem persönlichen Glauben zeigen jedoch eine ambivalente Haltung. Ein Interview von 2005 relativiert das Moment des persönlichen Glaubens zugunsten der allgemeinen Bedeutung der aus dem Christentum hervorgegangenen Werte.1224 Auch 2009 nennt sich Kibirov nur bedingt gläubig, v. a. entspreche sein Leben nicht dem christlichen Ideal,1225 was noch einmal an die Selbstdeutung als Zachäus erinnert. Gerade diese (postulierte) Distanz scheint das literarische Bearbeiten christlicher Themen zu ermöglichen. Die christliche Predigt begleitet ein ironischer Subtext. ← 367 | 368 →

8.6.     DICKENS VS. GOGOL’ UND DIE FRAGE NACH EUROPA: ЛИРОЭПИЧЕСКАЯ ПОЭМА

Die Untersuchung der Funktionen und konzeptuellen Bedeutungen der englischen Literatur im Werk von Timur Kibirov lässt sich elegant mit Лироэпическая поэма (Три поэмы, 2006–2007) schließen, wo ähnlich wie in dem in Unterkapitel 8.1 behandelten Gedicht Русская песня. Пролог vom Ende der 1980er Jahre grundsätzlich über die Beziehung zu England nachgedacht wird.1226 Beide Texte sind symptomatisch für den Diskurs über Russland und den Westen in der Endphase der UdSSR bzw. der Ära Putin. Den intertextuellen Anlass zu Лиро-эпическая поэма liefert Charles Dickens (1812–1870), speziell die Dickens-Interpretation durch Gilbert Keith Chesterton. Auf Chestertons These von Dickens’ optimistischer Figurengestaltung geht die Grundidee des Textes zurück, die Perspektiven von Dickens und Gogol’ vergleichend auszuloten. Die Bezüge auf Gogol’s Roman Мертвые души und auf seine berüchtigte Briefkompilation Выбранные места из переписки с друзьями stellen das Vorhaben in den Kontext des russischen Slavophilen-Westler-Disputs.

Dabei handelt Лиро-эпическая поэма zu einem guten Teil von Plänen und Schreibversuchen. Die eigentlich geplante Verserzählung Мистер Пиквик в России nimmt als „Text-im-Text“ nur fragmentarisch Gestalt an, am Ende kollidieren Idee und Ausführung, wodurch auch die Auseinandersetzung mit dem Westen auf eine Meta-Ebene gehoben wird. Einen ersten Hinweis auf den metaliterarisch-selbstreflexiven Charakter des Textes gibt der Titel Лиро-эпическая поэма, der den Text zwischen Lyrik und Epos einordnet:1227 Auf ein Geschehen erzählende Passagen folgen solche mit Gedanken und Überlegungen des Sprechers (1. Person Singular). Anders als der von Gogol’ als ‚Poem‘ bezeichnete Roman Мертвые души1228 steht der Text weitgehend in gebundener Rede, wobei die Verwendung des Alexandriners eine Verbindung zu den Klassizismus-Stilisierungen aus Kibirovs zweiter Werkphase herstellt. Der eigentliche Verstext wird allerdings durch eine Prosa-Fußnote unterbrochen, die sich über zwei Seiten erstreckt und den Haupttext verdrängt. In dieser sich verselbständigenden Annotation spricht der „Autor“, der sich seinem „lyrischen Helden“ ← 368 | 369 → überordnet. Die Fußnote beginnt mit den Worten: „Грандиозный замысел, над которым бьется мой лирический герой“ (Hervorhebung von mir; M. R.). Dass zwei Instanzen der literarischen Kommunikation angelegt sind, schafft zusätzliche Distanz zum Textgeschehen und charakterisiert den „lyrischen Helden“ (den Sprecher) als vom „Autor“ manipulierten Figur.

8.6.1.  Der intertextuelle Ausgangspunkt: Dickens, Chesterton, Мистер Пиквик в России

Charles Dickens, der den Text quasi anstößt, ist im Werk schon vor Лироэпическая поэма präsent und mit bestimmten intertextuellen Konnotationen versehen. Er fungiert in Русская песня. Пролог (Сантименты) als Komponente des spießbürgerlichen Paradigmas und wird in Послание Ленке (Послание Ленке и другие сочинения) zusammen mit G. K. Chesterton Vertretern des Romantischen gegenübergestellt.1229 Die Paarung Dickens-Chesterton findet sich auch in dem Gedicht „Хорошо Честертону – он в Англии жил …“ (Улица Островитянова), das einen Gegensatz von Zivilisation und Revolution mit nationaler Konnotation entwickelt.1230 Der düsteren russischen Situation, die durch Referenzen auf Puškins Капитанская дочка ausgestaltet ist, steht eine heile englische Welt gegenüber, die u. a. aus Allusionen auf Dickens’ Roman The Posthumous Papers of the Pickwick Club besteht.

Dass Dickens und Chesterton zusammen erscheinen, weist auf eine von Kibirov gesehene Verbindung hin. In der Tat findet man in der „Literaturliste“ des Buches Интимная лирика Chestertons Dickensbiographie verzeichnet.1231 Dass ein nonfiktionales, und kein literarisches Werk aufgeführt ist, passt zu der generellen Abwesenheit von Bezügen auf Chestertons Romane und Erzählungen in Kibirovs Gedichten. Diese Lücke fällt auf, da der Engländer im Werk mehrfach namentlich als positives Vorbild genannt ist1232 und ein Lieblingsautor zu sein scheint. Chestertons Biographie ist ein wichtiger Prätext für Лироэпическая поэма, da sie die Grundidee – eine für Dickens charakteristische op ← 369 | 370 → timistische Perspektive – liefert: So heißt es bei Chesterton z. B. in Kapitel XI: On the Alleged Optimism of Dickens, dass er allen seinen Figuren unterschiedslos positive und sympathische Züge verliehen habe:

        He had sort of literary hospitality; he too often treated his characters as if they were his guests. From a host is always expected, and always ought to be expected as long as human civilization is healthy, a strictly physical benevolence, if you will, a kind of coarse benevolence.1233

Was die konkreten Dickens-Referenzen betrifft, steht in Kibirovs Werk wie auch in Лиро-эпическая поэма der Roman The Posthumous Papers of the Pickwick Club (1836–1837; russ.: Посмертные записки Пиквикского клуба) im Zentrum. Erzählt werden die Abenteuer einer Gruppe britischer Exzentriker, die England zu Forschungszwecken bereisen und mit allerlei Personen und landestypischen Seltsamkeiten konfrontiert werden. In Kibirovs Gedichten Русская песня. Пролог (Сантименты) und „Хорошо Честертону – он в Англии жил…“ (Улица Островитянова) werden der idyllische Landsitz Dingley Dell, der liebenswerte Mr. Pickwick und sein Diener Sam Weller erwähnt.1234 Konzeptuelle Geschlossenheit erreichen die Allusionen in Лиро-эпическая поэма, mit dem beabsichtigten Vergleich von Pickwick Papers und Мертвые души. Als Auslöser werden beim parallelen Lesen erkannte Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Autoren und Romanen genannt,1235 die allerdings nicht erst von Kibirov gesehen wurden.1236

Die Leserinnen und Leser erfahren in Лиро-эпическая поэма weiterhin, dass die Umsetzung des Projekts schon längere Zeit auf sich warten gelassen habe. In Abschn. 5 wird von einem alten Vorhaben gesprochen („замысел заветный, / Старинный замысел…“), und es werden verworfene Entwürfe erwähnt („похеренных стократно / Героев эпоса“; Kursive von mir; M. R.). In der Fußnote wird die Geburt der Idee auf „vor neun Jahren“ datiert. Dass der Text bislang nicht fertiggestellt worden sei, wird im ersten Teil von Лиро-эпическая поэма als schöpferische Krise inszeniert: Die Suche nach Inspiration führt den ← 370 | 371 → „lyrischen Helden“ in den benachbarten Park, womit die eigentliche Handlung einsetzt.

Das textintern mit einer Entstehungsgeschichte versehene Vorhaben ist übrigens auch auf der Ebene des realen Autors fassbar. Ein solches Projekt wird in einem Interview von 1996 erwähnt1237 sowie im Vorwort des im gleichen Jahr abgeschlossenen Buchs Парафразис:

        так не была дописана поэма «Мистер Пиквик в России», которая должна была занять место между сонетами и «Историей села Перхурова» и, являясь стилистическим и идеологическим столкновением Диккенса с создателем «Мертвых душ», дала бы возможность и русофобам и русофилам лишний раз убедиться в собственной правоте.1238

Die Aussage am Ende weist auf eine zentrale Sinndimension von Лироэпическая поэма hin: Es soll nicht allein um einen spielerischen Vergleich zweier Prätexte gehen, sondern um die ewige Frage nach Russlands Verhältnis zum Westen.

8.6.2.  Ambivalentes Vorbild Gogol’ und slavophile Dimensionen

Intertextuell wird der Slavophilen-Westler-Disput in Лиро-эпическая поэма durch Verweise auf Gogol’ aufgerufen. Zusätzlich zum Roman Мертвые души führt die Attribuierung Gogol’s als „Autor der Ausgewählten Stellen“ (im Fußnotenteil) weiterhin die 1847 erschienene Sammlung von überarbeiteten sowie fiktiven Briefen Выбранные места из переписки с друзьями ein.1239 Diese Epistel, die Autokratie, Kirche und feudale Strukturen verteidigten und für die Probleme der Gegenwart restaurative Lösungen vorschlugen, sorgten seinerzeit für einen Skandal und führten insbesondere zum Bruch mit Vissarion Belinskij.1240 Auf Gogol’s Prätext wird auch im Titel von Kibirovs Zyklus Выбранные места из неотправленных e-mail-ов (ebenfalls Три поэмы) angespielt, was zusätzlich zum Vergleich Kibirov – Gogol’ anregt.1241

Die Bezüge auf Gogol’ und seine vielgescholtenen „Ausgewählten Stellen“ im Buch Три поэмы beinhalten eine selbstironische Relativierung Kibirovs, ← 371 | 372 → denn die durch die Identifikation mit einem kanonisierten Klassiker angestrebte Legitimierung der eigenen, konservativ-didaktischen Position wird gleichzeitig unterlaufen. Die zu erschließenden Gemeinsamkeiten zwischen beiden Autoren erscheinen gerade vor dem Hintergrund der Briefsammlung in einem ambivalenten bis negativen Licht: die naiven Bekenntnisse zum Christentum und Argumentationen auf Grundlage von christlichen Moralkategorien; der Wunsch, die eigenen Werke mögen nützlich sein, und die der Literatur zugedachte didaktische, predigtähnliche Funktion.

In Выбранные места ist auch die in Лиро-эпическая поэма zentrale Frage nach dem Verhältnis zum Westen als Thema präsent. In Gogol’s Brief XI: Споры werden die Positionen der Westler und der Slavophilen zwar beide kritisch bewertet (die letzteren etwas weniger),1242 das Buch ist jedoch durchdrungen von einem Gefühl der russischen Überlegenheit, z. B. in dem (in Лироэпическая поэма in der Fußnote aufscheinenden) Brief XXVI: Страхи и ужасы России: Die Situation in Russland sei bedrohlich, in Europa aber noch schwieriger, und es sei ein Zusammenbruch der nur scheinbar prosperierenden westlichen Staaten zu erwarten.1243

Zu zeigen, wie und aus welchen Gründen solche antiwestlichen Ressentiments1244 entstehen, wie Sympathie in Ablehnung umschlägt oder beide Gefühle koexistieren – so hielt Gogol’ sich bekanntlich trotz patriotischer Bekenntnisse lange Jahre im Ausland auf –, ist das eigentliche Thema von Kibirovs Poem. Zentral ist dabei nicht die Parteinahme, sondern die Darstellung der psychologischen Tiefendimensionen dieses Streits. Dass dieser Konflikt nicht von einer Figur oder einem jüngeren Ich durchlebt wird, sondern von einem „lyrischen Helden“, der in der Gegenwart des Autors lokalisiert wird, zeigt, dass es sich um ein akutes Problem handelt, für das der Text letztendlich keine Lösung parat hat.

8.6.3.  Vom anglophilen Projekt zur Englandkritik

Ursprünglich sei beabsichtigt gewesen, Gogol’s Мертвые души à la Dickens neu zu schreiben, und tatsächlich finden sich in Лиро-эпическая поэма Fragmente dieses geplanten Textes, bei denen es sich um zwei alternative Anfänge handelt. Das erste Bruchstück (Abschn. 6) umfasst drei Verse, bevor der schreibende Sprecher durch betrunkene Frauen gestört wird. Das zweite Fragment (Abschn. 7, zehn Verse) wird, bevor sich die Handlung entwickeln kann, durch den Kommentar unterbrochen. ← 372 | 373 →

Während der eigentliche Text nicht über Anfänge hinauskommt, nimmt der Plan im ausführlichen Fußnotenkommentar Gestalt an, das Kunstobjekt wird – ganz im Sinne von LeWitt und Weiner (vgl. Kap. 2.3.2, Seite 66f.) – durch seine Idee ersetzt. Ausgangspunkt ist den Erläuterungen des „Autors“ zufolge die Annahme, dass sich Dickens’ und Gogol’s Werke trotz gewisser Analogien grundsätzlich unterscheiden. Dickens’ Perspektive wird (mit Chesterton) als optimistisch bezeichnet, Gogol’s konträre Sicht wäre also pessimistisch.1245 Gogol’ hätte, heißt es in Kibirovs Fußnotenkommentar, die von Dickens liebenswert gezeichneten Engländer sicherlich unbarmherziger Kritik unterzogen,1246 woraus der Umkehrschluss folgt, dass Dickens Gogol’s Figuren sympathisch gezeichnet hätte. Der geplante Text will nun Mr. Pickwick und Sam Weller Čičikovs Route bereisen lassen und ihre Abenteuer à la Dickens beschreiben. Der Kommentar skizziert eine Reihe von geplanten Treffen mit Gogol’s Figuren, wobei die interkulturellen Begegnungen zwischen Engländern und Russen friedlich ablaufen sollen und sogar eine Vermittlung englischer Kultur beinhalten: Manilov wird Club-Mitglied, Čičikovs Diener erlernen ein englisches Lied,1247 Mr. Pickwick bringt den Kindern das englische Gedicht / Spiel „Dingle, Dingle, Doosey…“ bei.1248

Eine weitreichende Veränderung ist die geplante Ersetzung der in Gogol’s Roman inkorporierten Erzählung Повесть о капитане Копейкине (Kap. X), in der ein Kriegsversehrter erfolglos um eine Invalidenpension nachsucht und zum Räuber wird – das Sujet der verwehrten Gerechtigkeit erinnert an Gogol’s Novelle Шинель. An die Stelle der Kopejkin-Erzählung soll in Лиро-эпическая поэма eine alternative Version eben von Шинель treten, die der ursprünglichen Anekdote folge, die Gogol’ inspiriert habe:1249 Für Akakij Akakievič soll es in Мистер Пиквик в России ein Happy End geben, die Kollegen kaufen ihm ← 373 | 374 → einen Ersatz für die verlorene (!) Jagdflinte (!). Dass ausgerechnet Шинель für eine alternative Verschriftlichung à la Dickens ausgewählt wird, hat natürlich eine symbolische Bedeutung, die Kibirovs Kommentar anreißt:

        Ах, если б не все мы вышли из страшной «Шинели», если б хоть ктонибудь вышел из таких вот трогательных глупостей!

Das hier eingepasste geflügelte Wort „все мы вышли из гоголевской «Шинели»“1250 bezeichnet Gogol’s Novelle als Gründungsmoment der neuen, gesellschaftskritischen Literatur.1251 Das verwendete Attribut страшный (‘schrecklich’) markiert die sozialkritische Dimension des Textes, die für „Natürliche Schule“ und Realismus im Vordergrund stand. Die von Kibirov skizzierte Version mit glücklichem Ausgang hätte – so die kontrafaktische Spekulation des Poems – allerdings eine ganz andere Art von Literatur initiiert und die russische Geschichte in eine andere Richtung gelenkt:

        если б русские писатели были поснисходительнее к предмету своего описания, «страхи и ужасы России»,1252 глядишь, были бы чуть менее непроглядными, и их искоренение не потребовало бы от пылкой учащейся молодежи таких радикальных мер.

Der „optimistische“ Dickens böte somit eine friedliche, sozusagen „englische Lösung“ für die russischen Probleme, die in der Oktoberrevolution eskalierten.

Neben der Interaktion mit Figuren aus Мертвые души soll es im geplanten zweiten Teil von Мистер Пиквик в России, von dem in Лиро-эпическая поэма im Kommentar die Rede ist, auch zu Begegnungen mit realen Akteuren des Literaturbetriebs der 1830er und 1840er Jahre wie z. B. Vissarion Belinskij („чахоточны[й] и неистовы[й] журналист […]“)1253 und Faddej Bulgarin („господин[…] в гороховом пальто“1254) kommen. Von der bei Kibirov, analog zu Gogol’s Мертвые души, geplanten Fortsetzung wäre also eine Diskussion der Aufgaben der Literatur zu erwarten, die zu alternativen, weniger radikalsozialkritischen Ergebnissen führen würde. Auch ein Treffen mit Gogol’ selbst ist vorgesehen. Dass eben dieser mit dem herbeieilenden „russischen Weisen und Asketen“ (русский мудрец и подвижник) gemeint ist, indiziert das von Kibirov eingestreute Toponym Stepančikovo, das auf Dostoevskijs Roman Село ← 374 | 375 → Степанчиково и его обитатели hinweist. Die Figur des erfolglosen Schriftstellers und tyrannischen Hausgastes Foma Fomič Opiskin gilt als Parodie auf Gogol’ in den 1840er Jahren,1255 was die im Buch Три поэмы entworfene Vorbildfunktion des Moralisten Gogol’ – ob als Kritiker russischer Missstände oder utopistischer Reaktionär – weiter ironisiert. Kibirovs Fußnote schließt mit der symbolträchtigen Trojkaszene aus Мертвые души; wie Mr. Pickwick die Zukunftsperspektiven Russlands sieht, bleibt jedoch offen, da an diesem spannungsreichen Punkt zum Haupttext zurückgeschwenkt wird.

Die geplante literarische Lösung der gesellschaftlichen Probleme des 19. Jahrhunderts sieht also einen freundlichen ausländischen Blick auf Russland vor, der auch auf eine Versöhnung der russischen und westeuropäischen Positionen hinzielt. Dabei wird im dritten (wieder in Verse gesetzten) Teil von Лироэпическая поэма (Abschn. 2) eine hitzige Diskussion zwischen Kibirovs Pickwick und „de Custine“ erwähnt, die der Sprecher niederschreibt. Der reale Marquis de Custine (1790–1857), dessen kritische Reiseimpressionen La Russie en 1839 europaweit für Aufsehen sorgten,1256 figuriert als Russlandkritiker, Pickwick wird somit die Rolle des Russlandfreunds zugewiesen.1257 (In den beiden Opponenten liegt übrigens ein weiteres englisch-französisches Gegensatzpaar Kibirovs vor.)

Im weiteren Verlauf des Textes wird dieses sowohl anglo- als auch russophile literarische Vorhaben jedoch durch die Realität des Textes, die erzählte Welt erster Ordnung, konterkariert. Die Umgebung, in der der Sprecher zu schreiben versucht, gewinnt eigene Dynamik, und der Hintergrund – die Vorgänge im Moskauer Park – tritt ins Zentrum der Verserzählung: Am Ende von Abschn. 3 findet der Sprecher auf einer Parkbank eine betrunkene junge Mutter samt Kind, die von „Kibirov“ widerwillig und mühsam zu ihrer Wohnung geschafft werden, wo es zu einer Prügelei mit ihrem Lebensgefährten kommt (Abschn. 6). Während eine optimistische Beschreibung entstehen soll, nimmt unbeabsichtigt die unschöne Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts Gestalt an. Der Sprecher transformiert vom Schreibenden und unbeteiligten Beobachter zur handelnden Person und findet sich dabei in der Rolle des Repräsentanten und Apologeten Russlands wieder.

In den Abschn. 7 und 9 treten in einer Metalepse nämlich die Protagonisten Mr. Pickwick und Sam Weller aus der fiktionalen Welt des Textes-im-Text in ← 375 | 376 → die Text-„Realität“ des 21. Jhs. heraus und interagieren mit dem Sprecher. Sie kommentieren sein Verhalten (gegenüber der Betrunkenen) mit Schweigen, was der Sprecher als Kritik wahrnimmt. Als Ursache der in ihm wachsenden Wut ist angegeben, dass er Traurigkeit und Mitgefühl der Engländer nicht ertragen könne und sich mit der eigenen Scham quäle.1258 Diese negativen Gefühle werden anschließend nach außen projiziert und als Erniedrigung des Nationalstolzes durch die Anderen empfunden. Die vom „Ich“ (vermutete) Fremdwahrnehmung seiner selbst als unzivilisiert provoziert Beschimpfungen, die kompensatorisch die Unkultur der Engländer demonstrieren sollen:

        Миссионеры, вашу бога душу мать!         
        Ци-ви-ли-за-то-ры!.. Прошу не забывать         
        Про Крымскую войну!.. Да ваши-то фанаты         
        Футбольные в сто раз противней!.. Может, в НАТО         
        Вступить прикажете?! А, может, как у вас         
        Нам во священство баб впустить?! Ага, сейчас!..         
        Ишь ты, Мальбруг в поход собрался1259! Нет, шалишь!         
        Трансваль, страна моя, ты вся горишь1260! горишь!         
        Милорды глупые!!.»        [Abschn. 8]

Dickens’ Helden bleiben äußerlich ruhig und beherrscht, fühlen sich jedoch in ihrer Ehre verletzt. Der Text endet damit, dass Pickwick dem Sprecher im letzten Vers des Poems in wörtlicher Rede den Status des Ehrenmannes aberkennt: „«Сэр… Вы… не джентльмен?!»“ – eben diesen Tadel richtete Kibirovs Pickwick zuvor, in einer geplanten Episode des Poems-im-Poem, als Kampfansage gegen Nozdrev.

Statt der erwünschten Identifikation mit den englischen Charakteren und der Versöhnung der sozialen Gegensätze durch die Übernahme von Dickens’ Perspektive kommt es am Ende von Лиро-эпическая поэма also zur Konfrontation. Obwohl der Sprecher selbst im Text das Verhalten seiner Landsleute (der betrunkenen Frauen, des Schlägers) kritisch beschreibt, reagiert er aggressiv auf die Möglichkeit, dass russische Missstände oder das eigene Verhalten von Ausländern negativ bewertet werden (könnten). Die ursprünglichen Sympathien schlagen in Vorwürfe um, die die Unkultur des Westens postulieren. Das ursprünglich literarische Projekt hat eine überraschende Wandlung erfahren: ← 376 | 377 → Geplant war, die Gogol’schen Realitäten aus Dickens’scher Sicht zu idealisieren und kein satirisch-deprimierendes, sondern amüsant-optimistisches Bild Russlands zu zeichnen. Die Gegensätze und Konflikte sollten durch die Humanität der Hauptfiguren überbrückt und durch ein Happy End versöhnt werden. Dieser Plan, der in Лиро-эпическая поэма nach anfänglichen Inspirationskrisen allmählich Gestalt annimmt, wird durch den Einbruch der Realität des 21. Jahrhunderts in den Text abrupt unterbrochen. Der Sprecher wird in der Praxis mit den Hässlichkeiten des Alltags konfrontiert, die er nicht literarisch versöhnen kann. Genau wie Gogol’s Trilogie lässt Kibirov das Projekt Мистер Пиквик в России an der Aufgabe, Russland zum Paradies zu entwickeln, scheitern. Letztendlich ironisiert dieses Resultat die intertextuell mit Gogol’ verbundene Moralisten-Rolle – und stellt auf der metaliterarischen Ebene subversiv die Idee in Frage, dass Literatur auf die Gesellschaft einwirken und den Menschen bessern könne, die sich durch Kibirovs Schaffen zieht.

8.7.     KAPITELRESÜMEE

Kibirovs große Affinität zum Englischen, die die Trennung zwischen (literarischer) Fremde und Heimat aufhebt, reiht sich in eine „anglophile“ Traditionslinie der russischen Literatur ein: Aleksandr Puškin, der aus Byron, Shakespeare oder Scott Impulse für das eigene Werk gewann; Kornej Čukovskij und Samuil Maršak, die von englischen Vorbildern ausgehend die sowjetrussische Kinderliteratur begründeten; Vladimir Nabokov und Iosif Brodskij, die in beiden Literaturen heimisch waren – und viele andere mehr. Zumindest für Kibirovs Generation prägend waren die zahlreichen in sowjetischer Zeit entstandenen Übersetzungen und Ausgaben, mit denen die Staatsverlage das englische Literaturerbe (in sowjetischer Interpretation) verbreiteten. Prominente Übersetzerinnen und Übersetzer wie Natal’ja Trauberg oder Grigorij Kružkov gestalten bis heute durch persönliche Präferenzen und Interpretationen1261 den russischen Kanon der englischen Literatur.

Dass die Verweise auf ausländische und speziell englische Literatur in Kibirovs Texten der 2000er Jahren zunehmen und hervortreten, mag auf eine gewisse Erschöpfung des bisherigen intertextuellen Materials (in den 1980er Jahren der sowjetische Textkosmos, in den 1990er Jahren die russischen Klassiker) bzw. das Streben nach Innovation zurückgehen. Die Bezugstexte, -autoren und -autorinnen lassen dabei nicht nur den Lektüregeschmack des Dichters erahnen, sondern erfüllen konkrete Funktionen in Hinblick auf das eigene Schreiben. Auffällig ist dabei, dass – anders als bei Brodskij – die zeitgenössische Literatur keine Rolle spielen. Auch die britische Literatur der Moderne ← 377 | 378 → wird nicht (Ezra Pound, T. S. Eliot) oder beiläufig-abwertend (James Joyce) erwähnt. Favorisiert werden meist ältere Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Neben Klassikern wie Shakespeare, Byron, Walter Scott und Charles Dickens, die über eine reiche russische Rezeptionsgeschichte verfügen, gehören zu den Favoriten auch einige – aus Sicht der traditionellen Literaturgeschichtsschreibung – eher zweitrangige Repräsentanten: Kinder- und Jugendliteratur, A. E. Housman, Dorothy L. Sayers, C. S. Lewis.

Im intertextuellen Dialog mit ihnen gewinnen charakteristische Züge der eigenen Poetik und spezifische literarische Intentionen Gestalt. Die englische Literatur erweist sich dabei als zentrales intertextuelles Spielfeld, auf dem die Frage nach den ästhetischen und ethischen Werten, die die postsowjetische Gegenwart benötige, ausgetragen wird. Kibirov referiert dabei auf Prätexte, die für recht unterschiedliche und zum Teil gegensätzliche „didaktische“ Positionen stehen: Das Buch Шалтай-Болтай entdeckt die Antididaktik der englischen Kinderliteratur als produktive Tradition, die Ernst und Spiel, Didaktik und Parodie vereint. Dabei legitimiert insbesondere Lewis Carroll als englisches Vorbild Verfahren, die man postmodern nennen kann. Auch bei A. E. Housman handelt es sich um eine ungewöhnliche Präferenz. Kibirovs Buch На полях «A Shropshire Lad» ist auch insofern spezifisch, dass es die Leserschaft den Prozess der kreativen Housman-Lektüre in 63 Gedichtrepliken aus der Nähe miterleben lässt: Der als „Kibirov“ inszenierte Sprecher reichert das Gelesene selektiv mit eigenen Erfahrungen und Meinungen an und vermittelt Housmans Gedichte in eigener Auslegung bzw. Widerlegung. Trotz der inhaltlichen Differenzen zu Housman, die in amüsanter Polemik herausgearbeitet werden, zeigen sich auch Ähnlichkeiten: der Wunsch, für Elite und Masse zu schreiben; die Relevanz, die der Vermittlung von Emotionen zugewiesen wird; die Distanz zu literaturwissenschaftlichen Trends.

Bei den in Kibirovs Texten herausgegriffenen Momenten handelt es sich in vielen Fällen um Spezifika der englischen Literatur wie die Blüte der Kinderliteratur, das lange viktorianische Zeitalter und die verspätete Moderne, an denen in vielen Fällen recht eigenwillige Deutungen Kibirovs ansetzen. Zu nennen ist insbesondere die Konzeptualisierung der englischen Literatur als konservativ, also: Werte, Moral und Glauben vermittelnd. Diese Zuschreibung wird im Werk systematisch als englisch-französischer Gegensatz entwickelt, der eine weitere Spielart von Kibirovs binären Paradigmen darstellt (und nur bedingt mit den literarischen Fakten übereinstimmt). Im Zentrum der entsprechenden Gedichte stehen Sir Walter Scott und sein didaktischer Roman Ivanhoe, die in Баллады поэтического состязания в Вингфилде gegen den als „Franzosen“ eingeordneten Nietzsche positioniert werden. Kibirovs Греко- и римско-кафолические песенки и потешки bezieht sich auf Autorinnen und Autoren aus dem Umfeld des sog. Inkling-Kreises, die christliche Themen in massenwirksame, unterhaltende Prosa inkorporierten und sich gegen die Literatur der Moderne positionierten. Das Buch, das alte und neue Texte zu dem Thema Religion zusammenstellt, ← 378 | 379 → lehnt sich insbesondere an einen Band mit christlichen Gedichten der jungen Dorothy L. Sayers an. Sayers ist bei Kibirov dabei v. a. als Typus der (englischen) Literatin wichtig, die im 20. Jahrhundert ernsthaft über Religion schreibt; was Themenwahl und Poetik angeht, überwiegen die Unterschiede.

Kibirovs Bücher der zweiten Hälfte der 2000er Jahre nutzen die englische Literatur genauso wie in den 1990ern Deržavin oder Puškin zur Erstellung von literarischen Lösungen für Probleme der russischen Gegenwart. Schon in den 1980er und 1990er Jahren ordnen sich englische Topoi punktuell in das propagierte spießbürgerliche Paradigma ein. Русская песня. Пролог hat auf die Frage, ob die Sowjetunion oder England (der Westen) Heimat sei, keine eindeutige Antwort parat. Fast zwei Jahrzehnte später wird die Frage nach dem Verhältnis Russlands zu England (dem Westen) in Лиро-эпическая поэма (Три поэмы) vor einem veränderten gesellschaftlichen Hintergrund noch einmal gestellt. Der Versuch des diegetischen Sprechers, Dickens als Mittel zur literarischen Versöhnung gesellschaftlicher Gegensätze auf das russische Material anzuwenden, scheitert. Anders als seine Stellvertreter im Text bleibt der reale Autor Kibirov aber letztendlich Westler. Obwohl die Texte eine konservative Rückbesinnung auf Werte und den Glauben propagieren, findet keine chauvinistische Abschottung in den Grenzen der russischen Kultur oder der russisch-orthodoxen Dogmatik statt, was insbesondere die konzeptionelle Ausrichtung von Греко- и римско-кафолические песенки и потешки zeigt. Schon der Titel signalisiert, dass nicht an die russische Orthodoxie mit ihrer aktuellen Politik der Staatsnähe angeknüpft wird, sondern an alternative konfessionelle Diskurse. ← 379 | 380 → ← 380 | 381 →


1039 Die Grundidee des Kapitels geht zurück auf: Рутц, Марион: «Иностранные» интертексты в творчестве Тимура Кибирова (общая картина, англофильство и англофранцузский антагонизм). // Текст и подтекст. Поэтика эксплицитного и имплицитного. Отв. ред.: Н. А. Фатеева. М.: Азбуковник 2011. 341–348. Unterkapitel 8.2 überschneidet sich teilweise mit Rutz, Marion: Timur Kibirovs „Ab ovo“: Postmodernes Spiel aus dem Geiste der englischen nicht-didaktischen Kinderliteratur. In: Stahl, Henrieke; Korte, Hermann (Hgg.): Gedichte schreiben in Zeiten der Umbrüche. Tendenzen der Lyrik seit 1989 in Russland und Deutschland. Leipzig: Biblion Media 2016. 611–636. Unterkapitel 8.3 verwendet Thesen aus: Rutz, Marion: Timur Kibirovs Bearbeitung von A. E. Housmans A Shropshire Lad. Vermittlung – Appropriation – Usurpation. In: Ressel, Gerhard; Stahl, Henrieke (Hgg.): Die Slaven und Europa. Frankfurt a. M. et al.: Peter Lang 2008. 263–285. Alle Links in diesem Kapitel wurden am 10.06.2015 überprüft.

1040 Rutten, Ellen: Strategic Sentiments, 203.

1041 So beginnt der Eintrag Постмодернизм in: Чупринин, Сергей: Русская литература сегодня. Жизнь по понятиям, 434–438. 434.

1042 Laut Kibirov wirkt jede Art von Literatur auf die Leserinnen und Leser ein: „Конечно, [литература; M. R.] влияет, может быть, не так, как прежде. Мы сформированы чтением. Мы живем в том мире, который описали для нас и оформили писатели. Сегодня это так лишь в некоторой степени, но все же так. И все разговоры о том, что изящная словесность никому ничего не должна, звучат горделиво и самолюбиво, мол, «всесилен, как стихия, не властен лишь в себе самом», но на самом деле – это просто нежелание ответственности.“ (Левина, Анна: Тимур Кибиров – «Хотелось бы верить политикам». // Союз правых сил [o.J.], http://www.sps.ru/?id=217791&PHPSESSID=4007548dab07745).

1043 Ein Zitat aus Kibirovs Gedicht Вступительный центон (Кибиров, Тимур: Три поэмы, 5–8).

1044 Губайловский, Владимир: Книжная полка Владимира Губайловского. // НМ (2008) 7. 189–196. Zu Kibirov 190–191; Zitat: 190.

1045 Da die beiden intertextuellen Felder sich zum Teil überschneiden und im Werk eine ähnliche Funktion erfüllen, wurde die Kinderliteratur als separates Thema ausgespart. Dieses „ungeschriebene“ Kapitel ist inzwischen als Aufsatz erschienen: Rutz, Marion: Zitate aus Kinderliteratur bei Timur Kibirov bzw. Рутц, Марион: Детская литература в творчестве Тимура Кибирова.

1046 Федорова, Людмила: Суровый Дант и насмешливый Кибиров; Шапир, М. И.: Семантические лейтмотивы ирои-комической октавы.

1047 Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 123–124; 138.

1048 Das quantitative Gesamtbild findet sich in Рутц, Марион: «Иностранные» интертексты в творчестве Тимура Кибирова. Hier wurde die Häufigkeiten von Autornamen sowie von Zitaten und Anspielungen ausgezählt. An erster Stelle steht die englische, an zweiter die französische Literatur. Eine Tabelle mit den nach Häufigkeit der Referenz geordneten Autorinnen und Autoren findet sich am Ende des Aufsatzes.

1049 Кибиров, Тимур: Нотации, 7–8, Zitat: 8.

1050 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 5–9, Zitat: 5.

1051 „Englisch“ und „britisch“ werden analog zu Kibirovs Texten als Synonyme verwendet.

1052 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 263–265.

1053 К вопросу о романтизме: ebd., 269–283; Русская песня: 275–281.

1054 Батюшков, К. Н.: Полное собрание стихотворений, 170–171. Kommentar: 297–298.

1055 Entstehungsund Rezeptionsgeschichte: Песенник анархиста и подпольщика; das Lied wird ebenfalls in Kibirovs Gedicht На полях «A Shropshire Lad» 37: На мотив «Прощание славянки» zitiert (Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 107–109).

1056 Übersetzung ins Russische: Паломничество Чайльд-Гарольда. Das Zitat findet sich in Песнь I, 13: „Прости, прости! Все крепнет шквал, / Все выше вал встает, / И берег Англии пропал / Среди кипящих вод. / Плывем на Запад, солнцу вслед, / Покинув отчий край. / Прощай до завтра, солнца свет, / Британия, прощай!“ (Байрон, Джордж Гордон: Собрание сочинений. В 4 т. М.: Правда 1981. Т. 1. 131–289. 143). An einigen Stellen scheint bei Kibirov das Original auf, z. B. Canto 1, XIII: „Welcome, ye deserts, and ye caves! / My Native Land – Good Night!“ (Byron, [George G.] Lord: The Complete Poetical Works. Oxford: Clarendon Press. 1980–1993, vol. 2. 16.)

1057 Ebd., vol. 1. 3 (Nr. 6) bzw. die Übersetzung von Aleksandr Blok: Байрон, Джордж Гордон: Собрание сочинений, т. 2. 8: „Бесплодные места, где был я сердцем молод, / Анслейские холмы!

1058 Ebd., vol. 3. 295–296 (Nr. 257). Kibirov zitiert parallel aus Lermontovs Übersetzung: Байрон, Джордж Гордон: Собрание сочинений, т. 2. 74. Bei Kibirov: „Душа моя мрачна/ My soul is dark. Скорей, певец, скорее!“ (Str. 4).

1059 Lied „Летят перелетные птицы“: „Не нужен мне берег турецкий, / И Африка мне не нужна“ (Песенник анархиста и подпольщика).

1060 Das Zitat in Abschn. 10 lautet: „[Welcome bzw. Привет вам; M. R. ] Степашка с Хрюшей, Тяпа с Ляпой, / ансамбль Мещерина, балет, / афганцы злые, будки, бабы, / мальчишки, лавки, фонари, / дворцы – гляди! – монастыри, / бухарцы, сани, огороды, / купцы, лачужки, мужики, / бульвары, башни, казаки, / аптеки, магазины моды, / балконы, львы на воротах / и стаи галок на крестах.“ Der Prätext in: Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 6. 155–156.

1061 Der Brief Tat’janas (Письмо Татьяны к Онегину) findet sich in Kap. 3 von Евгений Онегин: „Кончаю! Страшно перечесть… / Стыдом и страхом замираю… / Но мне порукой ваша честь, / И смело ей себя вверяю…“ (Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 6. 67).

1062 Дельвиг, А. А.: Полное собрание стихотворений, 113–114, Zitat: 114: „Судьба на вечную разлуку, / Быть может, здесь сроднила нас!“

1063 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 147–149.

1064 Der Gedichtband beinhaltet viele Bezüge auf Kinderliteratur: Kornej Čukovskij (Мегаломания [9]; Шалтай-Болтай [21]) und Ivan Krylov (Автореминисценция [30], Вариации [47–48]); Winnie Pooh („Что-то тело охренело…“ [17]); eine sowjetische Mowgli-Verfilmung (ebd. und in Вариации); Nikolaj Nosovs Незнайка в солнечном городе (im gleichnamigen Ged. [10–11]).

1065 Кибиров, Тимур: Кара-барас [2006], 7–10. Vgl. die in Fn.1163, Seite 352 erwähnten Aufsätze.

1066 Carpenter, Humphrey; Prichard, Mari: The Oxford Companion to Children’s Literature. Oxford; New York: Oxford UP 1984. 97–102 (Carroll, Lewis). 102; Hunt, Peter: Children’s Literature. Oxford; Malden (MA): Blackwell 2001. 45, 50; Kullmann, Thomas: Englische Kinderund Jugendliteratur. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt 2008. 11.

1067 Der erste Vers zitiert aus dem Gedicht „Только детские книги читать…“ von Osip Mandel’štam (Мандельштам, Осип: Стихотворения. Проза, 23), vgl. Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 64. Die Präferenz für „Kinderbüchelchen“ wird somit einer anerkannten literarischen Autorität in den Mund gelegt.

1068 Кибиров, Тимур: Нотации, 38.

1069 Кибиров, Тимур: Шалтай-болтай, 43–44, Zitat: 43.

1070 Die erste fassbare Sammlung von Rätselreimen, Abzählversen etc. wurde von John Newbury (1713–1767) zusammengetragen, siehe den Eintrag Newbery, John in: KümmerlingMeibauer, Bettina (Hg.): Klassiker der Kinderund Jugendliteratur. Ein internationales Lexikon. Sonderausgabe. 3 Bde. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 2004, Bd. 2. 785–787.

1071 Baring-Gould, William S.; Baring-Gould, Ceil (eds.): The Annotated Mother Goose. [New York]: Bramhall House 1962. 268, Anm. 4.

1072 Zur Intertextualität, siehe den Eintrag Carroll, Lewis in: Kümmerling-Meibauer, Bettina (Hg.): Klassiker der Kinderund Jugendliteratur, Bd. 1. 190–200. 192.

1073 Der Begriff portmanteau fällt in Kapitel 6: Carroll, Lewis: The Annotated Alice. Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass. The Definitive Edition. With an Intr. and Notes by Martin Gardner. London: Penguin 2001. 225. Das Zitat aus Str. 1 des Gedichts ebd. sowie in Kap. 1 (S. 155).

1074 Drews, Jörg: Carroll, Lewis / Through the Looking-Glass and What Alice Found There. In: Kindlers Neues Literaturlexikon. Hg. von Walter Jens. München: Kindler 1988–1998. Bd. 3. 667–668. 668.

1075 Маршак, Самуил: Сочинения. В 4 т. М.: Гослитиздат 1957–1960, т. 1. 343.

1076 Словарь современного литературного русского языка (БАС). Институт русского языка АН СССР. М.; Л.: Наука 1950–1965. Т. 17. 1251.

1077 Кэрролл, Льюис: Приключения Алисы в Стране чудес. Сквозь зеркало и что там увидела Алиса, или Алиса в зазеркалье. Изд. подготовила Н. М. Демурова. 2-е, стер. изд. М.: Наука 1991. 337–338. Siehe auch Demurova, Nina M.: Alice Speaks Russian. The Russian Translations of Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass. In: Harvard Library Bulletin 5 (1994/1995) 4. 11–29. 16.

1078 Кибиров, Тимур: Шалтай-болтай, 6.

1079 Маршак, Самуил: Сочинения, т. 3. 538–539 (Баллада о старом Вильяме).

1080 Der Originaltext findet sich in den Glossen von Carroll, Lewis: The Annotated Alice, 51–52.

1081 Weitere intertextuelle Parodien notiert Kümmerling-Meibauer, Bettina (Hg.): Klassiker der Kinderund Jugendliteratur, Bd. 1. 192; Carroll, Lewis: The Annotated Alice druckt auch die Bezugstexte ab.

1082 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Шалтай-болтай, 21.

1083 In Čukovskijs Gedicht Путаница (Чуковский, Корней: Собрание сочинений. В 15 т. М.: Терра 2001–2009. Т. 1. 89–93) hält sich allein das Häschen abseits der ausbrechenden Anarchie. Diese Referenz auch in Kibirovs Мегаломания 1 (Кибиров, Тимур: Шалтайболтай, 9).

1084 Filipp Kirkorovs Pop-Schlager Зайка моя verwendet den Diminutiv als Kosenamen.

1085 Bezugspunkt ist der Mythos der Schwängerung Ledas durch Zeus in Schwanengestalt, der auch in Ab ovo präsent ist, siehe unten (Seite 333).

1086 Etwa in: Наши сказки. Книга первая: Русские народные сказки, песенки, загадки. Составили М. Боголюбская и А. Табенкина. М.: Детская литература 1981. 8–9.

1087 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Шалтай-болтай, 43–44.

1088 In der Erstausgabe Кибиров, Тимур: Шалтай-болтай wird dieses Schwanken durch die Zentrierung der Verszeilen besonders deutlich.

1089 Er geht auf Horaz’ De arte poetica, 147 zurück, wo ab ovo als Antonym zu in medias res das langsame und umständliche Heranführen bezeichnet – die Ilias begänne dann mit dem Ei der Leda, und nicht mit dem Zorn des Achilles. Siehe: Wörterbuch der Antike mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens. Begr. von Hans Lamer; fortgef. von Paul Kroh. 10. verb. und erg. Aufl. Stuttgart: Alfred Kröner 1995. 1.

1090 Советские поэты, павшие на Великой отечественной войне. М.; Л.: Советский писатель 1965. 277–278.

1091 Ein gedruckter Nachweis ließ sich nicht finden, es gibt jedoch Belege, die die mündliche Rezitation durch Prigov bestätigen. Курицын, Вячеслав: КУРИЦЫНweekly. Вып. 24. // Современная литература с Вячеславом Курицыным 10.06.1999, http://www.guelman.ru/slava/archive/10-06-99.htm erwähnt den Zweizeiler, der nicht publiziert sei. Ein Post von image o_tets_ // Живой журнал 29.07.2008, http://users.livejournal.com/_o_tets_/246320.html notiert mehrere Parodien auf Kogan, wobei die Prigov’sche auf einen Kommentar von Lev Rubinštejn zurückgeht (image levrub, unten auf der Seite).

1092 Siehe z. B. die Illustration von M. Miturič aus dem Buch Шалтай-болтай von 1958 (im Netz auf der Homepage Самуил Маршак. Недописанная страница > Издания > Книги для детей, http://s-marshak.ru/books/sh/sh04/sh04_01.htm).

1093 Кибиров, Тимур: Три поэмы, 40. Das Zitat in Carroll, Lewis: The Annotated Alice, 94–95.

1094 Набоков, Владимир: Собрание сочинений русского периода, т. 1. 359–433. Vgl. Kap. 6.3.3.M

1095 In der Gesamtausgabe Стихи о любви steht das Jahr 2007 (S. 589). Online erschien das Buch allerdings schon am 29.09.2006 (http://stengazeta.net/?p=10002042). Zwischen der Online- und den Print-Versionen gibt es Abweichungen, bis hin zum Wegfall von Str. 5 in Ged. 1. Textgrundlage ist die Buchausgabe Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007].

1096 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 5–9.

1097 Kermode, Frank; Hollander, John (gen. eds.): The Oxford Anthology of English Literature. London; Toronto: Oxford UP 1973. Vol. 2 verwendet auf Housman sieben Seiten (2030–2036), auf T. S. Eliots über fünfzig (1970–2027). Greenblatt, Stephen (gen. ed.): The Norton Anthology of English Literature. 9th ed. New York; London: W. W. Norton & Company 2012. Vol. F räumt Housman fünf Seiten ein (2011–2015), William Butler Yeats beinahe vierzig (2082–2120).

1098 „К сожалению, никакой надежды на то, что все потенциальные читатели знают и помнят стихи Хаусмана, нет.“ (Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 8) Aus diesem Grund, heißt es, wurde den eigenen Gedichten (jeweils auf der ungeraden Seite) das englischsprachige Original (gerade) gegenübergestellt.

1099 Гаспаров, М. Л.: Записи и выписки. М.: НЛО 2000. 319–326 (Переводы). 321 erwähnt Housman als Wissenschaftler. (Das Buch lieferte ebenfalls die Idee für Ged. 44, siehe S. 343.)

1100 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 5.

1101 In der Ausgabe Nabokov, Vladimir: Pale Fire. New York et al.: Perigee 1980 auf S. 25 (Foreword) und 269 (zu V. 920, mit Bezug auf Housmans Vortrag The Name and Nature of Poetry, siehe unten). Weitere Bezüge: Витковский, Евгений; Кокотов, Алексей: Секрет полишинеля. // Хаусмен, Альфред Эдуард: Избранные стихотворения. Сост.: Евгений Витковский. М.: Водолей 2006. 3–14. 11–12.

1102 Erwähnt werden die Gedichtauswahl Хаусман, Альфред: Четыре стихотворения. Переводы с английского. Вступление Григория Кружкова. // Иностранная литература (2006) 6, http://magazines.russ.ru/inostran/2006/6/ha6.html und die Buchausgabe Хаусмен, Альфред Эдуард: Избранные стихотворения. Сост.: Евгений Витковский. М.: Водолей 2006.

1103 Im Vorwort ist die Rede von „Marginalien“ und „Variation“ (Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 7; 8).

1104 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 6: „с желанием спорить и склочничать, с бурным протестом против идеологии автора“.

1105 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 7.

1106 Ломоносов, М. В.: Полное собрание сочинений. М.; Л.: Изд-во АН СССР 1950–1959 [т. 11: 1983]. Т. 8. 761–767, Kommentar: 1163–1167.

1107 Filarets Antwortgedicht „Не напрасно, не случайно…“ z. B. in: Wachtel, Michael: A Commentary to Pushkin’s Lyric Poetry 1826–1836. Madison (WI); London: The University of Wisconsin Press 2011. 171–172.

1108 Толстой, А. К. Собрание сочинений, т. 1. 306–310, Kommentar 480–481. Die Marginalien fanden sich in einer Puškinausgabe, die Tolstoj gehörte.

1109 Bei Kibirov sind Housmans Gedichte römisch, die eigenen arabisch durchnummeriert. Housmans Gedichte ebenfalls nach Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007].

1110 Graves, Richard Perceval: A. E. Housman. The Scholar-Poet. New York: Scribner’s Sons 1980 [=1979]. 105: „But Housman’s Shropshire is largely an imaginary land […].“

1111 Gardner, Philip: Introduction. In: Gardner, Philip (ed.): A. E. Housman. The Critical Heritage. London; New York: Routledge 1992. 1–56. 5; detaillierter Graves, Richard Perceval: A. E. Housman, 111.

1112 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 179–183. 179.

1113 Ebd., 137–139, Zitat: 139.

1114 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 93.

1115 Ebd., 6.

1116 Ebd., 7: „[Я] попробовал выразить как восхищение и любовь к чудесному поэту и несчастному человеку, так и несогласие с его некрофильской пропагандой.“

1117 Русские сказки III: Горький, М.: Собрание сочинений, т. 10. 449–460.

1118 Efrati, Carol: The Road of Danger, Guilt, and Shame. The Lonely Way of A. E. Housman. Madison et al: Fairleigh Dickinson UP; Associated UP 2002, insbesondere 36–40; zu Jackson 54–62. Jebb, Keith: The Land of Lost Content. In: Holden, Alan W.; Birch, J. Roy (eds.): A. E. Housman. A Reassessment. Houndmills et al.: Macmillan 2000. 37–52. Витковский, Евгений; Котков, Алексей: Секрет полишинеля, 3–6.

1119 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 8. Das Zitat findet sich in Nabokovs Memoiren Speak, Memory, Speak (Kap. 13); vgl. Витковский, Евгений; Котков, Алексей: Секрет полишинеля, 10.

1120 Ged. 9, Str. 5–7: „Что было поводом – увы – / Я не припомню ныне. / Нет-нет, совсем не от любви. / Наверно, от гордыни. // От осознания того, / Что жизнь обиды множит / И что не видно никого, / Кто чем-нибудь поможет, // Что стыдно жить и поживать, / Что я так долго трушу / И что уменье умирать / Облагородит душу.“ (Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 37–39).

1121 Hier könnte man eine Parallele zur in Kibirovs Gedichten beschriebenen Baudelaire-Nachfolge des jüngeren Ich ziehen, vgl. Kap. 7.2.2. Baudelaires poetologisches Schlüsselgedicht L’Albatros verbindet sich schlüssig mit Kibirovs Vogel-Gleichnis.

1122 Ausführlicher hierzu: Гаспаров, М. Л.: Записи и выписки, 326.

1123 Пушкин, А. С.: Полное собрание сочинений [1937–1959], т. 8,2. 1036.

1124 In Kibirovs Vorwort hieß es weiterhin, er habe sich erst aufgrund der Ermunterung durch nahestehende Personen zur Veröffentlichung entschließen können. Ambivalent ist auch der selbstkritische Vergleich mit Ždanov, der Achmatova diskreditierte (Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 8–9).

1125 Die Zitate nach Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 5; 6.

1126 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 69. John Donne spielt in Kibirovs Werk keine Rolle und steht wohl für Iosifs Brodskijs Präferenzen (Большая элегия Джону Донну). Die beiden anderen Autoren, Gilbert Keith Chesterton und Walter Scott, tauchen in Kibirovs Gedichten mehrmals auf und werden als wichtige Vorbilder und Lieblingsautoren tituliert.

1127 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 178–183.

1128 Die Rede ist von литературная изощренность (ebd., 5), „безукоризненное изящество и гипнотическое обаяние“ (6), совершенство плана выражения (7).

1129 Kurz zu Strophik und Metrik: Rutz, Marion: Timur Kibirovs Bearbeitung, 267–269.

1130 Housman, A. E.: The Name and Nature of Poetry. In: Housman, A. E.: Collected Poems and Selected Prose. London et al.: Allen Lane; Penguin 1988. 349–371. Vgl. Leggett, B. J.: The Poetic Art of A. E. Housman. Theory and Practice. Lincoln; London: University of Nebrasca Press 1978. 26–41 (The Limits of the Intellect). Die russische Übersetzung Имя и природа поэзии findet sich in der russischen Werkauswahl, auf die Kibirovs verweist: Хаусмен, Альфред Эдуард: Избранные стихотворения, 215–265. Insofern ist davon auszugehen, das der Dichter den Text kannte.

1131 Housman, A. E.: The Name and Nature of Poetry, 352.

1132 Housman, A. E.: The Name and Nature of Poetry, 369: „Poetry indeed seems to me more physical than intellectual. A year or two ago, […] I received […] a request that I would define poetry. I replied that I could no more define poetry than a terrier can define a rat, but that I thought we both recognised the object by the symptoms which it provokes in us.”

1133 Housman, A. E.: The Name and Nature of Poetry, 370–371.

1134 Gardner, Philip: Introduction, 31–34. Leggett, B. J.: The Poetic Art of A. E. Housman, 26–28ff.

1135 Leggett, B. J.: The Poetic Art of A. E. Housman, 4–7.

1136 Vgl. das Interviewzitat in Kap. 2.3.4, Seite 78.

1137 Leggett, B. J.: The Poetic Art of A. E. Housman, 3.

1138 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 5: „[…] мне захотелось побольше узнать об этом знаменитом филологе-классике, умудрившемся написать книгу стихов, восхищающую и утонченных интеллектуалов, и рядовых солдатиков викторианской армии.“ Zur Popularität unter den Soldaten des Ersten Weltkriegs: Gardner, Philip: Introduction, 2.

1139 Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 6. Kibirov charakterisiert diesen Trend zur Unverständlichkeit in einem Interview von 2005 übrigens als grassierendes Mandelštam-Epigonentum: Шабурова, Мария: Выбор формы – уже цитата: „Если говорить совсем грубо и просто, то в сознании не очень умных моих коллег, которые входили в литературу в 70-е – начале 80-х годов, было такое противопоставление: противная официальная поэзия […] написана просто и внятно, а хорошая поэзия – это, безусловно, Мандельштам – должна быть написана невнятно. Так кроме того, что это невнятно [,] ничего воспринято не было, поэтому многие просто простодушно старались писать как можно темнее, что, на мой взгляд, совершенно гибельный путь.“

1140 Шендерович, Виктор: Все свободны! Scott als Lieblingsautor der Kindheit nennt der Dichter auch 1998 im Interview Куллэ, Виктор: «Я не вещаю, я болтаю…», 10.

1141 Кибиров, Тимур: Три поэмы, 22–33. 29.

1142 Jules Verne: Бригантина (Нотации), Покойные старухи 2 (Три поэмы); Robert Louis Stevenson: Сквозь прощальные слезы IV; „Хорошо Честертону – он в Англии жил …“ (Улица Островитянова); Mayne Reid: Послесловие к книге «Общие места» (Лирикодидактические поэмы); James Fenimore Cooper: Литературная секция (Послание Ленке и другие сочинения), Покойные старухи 3 (Три поэмы); Gustave Aimard: Игорю Померанцеву (Парафразис). Zum Einfluss dieser Lektüre vgl. Kostjukov im Gespräch mit Kibirov: Костюков, Леонид; Кокусева, Татьяна: «Мы живем в мире, который мы вычитали». // Полит.ру 24.08.2009, http://www.polit.ru/analytics/2009/08/24/videon_nt_kibirov.html.

1143 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 305–311. 308.

1144 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 263–265. 264: „Айвенго, Вашу руку!“.

1145 Кибиров, Тимур: Нотации, 19.

1146 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Нотации, 37.

1147 Voltaire erwähnen die Gedichte: Политкорректность, Чин чина почитай! (ШалтайБолтай); На полях «A Shropshire Lad» 28; Выбранные места 9 (Три поэмы). Im Gedicht Политкорректность findet sich Voltaires gegen die Kirche gerichteter Slogan „раздавите гадину“ (Серов, Вадим: Энциклопедический словарь крылатых слов и выражений, 657).

1148 Siehe die Namensliste in Рутц, Марион: «Иностранные» интертексты в творчестве Тимура Кибирова, 347–348.

1149 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Кара-барас [2006], 26–27; 28–31.

1150 Villon François: Œuvres. Édition critique avec notices et glossaire. 2 t. Genève: Slatkine reprints 1967. Text: Bd. 1. 275; Kommentar: Bd. 2. 559–564.

1151 Мастера поэтического перевода. ХХ век. Вступ. статья, сост. Е. Г. Эткинда. Подг. текста и прим. Е. Г. Эткинда, М. Д. Яснова. СПб.: Академический проект 1997. 327–328.

1152 Zum Kontext siehe Charles d’Orléans: En la forêt de longue attente et autres poèmes. Paris: Gallimard 2001: Die Ballade 100 von Charles d’Orléans (164–167) diente als Katalysator des Poetenwettbewerbs und gab Thema sowie den Anfangsvers vor (26, 482–483).

1153 Ob dem Ort eine spezifische Bedeutung zukommt, ließ sich nicht feststellen.

1154 Die folgenden Angaben nach Квятковский А.: Поэтический словарь, 55–57 (Баллада). Der Dichter erzählt im Interview Куллэ, Виктор: «Я не вещаю, я болтаю…», 13, dass er dieses klassische Nachschlagewerk intensiv durchgearbeitet habe.

1155 Textgrundlage ist die Ausgabe, die Kibirovs Literaturverzeichnis im Buch Интимная лирика anführt: Ницше, Фридрих: Сочинения. В 2 т. Сост., ред., вступ. статья К. А. Свясьяна. М.: Мысль 1990, т. 1. 491–719, die Gedichte auf S. 710–720.

1156 In der russischen Edition (Ницше, Фридрих: Сочинения, Т. 1. 710–719) sowie in Kibirovs Gedicht Философия и хореография (Кибиров, Тимур: Нотации, 36).

1157 Laut Gerlach, Hans-Martin: [Aspekte der Rezeption und Wirkung:] Philosophie. In: Ottmann, Henning (Hg.): Nietzsche-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 2000. 489–499, v. a. 496–498 avancierte Nietzsche aufgrund der vielen ähnlichen Auffassungen „gleichsam zum ‚Ahnherren‘“ (496) der westlichen Postmoderne. Vgl. Deppermann, Maria: [Aspekte der Rezeption und Wirkung:] Rußland. In: Ottmann, Henning (Hg.): Nietzsche-Handbuch, 514–515, 514: „N. ist heute in Rußland einer der meistdiskutierten Denker der Moderne und Postmoderne.“

1158 Kibirovs polemische Auseinandersetzung mit Nietzsche greift hier bekannte Zitate auf, ohne tiefer in die Ideenwelt einzudringen, weswegen auf eine detaillierte Untersuchung dieser analytisch wenig ergiebigen Nietzsche-Gedichte verzichtet wurde. Sie wurden auch schon von Bagrecov behandelt: Багрецов, Д. Н.: Тимур Кибиров. Интертекст и творческая индивидуальность, 119–122 (Кибиров и ницшеанство). Es handelt sich um die Gedichte: Credo (Кибиров, Тимур: Нотации, 14), „Ницше к женщине с плеткой пошел…“ (25), Философия и хореография (36), Сослагательное (50), PS (53).

1159 In der Fröhlichen Wissenschaft erstmals im Gleichnis vom tollen Menschen, №125 (Ницше, Фридрих: Сочинения, т. 1. 592–593); auch №343 (662–663).

1160 Z. B. №116: „Стадный инстинкт. Там, где мы застаем мораль, там находим мы расценку и иерархию человеческих стремлений и поступков. Эта оценка и иерархия всегда оказываются выражением потребностей общины и стада […]. Моральность есть стадный инстинкт в отдельном человеке.“ (Ницше, Фридрих: Сочинения, т. 1. 588); №352: „Не ужас, внушаемый хищным зверем, находит моральное одеяние необходимым, но стадное животное со своей глубокой посредственностью, боязнью и скукой от самого себя.“ (672–673. 673; Fettdruck im Original, Kursive von mir; M. R.)

1161 К генеалогии морали, Рассмотрение первое (Ницше, Фридрих: Сочинения, т. 2. 419–438).

1162 Kerger, Henry: Moral. In: Ottmann, Henning (Hg.): Nietzsche-Handbuch, 284–286. 285–286: „Moral ist nach N. nur als ästhetisches Phänomen zu rechtfertigen, da die moralischen Werte erst entstanden sind, als ästhetische Wahrnehmungen wie schön, ekelhaft usw. die ‚absolute Wahrheit‘ der Empfindung für sich in Anspruch nahmen.“

1163 Das Motiv des Offenlegens (vorgeblicher) Lügen findet sich im Buch Кара-барас ebenfalls in Внеклассное чтение (Кибиров, Тимур: Кара-барас [2006], 7–10), intertextuell getragen von Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider und Die Schneekönigin. Das „Entblößen“ wird dabei kritisch bewertet. Siehe Rutz, Marion: Zitate aus Kinderliteratur bei Timur Kibirov, 428–431 bzw. Рутц, Марион: Детская литература в творчестве Тимура Кибирова, 231–234.

1164 Joh 1,23: „Он [Johannes] сказал: я глас вопиющего в пустыне: исправьте путь Господу, как сказал пророк Исаия“ (Библия, Teil NT. 100).

1165 Die Abschnitte umfassen zwischen 11 und 20 Verse. Die Unterscheidung zwischen Seitenumbrüchen und Abschnittgrenzen ist in den Vremja-Aufgaben nicht zweifelsfrei zu treffen, daher macht es Sinn, sich in diesem Punkt an dem Online-Präprint Кибиров, Тимур: Карабарас. // Стенгазета 22.08.2005, http://stengazeta.net/?p=1000277 zu orientieren. Auch die Verse sind unterschiedlich lang, verjüngen sich zur Strophenmitte hin und verbreitern sich anschließend, was in der Online-Version durch die Zentrierung deutlich hervortritt.

1166 Richard Löwenherz als negative Figur hat übrigens einen Vorläufer in Scotts Roman Talisman.

1167 Кибиров, Тимур: Кара-барас [2006], 7–10.

1168 Кибиров, Тимур: Кара-барас [2006], 43–45.

1169 Кибиров, Тимур: Кара-барас [2006], 24–25. Der im Gedicht erwähnte Antagonist Saladdin taucht als Charakter in „Age of Empires“ (1999), „Stronghold Crusader“ u. a. Spielen auf (siehe https://ru.wikipedia.org: Салах ад-Дин), was zu dem Wortfeld ‚Computer‘ im Gedicht passt.

1170 Громов, Андрей: Потребность в ладном выражении смыслов. // Вещь №12, 27.02.2006. 14–21, [17]: „Если в Англии, Франции и даже в Америке это хоть как-то тормозится традиционной культурой, уважением к традиционным ценностям, эстетическим или религиозным, то у нас все пришло на выжженное поле. Потому что какуюто часть традиционной культуры просто уничтожили, а какую-то, что еще отвратительнее и преступнее, присвоили и сделали чудовищной скукой, которая вызывала у обычного человека только отвращение.“

1171 Фалеев, Дмитрий: Постмодернизма не было: „Лично меня больше всего поразил тот факт, что английские поэты XIX века в отличие от наших классических поэтов того же времени не стеснялись и не считали зазорной религиозную тему. Она открыто присутствовала в светской культуре и активно на нее влияла. У нас же данная тема была табуирована для светской поэзии, если не брать во внимание известные пушкинские стихи, но Пушкин на то и гений, чтобы нарушать некоторые негласные конвенции.“

1172 Erstpublikation (neue Gedichte): Знамя (2009) 1. 42–51, zeitgleich online auf Стенгазета (https://stengazeta.net/?p=10005708 ff.; komplett). Textgrundlage ist die Buchausgabe Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, ebenfalls 2009.

1173 Keine Erwähnung in Михальская, Н. П: История английской литературы. 3-е изд. М.: Академия 2009. Seeber, Hans Ulrich et al. (Hgg.): Englische Literaturgeschichte. 5., akt. und erw. Aufl. Stuttgart; Weimar: J. B. Metzler 2012 kennt Sayers als eine der großen „ladies of crime“ (489), Lewis als Literaturwissenschaftler (102, 122) und Autor von Kinder- bzw. Fantasy-Literatur (382, 491) [in der 4. Auflage fehlt Sayers, Lewis findet sich nur zweimal im Namensindex]. Carter, Ronald; McRae, John: The Routledge History of Literature in English. Britain and Ireland. London; New York: Routledge 2001 (11997) erwähnt Sayers (368, 486).

1174 Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, 11; 12 bzw. Кибиров, Тимур: Стихи, 619 und Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 253.

1175 Es handelt sich um Kirchen, die ebenfalls dem Papst unterstehen, jedoch ein eigenes „kirchliches Brauchtum“ pflegen: Suttner, Ernst Christoph: Ostkirchen, katholische. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Hg. von Walter Kaspar et al. 3., völlig neub. Aufl. Freiburg et al.: Herder 1993–2001. Bd. 7. 1204–1206; Mykhaleyko, Andriy: Die katholischen Ostkirchen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012. 111–126. Siehe auch die Länderinformationen von Renovabis, http://www.renovabis.de/laender-projekte/laenderinformationen.

1176 Einer patriotischen Vereinnahmung entgegen wirken die Ged. [25]: Национальный вопрос und [26] „Разогнать бы все народы…“ (letzteres ursprünglich aus Нотации).

1177 Vgl. die wörtlichere Übersetzung des Titels in dem Interviewzitat in Fn.1181 Textgrundlage ist im Weiteren die Erstausgabe Sayers, Dorothy L.: Catholic Tales and Christian Songs. Oxford: B. H. Blackwell 1918 [ohne Seiten]. Es gibt (qualitativ minderwertige) Neuauflagen aus den 2000er Jahren.

1178 Tischler, Nancy M.: Dorothy L. Sayers. A Pilgrim Soul. Atlanta: John Knox Press 1980. 24.

1179 Tischler, Nancy M.: Dorothy L. Sayers, 24–25; Brabazon, James: Dorothy L. Sayers. The Life of a Courageous Woman. London: Victor Gollancz 1981. 66–70; Reynolds, Barbara: Dorothy L. Sayers. Her Life and Soul. Rev. ed. London: Hodder & Stoughton 2002 [=1998, 11993]. 98–101.

1180 Einen Überblick über diese späteren Werke bietet Durkin, Mary Brian: Dorothy L. Sayers. Boston: Twayne 1980. 101–129 (Dramen und Hörspiele), 130–147 (Schriften).

1181 Vgl. im Interview Кульба, Андрей: Плакать, гневаться и смеяться. // Православие и мир 18.05.2009, http://www.pravmir.ru/plakat-gnevatsya-i-smeyatsya/: „когда уже начал писать эту книгу, открыл, что была в ХХ веке удивительная английская писательница Дороти Сэйерс. Ее у нас в основном знают как автора чудесных детективов; но она и переводчик «Божественной комедии». А в юности написала две книги стихов, одна из них — «Христианские песни и сказки» [!], из нее я взял эпиграф для своей книжки.“

1182 Sayers, Dorothy L.: Catholic Tales and Christian Songs, 12–13.

1183 The Carpenter’s Son [ebd., 17]; Sion Wall [33–34]; Byzantine [35]; Epiphany Hymn [36–37]; Fair Shepherd [39–40].

1184 Desdichado [7–8]; The Triumph of Christ [9]; Justus Judex [20–21]; The Wizard’s Pupils [14].

1185 Teilweise schon auf der Ebene der Titel erkennbar: Christus Dionysus [27]; Dead Pan [28–29]. In Lignum Vitae [26] findet sich die Weltesche Yggdrasil, in Rex Doloris [30–31] Persephone. Dazu kommen Märchenmotive: The Wizard’s Pupil [14]; White Magic [24–25].

1186 The Drunkard [18–19]; Rex Doloris [30–31].

1187 Die Geburt (Из Дороти Сэйерс: Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, 15; Вертеп: 31–33), Gethsemane („Ах, какая ночь, какая луна…“: 18–19), Verrat des Petrus („Петушок, петушок…“: 57), vor Pontius Pilatus („Когда Понтий Пилат с высоты…“: 14, „На полном серьезе…“: 73), Kreuzigung (Разбойник: 58–59). Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Блудный сын: 29–30), vom Mord am Sohn des Weinbergbesitzers, Mt 21,38 (Корпоративный праздник: 43–44).

1188 „Рек безумец в сердце своем: «Несть Бог!»…“ (20–21); A propos (21); Теодицея (55–56).

1189 Brabazon, James: Dorothy L. Sayers, 66: „So many views of Christ are on show, but which of them is hers – if any? She seems to be playing with images borrowed from the past rather than searching her own heart for the words to express her own faith and feeling.“

1190 Sayers, Dorothy L.: Catholic Tales and Christian Songs, 10–11.

1191 Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, 11; 65–68; 26–27.

1192 Sayers, Dorothy L.: Catholic Tales and Christian Songs, 43–53.

1193 Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, 15.

1194 „Их-то Господь – вон какой!…“: ebd., 7–8.

1195 Diese biblische Geschichte liefert das Handlungsgerüst für den als „Oratorium“ bezeichneten Text Закхей (publ. 2014) in Кибиров, Тимур: Муздрамтеатр, 49–78.

1196 Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, 6. Zitiert wird (auf Englisch) Sayers komplettes Eröffnungsgedicht „Jesus, if, against my will, / I have wrought Thee any ill, […].“, dem im Original noch ein Bibelzitat vorangeht, das die Szene des Judaskusses aufruft (Sayers, Dorothy L.: Catholic Tales and Christian Songs, 5).

1197 Gilbert, Colleen B.: A Bibliography of the Works of Dorothy L. Sayers. London; Basingstoke: Macmillan 1978. 17–19, 19 nennt den Künstler Gabriel Pippit (1880–1962).

1198 Rutten, Ellen: Sincerity after Communism, 60–62 betrachtet ähnliche „primitive“ Buchdesigns der russischen Avantgarde und spricht von einer im „imperfect design“ (60) realisierten Sehnsucht nach Aufrichtigkeit. Florenskijs Cover lässt sich analog interpretieren.

1199 Im Interview Кульба, Андрей: Плакать, гневаться и смеяться: „Это имеются в виду такие, знаете, детские книжки, русские народные потешки, где там: «Ваня-Ваня, простота, купил лошадь без хвоста». Меня давно увлекает эта игра с совсем детскими формами высказывания, по которым, по-моему, все тоскуют: по простоте, по детской незамысловатости.“

1200 Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, 58–59. (Kursive von mir; M. R.)

1201 Ebd., 28; 31–33.

1202 Ebd., 38–39.

1203 So 2009 im Interview Кульба, Андрей: Плакать, гневаться и смеяться: „Мне хотелось показать, что о Христе можно говорить, не впадая ни в кощунство, ни в такое елейное стилизаторство, которое делает бессмысленным высказывание, потому что пролетает мимо ушей. Я попытался то, что люблю, выразить так, чтобы люди, как и я, не укорененные в церковной традиции, а может, вообще не связанные с христианством, что-то поняли. Почувствовали, что это живое и самое важное, что есть».“

1204 Vgl. die Einschätzung in der Kurzrezension Крючков, Павел: Книжная полка Павла Крючкова. // НМ (2009) 9. 194–199. 196: „Среди верующих – как у неофитов, так и у людей с устойчивым духовным опытом – она [книга; М. R.] вызвала более чем живой интерес, в особенности у тех, кто заглядывает в «Журнальный зал» […]) и в книжные магазины. Словом, у тех, кто еще читает литературу.“

1205 Rezension Ардов, Михаил: Русская поэзия обрела «религиозную почву». Тимур Кибиров. Греко- и римско-кафолические песенки и потешки. // Знамя (2009) 10. 209–212.

1206 Ардов, Михаил: Русская поэзия обрела «религиозную почву», 212.

1207 Hooper, Walter: C. S. Lewis. A Companion & Guide. London: Harper Collins 1996, insbesondere 423–446 (Allegory, Supposal and Symbolism).

1208 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Греко- и римско-кафолические песенки и потешки, 23–25. Weitere, beiläufige Referenzen auf Lewis in Пес (34–35) und „Отольются кошке…“ (63–64).

1209 Lewis, Clive S.: The Voyage of the “Dawn Treader”. London: Collins 1974.

1210 Незнайка в Солнечном городе verkörpert auch in anderen Gedichten die kommunistischen Utopie (Сквозь прощальные слезы V [Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 150–153; Str. 10]; Незнайка в Солнечном городе [Кибиров, Тимур: Шалтай-болтай, 10–11]). Vgl. Rutz, Marion: Zitate aus Kinderliteratur bei Timur Kibirov, 411–413; Рутц, Марион: Детская литература в творчестве Тимура Кибирова, 218–220.

1211 Lewis, C. S.: Sometimes Fairy Stories May Say Best What’s to Be Said. In: Lewis, C. S.: Of This and Other Worlds. Ed. by Walter Hooper. London: Collins 1982. 71–75, Zitat: 73.

1212 Nachrufe brachten u. a. OpenSpace.ru: [o. A.]: Умерла Наталья Трауберг. // OpenSpace.ru 02.04.2009, http://os.colta.ru/news/details/9016/. Ebd. auch Седакова, Ольга: Ольга Седакова о Наталье Леонидовне Трауберг. // OpenSpace.ru 03.04.2009, http://os.colta.ru/literature/events/details/9084/.

1213 Зайцева, Юлия: Новая книга Тимура Кибирова посвящена Н. Л. Трауберг. // Благовесть инфо 30.06.2009, http://www.blagovest-info.ru/index.php?ss=2&s=3&id=28269: „Т. Кибиров отметил, что Наталия Леонидовна Трауберг была одним из тех людей, которые показали ему «настоящее христианство». По его словам, книга «песенок» началась с первого стихотворения, которое он написал на день рождения Н. Л. Трауберг и которое она одобрила.“

1214 Traubergs Bedeutung bezeugen die in den letzten Jahren erschienenen Bücher sowie ein ihrem Andenken gewidmeter Band mit Beiträgen bekannter Intellektueller: Трауберг, Наталья: Невидимая кошка. М.; СПб.: Летний сад 2006; Трауберг, Наталья: Сама жизнь. СПб.: Изд-во Ивана Лимбаха 2008; Трауберг, Наталья: Голос черепахи. 2-е изд. М.: Библейско-богословский институт 2011 [12009]; Дар и крест. Памяти Натальи Трауберг. Сост.: Е. Рабинович, М. Чепайтите. СПб.: Изд-во Ивана Лимбаха 2010.

1215 Z. B.: Трауберг, Наталья: Времена и нравы. Беседа с Зоей Световой. // Трауберг, Наталья: Сама жизнь, 403–409. 404–407.

1216 Sie übersetzte einige Narnia-Chroniken, weitere Romane und christliche Traktate von Lewis sowie Romane, Erzählungen und nicht-fiktionale Schriften Chestertons. Siehe [o. A.]: Библиография [Натальи Трауберг]. // http://trauberg.com/bibliography/.

1217 Сэйерс, Дороти Л.: Создатель здания. М.: Хиллтоп 2003. Das Buch war nicht zugänglich; Ausschnitte finden sich im Internet: Сэйерс, Дороти: [Textauswahl]. // Библиотека сайта «Роза Мира», http://rozamira.org/lib/names/s/sayers_d/index.htm. Kibirov erwähnt den Band 2009 im Interview Кульба, Андрей: Плакать, гневаться и смеяться.

1218 Трауберг, Наталья: Всегда ли побеждает побежденный? Беседа с Борисом Колымагиным. // Трауберг, Наталья: Сама жизнь, 409–417. 410.

1219 Ebd., 412–413.

1220 So z. B. Седакова, Ольга: Ольга Седакова о Наталье Леонидовне Трауберг: „Она вживила в сознание сначала советского (в самиздатских списках), а затем постсоветского российского читателя неведомую здесь прежде стихию, словами Честертона, «просто христианства» – образ христианской мысли, христианского чувства, наконец, стиля, обретенный у английских апологетов ХХ века, прежде всего Честертона, затем Льюиса, Вудхауза, Дороти Сайерс [sic!] и других.“

1221 Трауберг, Наталья: Сама жизнь, vorne im Buch.

1222 Трауберг, Наталья: Сама жизнь, 348–350 (Белый столб). 349.

1223 Трауберг, Наталья: Сама жизнь, 388–392, Zitat: 389. In anderen Texten zitiert Trauberg Gedichte von Kibirov, in Учитель надежды (Трауберг, Наталья: Невидимая кошка, 203–298, 253) und Неизвестный Честертон (Трауберг, Наталья: Голос черепах, 24–30. 29–30).

1224 Галкин, Дмитрий: Тимур Кибиров – «Всё остальное ждёт нас впереди». // gif.ru. Информагенство Культура 27.01.2005, http://www.gif.ru/themes/culture/russia-2/the-rest/: „Но я вижу, что опереться возможно только на ценности, созданные христианской идеологией. По-моему, это не может быть именно вера. Я не считаю себя глубоко верующим человеком. Если воспользоваться исторической аналогией, то вот, как у советской власти были писатели-попутчики и писатели-большевики, то в отношении христианства я являюсь таким вот попутчиком. Ничего благороднее, выше и более соответствующего человеческому достоинству, чем христианство я не знаю. Но веры, что всё происходило именно так, как описано в Евангелии, что у нас есть Спаситель, который на третий день воскрес, я не чувствую.“

1225 Кульба, Андрей: Плакать, гневаться и смеяться: „я невоцерковленный человек, хоть и взял на себя смелость писать такие стихи. Надеюсь, это когда-нибудь изменится. Но пока не хватает решимости преодолеть смущение, боязнь, вполне такую иррациональную. И потом для меня: если ты такой христианин, что в церковь ходишь, все как следует, то и жизнь твоя должны [sic!] полностью соответствовать.“

1226 Textgrundlage ist Кибиров, Тимур: Три поэмы, 43–52.

1227 Zur Gattung siehe den Eintrag Лиро-эпический жанр in: Литературный энциклопедический словарь. Под общ. ред. В. М. Кожевникова и П. А. Николаева. М.: Советская энциклопедия 1987. 186 (M. N. Ėpštejn).

1228 Zur Gattung поэма: Литературная энциклопедия терминов и понятий [2001], 781–783 (S. I. Kormilov), siehe auch meine Erläuterung in Fn.308 (Seite 81). An Gogol’s Verwendung i. w. S. erinnert Kibirovs Bezeichnung nicht nur von Лиро-эпическая поэма, sondern auch der Prosaminiaturen Покойные старухи und des Zyklus Выбранные места… als ‚Poeme‘, wodurch sich die titelgebenden drei Poeme des Bandes ergeben.

1229 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 263–265. 264; 317–321. 319.

1230 Кибиров, Тимур: Улица Островитянова, 19.

1231 Кибиров, Тимур: Интимная лирика, 43–44, 44. Chestertons Original datiert auf 1906, die Literaturliste führt eine frühe russische Ausgabe an: Честертон Г.: Диккенс. Пер.: А. П. Зельдович. Л.: Прибой 1929. Danach wurde die Biographie (wie auch das übrige Werk des katholischen Polemikers) in der UdSSR lange Zeit nicht mehr gedruckt. Die elektronischen Kataloge der RGB und NLR verzeichnen eine Ausgabe aus den 1980ern: Честертон, Гилберт Кит: Чарльз Диккенс. М.: Радуга, 1982. Zur sowjetischen Rezeption: Трауберг, Наталья: Невидимая кошка, 289–291.

1232 Neben den oben genannten Stellen: Кара-барас!: „К Честертону подбегаю […]“ (Кибиров, Тимур: Кара-барас [2006], 48–56. 49); На полях «A Shropshire Lad» 22: „Ну почему не Честертон…“ (Кибиров, Тимур: На полях «A Shropshire Lad» [2007], 69).

1233 Chesterton, G. K.: Charles Dickens [1906]. In: Chesterton, G. K.: The Collected Works of G. K. Chesterton. San Francisco: Ignatius Press 1986–1991. Vol. XV: Chesterton on Dickens. 29–209. 191–192. Die russische Übersetzung (von Natal’ja Trauberg) ist als OCR zugänglich: Честертон, Г. К.: Чарльз Диккенс. М.: Радуга, 1982 [via wikilivres.ru; 10.06.2015].

1234 Кибиров, Тимур: Сантименты. Восемь книг, 263–265. 264. Кибиров, Тимур: Улица Островитянова, 19.

1235 Gleich zu Anfang des Fußnotenkommentars: „Грандиозный замысел, над которым бьется мой лирический герой, впервые пришел мне в голову лет девять назад, когда, читая дочери «Посмертные записки пиквикского клуба» и одновременно перечитывая «Мертвые души», я был поражен необычайным сходством и дьявольскою разницею этих удивительных книг.“

1236 Катарский, И.: Диккенс в России. Середина XIX века. М.: Наука 1966. 63ff. Der frühste Beleg stammt von 1841.

1237 Сеславина, Елена: Тимур Кибиров – … И спокойно заниматься своим делом, 171: „Сейчас у меня есть одна поэма, довольно долго я ее вынашивал, которая требует совершенно книжной работы. Она будет называться «Мистер Пиквик в России». И предполагает соответственно детальное изучение текстов Диккенса и Гоголя.“

1238 Кибиров, Тимур: Парафразис, 5.

1239 Гоголь, Н. В.: Полное собрание сочинений, т. 8. 213–418.

1240 Belinskij publizierte 1847 eine kritische Rezension (Белинский, В. Г.: Полное собрание сочинений. В 13 т. М.: Изд-во АН СССР 1953–59. Т. 10. 60–78); sehr einflussreich war auch sein Antwortbrief an Gogol’ vom 15./3. Juli 1847 (ebd., т. 10. 212–220 oder Гоголь, Н. В.: Полное собрание сочинений, т. 8. 500–510).

1241 Кибиров, Тимур: Три поэмы, 55–76.

1242 Гоголь, Н. В.: Полное собрание сочинений, т. 8. 262.

1243 Гоголь, Н. В.: Полное собрание сочинений, т. 8. 343–346, insbesondere 343–344.

1244 Der Begriff ‚Ressentiment‘ in diesem Kontext bei Gudkov, Lev: Antiamerikanismus in Putins Russland. Schichten, Spezifika, Funktionen. In: Osteuropa (2015) 4. 73–97, 74. Gudkov spricht generell von einer russischen „negativen Identität“, siehe Гудков, Лев: Негативная идентичность. Статьи 1997–2002. М.: НЛО; ВЦИОМ-А 2004.

1245 Gogol’ schreibt in Выбранные места XVIII, er habe seine Figuren bewusst ohne positive Züge als banal-abscheuliche (пошлые) Charaktere gestaltet: Гоголь, Н. В.: Полное собрание сочинений, т. 8. 286–299. 293.

1246 „Я представил, что было бы, если б обитателей Дингли Делла описал автор «Выбранных мест» – настоящие ведь «мертвые души» и «вертоплясы», никаких тебе высоких порывов и устремлений, на уме одна жратва, да выпивка, да охота, да флирт, да какой-то дурацкий крикет, нет чтобы почитать «Подражание Христу» Фомы Кемпийского.“ (Кибиров, Тимур: Три поэмы, 47–48)

1247 Dickens, Charles: The Pickwick Papers. Oxford: Clarendon Press 1986. 108 (Ende Kap. 7): „We won’t go home till morning, […].“

1248 Die Verse waren Teil eines Spiels mit einem brennenden Papier- oder Holzstück: Baring-Gould, William S.; Baring-Gould, Ceil (eds.): The Annotated Mother Goose, 231–233. Dies erklärt den Ausbruch eines Feuers in Kibirovs Skizze.

1249 Kibirovs Autor gibt vor, sich an zwei mögliche Quellen zu erinnern, Veresaev und Sinjavskij. Die ursprüngliche Anekdote findet sich aber auch im Kommentarteil der Ausgabe Гоголь, Н. В.: Полное собрание сочинений, т. 3. 688.

1250 Серов, Вадим: Энциклопедический словарь крылатых слов и выражений, 147.

1251 Günther, Hans: Nikolaj Vasil’evič Gogol’ / Šinel’. In: Kindlers Neues Literatur Lexikon, Bd. 6. 556–557. 556.

1252 So der Titel von Brief XXVI aus Gogol’s Выбранные места.

1253 Belinskij starb an Tuberkulose; das zweite Adjektivattribut „rasend“ geht wohl auf einen Buchtitel zurück: L. I. Slavins Неистовый. Повесть о Виссарионе Белинском.

1254 Im 19. Jahrhundert implizierte ein solcher Mantel Spitzeltätigkeit. Zugrunde liegt die Figur des Literaten B. aus Puškins История села Горюхина, in der man den regierungstreuen Schriftsteller Bulgarin erkannte: Лернер, Н. О.: Гороховое пальто. // Сигналы (1906) 3. 6 [via wikisource.ru, (Лернер)].

1255 Достоевский, Ф. М.: Полное собрание сочинений. В 30 т. Л.: Наука 1972–1990. Т. 3. Kommentar 502.

1256 Де Кюстин, Астольф: Россия в 1839 году. Под общ. ред. Веры Мильчиной. В 2 т. М.: Изд-во Сабашниковых 1996.

1257 Siehe im 2. Abschn. nach dem Kommentar: „И, ускоряя шаг, я сочинял длинющий / И страстный диалог меж Пиквиком моим / И де Кюстином (тут я волю дал дурным / И стыдным фобиям – как гомо-, так и франко-) / Но ливень обогнал меня.“

1258 „На спутников моих, исполненных печали / И деликатного сочувствия не мог / Я от стыда смотреть, унижен и убог.“ (3. Abschn. vor dem Ende; Kursive von mir; M. R.)

1259 Das Zitat stammt aus dem gleichnamigen Spottlied, das in Russland insbesondere während des Kriegs gegen Napoleon beliebt war. In Мертвые души spielt Nozdrev seinen Gästen eben dieses Lied vor: Серов, Вадим: Энциклопедический словарь крылатых слов и выражений, 413–414.

1260 Das Lied „Трансваль, Трансваль, страна моя…“ (1899) entstand während des englischburischen Kriegs, an dem sich russische Freiwilligeneinheiten beteiligten: Песенник анархиста и подпольщика.

1261 Ein aktuelles Beispiel ist Kružkovs konzeptueller Überblick über die Dichtung des 19. Jhs. als „Поэзия на фоне прогресса“: Кружков, Григорий: Пироскаф. Из английской поэзии XIX века. СПб.: Изд-во Ивана Лимбаха 2008. Zitat: 6.