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Kognitive Aspekte der Phraseologie

Konstituierung der Bedeutung von Phraseologismen aus der Perspektive der Kognitiven Linguistik

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Anna Sulikowska

Diese Monographie verfolgt das Ziel, die zentralen Begriffe der Semantik von Phraseologismen – ihre Idiomatizität, Motiviertheit, Bildhaftigkeit, Bildlichkeit, Ambiguität – aus kognitiver Perspektive zu beschreiben. Die Autorin arbeitet ein Verfahren heraus und erprobt es in korpusbasierten Detailstudien, mit dem semantische Aspekte der Idiome in ihrer Komplexität und Vielfalt anhand eines kongruenten Instrumentariums, unter kohärenten theoretischen Prämissen, erläutert werden. Der wissenschaftliche Wert des Buches liegt in seiner Interdisziplinarität: Hier treffen die empirisch breit abgesicherten Theorien zu Metapher und Metonymie, kognitiver Semantik, mentalen Repräsentationen, literaler und figurativer Sprache, mit der Korpuslinguistik und Phraseologie zusammen.

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5. Resümierende Schlussbemerkungen

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5. Resümierende Schlussbemerkungen

Die Bedeutungen – als mentale Konstrukte aufgefasst – sind weder unmittelbar wahrnehmbar noch greifbar, weder fest, deutlich abgegrenzt, stabil, noch bei allen Sprachteilhabern in allen Einzelheiten identisch. In ihrer neuronal-mentalen Natur weisen sie einen prozessualen und konstruktiven Charakter auf: Sie tauchen in der Kommunikation als Konzeptualisierungen auf, nehmen eine emergente, durch Ko- und Kontext weitgehend beeinflusste Gestalt an und gehen unter. Wiederholt sich dieser Prozess mehrmals und wird jedes Mal auf dieselben Entitäten der äußeren Welt referiert, verfestigen sie sich und werden zu mehr oder weniger stabilen kognitiven Routinen mit mehr oder weniger scharfen Grenzen.

Die Bedeutungen kann man also nicht ausschneiden, auf eine Laborschale legen, von allen Seiten betrachten und beschreiben. Man kommt ihnen über die Analyse des Sprachgebrauchs näher, indem man ihr Vorkommen in Ko- und Kontexten untersucht und durch den Abgleich von vielen Sprachgebrauchsbelegen die ihnen gemeinsamen Züge zu erfassen versucht. Die deskriptiven Produkte einer derartigen Analyse sind immer annähernd und eigentlich schon zu dem Zeitpunkt ihrer Entstehung veraltet: Sie sind approximativ, weil niemand imstande ist, alle in einer Sprachgemeinschaft vorgekommenen und vorkommenden Sprachgebrauchsereignisse, in denen eine sprachliche Einheit aufgetreten ist, aufzuzeichnen und zu untersuchen. Sie sind nur über kurze Zeit gültig, weil die Sprache lebt, die Bedeutungen von den Sprachteilhabern ständig konstruiert und rekonstruiert, in kommunikativen Akten neu ausgehandelt und somit Erweiterungen, Verengungen, Verschiebungen unterzogen werden.

Dieses kognitiv-gebrauchstheoretische Axiom liegt der vorliegenden Arbeit zugrunde, deren Hauptanliegen in der Beschreibung von den Prozessen der Bedeutungskonstituierung anhand des authentischen Sprachgebrauchs liegt. In diesem Sinne schließt sich das Buch an die gegenwärtige korpuslinguistische Forschung an, das angewendete Verfahren ist dabei korpusbasiert und semantisch-qualitativ. Die Korpusbelege stellen das empirische Fundament der Analysen dar, aus den authentischen Sprachgebrauchsbelegen werden die jeweiligen Konzeptualisierungen ermittelt, auf die Gemeinsamkeiten untersucht und auf der Basis der abstrahierten Parallelen zu Verwendungsprofilen und Verwendungsmustern zusammengestellt. Selbstverständlich lassen die durchgeführten Untersuchungen aufgrund der relativ kleinen Anzahl der analysierten Korpusbelege keine weitreichenden phraseographischen Schlussfolgerungen204 zu: Dementsprechend wurden auch die üblichen Termini: ‚Bedeutungen‘ und ‚Teil- bzw. Unterbedeutungen‘ ←475 | 476→durch ‚Verwendungsprofile‘ und ‚Verwendungsmuster‘ ersetzt. Einige Bemerkungen zur semantischen Analyse der Idiome und den festzustellenden Differenzen zwischen der korpusbasierten Analyse und der lexikographischen Auffassung der Idiome können allerdings auf der Basis der semantischen Analyse von ausgewählten Idiomen formuliert und zusammenfassend angeführt werden:

1. Generell ist die Verwendungsbreite und Variabilität der Phraseologismen, auf die man anhand der Untersuchung von authentischen Sprachbelegen schließen kann, bei untersuchten Idiomen größer als in lexikographischen Werken. (Eine überblicksartige Zusammenstellung der Duden-Bedeutungsparaphrasen, der in Korpusbelegen festzustellenden Modifikationen und der eruierten Verwendungsprofile und Verwendungsmuster bietet die Tabelle 2 im Anhang).

2. Idiome weisen große Variabilität und Modifizierbarkeit auf dem phonologischen Pol (der Formseite des Idioms) auf, in manchen Fällen ist die Anzahl der ermittelten Varianten so erheblich, dass die Festigkeit der verbalen Idiom-Komponente infrage gestellt werden muss. Beispielshalber sind die Verben in Idiomen: schwankender Boden, dünnes Eis, glattes Parkett, Klotz am Bein so schwach verfestigt, dass der semantischen Analyse ausschließlich die nominale Phrase unterzogen werden konnte. Auch bei anderen Idiomen lassen sich zahlreiche Modifikationen feststellen. Zu den häufigsten Modifikationen gehören: Erweiterungen durch ein Adjektivattribut (z.B. in den größten sauren Apfel beißen, stärkere Knüppel zwischen die Beine werfen, einige/zahllose/allerlei/diplomatische Knüppel zwischen die Beine werfen, der größte Klotz am Bein sein, der defizitäre Klotz am Bein, einige dicke Brocken); Erweiterungen durch eine Adverbialbestimmung (z.B. eine besonders harte Nuss, eine richtig harte Nuss, mit etw. schon genug am Hals haben, immer wieder/ständig/nicht ständig Knüppel zwischen die Beine werfen, mit Schwung Knüppel zwischen die Beine werfen); Erweiterungen durch ein Genitivattribut (z.B. das dünne Eis semantischer Spitzfindigkeiten, das harte Brot der Opposition [3 Belege], das harte Brot der Identitätssuche, in den sauren Apfel hoher Effektenabschreibungen/der Gegebenheiten beißen, sich auf dem glatten Parkett einer Sache auskennen); Erweiterungen durch einen Relativsatz (z.B. das war der saure Apfel, in den wir beißen mussten); Nominalisierungen von verbalen Phraseologismen (z.B. ein Biss in den sauren Apfel); verbale Erweiterungen mit gleichzeitiger Änderung der Aktionsart: (z.B. sich an die Wand drücken lassen, sich an die Wand gedrückt fühlen, sich an die Wand gedrückt sehen, Knüppel zwischen die Beine geworfen bekommen, sich in die Enge getrieben fühlen, sich in die Enge getrieben finden). Hervorzuheben ist dabei, dass die festgelegten Varianten und Modifikationen nur zufällige Funde darstellen: Wegen der semantisch-kognitiven Zielsetzung der vorliegenden Arbeit waren die Korpusanfragen in den einzelnen Fallstudien in ihrer Formulierung keinesfalls auf die Suche nach Modifikationen ausgerichtet. Die Anzahl und Vielfalt der festzustellenden Veränderungen auf der formalen Seite von Idiomen lässt dennoch die phraseologische Stabilität in einem anderen Licht erscheinen und macht die Formulierung der Zitierform in der Phraseographie zu einer Herausforderung.

3. ←476 | 477→Aus semantischer Perspektive bieten die eruierten Verwendungsprofile und Verwendungsmuster ein breiteres Spektrum der Bedeutungen und Bedeutungsnuancen als lexikographische Werke an. Dies hängt z.T. mit der Granularität der Bedeutungsbeschreibung zusammen, die in korpuslinguistischen Studien generell detaillierter als in (insbesondere gedruckten) Nachschlagewerken ist. Unterzieht man die lexikographisch erfassten Bedeutungsparaphrasen und die eruierten Verwendungsprofile einer vergleichenden Analyse, dann lassen sich einige Tendenzen festlegen, die im Folgenden – ohne Anspruch auf lexikographische Postulate – an ausgewählten Idiomen resümierend dargelegt werden:

  (i)Bei einigen Idiomen sind die Abwandlungen in der Valenz feststellbar: Außer den lexikographisch verzeichneten belebten Subjekten/Objekten treten im Usus auch unbelebte Subjekte/Objekte auf. Dies ist beispielshalber bei Idiomen schwankender Boden und dünnes Eis der Fall: Das durch das reflexive Verb angedeutete belebte, menschliche Subjekt wird in manchen Verwendungsprofilen durch unbelebte Abstrakta: leicht anfechtbare Argumentation, Theorie, umstrittene Gesetzesauslegung u.Ä. ersetzt.

 (ii)Viele Idiome weisen eine weitere Bedeutung auf als es lexikographisch vorgeschrieben ist. So referiert das Idiom schwankender Boden (Duden 11: sich auf schwankenden/unsicheren Boden begeben: in seinen Betrachtungen, Argumentationen o.Ä. den Boden der Tatsachen, des Gesicherten verlassen, unsichere Voraussetzungen einbeziehen) in fünf Belegen tatsächlich auf eine unsichere, angreifbare Lage, in die sich ein Wissenschaftler versetzt, der in einem nicht gut etablierten Forschungsbereich tätig ist bzw. intersubjektiv schwer fassbare Thesen aufstellt, in 13 Belegen lässt es sich allerdings mit einer allgemeineren Bedeutungsparaphrase ‚eine schwierige, riskante (Lebens-)Lage einer Person‘ beschreiben, die mit den vertretenen Ansichten oder gezielten Handlungen in keinem Zusammenhang steht. Beachtenswert ist ebenfalls das zweite Verwendungsprofil des Idioms ein hartes/schweres Brot. In einer nennenswerten Anzahl der Belege (13) ist der in den lexikographischen Werken hervorgehobene Bedeutungsaspekt des finanziellen Lebensunterhalts, des Gelderwerbs nicht vorhanden. Das Idiom referiert auf eine herausfordernde und schwierige Aufgabe. Vor dem Hintergrund des authentischen Usus können ebenfalls die im Duden 11 angebrachten Zusatzinformationen (durch Fragen, Bedrohungen) in der Bedeutungsparaphrase des Idioms in die Enge treiben irreführend sein: Die Bedeutungsnuance einer verbalen Auseinandersetzung ist 17 Belegen eigen, in 23 Gebrauchsbelegen kommt sie aber nicht in Erscheinung.

(iii)Unter den untersuchten Idiomen findet man ebenfalls Beispiele für eine gegensätzliche Tendenz – die Bedeutungsverengung (Spezialisierung). Vor dem Hintergrund des empirischen Materials scheint die Bedeutungsparaphrase des Idioms glattes Parkett betreten, sich auf glattes Parkett wagen: ‚ein Risiko eingehen, etw. Riskantes tun‘ (Duden 11) zu allgemein zu sein. Die Korpusbelege ←477 | 478→verweisen auf zwei Diskursbereiche, in denen das Idiom verwendet wird: ‚riskante Tätigkeitsbereiche (höheres Management, Diplomatie, Politik), die geschliffene Umgangsformen voraussetzen‘ sowie ‚Börsenverkehr‘. Die Substitutionsproben führen deutlich vor Augen, dass dieses Idiom gegen andere Idiome der ‚schwierigen Lage‘ nicht ohne Bedeutungsverlust ersetzbar ist (vgl. Unterkap. 4.2.2.1.1.1.4).

 (iv)Charakteristisch für manche Idiome ist eine relativ hohe Anzahl der Belege, die keinem der eruierten Verwendungsprofile/Verwendungsmuster zuordenbar waren und als idiosynkratischer bzw. sprachspielerischer Gebrauch klassifiziert werden (vgl. die Idiome schwankender Boden, glattes Parkett, an die Wand drücken, ein hartes Brot, dicker Brocken). Diese Belege unterstreichen den prozessualen Charakter der Bedeutungskonstituierung, das kreative Potenzial der Idiomatik, wo der Rückgriff des Sprachproduzenten auf alle zugänglichen Wissensressourcen immer möglich ist: Die Motiviertheit der Idiome ist in diesen Gebrauchsbelegen des Öfteren situativ, die Inferenzen strikt kontextgebunden, spezialisiertes Weltwissen wird vorausgesetzt. Wegen der Komplexität und Einmaligkeit der Inferenzen sowie situativer Gebundenheit sind die in diesen Belegen ermittelten Bedeutungen lexikographisch nicht erfassbar.

Der Hauptertrag der vorliegenden Arbeit liegt aber nicht in der semantischen Bedeutungsanalyse der Korpusbelege, sondern in der kognitiv ausgerichteten Untersuchung der Mechanismen, die zur Konstituierung der Bedeutungen von Idiomen führen. Die Mannigfaltigkeit der als Idiome bezeichneten sprachlichen Phänomene, ihre semantischen Potenzen, darunter ihre Inklination zu sekundären und parallelen Metaphorisierungen und Metonymisierungen sowie Affinität zum sprachspielerischen Gebrauch, stellen seit Langem eine Herausforderung für die Phraseologie dar, vgl.:

The multifaceted nature of idioms has, among its consequences, the fact that it is virtually impossible for any current knowledge or methodology to fully capture it. Moreover, our current knowledge of these expressions is such, that the picture that emerges from their study is still rather fragmentary. (Cacciari/Tabossi 1993: XIII)

Die facettenreiche Natur der Idiome und ihrer Bedeutungen wurde im Vorangehenden nachdrücklich unterstrichen und empirische Studien des vierten Kapitels leisten noch einen Beitrag zu ihrer Bestätigung. Der innovative Wert des vorliegenden Buches mag aber darin liegen, dass ein Verfahren herausgearbeitet wurde, mit dem viele semantische Aspekte der Idiome einheitlich, d.h. anhand eines kongruenten methodischen Instrumentariums und unter gemeinsamen theoretischen Prämissen in einer übereinstimmenden Terminologie erläutert werden können. Die Grundvoraussetzungen, die diesem Verfahren zugrunde liegen, lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

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1. Der besondere semantische Status der Phraseologismen im engeren Sinne (= Idiome) unter anderen sprachlichen Zeichen ist auf zwei Faktoren: die Doppelbödigkeit ihrer Bedeutung und ihre Polylexikalität zurückzuführen.

2. Die meisten Idiome sind doppelbödig, weil sie zwei Lesarten: eine wörtliche (= literale) und eine phraseologische (= phraseologisierte, idiomatische, übertragene) Lesart aufweisen. Die Bedeutungen der Idiome konstituieren sich im Spannungsfeld zwischen den beiden Lesarten, in einem Prozess der semantischen Schwankung zwischen den Polen des Literalen und des Nicht-Literalen. Sie werden also nicht als ‚long words‘ aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen, so wie dies die traditionelle Definition der Idiomatizität nahe legt, sondern jeweils unter bestimmten ko- und kontextuellen Bedingungen und mit Rückgriff auf zugängliche Wissensstrukturen konstruiert. Der Unterschied zwischen Idiomen und freien figurativen Wortverbindungen (z.B. innovativen Metaphern) liegt darin, das bei den Erstgenannten die Grenzen der potenziell möglichen Konzeptualisierungen durch die phraseologisierte Lesart abgesteckt sind.

3. Im Spannungsfeld zwischen den beiden Lesarten konstituieren sich die Bedeutungen von Idiomen weitgehend durch Projektionsprozesse. Als wichtigste Mechanismen der Bedeutungskonstituierung von Idiomen aus der Perspektive des Sprachproduzenten und der idiomatischen Motiviertheit aus der Perspektive des Sprachrezipienten werden Metapher, Metonymie, Metaphtonymie angesehen.

Die relevante Rolle der Metapher in der kognitiv ausgerichteten Phraseologie gilt als gesichert, besonders viel Aufmerksamkeit wurde bis dato den konzeptuellen Metaphern im Sinne der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff/Johnson gewidmet. Die im Kap. 4.2.1 durchgeführte Studie am phraseologischen Material der Schwierigkeit/der schwierigen Lage liefert eindeutig Evidenz dafür, dass konzeptuelle Metaphern dieses semantische Feld zu einem erheblichen Grad strukturieren: Die überwiegende Mehrheit (85 %) der anhand der lexikographischen Nachschlagewerke zusammengestellten idiomatischen Einheiten lässt sich zu konzeptuell-metaphorisch bedingten Clustern gruppieren, was die leitende These der Lakoff’schen Metapherntheorie vom Einfluss der konzeptuellen Metaphern auf die Konzeptualisierung abstrakter Begriffe weitgehend untermauert.

Richtet man allerdings die Aufmerksamkeit auf den authentischen Sprachgebrauch und versucht die kognitiven Mechanismen nachzuvollziehen, die unter bestimmten ko- und kontextuellen Bedingungen zur Geltung kommen und die Bedeutungskonstituierungsprozesse der Sprache im Gebrauch beeinflussen, dann stellt sich das Erklärungspotenzial der kognitiven Metapherntheorie als unzureichend aus. Idiome, denen dieselben konzeptuellen Metaphern zugrunde liegen, weisen nämlich deutliche Bedeutungsunterschiede auf, die in eruierten Verwendungsprofilen und -mustern erkennbar werden und durch Substitutionsproben besonders deutlich zur Geltung kommen: Bedeutungsähnliche, durch dieselbe konzeptuelle Metapher motivierten Idiome lassen sich in einzelnen Korpusbelegen kaum ohne Bedeutungsverlust bzw. -verschiebung gegeneinander tauschen. ←479 | 480→Zur Bedeutungskonstituierung tragen demnach auch die an konkrete sprachliche Äußerungen gebundenen epistemischen Metaphern bei, die zwei Domänen auf der Basis des allgemeinen Weltwissens verbinden.

Die konzeptuellen und die epistemischen Metaphern schließen sich als Motiviertheitsmechanismen in der Phraseologie keineswegs aus: Es gibt Idiome, deren metaphorische Motiviertheit auf epistemischen Mappings beruht und für die sich keine konzeptuellen Metaphern ermitteln lassen, sowie Idiome, in denen die konzeptuellen Metaphern par excellence zur Geltung kommen. In den meisten Fällen interagieren beide Metapherntypen: Die konzeptuellen Mappings stellen eine interpretative Basis dar und vergeben den Konzeptualisierungen eine bestimmte Richtung, die epistemischen Mappings liefern eine detaillierte, an ein bestimmtes mentales Bild, sowie den Ko- und Kontext gebundene Erklärungsvariante der Metapher. Selbstverständlich bilden die Metapherntypen theoretische Konstrukte: So wie sich die konzeptuellen Wissenssysteme nicht trennscharf auseinanderhalten lassen, so kommt es unausweichlich zu Verzahnungen zwischen den konzeptuellen und epistemischen Metaphern.

Den zweiten grundlegenden Bedeutungskonstituierungs- und Motiviertheitsmechanismus stellt innerhalb der Phraseologie die Metonymie dar. Die traditionelle Auffassung der Metonymie als einer reinen Ersatzrelation (A steht für B) wird in der neueren Forschung um die Hervorhebung ihres semantischen Mehrwerts erweitert. Metonymie eröffnet einen mentalen Zugang zu einer konzeptuellen Einheit über eine andere konzeptuelle Einheit. Die konzeptuellen Metonymien Teilhandlung steht für Handlung, Grund für Folge stellen den Ausgangspunkt für die Konzeptualisierungen von zahlreichen verbalen Idiomen des untersuchten semantischen Feldes dar, nominale Idiome bzw. nominale Konstituenten von Idiomen werden oft durch die Teil für Ganzes-Metonymie beeinflusst.

Die kognitiv ausgerichteten Definitionen der Metapher und der Metonymie sind an den Begriff der ‚Domäne‘ – einer geordneten Repräsentationsstruktur für unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsbereiche gebunden: Die Metaphern werden als Projektionen zwischen distinkten Domänen, Metonymien als Projektionen innerhalb eines strukturierten Wissensbereiches definiert. Das menschliche Wissen lässt sich aber in seiner Komplexität und Vielfalt nicht immer eindeutig in einzelne Bereiche einordnen. Viele Bedeutungsverschiebungen lassen sich wegen der mangelnden Trennschärfe und der Affinität zu Mehrfachzuordnungen weder als Metonymie noch als Metapher identifizieren: Metaphtonymische Bedeutungsverschiebungen bilden den dritten Hauptmechanismus der Konstituierung von idiomatischer Bedeutung.

Aus detaillierten empirischen Analysen der metonymischen, metaphorischen und metaphtonymischen Projektionsprozesse in der Idiomatik lassen sich zwei generelle Schlussfolgerungen ziehen: Zum einen sind die Idiome nur selten in ihrer Motiviertheit auf einen einzigen kognitiven Mechanismus zurückzuführen. Die Bedeutungen von Idiomen konstituieren sich in einem zusammengesetzten Geflecht von Metonymien, Metaphern, Metaphtonymien, oft bilden sich metonymisch-metaphorischen Ketten heraus. Es kommt auch vor, dass mehrere ←480 | 481→konkurrierende Mechanismen zugleich evoziert werden und im Spannungsverhältnis stehen, sodass der Rezipient zwischen Auslegungen schwankt bzw. mehrere Aspekte in einer Konzeptualisierung mitschwingen lässt. Zum anderen werden durch die metonymischen, metaphorischen und metaphtonymischen Projektionen kognitive Bereiche nicht einfach in Verbindung gebracht, sondern durch das Zusammenfallen von zwei (konzeptuell mehr oder weniger entfernter) Bereiche tauchen neue Bedeutungen mit einem semantischen Mehrwert auf. Die metaphorischen und metonymischen Mappings erbringen aus sprachökologischer Sicht eine besondere kognitive Leistung: Sie eröffnen Auslegungsspielräume, lassen schwer zu nennende, komplexe Sachverhalte komprimiert, verdichtet auf den Punkt bringen. So nimmt die lexikalisierte Metonymie das Weiße Haus je nach dem Kontext auf den US-Präsidenten, seine Entscheidungen, seinen Mitarbeiterstab, den Regierungssitz in Washington, die US-Regierung sowie die Innen- und Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika Bezug. Ähnliche Funktionen üben die Metonymien und Metaphern in der Idiomatik aus: Daraus resultiert semantischer Mehrwert der Idiome, ihre semantische Indeterminiertheit, Flimmrigkeit, ihr kreatives Potenzial.

Die angeführten Projektionsprozesse bilden die relevantesten Mechanismen der Konstituierung von Idiom-Bedeutungen, damit wird allerdings nicht behauptet, dass man mittels der Metonymie, Metapher, Metaphtonymie und der mentalen Bilder alle Faktoren der Bedeutungskonstituierung und Motiviertheit von Idiomen auffasst. Charakteristisch für Idiomatik ist es, dass Forschungsergebnisse in diesem Bereich möglicherweise wenigstens zum Teil materialgeleitet sind, d.h. manche Diskursbereiche eignen sich besser zur Auffassung von bestimmten sprachlichen Phänomenen als andere. So bilden die Zahlen beispielshalber einen exzellenten Bereich zur Erfassung kultureller Divergenzen zwischen den Sprachen, während in den Untersuchungen zu Emotionen wiederum zahlreiche sprachübergreifende Charakteristika, universale Züge feststellbar sind. Da in dieser Arbeit nur ein kleiner Ausschnitt des idiomatischen Bestandes des Deutschen einer eingehenden Analyse unterzogen wurde, sind die Schlussfolgerungen auf das analysierte Material eingeschränkt. Demzufolge werden beispielshalber Ironie und Hyperbel als Mechanismen der Bedeutungsgestaltung nicht berücksichtigt, weil sie in der für die Bedürfnisse der Untersuchung zusammengestellten Phraseologismensammlung nicht auftreten. Auch wenn weitere bedeutungskonstituierende Operationen nicht auszuschließen sind und weiterer Forschung bedürfen, scheinen die metonymischen, metaphorischen und metaphtonymischen Projektionsprozesse doch die verbreitetsten Bedeutungskonstituierungsmechanismen im idiomatischen Bereich darzustellen.

4. Einen wichtigen Beitrag zur Erzeugung des semantischen Mehrwerts leisten des Weiteren die sog. mentalen Bilder, rich images. Zahlreiche Metaphern und Metonymien sind dadurch gekennzeichnet, dass sie mentale Bilder evozieren können. Mentale Bilder werden vorwiegend durch die literale Lesart eines Idioms ausgelöst und liegen dem Phänomen der phraseologischen Bildhaftigkeit zugrunde. Als ←481 | 482→kognitive Phänomene sind sie umstritten: Menschen differieren interindividuell in Bildhaftigkeit ihrer Gedanken, was möglicherweise mit den – in der kognitiven Psychologie gut bekannten – Unterschieden in der Wahrnehmung und Verarbeitung der Informationen zusammenhängt. Auch wenn die Fähigkeit der Individuen zur Evozierung mentaler Bilder individuelle Züge aufweist, liefern die detaillierten Analysen des sprachspielerischen Gebrauchs der Idiome (vgl. Kap. 4.2.2.2.5) sowie die Bedeutungskonstituierungsprozesse eines Idioms mit ambiguer nominaler Konstituente (ein dicker Brocken, vgl. Kap. 4.2.2.2.4) empirische Evidenz für den Einfluss mentaler Bilder auf die Konstituierung idiomatischer Bedeutungen.

5. Zur semantisch-kognitiver Komplexität der Idiom-Bedeutungen trägt des Weiteren ihre Polylexikalität bei: Einerseits stellen die Idiome polylexikale reproduzierbare Spracheinheiten dar: Ihre Bedeutungen konstituieren sich durch semantische Derivationen der ganzen Wortverbindung. Andererseits werden in vielen Verwendungsprofilen und -mustern auch die einzelnen (vorwiegend nominalen) Konstituenten metonymisch-metaphorischen Bedeutungsverschiebungen unterzogen. Demnach sind in den Beschreibungen zwei Ebenen der Bedeutungskonstituierungsprozesse anzunehmen, die potenziell koexistieren können: die Ebene der Bedeutungsverschiebungen von der ganzen Wortverbindung sowie die Ebene der Bedeutungsverschiebungen von einzelnen Idiom-Konstituenten.

6. Die Bedeutungen von idiomatischen Einheiten, aber auch die Phraseologie und Idiomatik im Allgemeinen müssten also als Phänomene in statu nascendi aufgefasst werden. Phraseologie wird als ein Teil des Lexikons erachtet, der sich dynamischer als andere Lexikonteile entwickelt (Lewiński/Pajdzińska/Rejakowa 1987: 40, Worbs 1998: 262). Dies mag einerseits auf die Tatsache zurückzuführen sein, dass der figurative Gebrauch von Wörtern, Ausdrücken und Sätzen eins der kreativen Verfahren der Nomination ist, von dem jeder Sprechende und Schreibende ständig Gebrauch macht und die jeder Hörende und Schreibende in der Regel aufgrund bestimmter Ähnlichkeit- und Kontiguitätsbeziehungen versteht (Munske 2015 [1993]: 104). Werden okkasionell gebrauchte Mehrwortverbindungen als treffend, auffallend, attraktiv und situationsangemessen empfunden und häufig gebraucht, dann erwächst aus dem Usus eine lexikalisierte Bedeutung einer Wortverbindung.

Andererseits unterliegen die bereits bestehenden Phraseologismen möglicherweise häufiger als Einwortlexeme den Bedeutungsverschiebungsprozessen. Die Metaphern und Metonymien, die den Phraseologismen zugrunde liegen, bleiben relativ lange lebendig und eröffnen – wenigstens potenziell – einen interpretativen Spielraum: Auch wenn sich nur manche konzeptuelle Mappings lexikalisieren, so können doch bei Bedarf neue, kreative Korrespondenzen gegründet werden, die man aufgrund der universalen Fähigkeit, Ähnlichkeits- und/oder Kontiguitätsbeziehungen zu erkennen, versteht. Diese Mechanismen bilden eine Basis für phraseologische Variationen und Modifikationen, die keinesfalls zu unterschätzen sind: Es sind die potenziellen Quellen des künftigen Bedeutungswandels, der sich im Wechselspiel zwischen Lexikalisierung und Modifizierung, Idiomatisierung ←482 | 483→und Demotivation vollzieht (Munske 2015 [1993]: 87). Obwohl sich die vorliegende Arbeit grundsätzlich auf die synchrone Betrachtung der phraseologischen Einheiten konzentriert, bleibt es dennoch zu betonen, dass sich die synchronen und diachronen Aspekte in vielen Fällen nicht klar abgrenzen lassen und ein Beispiel für das Leben der Sprache, ein Leben, das aus dem Sprachgebrauch erwächst und durch den Sprachgebrauch bedingt ist, darstellen.

Die semantisch-kognitiven Untersuchungen zu Bedeutungen der Idiome bewegen sich also auf einem weiten Forschungsfeld, der sich zwischen den Landmarken: Produziertes und Reproduziertes, Literales und Nicht-Literales, Metonymisches und Metaphorisches, Verfestigtes und Innovatives, Idiomatisches und Motiviertes, Idiosynkratisches und Konventionalisiertes erstreckt. Dieses Feld zu bebauen, ist ein wahrlich hartes Brot, oft begibt man sich auf den schwankenden Boden der intersubjektiven Interpretationen, das dünne Eis individueller Inferenzen, schwer zu erfassender kognitiver Phänomene. Strebt man allerdings eine wirklichkeitstreue Beschreibung der Bedeutungen im Gebrauch, muss man die entbehrende strenge Formalisierung in Kauf nehmen:

(Linguistic meaning) … is vague and does not allow one to draw a line in any particular place, even for specific examples. But I consider it appropriate. I prefer a realistic notion of linguistic meaning that is only fuzzily delimited and partially compositional, as opposed to one that (by definition) is precisely and fully compositional, but whose cognitive status is quite dubious. (Langacker 2008: 42–43)←483 | 484→

204Korpuslinguistisch-kognitive Studien, die zugleich erfolgreich in der Phraseographie eingesetzt werden können, sind allerdings schon vorhanden, vgl. Staffeldt/Ziem (2008).