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Grenzen des Zumutbaren – Aux frontières du tolérable

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Edited By Lena Seauve and Vanessa de Senarclens

Literarische Texte thematisieren nicht nur Grenzen, sie sind durch immanente Grenzen konstituiert. Die Rede ist von historisch variablen Grenzen des Sag- oder Zeigbaren, die nach moralischen oder ästhetischen Kriterien definiert und wahrgenommen werden. Der Band nähert sich den «Grenzen des Zumutbaren» aus einer zugleich poetologischen und rezeptionsästhetischen Perspektive. «Grenzen des Zumutbaren» werden in literarischen Texten historisch reflektiert, gleichzeitig implizieren und provozieren Grenzen stets auch die Möglichkeit oder den Versuch ihrer Überschreitung. Dieser Sammelband nimmt sowohl durch Grenzen definierte epochale Selbstverständnisse als auch Strategien der Transgression in Erzähltexten und Dramen der französischsprachigen Romania vom 16.-21. Jahrhundert in den Blick.

Les textes littéraires se constituent et organisent leurs effets autour de frontières, tantôt explicites, tantôt implicites. Dans cet ouvrage, il est question de l’acceptable et du tolérable pour le lecteur et le spectateur, ainsi que des déplacements et des modifications de ces conceptions esthétiques et morales au fil des époques et au gré des sensibilités littéraires. Il porte donc sur les «frontières du tolérable» , à la fois comme une catégorie poétologique, ainsi que dans la perspective de la réception des œuvres. Les «frontières du tolérable» mettent en jeu des régimes d’historicité; elles constituent aussi pour les auteurs des seuils à repousser et autour desquels expérimenter.

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Der begehrende Blick des Scharfschützen. Unzumutbare Perspektiven in Mathias Énards La Perfection du tir (2003)

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Lena Seauve

Abstract: The dynamics of proximity and distance are what make the narrative perspective of Mathias Énards novel La Perfection du tir (2003) unbearable. Representing war and violence from the perspective of a sniper puts the reader in the uncomfortable situation of having to choose his distance to the protagonist, a cold and brutal murderer. By pressuring him into finding his position between fascination and disgust, this narrative strategy ultimately forces the reader to reflect on the possibilities of how violence may be represented in contemporary fiction.

La Perfection du tir (2003), der erste Roman des späteren Goncourt-Preisträgers Mathias Énard, ist bestimmt von der unzumutbaren Erzählperspektive des Textes: Es handelt sich um eine homodiegetische Erzählung aus der Sicht eines mitleidlosen vielfachen Mörders. Die den Text dominierende Stimme des Protagonisten und Erzählers hält den Leser dazu an, seinem gnadenlosen und weitgehend emotionslosen Blick, nach innen wie nach außen, zu folgen. Der Erzähler „arbeitet“ – wie er sagt – als Scharfschütze in einem im Text nicht explizit benannten Bürgerkrieg1. Die Tatsache, dass die konkrete Benennung des Konfliktes im Text selbst eine Leerstelle bildet und der historische Kontext für den Rezipienten nicht zweifelsfrei zu erschließen ist, legt die Lesart nahe, Gewalt und Krieg sei eine den historischen Einzelfall überschreitende Omnipräsenz zuzuschreiben, die deren individuelle historische Ursachen und Hintergründe irrelevant werden lässt. Die Mechanismen von Hass, Gewalt und Abstumpfung werden verallgemeinerbar.

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