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Textimmanente Wahrnehmung bei Gajto Gazdanov

Sinne und Emotion als motivische und strukturelle Schnittstelle zwischen Subjekt und Weltbild

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Ingeborg Jandl

Sinne und Emotion bilden das Prisma jeder Selbst- und Welterfahrung und prägen die im Individuum verankerte Subjektivität. Der russische Emigrationsschriftsteller Gajto Gazdanov (1903-1971) rückt Wahrnehmungen so stark in den Vordergrund, dass die Handlung oft von einem Übermaß an Deskription in den Hintergrund gedrängt wird. Diese Studie beleuchtet Motive sinnlicher und emotionaler Erfahrung unter Berücksichtigung interdisziplinärer Konzepte aus Psychologie, Psychoanalyse, Philosophie und den Naturwissenschaften und fragt nach der Systematik ihrer motivischen Repräsentation, ihrer Wechselbeziehung sowie eines davon abzuleitenden Weltbilds. Das Forschungsfeld eröffnet Zugang zu Mechanismen der empirischen Realität, was auch für andere Disziplinen neue Perspektiven und Erkenntnisse verspricht.

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I. Narratologische Ausgangspunkte: Wahrnehmung im Weltbild literarischer Texte

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I.  Narratologische Ausgangspunkte: Wahrnehmung im Weltbild literarischer Texte

Motive von Sinneswahrnehmung und Emotion beinhalten sowohl thematische als auch strukturelle Komponenten. Sie illustrieren Situationen, in denen ein Subjekt eine sinnliche oder emotionale Erfahrung macht oder zu einer Erkenntnis gelangt. Damit rücken sie Vorgänge in den Vordergrund, die der Handlung und dem Erzählen fortwährend implizit eingeschrieben sind. Motive expliziten Erlebens betreffen im literarischen Text in erster Linie die Figurenebene. Ihre strukturelle Besonderheit besteht darin, dass sie diese in ein konkretes Verhältnis zu Raum und Zeit setzen und damit eine spezifische Gerichtetheit ihrer Entwicklung bzw., mit Bachtin gesprochen, ihrer ‚Menschwerdung‘ im Text illustrieren. Motive von Sinneswahrnehmung und Emotion sind damit direkt im Zentrum von Bachtins Chronotopos zu verorten und markieren an der Schnittstelle zwischen Subjekt, Raum und Zeit innere und äußere Aspekte, welche die Handlungsdynamik der Texte bestimmen.

In diesem ersten theoretischen Abschnitt werden die Analysekategorien zunächst narratologisch verortet. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Modalität von Bezügen zwischen textimmanenten Motiven und extratextuellen Kategorien. Im zweiten Schritt wird Bachtins Chronotopos zu anderen literaturwissenschaftlichen und interdisziplinären Ansätzen der Motivanalyse in Verbindung gesetzt, um strukturelle Aspekte und weltanschauliche Basiskonzepte für die Analyse vorzubereiten.

1.  Narratologie als Ontologie des Textes in Hinblick auf Motive der Wahrnehmung

Zunächst gilt es, Sinneswahrnehmung und Emotion als textimmanenten Forschungsgegenstand zu verorten. Den Ausgangspunkt dafür bildet die mit Wolf Schmid als ‚Ontologie des...

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