Show Less
Restricted access

Textimmanente Wahrnehmung bei Gajto Gazdanov

Sinne und Emotion als motivische und strukturelle Schnittstelle zwischen Subjekt und Weltbild

Series:

Ingeborg Jandl

Sinne und Emotion bilden das Prisma jeder Selbst- und Welterfahrung und prägen die im Individuum verankerte Subjektivität. Der russische Emigrationsschriftsteller Gajto Gazdanov (1903-1971) rückt Wahrnehmungen so stark in den Vordergrund, dass die Handlung oft von einem Übermaß an Deskription in den Hintergrund gedrängt wird. Diese Studie beleuchtet Motive sinnlicher und emotionaler Erfahrung unter Berücksichtigung interdisziplinärer Konzepte aus Psychologie, Psychoanalyse, Philosophie und den Naturwissenschaften und fragt nach der Systematik ihrer motivischen Repräsentation, ihrer Wechselbeziehung sowie eines davon abzuleitenden Weltbilds. Das Forschungsfeld eröffnet Zugang zu Mechanismen der empirischen Realität, was auch für andere Disziplinen neue Perspektiven und Erkenntnisse verspricht.

Show Summary Details
Restricted access

VII. Schlusskapitel

Extract

← 494 | 495 →

VII.  Schlusskapitel

1.  Sinneswahrnehmungen und Emotionen als Motive

– Je vous ai dit, je regardais la mer, j’étais cachée dans les rochers et je regardais la mer. (J.M.G. Le Clézio, Lullaby)

Ты меня поразишь по-разному, как паразиты лезут в голову опасные мысли, и я к тебе лезу. (Florian Supé, From Russia with Love)

Üblicherweise dienen Sinneserfahrungen und Emotionen in der Literatur dazu, Figuren zu charakterisieren, deren Lebenswelt und soziales Umfeld zu skizzieren und deren Handlungen zu motivieren. In Gazdanovs Texten treten diese Motive dagegen oft so stark in den Vordergrund, dass sie per se wichtiger erscheinen als die Situation, die sie illustrieren. Einzeleindrücke werden ungewöhlich detailreich beschrieben und lösen dabei einen Gedankenstrom assoziativer Verbindungen zu ähnlichen Situationen und Kontexten aus. Auf synästhetische Weise verbinden sich dabei die Erfahrungsbereiche unterschiedlicher Sinne und Gefühle, wobei sich thematische Felder herauskristallisieren, in denen ähnliche Assoziationen wiederholt auftreten und die folglich in Gazdanovs Œuvre verwoben zu sein scheinen.

Dass sich die Verbindungen nicht auf Einzelphänomene beschränken, sondern komplexe Spektren mit einer spezifischen ästhetischen Erfahrungsqualität aus Sinneseindrücken und Gefühlen begründen, scheint die Annahme des Synästhesie-Forschers Hinderk Emrich zu stützen, wonach Wahrnehmung auch im Allgemeinen auf individuell verankerten Assoziationsspektren beruht. Auf die Literatur umgelegt, deutet die Motivkonsistenz zudem mit den Hypothesen der Warschauer Gruppe und psychoanalytisch-interdisziplinären Arbeiten von Jung, Mauron und anderen darauf hin, dass Sinne und Emotion eine wichtige Konstante im Weltbild des abstrakten Autors ausmachen und diesen charakterisieren. Im Folgenden...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.