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Dimensions of Linguistic Space: Variation – Multilingualism – Conceptualisations Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

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Edited By Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer and Kristina Herbert

This volume focuses on the use and structure of the German language in Austria. In addition, the aim of the book is to compare the linguistic conditions in Austria with those in other German speaking countries. The 20 articles present current findings from the research fields of variation, contact and perception.

Der Band widmet sich schwerpunktmäßig der Verwendung und Struktur der deutschen Sprache in Österreich. Ziel des Sammelbandes ist es außerdem, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen. In 20 Beiträgen werden daher aktuelle Forschungsergebnisse aus den Forschungsbereichen Variation, Kontakt und Perzeption vorgestellt.

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Einleitung (Lars Bülow / Ann Kathrin Fischer / Kristina Herbert)

Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer & Kristina Herbert

Einleitung

Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

Der vorliegende Band beruht im Wesentlichen auf Beiträgen zur internationalen Konferenz „Deutsch in Österreich und andere plurizentrische Kontexte. Variation – Kontakt – Perzeption“, die vom 07. bis 09. Juli 2016 in Wien stattfand.

Die Idee zur Konferenz wie auch zu diesem Band entstand im Kontext des durch den FWF geförderten Spezialforschungsbereichs (SFB) „Deutsch in Österreich. Variation – Kontakt – Perzeption“. Der SFB „Deutsch in Österreich“ (FWF F060) ist ein großangelegtes Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Graz, Salzburg und Wien sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (vgl. DiÖ 2017: Überblick). Ein übergeordnetes Ziel des Projekts ist es, eine umfassende Bestandsaufnahme der sprachlichen Situation in Österreich zu erarbeiten (vgl. Budin et al. in diesem Band). In neun Teilprojekten werden daher auf verschiedenen Beschreibungsebenen Analysen zur deutschen Sprache in Österreich erarbeitet. Die verschiedenen Teilprojekte widmen sich drei Schwerpunkten, die auch im Projekttitel erscheinen: Zentral sind a) die Untersuchung von Sprachvariation und Sprachwandel (im gesamten Varietätenspektrum), b) die Analyse von Sprachkontaktphänomenen (insbesondere mit slawischen Sprachen) sowie c) das Erfassen von Spracheinstellungen und Sprachwahrnehmungen der Menschen in Österreich. Dem Band wird eine Projektübersicht vorangestellt, in der die Projektleiter (Gerhard Budin, Stephan Elspaß, Alexandra N. Lenz, Stephan M. Newerkla und Arne Ziegler) aufzeigen, wie die einzelnen Teilprojekte zu den Bereichen Variation, Kontakt und Perzeption ineinandergreifen, sich inhaltlich ergänzen und dadurch ein umfassendes Bild von der Situation des Deutschen in Österreich anstreben.

Dieser Band versteht sich als ein weiterer Baustein dieser Bestandsaufnahme zur Situation der deutschen Sprache in Österreich. In 20 Beiträgen werden aktuelle Forschungsergebnisse innerhalb der drei oben skizzierten Schwerpunktsetzungen vorgestellt. Die Untersuchungen zur deutschen Sprache in Österreich im Rahmen des SFBs fügen sich in eine lange und natürlich auch außerhalb des SFBs lebendige Tradition der Forschungen zum Deutschen in Österreich ein. Das macht der vorliegende Band durch die Vielzahl an Beiträgen deutlich, die von←1 | 2→ Wissenschaftler/inne/n aus sechs Ländern und von 17 Forschungseinrichtungen verfasst wurden. Ziel des Bands ist es nicht nur, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich zu beschreiben, sondern diese darüber hinaus auch mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen.

Der Titel dieses Bandes erlaubt daher eine gewisse Offenheit, er lässt Platz für vielfältige Perspektiven – so z. B. auch für Beiträge, die über die österreichischen Landesgrenzen in die Schweiz, nach Deutschland oder nach Frankreich hinausschauen. Die Internationalität der Forschung wird zudem dadurch unterstrichen, dass Beiträge in deutscher und englischer Sprache eingereicht wurden. Als Herausgeber/innen erhoffen wir uns dadurch natürlich einen größeren Leserkreis und eine breitere Wahrnehmung für den Band. Die Perspektivenvielfalt der Beiträge erlaubt in diesem Zusammenhang die Metapher vom mehrdimensionalen Raum im Titel. Sprache ist mehr als nur ein strukturiertes Schallphänomen, welches sich im Raum ausbreitet. Zum einen bildet sie die Strukturen des sozialen Raums ab, zum anderen ist sie selbst das zentrale Medium zur Konstruktion dieses Raums (vgl. Bußmann 2005: 484). Sprache ist für Prozesse der Ausdifferenzierung und Grenzziehung prädestiniert, da Variabilität und Variation zu ihren zentralen Wesensmerkmalen gehören. Sie variiert nicht nur in der Zeit, sondern auch in der horizontalen (diatopischen) sowie der vertikalen (diastratischen und diaphasischen) Dimension. Die Variabilität von Sprache führt in der Interaktion zwangsweise zu Phänomenen der inneren und äußeren Mehrsprachigkeit, die gleichbedeutend sind mit Sprachkontakt (vgl. Weinreich [1953] 1979). Variation und Sprachkontakt sind wiederum die notwendigen Grundvoraussetzungen für sprachlichen Wandel (vgl. z. B. Mufwene 2008: 67; Scheutz 2005). Es ist aber nicht nur die Objektsprache, die sich verändert, sondern es sind auch die wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Konzeptualisierungen von Sprache. Die wissenschaftlichen Konzeptualisierungen betreffen die theoretische Dimension, wohingegen die nicht-wissenschaftlichen Konzeptualisierungen die Spracheinstellungen und Sprachwahrnehmungen der linguistischen Laien berühren. Die Dimensionen der sprachlichen Realität und Strukturiertheit stehen aber nicht einfach nebeneinander. Sie sind vielmehr eng miteinander verschränkt. In den letzten Jahren haben Forschungsarbeiten zu Spracheinstellungen und Sprachwahrnehmungen von linguistischen Laien zum Beispiel deutlich deren Bedeutung für die wissenschaftlichen Konzeptualisierungen von Sprache herausgearbeitet (vgl. Purschke 2016).

Die oben skizzierten sprachlichen Dimensionen sind auch durch Beiträge dieses Bandes abgedeckt. In Anlehnung an die oben genannten Arbeitsschwerpunkte des SFB-Projekts Variation – Kontakt – Perzeption haben wir das Buch und seine Beiträge in drei größere Bereiche gegliedert.←2 | 3→

I Alltags- und standardsprachliche Variation im Deutschen

Im ersten Bereich Alltags- und standardsprachliche Variation im Deutschen sind sechs Beiträge zusammengefasst. Der Aufsatz von Simon Pickl, Simon Pröll, Stephan Elspaß und Robert Möller analysiert räumliche Strukturen alltagssprachlicher Variation in Österreich anhand dialektometrischer Auswertungen von Daten des „Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA)“. Dabei wird u. a. erörtert, ob die deutsch-österreichische Staatsgrenze im Bereich der ‚Alltagssprache‘ eine Sprachgrenze bildet. Die Frage des Zusammenhangs sprachlicher und politischer Grenzen wird auch im Beitrag von Lars Bülow und Andrea Kleene diskutiert. Sie begründen ihre Einschätzung, dass die Staatsgrenze sprachliche Unterschiede verfestigt, in erster Linie mithilfe onomasiologischer Erhebungen zur alltagssprachlichen Lexik im Grenzraum. Auch der Beitrag von Patrizia Sutter und Christa Dürscheid nimmt eine grenzübergreifende Perspektive ein. Die Darstellung standardsprachlich-diatopischer Variation in deutschen und österreichischen Wörterbüchern wird hier einem kritischen Vergleich unterzogen. Dabei werden insbesondere Problemfälle der arealen Zuordnung von lexikalischen Varianten angesprochen. Mit grammatischer Variation im schweizerischen und bundesdeutschen Standarddeutschen beschäftigt sich der Beitrag von Matthias Fingerhuth. Genauer in den Blick genommen wird die Entwicklung von Fugenelementen und Partikel- bzw. Präfixverben im 20. Jahrhundert. Eine Perspektive auf die österreichische Standardaussprache nehmen Hannah Leykum und Sylvia Moosmüller (†) ein. In ihrer Studie untersuchen sie, ob Unterschiede in der phonetischen Realisierung zwischen phonotaktischen und morphonotaktischen Konsonantenclustern in wortmedialer Position bestehen. Das Autorenteam Sonja Schwaiger, Adrien Barbaresi, Katharina Korecky-Kröll, Jutta Ransmayr und Wolfgang U. Dressler nimmt Aspekte der Morphologie der deutschen Standardsprache(n) in Österreich in verschiedenen Korpora in den Blick. Im Fokus stehen verschiedene Mechanismen der Diminuierung.

II Innere und äußere Mehrsprachigkeit

Der zweite Bereich innere und äußere Mehrsprachigkeit umfasst fünf Beiträge. Sprachwechsel durch Sprachkontakt zwischen dem Deutschen und Slowenischen in Südkärnten ist Thema des Beitrags von Katharina Prochazka. Sie rekonstruiert den Prozess des Sprachwechsels in Anlehnung an die Modellierung physikalischer Prozesse anhand quantitativer Zensusdaten, die sich vom späten 19. Jahrhundert bis ins späte 20. Jahrhundert erstrecken. In das erste Drittel des 20. Jahrhunderts weist der Beitrag von Agnes Kim. Sie vergleicht Angaben auf den Wenkerbögen,←3 | 4→ die zwischen 1926 und 1931 in Österreich erhoben wurden, mit Zensusdaten zwischen 1880 und 1934. Der Beitrag von Stefaniya Ptashnyk befasst sich mit verschiedenen Formen des Code-Switchings in Texten, die im 19. Jahrhundert in Lviv (Lemberg) publiziert wurden. Die Untersuchung der Autorengruppe Mirja Bohnert-Kraus, Andrea Willi, Katharina Korecky-Kröll, Andrea Haid und Christine Czinglar ist empirisch wieder in der Gegenwart verortet. Es wird die Frage gestellt, welche Varietäten Eltern in Vorarlberg wählen sollten, wenn sie mit ihren Kindern sprechen. Ludwig Breuer und Lars Bülow diskutieren in ihrem Beitrag, inwiefern Sprachproduktionstests (Language Production Tests) als Experimente im weiten Sinne verstanden werden können. Empirisch untermauert wird die Argumentation anhand von Sprachproduktionsdaten zur Verwendung adnominaler possessiver Strukturen im Wiener Varietätenspektrum.

III Laienlinguistische Konzeptualisierungen und Modellierungen

Der dritte Bereich Laienlinguistische Konzeptualisierungen und Modellierungen umfasst insgesamt neun Beiträge. Der Umfang dieses Untersuchungsbereichs im vorliegenden Band verdeutlicht das aktuelle Interesse der Forschung an Spracheinstellungen und Sprachwahrnehmungen von Laien und damit zusammenhängend deren Bedeutung für Fragen der Sprachvariations- und Sprachwandelforschung sowie des Varietätenerwerbs. Der Bereich umfasst zwei Gruppen von Beiträgen: Die eine befasst sich mit der Konzeptualisierung und Wahrnehmung von Sprache in österreichischen Bildungseinrichtungen, die andere untersucht die Spracheinstellungen ohne Institutionenbezug.

Die erste Gruppe von Beiträgen eröffnen Rudolf de Cillia und Jutta Ransmayr. Sie stellen jeweils in eigenen Aufsätzen Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zum österreichischen Deutsch (ÖD) als Unterrichts- und Bildungssprache dar. Rudolf de Cillia untersucht die Konzeptualisierung der Variation des Deutschen in Österreich bei Lehrer/inne/n und Schüler/inne/n, wohingegen Jutta Ransmayr die Verwendung von und den Umgang mit Varietäten des Deutschen in Österreichs Klassenzimmern analysiert. Das Varietätenbewusstsein von Kindern untersuchen Gudrun Kasberger und Irmtraud Kaiser. In ihrer Studie gehen sie der Frage nach, was österreichische Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren über diejenigen Varietäten wissen, die in ihrem Alltag von sozialer Bedeutung sind. Ein ähnliches Thema greift der Beitrag von Irmtraud Kaiser, Andrea Ender und Gudrun Kasberger auf. Sie berichten von einem quasi-experimentellen Untersuchungsansatz zum Erwerb soziolinguistischer Kompetenz bei österreichischen Kindern. Getestet wurde, ob die Kinder die notwendigen Diskriminationsfähig←4 | 5→keiten aufweisen, sprachliche Varianten bzw. Varietäten verstehen zu können. Im schulischen Bildungskontext ist auch der Beitrag zur Variation in Lernertexten im deutschen Sprachraum von Andrea Abel und Aivars Glaznieks angesiedelt. Verglichen werden Textproduktionsdaten von Kindern und Jugendlichen aus Österreich, Südtirol und Deutschland. Monika Dannerer und Peter Mauser beschäftigen sich mit Sprachnormen, Einstellungen sowie Angemessenheitsurteilen im universitären Kontext. Vorgestellt werden quantitative und qualitative Selbsteinschätzungs-, Einstellungs- und Perzeptionsdaten von Studierenden, Professoren und Verwaltungspersonal der Universität Salzburg. Die Daten stammen aus dem Projekt „Verknüpfte Analyse von Mehrsprachigkeiten am Beispiel der Universität Salzburg (VAMUS)“, das 2018 zum Abschluss gebracht wurde.

Die zweite Gruppe von Beiträgen dieses Bereichs beschäftigt sich mit Fragen zur Wahrnehmung von Varietäten außerhalb von Bildungseinrichtungen. Rebekka Studler untersucht mittels einer breit angelegten Onlinebefragung mentale Konzepte im diglossischen und plurizentrischen Kontext der Deutschschweiz. Besonderes Augenmerk wird auf die Einstellungen der Schweizer zum sogenannten Hochdeutschen gelegt. Marie Luise Jansens Beitrag beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von südfranzösischen Varietäten. Untersuchungsgegenstand sind die Akzente der beiden Städte Toulouse und Marseille sowie ihre Wahrnehmung. Abschließend erörtert Ann Kathrin Fischer die Einstellungen und Wahrnehmungen von linguistischen Laien zum Basisdialekt in Passau.

Der vorliegende Band fasst vielfältige wissenschaftliche Einblicke und Perspektiven auf die Dimensionen des sprachlichen Raums in Österreich und seinen Nachbarländern zusammen. Dabei war es uns ein Anliegen, die Schwerpunkte Variation, Kontakt und Perzeption abzubilden. Wir hoffen, dass uns dies gelungen ist und die Publikation eine breite Leserschaft anspricht sowie als Ausgangspunkt für gewinnbringende Anschlussforschung dient.

Literaturverzeichnis

Bußmann, Hadumod (2005): Haben Sprachen ein Geschlecht? – Genus/gender in der Sprachwissenschaft. In: Bußmann, Hadumod/Hof, Renate (Hg.): Genus. Geschlechterforschung/ Gender Studies in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Ein Handbuch. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 483–518.

DiÖ (2017): Überblick. In: DiÖ-Online. URL: https://dioe.at/details/ [27.09.2018]

Mufwene, Salikoko S. (2008): Language Evolution: Contact, Competition and Change. London: Continuum.

Purschke, Christoph (2016): Language Regard and Cultural Practice: Variation, Evaluation, and Change in the German Regional Languages. In: Evans, Betsy/←5 | 6→Benson, Erica/Stanford James (Hg.): Language Regard: Methods, Variation, and Change. Cambridge: Cambridge University Press, 249–265.

Scheutz, Hannes (2005): Aktuell stattfindender Lautwandel. In: Ammon, Ulrich Ammon/Dittmar, Norbert/Mattheier, Klaus J./Trudgill, Peter (Hg.): Sociolinguistics. An international handbook of the science of language and society. Vol. 2. Berlin et al.: de Gruyter, 1704–1717.

Weinreich, Uriel ([1953] 1979): Languages in Contact. Findings and Problems. Mouton: The Hague.←6 | 7→