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Bundesordnung in der deutschen Geschichte

Christian Gellinek

Die Hauptstadtlosigkeit Deutschlands geht mit einer uns eigenen Bundesordnung Hand in Hand, die sich in verschiedenen Epochen auf zentrale Orte, bestimmte Burgen und dem Reiche zugewandte Klöster verteilt in größeren oder kleineren Territorien von Süden und Südwesten ab der Donau bis zur Wiedau, und manchmal nur bis zur Eider. Sie erstreckt sich in nördlicher Richtung, und auch vom Rhein bis zur Oder in östlicher. In dieser Wissensstudie wird die Bundesordnung als mittragendes Element der deutschen Geschichte in ihrer politischen Entwicklung vorgeführt. Die regulären Königswahlen fanden in Frankfurt am Main, die Krönungen ursprünglich in Aachen statt. Manche Orte wandten sich zeitweise dem Deutschen Reich zu, manche für immer von ihm ab. Die bündische Bestimmung wurde auf dem Wiener Kongress von Österreich, Russland, England, Preußen und endlich auch Frankreich durch Talleyrand durchgesetzt. Diese Grundlage erfüllte sich erst im Bonner Grundgesetz.

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Fünftes Kapitel: Die wichtigsten Städte in ihrer Ausstrahlung auf das Reich

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Wien

Wien war ab 1278 Residenzstadt und Hauptstadt, bis 1806 Residenzhauptstadt, insofern auch Hauptresidenzstadt, und das 528 Jahre, gleichzeitig ‚Deutschlands‘ und ‚Österreichs‘. Vorher war es eine der vorübergehend besuchten Kaiserpfalzen des Heiligen Römischen Reiches. Die beliefen sich, je nachdem, wie man zählt, auf 367 Orte, darunter solche, die heute niemand mehr kennt, wie z. B. Ermschwerd, Imbshausen oder Schienen. Von Berlin aus wurde der Norddeutsche Bund 4 Jahre, das Deutsche Reich 78 Jahre und die DDR 41 Jahre, zusammen 151 Jahre, aus Bonn die BRD 42 Jahre lang regiert. Vom Blickwinkel einer auswechselbaren Hauptstadt wurde, ohne Berücksichtigung von Interims, über 700 Jahre lang regiert. Ohne vorgeschriebene Hauptstadt bewegte sich der König oder Kaiser von einer Pfalz zur anderen. Eine besuchte Königs/Kaiserpfalz hatte dem König und seinem Hofstaat gegenüber Gastungspflicht. Die Untertanen verteilten sich auf jeweils acht größere Städte, Wien oder Prag nicht mitgezählt. Bis 1350 betrug deren gemeinsame Einwohnerzahl von mindestens 11.000–54.000 E; im Jahre 1600 etwa 23.000–45.000; im Jahre 1800 etwa 35.000–172.000 [Berlin]. Die meisten deutschsprachigen Einwohner wohnten also nach wie vor auf dem Lande und waren in der Landwirtschaft beschäftigt. Die zentralen Funktionen mussten asymmetrisch verteilt werden, so dass der Sitz des Reichstags in Regensburg verblieb, das Reichskammergericht wie die Regierung sechsmal umzog und ansässig wurde. Die aus dem 10. Jahrhundert stammende Kaiserkrone und die anderen Reichsinsignien lagerten ab 1800 in der Wiener Hofburg, von wo sie der...

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