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Pius XII. und die Deportation der Juden Roms

Klaus Kühlwein

Kein anderes Ereignis im Zweiten Weltkrieg hat Pius XII. so herausgefordert wie die SS-Judenaktion unter seinem Fenster. Was damals geschah, verdichtet die ganze Problematik um das Schweigen des Papstes. Historisch ist umstritten, was Papst Pius unternommen hat, um die Juden Roms zu retten, welchen Zwängen er unterworfen war und was er über das Schicksal deportierter Juden wusste.

Anhand zahlreicher Dokumente und Zeugenaussagen rekonstruiert die Studie die Vorgänge rund um die Razzia auf verschiedenen Ebenen. Sie fragt nach dem Kenntnisstand Pius XII. über die NS-Judenvernichtung und analysiert den Konflikt zwischen güterabwägendem Schweigen und Protest aus Gewissensgründen.

Das Ergebnis wirft neues Licht auf die Rolle Pius XII. im Herbst 1943.

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4. Die Razzia

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4.  Die Razzia

Nach Sonnenuntergang am Freitag, den 15. Oktober, waren die Straßen und Gassen im alten Ghetto fast menschenleer. Der Sabbat hatte begonnen. Es war auch mitten in der Laubhütten-Festwoche Sukkot. Die Juden wollten zuhause sein und mit ihren Lieben den Sabbat begrüßen. Nur noch wenige waren unterwegs, um etwas zu organisieren oder ergatterte Lebensmittel heimzubringen.

An diesem Freitagabend eilte eine ärmlich gekleidete Frau von Trastevere herüber und fing in den Gassen des Ghettos an zu schreien. Viele Familien hatten in ihren Wohnungen gerade die Sabbatkerzen angezündet und waren zur Andacht versammelt. Einige streckten neugierig die Köpfe aus den Fenstern. Andere gingen gleich hinaus auf die Straße, um nachzuschauen, was los sei. Rasch war die Frau von Neugierigen umringt. Viele kannten sie gut. Es war Signora Celeste. Man hielt sie für wunderlich, ein bisschen meschugge eben und für skandalsüchtig.

Signora Celeste rief und jammerte laut: Die Deutschen kommen und nehmen viele Juden mit! In Trastevere hatte sie heute Abend von der Frau eines Carabinieri, wo sie in Diensten stand, von einer langen Judenliste erfahren. Alle auf dieser Liste sollten von den Deutschen weggeschafft werden. Celeste verlor keine Zeit. Sie rannte an diesem regnerisch kalten Oktoberabend sofort auf die andere Tiberseite, um alle zu warnen.

Niemand glaubte Celeste die Hiobsnachricht. Hatte sie vergessen, dass die Juden erst vor zwei Wochen durch Gold ausgelöst worden waren?

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