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Eine Geschichte des Verhältnisses von Literatur und Wahnsinn

Experimente jenseits der Sprache

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Rasmus Rehn

Geisteskrankheiten als «Pioniere des Fortschritts»? (K. Bayer)


Diese diskursanalytische Studie untersucht die Bedeutung und Funktion psychiatrischen Wissens in der Gegenwartsliteratur. Neben systematischen Analysen der Prosa-Werke einiger zeitgenössischer Autoren bietet diese Untersuchung auch einen historischen Überblick, der zeigt, wie stark die Gegenwartsliteratur von älteren Vorstellungen des Wahnsinns beeinflusst ist.

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3. Thomas Hettche und die Wiedergeburt des schöpferischen Wahnsinns

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3.1 Die Faszination der Anormalen639 in Hettches (Früh-)Werk

Dass die Geschichte des Wahnsinns und die Beschäftigung mit psychiatrischen Quellen in der Literatur keineswegs mit Rainald Goetz’ Roman Irre endet, bestätigt ein Blick auf das Werk Thomas Hettches, in dem deviante Wahrnehmungen der Welt von zentraler Bedeutung sind. Man könnte deshalb von einer Faszination des Anormalen sprechen. Dieses Thema spielt nicht nur in Hettches Debütroman Ludwig muß sterben aus dem Jahre 1989 eine Rolle, in dem der geisteskranke Erzähler, der namenlose Bruder Ludwigs, die eigentliche Hauptfigur darstellt. Auch in Hettches jüngstem Roman Pfaueninsel wird die Geschichte von gesellschaftlichen Außenseitern erzählt, nämlich die des kleinwüchsigen Geschwisterpaars Marie und Christian auf der Pfaueninsel vor Berlin.640 Letztlich handelt auch Hettches bekanntestes Prosawerk vom Anormalen und Pathologischen. Der in zehn Sprachen übersetzte Kriminalroman Der Fall Arbogast aus dem Jahre 2001 befasst sich nämlich mit der Weltsicht eines mutmaßlichen sadistischen Mörders. Der Roman beruht auf einer wahren Begebenheit. Es handelt sich um den im Nachkriegsdeutschland großes Aufsehen erregenden Prozess gegen den Metzger Hans Hetzel, der 1955 aufgrund von zweifelhaften Indizien für den Mord an einer Anhalterin zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Erst nach sechzehn Jahren Gefängnis wurde der Fall wieder aufgerollt und ein entlastendes Gegengutachten erstellt, das letztlich zum Freispruch Hetzels führte. Obwohl ein Mordfall den historischen Hintergrund des Romans bildet, handelt es sich bei Hettches Der Fall Arbogast nicht ←201 | 202→um...

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