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Dialektisches Ringen zwischen Tradition und Moderne

Mustafa Sabris Positionierung zu den theologischen und intellektuellen Herausforderungen in der Spätphase des Osmanischen Reiches (19.–20. Jh.)

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Merdan Güneş

Diese Arbeit widmet sich den theologischen und gesellschaftspolitischen Ansichten des spätosmanischen Gelehrten Mustafa Sabri Efendi (1869–1954). Er begegnete den Debatten seiner Zeit nicht nur als Religionsgelehrter, sondern auch als politischer Aktivist. Seine Situierung in einer Umbruchsphase zwischen Tradition und Moderne verleiht seinen Beiträgen aktuelle Relevanz. Allen voran thematisierte er das Verhältnis zwischen Offenbarung und Vernunft, Wissenschaft und Glaube sowie Religion und Politik. Dabei äußerte er sich zu diesen Themen stets aus der Perspektive einer sunnitischen ʿašʿarītischen Theologie. So kann Sabris Denken als ein Gegenentwurf zum islamischen Modernismus des von Ǧamāl ad-Dīn al-Afġānī (gest. 1897) und Muḥammad ʿ Abdūh (gest. 1905) verstanden werden.

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6 Ringen mit den modernen Wissenschaften

6Ringen mit den modernen Wissenschaften

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Mit der Veränderung der Machtgefälle zwischen dem Abendland und dem Morgenland, dem soziokulturelle, ökonomische und gesellschaftliche Phänomene zugrunde lagen, wird eine Verschiebung der Deutungshoheit über die eigenen Diskurse von fremden Ideen markiert. Wann genau die Einflussnahme westlicher Ideen beginnt und wann sie ein Stadium erreicht, in dem sie die Diskurse im Spätosmanischen Reich beherrscht, lässt sich kaum bestimmen. Eine Verschiebung der Deutungshoheit bedeutet zugleich eine Bewusstseinstransformation, die auf die neue allmählich implementierte Welt hindeutet. Vor allem das Bewusstsein eines osmanischen Intellektuellen stand in seiner zukünftigen Formierung in Spannung zwischen dem Osmanischen Bewusstsein, welches auf kollektiver Ebene auf die Geschichtskultur und auf individueller Ebene auf das Geschichtsbewusstsein zurückgeht, sowie dem europäischen Bewusstsein.1109 Wenn Probleme im Osmanischen Reich entstanden, wurden sie entsprechend angegangen und so wurde versucht, eine Lösung im Rahmen des eigenen Systems zu finden. Eine Verschiebung aus systemtheoretischer Sicht, wie sie unter anderem von Luhmann verstanden wurde, heißt nun, dass die eigenen bestehenden Systeme, eben die der Religion, Wirtschaft, Politik, Militär usw. im Vergleich zum Abendland an Funktionalität eingebüßt haben.1110 Die Einsicht über die Unterlegenheit der eigenen Systeme in Relation zu den Systemen aus europäischen Staaten führt zu Reformen in den unterschiedlichen Systemen.1111 Eine Zunahme der Einflüsse unterschiedlicher Ideen aus dem ←249 | 250→Abendland ist vornehmlich durch die dritte Übersetzungsbewegung bezeugt, die sich am Ende des 18. Jahrhunderts anbahnte und zwei Jahrhunderte lang andauerte.1112 Dieser kulturelle und geistige Kontakt bestand freilich spätestens...

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