Show Less

Das Unsagbare erzählen: J. M. Coetzees ästhetische Strategien zur Darstellung von Gewalt

Series:

Susanne Kern

Nicht nur in den Medien, auch in der Literatur ist eine Tendenz zu beobachten, Grausamkeiten in immer schonungsloserer Direktheit und Detailliertheit darzustellen. Die Romane des südafrikanischen Nobelpreisträgers J. M. Coetzee widersetzen sich dieser Tendenz, indem sie Gewalt als Unsagbares präsentieren, d. h. als etwas, das sich der diskursiven wie instrumentellen Aneignung durch Sprache entzieht. Das Unsagbare wird überall dort manifest, wo die Texte offen bleiben, wo sie Ambiguitäten, Unbestimmtheiten, Widersprüche oder Leerstellen erzeugen. Hierzu bedient sich der Autor einer Vielzahl ästhetischer Strategien. Betrachtet werden jene sechs Romane, die Coetzee während der Apartheid geschrieben hat.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

6. Foe: Dieseits und Jenseits der Sprache 179

Extract

179 6. Foe: Dieseits und Jenseits der Sprache Mit Foe hat Coetzee − wie schon einige andere vor ihm − einen Klassiker der englischen Erzählliteratur, nämlich Defoes Robinson Crusoe, umgeschrieben und neu interpretiert.293 Coetzees Version unterscheidet sich von der Vorlage da- durch, dass er eine Frau, Susan Barton, auf Crusos Insel stranden lässt, die zugleich die Erzählerin des Romans ist.294 Darüber hinaus kann Friday nicht sprechen, denn man hat ihm die Zunge herausgeschnitten.295 Im Gegensatz zu den anderen Roma- nen ist die Gewalttat nicht Teil des erzählten Geschehens, sondern sie manifestiert sich lediglich in Fridays Sprachlosigkeit. Coetzee bricht in diesem Roman am radikalsten mit den Formen traditionellen Erzählens: So spielt er mit Figuren und Erzählformen wie dem mündlichen Er- zählen, dem Briefroman oder der traditionellen Ich-Erzählung.296 Reflektionen über das Erzählen und surreale Elemente (im vierten Kapitel konfrontiert Coet- zee seine Leser unerwartet mit einem unbekannten Ich-Erzähler) halten den Leser auf Distanz. Die Frage, wie Fridays Geschichte erzählt werden kann, wie sie erzählt werden soll und wer überhaupt erzählen darf, ist ein zentrales Thema und macht Foe zu einem Beispiel postmodernen Erzählens.297 Der Autor schreibt in diesem Roman nicht nur gegen die realistische Erzähltradition an, sondern auch gegen den kolonialen Diskurs. Entgegen der allgemeinen Tendenz in der 293 Auch andere Schriftsteller hat Defoes Roman inspiriert. So beispielsweise Muriel Spark in Robinson (1958), Michel Tourniers mit Vendredi, ou les limbes du Pacifi- que (1967) oder auch...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.