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Sanatio in radice

Historie eines Rechtsinstituts und seine Beziehung zum sakramentalen Eheverständnis der katholischen Kirche

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Peter Fabritz

Kann man eine ungültige Ehe gültig machen? Ist Gültigkeit überhaupt ein Kriterium für die Ehe? Was sind die Voraussetzungen, um eine Ehe als gültig oder ungültig zu bezeichnen? Besitzt die Kirche eine rechtliche Gewalt über die Ehe, die es ihr erlaubt, eine Ehe als gültig oder ungültig zu klassifizieren? Die Ehe kommt zustande durch den Willen zur Ehe, den beiderseitigen Konsens der Partner. Keine Macht der Welt kann ihn auflösen. Der Konsens kann aber existent sein und dennoch ungültig, weil zum Zeitpunkt der Konsensabgabe ein Hindernis vorlag. Hier hat sich im 14. Jahrhundert ein Rechtsinstitut entwickelt, mit dem die Päpste ungültige Ehen Kraft apostolischer Autorität rückwirkend für gültig erklärt haben: Die sanatio in radice – die Heilung in der Wurzel. Die Arbeit versucht ausgehend vom römischen Recht über die Anfänge kirchlicher Ehedispens bis hin zur Gegenwart eine rechtshistorische Gesamtdarstellung der sanatio in radice vorzulegen.

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1. Kapitel: "Die Wurzel ist der Konsens" – rechtsgeschichtliche Grundlage der sanatio in radice

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I. Der Ehekonsens im klassischen und nachklassischen römischen Recht Das römische Recht sieht die Ehe nur in einem eingeschränkten Sinn als Rechtsverhältnis an. Sie ist vielmehr als ein soziales Faktum qualifiziert worden, das mit Rechtswirkungen verbunden ist. Getragen wurde sie von der affectio maritalis, also dem Bewusstsein der Gatten darüber, dass ihre Beziehung eine Ehe sei.16 Doch auch der soziale Tatbestand der römischen Ehe ist an bestimmte Voraussetzungen, an die auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft (consortium omnis vitae), monogames, in häuslicher Gemeinschaft verwirklichtes Zusam- menleben, gebunden. Primäres Ziel der römischen Ehe ist die Zeugung von Nachkommen.17 Dem römischen Eheverständnis von der verwirklichten Le- bensgemeinschaft, getragen von dem Bewusstsein der beiden Gatten, dass ihre Gemeinschaft eine Ehe sei, stellt sich bei immer stärkerer Ausbreitung des Christentums die christliche Ehe gegenüber, als einer geistlichen Bindung von unzerstörbarer Kraft. Die christliche Ehe ist gegenüber dem römischen Ver- ständnis ein Rechtsverhältnis mit ganz bestimmten Inhalten. Der Einfluss der christlichen Ehe auf die nachklassische römische Auffassung bewirkt, dass die römische Ehe in manchen Bereichen ebenfalls als ein Rechtsverhältnis verstan- den wird.18 Andererseits sind auch die römischen Einflüsse auf das sich später entwickelnde christliche Eherecht unverkennbar.19 Sie zeigen sich im Konsens- verständnis. Bei den Römern musste dem Bewusstsein der Gatten in einer Le- bensgemeinschaft zu leben ein Ereignis vorangegangen sein, beruhend auf ei- nem Dauerkonsens oder durch das Ablegen eines gegenseitigen...

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