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Wegsperren oder einschließen?

Die Praxis der Freiheitsstrafe zwischen Inklusion und Exklusion

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Edited By Edeltraud Koller, Ferdinand Reisinger and Michael Rosenberger

«Schwerstkriminelle gehören für immer weggesperrt!» Diese Aussage kann man immer wieder und, wie es scheint, immer öfter hören – in Zeitungen, an Stammtischen, ja sogar in Reden von PolitikerInnen. Eine derartige Forderung sieht den Sinn der Freiheitsstrafe offenkundig in der gesellschaftlichen Exklusion von Menschen. Dieser Position stehen aber seit den 1970er Jahren eine Straftheorie und -praxis entgegen, die das Ziel von Strafe in der Reintegration der TäterInnen sehen: Menschen werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, um ihnen schrittweise die soziale Integration bzw. Inklusion zu ermöglichen. Inwiefern kann aber die Praxis des Strafvollzugs das Einschließen in die Gesellschaft überhaupt fördern? Welche Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Mikrosystem Gefängnis selbst ab? Und was ist daraus für die Straftheorie und Strafpraxis zu folgern?

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Jean-Christophe Merle

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Unschädlichmachung und Resozialisierung als primäre Rechtfertigung der Strafe Abschrift des Vortrages1 Transkribiert, ergänzt durch einige historische Hinweise, redigiert, sprachlich geglättet sowie unter Überführung mancher Sätze in Fußnoten von Edeltraud Koller, Ferdinand Reisinger und Michael Rosenberger 1 Einleitung In meiner Monografie „Strafen aus Respekt vor der Menschenwürde“2 habe ich mich mit einem traditionellen Thema der Rechtsphilosophie auseinanderge- setzt: Was ist die Rechtfertigung der Strafe? Darunter verstehen die Philoso- phen vor allem die Rechtfertigung der Existenz der Strafe. Die Rechtfertigung der Existenz der Strafe sollte m. E. nicht ohne Zusammenhang mit der Recht- fertigung des Strafmaßes gesehen werden. Das Strafmaß ist nämlich ein ent- scheidender aspekt bei den argumentationen zugunsten der einen oder der anderen Theorie für die Existenz der Strafe. Das Strafmaß scheint aber für die Philosophen grundsätzlich zu sehr „anwendungsorientiert“ zu sein. Ähnliches gilt auch für den Strafvollzug, mit dem sie sich noch weniger befassen. Ich muss gestehen, dass das auch bei mir aus dem genannten grund der Fall war. 1 Da der Beitrag für die Publikation nicht rechtzeitig zur Verfügung gestellt werden konnte, wurde der Vortrag anhand der audio-aufzeichnungen des Symposiums von den Herausge- berInnen verschriftlicht. J.-C. Merle stimmte diesem Vorgehen zu und erhielt diese abschrift vor Drucklegung zur Durchsicht. 2 Merle, Strafen, 2007. 16 Dennoch interessiert mich dieses Thema sicherlich deswegen mehr als die meisten Philosophen des Strafrechts, weil ich mich in meiner Monografie weder dem Rechtspositivismus (d. h. der Vergeltungstheorie)...

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