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Wegsperren oder einschließen?

Die Praxis der Freiheitsstrafe zwischen Inklusion und Exklusion

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Edited By Edeltraud Koller, Ferdinand Reisinger and Michael Rosenberger

«Schwerstkriminelle gehören für immer weggesperrt!» Diese Aussage kann man immer wieder und, wie es scheint, immer öfter hören – in Zeitungen, an Stammtischen, ja sogar in Reden von PolitikerInnen. Eine derartige Forderung sieht den Sinn der Freiheitsstrafe offenkundig in der gesellschaftlichen Exklusion von Menschen. Dieser Position stehen aber seit den 1970er Jahren eine Straftheorie und -praxis entgegen, die das Ziel von Strafe in der Reintegration der TäterInnen sehen: Menschen werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, um ihnen schrittweise die soziale Integration bzw. Inklusion zu ermöglichen. Inwiefern kann aber die Praxis des Strafvollzugs das Einschließen in die Gesellschaft überhaupt fördern? Welche Inklusions- und Exklusionsprozesse laufen im Mikrosystem Gefängnis selbst ab? Und was ist daraus für die Straftheorie und Strafpraxis zu folgern?

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Christoph Niemand

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Gefangenen die Entlassung ansagen und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufen (Lk 4,18–19) Wahrnehmungen und Reflexionen zum Phänomen Haft in der biblischen Tradition und in der Verkündigung Jesu von Nazaret 1 Einleitung Wenn es meine aufgabe ist, die biblische Botschaft im Hinblick auf das Ta- gungsthema „Freiheitsstrafe zwischen Inklusion und Exklusion“ zum Sprechen zu bringen, dann drängt es mich, zuvor eine art „gewinnwarnung“ auszuspre- chen: auf der Suche nach einer „Theorie der Freiheitsstrafe“ und wie eine sol- che Theorie in der gelebten Realität des Strafvollzugs (angemessener als dies je und je der Fall ist!) umzusetzen wäre, bleibt der biblische Primärbefund zu- nächst einmal fast vollständig stumm. Das braucht auch nicht weiter zu verwundern: Die altorientalische Umwelt des Alten Testaments und auch das alte Israel kennen keine Strafrechtstheorie im modernen Sinn und auch keine rechtsstaatlich geregelte, auf deklarierte Zie- le hin ausgerichtete Praxis einer Freiheitsstrafe. Das Phänomen des Freiheitsentzugs begegnet – nebenbei gesagt – natürlich trotzdem al- lenthalben: Im zivilen Bereich als anhalten einer Person auf eine Strafverhandlung hin, aber auch durchaus schon als Strafe, meist in Form von gefangenenarbeit; im politischen Bereich als Mittel von Machterhalt und Koerzition durch Festnahme und Inaktivmachung missliebi- ger bzw. konkurrierender Personen; im international-militärischen Bereichen als geiselhaft unterlegener Dynasten und als Deportation besiegter Populationen, die dann häufig in ge- schlossenen und bewachten gebieten angesiedelt und mit Fronarbeit belegt wurden. In der hellenistisch-römischen Umwelt des neuen Testaments gab es in phi- losophischen Staats- und...

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