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Schuldlose Verantwortung

Vorgaben der Hirnforschung für Ethik und Strafrecht

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Michel Julien Friedman

Das Buch nimmt den von Hirnforschern vorgeschlagenen naturalistischen Standpunkt ein. Es fragt nach dessen Plausibilität hinsichtlich der Begründung unseres Schuldstrafrechts und den damit verbundenen Grundlagen philosophischer Ethik. Dabei erinnert sein Autor daran, dass unsere herrschenden Ethiken ein moralisierendes Werturteil unkritisch voraussetzen. Der Grund der Ethik scheint jenseits der Naturerklärungen zu liegen und sie erklären sich jeweils a priori für gut. Diese Zirkelhaftigkeit der Begründung von Ethik in den Konzepten einer Vernunftethik ist in den biologischen Begründungen von Ethik und Moral überwunden. Ethik und Moral fügen sich vollständig in den Nutzen der Lebensfunktionen menschlicher Individuen und ihrer sozialen Gemeinschaft ein. Der Autor spricht sich dafür aus, den Sinn juristischer Konzepte von Schuld und Strafe als eine Herausforderung anzunehmen, statt sie als eine Bedrohung für herrschende Systeme abzuwehren.

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5. Die theologischen Restbestände im Begriff der Freiheit 199

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199 5. Die theologischen Restbestände im Begriff der Freiheit Unser juristisches Verständnis von Schuld und Strafe bildet sich im Mittelalter heraus. Seine Wurzeln liegen in der theologisch-philosophischen europäischen Tradition. Maßgeblich für die geltende Rechtsprechung ist eine Formulierung des großen Strafsenats des Bundesgerichtshofes vom 18. März 1952. Dort lautet es: „Strafe setzt Schuld voraus. Schuld ist Vorwerfbarkeit. Mit dem Unwerturteil der Schuld wird dem Täter vorgeworfen, dass er sich nicht rechtmäßig verhalten, dass er sich für das Unrecht entschieden hat, obwohl er sich rechtmäßig verhal- ten, für das Recht hätte entscheiden können. Der innere Grund des Schuldvor- wurfs liegt darin, dass der Mensch auf freie, verantwortliche, sittliche Selbstbe- stimmung angelegt und deshalb befähigt ist, sich für das Recht und gegen das Unrecht zu entscheiden, sein Verhalten nach den Normen des rechtlichen Sol- lens auszurichten und das rechtlich Verbotene zu vermeiden, sobald er die sittli- che Reife erlangt hat und solange die Anlage zur freien sittlichen Selbstbestim- mung nicht vorübergehend gelähmt oder auf die Dauer zerstört ist.“308 In diesen Kontext fügt sich die These ein: „Wer weiß, dass das, wozu er sich in Freiheit entschließt, Unrecht ist, handelt schuldhaft, wenn er es gleichwohl tut.“309 Die Nähe dieser Auffassung zur theologischen Tradition in Europa belegt eine Äußerung des Papstes Pius XII in seiner Ansprache auf dem VI. Internationalen Strafrechtskongress am 3. Oktober 1953 in Rom: „Es soll im...

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