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Literaturskandale

Edited By Hans-Edwin Friedrich

Skandale begleiten die Literatur zwar seit ihren Anfängen, doch erst in der Moderne gehören sie zu ihren immer wiederkehrenden Begleiterscheinungen. Im Skandal treten Normkonflikte zutage, an denen die Wirkung von Literatur ablesbar wird. Mit den historisch neuen Modellen der goethezeitlichen Autonomieästhetik und der modernen Avantgarde haben sich Erscheinungsbild, Tragweite und Bedeutung von Skandalen verändert. Der Skandal kann Teil eines Kunstwerks, in extremen Fällen sogar selbst zum Kunstwerk werden.
Dieser Sammelband diskutiert eine breite Palette von Skandalen bis in die jüngste Gegenwart hinein: von Johann Wolfgang Goethes Leiden des jungen Werthers über Frank Wedekinds Lulu-Dramen und Arthur Schnitzlers Reigen zu Maxim Billers Esra und Charlotte Roches Feuchtgebiete. Innerliterarische, religiöse, juristische, pornographische und politische Skandale bilden verschiedene Typen von Literaturskandalen.

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Carlos Spoerhase: Das meiste ist wilde gottlose Satyre. Der Skandal um Goethes und Schillers Xenien als Herausforderung der Gattungstheorie 45

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„Das meiste ist wilde gottlose Satyre“ Der Skandal um Goethes und Schillers Xenien als Herausforde- rung der Gattungstheorie Carlos Spoerhase 1. Literaturskandale als „Kurzschlüsse“ zwischen Literatur und Leben Die Xenien lösen 1796 nicht nur einen „Rumor“ aus;1 Goethes und Schillers Xe- nien weiten sich zu einem Literaturskandal aus, wie Schiller bereits wenige Mo- nate nach ihrer Publikation in einem Brief an Goethe ausdrücklich vermerkt.2 Goethe vermerkt in seinen Tag- und Jahresheften, dass der Xenien-Skandal in der deutschen Literaturlandschaft die „größte Bewegung und Erschütterung“ verursacht habe: Die Xenien, die aus unschuldigen, ja gleichgültigen Anfängen sich nach und nach zum Herbs- ten und Schärfsten hinaufsteigerten, unterhielten uns viele Monate und machten, als der Al- manach erschien, noch in diesem Jahre die größte Bewegung und Erschütterung in der deut- schen Literatur. Sie wurden, als höchster Mißbrauch der Preßfreiheit, von dem Publicum ver- dammt. Die Wirkung aber bleibt unberechenbar.3 Wie aber wird aus Literatur eine „Erschütterung“, ein Skandal?4 Ein aktueller systematischer Versuch der Beantwortung dieser Frage benennt als Vorausset- zung der Skandalisierung von Literatur die „Kündigung des Fiktionspaktes auf der Basis eines applikativen Kurzschlusses zwischen Literatur und Leben“.5 Skandalträchtig sei Literatur vor allem dort, wo eine „radikale Kündigung des Fiktionspaktes durch persönlich tangierte Leser“ stattfinde.6 Der ‚Fiktions- pakt‘ werde dort ‚aufgekündigt‘, wo eindeutige und stabile Referenzrelationen 1 Goethe an Schiller, 29.10.1796. Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke nach Epo- chen seines...

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