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Literaturskandale

Edited By Hans-Edwin Friedrich

Skandale begleiten die Literatur zwar seit ihren Anfängen, doch erst in der Moderne gehören sie zu ihren immer wiederkehrenden Begleiterscheinungen. Im Skandal treten Normkonflikte zutage, an denen die Wirkung von Literatur ablesbar wird. Mit den historisch neuen Modellen der goethezeitlichen Autonomieästhetik und der modernen Avantgarde haben sich Erscheinungsbild, Tragweite und Bedeutung von Skandalen verändert. Der Skandal kann Teil eines Kunstwerks, in extremen Fällen sogar selbst zum Kunstwerk werden.
Dieser Sammelband diskutiert eine breite Palette von Skandalen bis in die jüngste Gegenwart hinein: von Johann Wolfgang Goethes Leiden des jungen Werthers über Frank Wedekinds Lulu-Dramen und Arthur Schnitzlers Reigen zu Maxim Billers Esra und Charlotte Roches Feuchtgebiete. Innerliterarische, religiöse, juristische, pornographische und politische Skandale bilden verschiedene Typen von Literaturskandalen.

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Marianne Wünsch: Wi(e)der die Doppelmoral: Arthur Schnitzlers Reigen (1920) und die Verfilmung von Max Ophüls (1950) 113

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Wi(e)der die Doppelmoral Arthur Schnitzlers Reigen (1920) und die Verfilmung von Max Ophüls (1950) Marianne Wünsch Als im Januar 2008 das Burgtheater in Wien eine Produktion des Reigens aus dem Jahre 1999 wieder aufnahm, überschlugen sich die Kritiken in Begeisterung über diese Inszenierung – und damit auch über dieses Stück: Die Auseinandersetzung mit einer Dichtung von einst skandalöser Lebensnähe wirkt ideen- reich, ohne Scheu vor Drastik und doch subtil. Das Burgtheater wirft alles in diese Liebes- schlacht. Ein Top-Ensemble, das zu brillieren versteht. Es ist die Rede von „zehn erotischen Schmuckstücken, die pure Schauspielkunst zutage fördern“. Und selbst die erzkonservative Kronen-Zeitung hält fest: „Viel Applaus, Bravo!“ Natürlich unterscheidet sich diese Rezeption eklatant von der ursprünglichen Rezeption, nur das eingeflochtene Wort von der „einst skandalösen Lebensnähe“ erinnert schwach daran – wie im übrigen eine Lebensnähe „skandalös“ sein kann, hat sich mir nicht erschlossen. Was aber die Rezeption im Jahre 2008 und die damalige Rezeption der 20er Jahre bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam haben, ist dies: die totale Igno- ranz dessen, was in diesem Stück überhaupt verhandelt wird. Deshalb werde ich mich auch, nach einem ersten Teil, der die Darstellung des Prozesses um den Reigen betrifft, in einem zweiten Teil um eine Analyse von Schnitzlers Drama bemühen, um in einem dritten Teil auf die Verfilmung durch Max Ophüls von 1950 einzugehen. Bevor ich mich mit dem Eintritt von Schnitzlers Reigen in die öffentliche Welt beschäftige,...

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