Show Less

Von der Freizeitplanung zur Kulturpolitik

Eine Bilanzierung von Gewinnen und Verlusten

Series:

Dieter Kramer

Alle Parteien versprachen in den 1960er Jahren großzügige Programme zur Freizeitplanung. Die Freizeitpädagogik wollte die Menschen vorbereiten auf die Freizeitgesellschaft, in der die Arbeit beiläufig erledigt wird und freie Zeit dominiert. Dann aber zehren Krisen, Konsumwettbewerb, Globalisierung und Arbeitslosigkeit die Produktivitätsgewinne auf. Freizeitpolitik verschwindet, die für alle nutzbare Infrastruktur für Freizeit und Erholung wird zugunsten einer Kulturpolitik für die alten und neuen Bildungsschichten vernachlässigt. Verloren sind die demokratischen Dimensionen der Freizeitpolitik. Der allzu kontur- und inhaltlose Freizeitbegriff kann nicht wieder belebt werden. Interessanter ist daher die Beschäftigung mit einer neuen sozialkulturellen Strukturpolitik, bei der die Kulturpolitik sich als Teil einer demokratischen Gesellschaftspolitik neu erfindet.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

6. Die Linke und die Freizeitgesellschaft 73

Extract

6. Die Linke und die Freizeitgesellschaft 6.1 Die philosophische Radikalkritik Es lohnt sich, in einem eigenen Abschnitt auf die Auseinandersetzung der Lin- ken mit dem Thema Freizeit einzugehen: Zwischen theoretischer Reflexion und praktisch-politischem Eingreifen besteht ein ausgeprägtes Spannungsverhältnis, zusammenhängend mit den realen gesellschaftlichen Entwicklungen und Wider- sprüchen. Ein Skeptiker der besonderen Art, durchaus verwandt mit der besitzbürgerli- chen Skepsis eines Werner Sombart mehr als hundert Jahre zuvor, aber mit an- deren Zielsetzungen bezüglich der Freizeit, ist Erich Fromm: „Die Langeweile ist eine der furchtbarsten Plagen, die es gibt. Schmerzen sind oft weniger quä- lend. Der Mensch spart zwar Zeit mit seinen Maschinen, aber wenn er die Zeit eingespart hat, dann weiß er nicht, was er mit ihr anfangen soll. Wenn wir heute einen Zwei-Stunden-Tag einführten, dann würden unsere Irrenhäuser nicht im Entferntesten ausreichen, die Opfer der Langeweile unterzubringen.“ (Fromm 1975) So registriert Fromm beim Wechselspiel von Selbstgestaltungskraft und Machtlosigkeit die Tendenz zur Resignation, zur Zerstörung oder zur Langewei- le. Nicht nur eine eher elitäre Kritik an der Wohlstands- und Freizeitgesellschaft gibt es, bei der die konservativen Vorbehalte gegen Masse und Vermassung ar- tikuliert wurden (s. Schildt/Siegfried 2009: 158f.). Mit Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas melden wichtige Repräsentanten der Linken ihre berechtigte Skepsis gegenüber der Vision der nivellierten Mittelstandsgesellschaft und der Perspektive einer Freizeitgesellschaft an. Sie fordern damit allerdings auch, wie angedeutet, die Freizeittheoretiker zu Reaktionen und Anpassungen heraus. Theodor W. Adorno ist nur einer...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.