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Preisgekrönte

Zwölf Autoren und Autorinnen von Paul Heyse bis Herta Müller- Ausgewählte Werke, sprachkritisch untersucht

Wolfgang Beutin

Karl Kraus entwickelte 1930 die Idee, das Œuvre eines zeitgenössischen deutschen Literaturnobelpreisträgers sprachkritisch zu untersuchen und zu fragen, ob es die Auszeichnung rechtfertige. Sprachkritik hieß in seiner Sicht nicht in erster Linie Feststellung von Verstößen gegen die Grammatik und Stilistik (dies nur dann, falls die Ehrung ausdrücklich mit der sprachlichen Meisterschaft eines Autors begründet wurde), sondern fungiert im weiteren Sinne als Stilkritik unter Einschluß der Kritik des Denkstils, die weiter zur Einschätzung der Denkweise führt (Ideologiekritik). In diesem Buch wird die Idee von Kraus ausweitend aufgenommen und auf ausgewählte Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts angewendet. Sieben von ihnen erhielten den Literaturnobelpreis, und auch die fünf anderen Autoren gehören zu den meist ausgezeichneten mit teilweise Dutzenden von Literaturpreisen.

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Ernst Jünger (1895-1998): Die Zahl der Leidenden ist bedeutungslos

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1 „Knapp im Zuschnitt wie eine Offiziersuniform“ Bücher haben ihre Schicksale. Mein Onkel, der Kapitänleutnant Hans O., erwarb ein knappes Jahr vor dem Ende des 2. Weltkriegs eine Taschenbuchausgabe von Ernst Jüngers Essai- Sammlung „Blätter und Steine“. Wo? Nicht ganz ohne Eitelkeit vermerkte er mit dem Kopierstift auf dem Schmutztitel: „Aus der Bahnhofs-Buchhandlung in Paris, anläßlich einer Dienstreise im Juni 1944“. (Zwei Monate, ehe die franzö- sische Hauptstadt von den Alliierten befreit wurde; August 1944. Was konnte der Reisezweck gewesen sein? …) Zum Weihnachtsfest desselben Jahres schenkte er das Exemplar seinem Sohn, meinem Vetter Hans-Helmut O., dem zwanzigjährigen SS-Mann. Der geriet im April 1945 als gerade frisch ernannter SS-Offizier wenige Tage vor Kriegsende in die Hände der Amerikaner. 1946 starb er als Gefangener in einem Lazarett in Amberg / Oberpfalz. Der Vater er- hielt aus seinem Nachlaß den Band zurück. Als Hans O. zu Anfang der siebziger Jahre starb, wurde seine Hinterlassenschaft unter den Verwandten verteilt. Ich erhielt einige Bücher, darunter den Jünger. Auf der Rückseite des Titelblatts las ich den eingedruckten Vermerk: „Nur zum Verkauf außerhalb des Grossdeut- schen Reiches“, und auf dem letzten Blatt: „Imprimerie Henry Maillet Paris.“ Die handschriftliche Eintragung und die gedruckten Vermerke können nach- denklich stimmen, sind Spuren europäischer Geschichte im mittleren Drittel des 20. Jahrhunderts. Heute kann niemand mehr ermitteln, ob das Epigramm – für ein solches gab Ernst Jünger es aus – auf S. 220 des Buchs meinen Verwandten...

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